Ewald Arenz

 4.3 Sterne bei 317 Bewertungen
Autor von Der Duft von Schokolade, Der Teezauberer und weiteren Büchern.
Ewald Arenz

Lebenslauf von Ewald Arenz

Der Autor Ewald Arenz wurde im fränkischen Nürnberg geboren. Er hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Neben seiner literarischen Tätigkeit arbeitet er auch als Radiomoderator bei der Sendung "Aus dem FF - das Feiertagsfeuilleton" auf Bayern 2. Auch für seine publikumsnahen Lesungen ist Ewald Arenz bekannt; sie sind immer ein besonderes Erlebnis. Am Stadttheater Fürth leitet er in dieser und der kommenden Spielzeit eine Schreibwerkstatt. Für seinen Roman "Der Duft von Schololade" hat Ewald Arenz die Bronzemedaille beim "Leserpreis - Die besten Bücher 2009" gewonnen, zu seinen anderen Auszeichnungen gehört auch der Bayerische Staatspreis zur Förderung von Kultur.

Neue Bücher

Alte Sorten

 (42)
Neu erschienen am 18.06.2019 als Hardcover bei DuMont Buchverlag.

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Der Duft von Schokolade

Der Duft von Schokolade

 (80)
Erschienen am 08.12.2017
Alte Sorten

Alte Sorten

 (42)
Erschienen am 18.06.2019
Ein Lied über der Stadt

Ein Lied über der Stadt

 (35)
Erschienen am 04.02.2013
Der Teezauberer

Der Teezauberer

 (47)
Erschienen am 01.04.2011
Herr Müller, die verrückte Katze und Gott

Herr Müller, die verrückte Katze und Gott

 (33)
Erschienen am 02.06.2016
Das Diamantenmädchen

Das Diamantenmädchen

 (30)
Erschienen am 01.07.2013
Ehrlich und Söhne

Ehrlich und Söhne

 (20)
Erschienen am 18.11.2009
Don Fernando erbt Amerika

Don Fernando erbt Amerika

 (10)
Erschienen am 06.08.2012

Neue Rezensionen zu Ewald Arenz

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Rezension zu "Alte Sorten" von Ewald Arenz

Der eine bewegungslose Moment der Mitte
Brivor einem Monat

Sally ist unterwegs. Wohin weiß sie nicht, nur dass sie weg will ist klar. Mal wieder weg. Weg von zu vielen Fragen, zu viel Besorgnis, zu viel Interpretation, aber vor allem weg von dieser scheinbar allumfassenden Leere, die irgendwie alles andere verdrängt. Noch ist es Sommer, der 1. September genau genommen, aber der Herbst lässt sich an diesem heißen Tag schon spüren. Obwohl die Luft flimmert, wie sie es nur an solchen Tagen tut.

"Auf der Kuppe der schmalen Straße durch die Felder und Weinberge flimmerte die Luft über dem Asphalt. Als Liss mit dem alten offenen Traktor langsam hügelan fuhr, sah sie aus wie Wasser; leichter und beweglicher. Sommerwasser. Man konnte es nur mit den Augen trinken."

Sally, das junge Mädchen, das von so vielem weg will, trifft plötzlich, mitten im Weinberg, auf Liss. Die sitzt mit ihrem Traktor, respektive mit dessen Anhänger, in einer Rinne fest. Alleine würde sie es nicht schaffen, frei zu kommen. Da fällt ihr Sally auf, die sich am liebsten einfach wieder davon gemacht hätte. Doch irgendetwas an Liss' Blick und Art lässt es nicht zu, wieder zu türmen. "Kannst Du eben mit anfassen?", ist die seit langem erste ehrliche, direkte Frage, die Sally gestellt bekommt. Und so bietet sie an, zu schieben. Was als nächste Reaktion kommt, ist weder eine Be-, noch eine Abwertung, sondern verlangt eine Selbsteinschätzung, die Sally fast aus den Socken haut: "Bist du stark?". Liss nimmt Sally als Person so uneingeschränkt offen und wertfrei wahr, dass in Sally etwas passiert. Sie haben einander etwas zu geben, befinden sich sozusagen auf Augenhöhe, trotz ihres doch sehr unterschiedlichen Alters.

Dieses Bild der Gegenseitigkeit von Liss, die einen Schubser, etwas Hilfe braucht, um frei zukommen und Sally, die einfach nur irgendwie sein möchte, ohne ständig bewertet zu werden, steht gleich am Anfang von Ewald Arenz neuem Roman "Alte Sorten", und bildet das Leitmotiv der Geschichte. Beide Frauen haben offensichtlich an etwas zu tragen, das sie aus der Gemeinschaft der anderen herausnimmt. Sie sind eigene Persönlichkeiten, mit einem echten Freiheitsdrang und haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie können Menschen sein lassen, wie sie eben sind. Und genauso möchten sie behandelt werden.

Liss erkennt sich in Sally in vielen Punkten wieder, will nachvollziehen, was Sally zu gewissen Handlungen treibt. Beide lieben das Schlichte, die Einfachheit und Kraft der täglichen Hofarbeit, in die Liss Sally einführt. Seien es die gerade geernteten, frisch gekochten Kartoffeln, die Sally die Tränen in die Augen treiben, weil sie "wie Heimkommen" schmeckten, oder die Arbeit mit den Bienen, in die Sally von Liss eingeführt wird - es sind Dinge, die getan werden müssen und die schon seit Urzeiten gleich getan werden. Dinge, die eine ungeahnte Verbundenheit herstellen.

"Sally lief den Weg zum Haus zurück. Ich bin gerade ein Teil von irgendwas, dachte sie. Ich weiß nicht genau, wowon. Ich bin gerade ein Teil von diesem sonnigen Tag. Ich bin gerade ein Teil von Liss' Arbeit. Ich bin gerade ein Teil von diesem Haus.
Sie war sich überhaupt nicht sicher, ob das gut war. Aber in diesem Augenblick fühlte es sich richtig an.


Der Augenblick, die Gegenwart, tun, was getan werden muss, weil es Zeit dafür ist. Das sind die Dinge, die Arenz in den Mittelpunkt stellt. Ohne wenn und aber, ohne weitschweifige Exkurse, aber mit viel Verständnis für die ureigensten Wünsche der Menschen, die heutzutage oft unter einem Berg von Äußerlichkeiten verschwinden. Die Abläufe der Hofarbeit, das Pflegen der Bienenvölker, das Ansetzen der Maische für den Birnengeist, dessen Essenz so flüchtig ist, dass er in reinem Duft aufgeht, beschreibt er so, als täte er den lieben langen Tag selbst nichts anderes. Die Atmosphäre, die durch die Einbeziehung aller Sinne entsteht, wird buchstäblich greifbar und das Lektüretempo passt sich, durch die von Arenz jeweils eingesetzte Sprache, den Ereignissen des Geschehens an. Teilweise meditativ, so dass der eigene Herzschlag sich scheinbar verlangsamt, teilweise wütend, aufgebracht, so dass die Seiten nur so dahinfliegen.

Bereits in seinen vorangegangenen Romanen zeigte Arenz seine große Kunst, Gefühle durch Düfte, Farben und Haptik greifbar zu machen, doch "Alte Sorten" hebt sich von den Vorgängerromanen ab. Hier herrscht zusätzlich zur immer präzisen, poetisch eingefärbten Sprache ein anderer Ton, der dem Ganzen etwas Herbes beimischt, was den Roman rund werden lässt. Liss und Sally sind eindeutig die Hauptfiguren, die absolut klar und mit jeweils eigener Stimme vor dem inneren Auge erstehen. Und es ist so wunderbar zu verfolgen, wie poetisch, kitschfrei, humorvoll, erschreckend, gleichzeitig empathisch und vor allem wertfrei die Geschichte dieser Freundschaft entwickelt wird. Hier stimmt einfach alles und alles kommt ins Gleichgewicht. So wie eine Geschichte sein muss, die im Gedächtnis bleiben wird und überdauert. Keine persönliche Nabelschau, sondern echtes Erkennen prägen diesen wunderbaren, feinen Roman, den man einfach lesen muss.

" Allmählich begann sie abzukühlen. Noch war der Regen angenehm, aber sie musste sich wieder bewegen.
Eine Minute noch oder zwei. Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten Seiltänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.
"

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Rezension zu "Alte Sorten" von Ewald Arenz

Von alten Birnensorten und dem Finden eines Weges in die Welt
Svanvithevor einem Monat

Als Liss in ihrem Weinberg der 17jährigen Sally begegnet, braucht sie Hilfe. „Bist du stark?“, will sie von Sally wissen, und diese packt überrascht mit an. Liss stellt kaum Fragen, nimmt das Mädchen bei sich auf und gewährt ihr Unterschlupf. Im Gegenzug hilft Sally bei den täglichen Arbeiten auf dem Hof.

Liss erkennt sehr schnell, dass Sally ohne Halt, wütend und gegen jeden und jedes ist. Aus ihrer Sicht versteht sie niemand, nicht ihre Eltern, die Lehrer in der Schule. Sie lehnt sich gegen Normen und Regeln auf, denen sie bislang ausgesetzt war. Sie will nirgendwohin, sondern vielmehr von allem weg. Darum ist sie aus einer Klinik abgehauen, in die ihre Eltern sie wegen ihrer psychischen und angeblichen Ess-Probleme gebracht hatten.

Hier auf dem Bauernhof verläuft das Leben in einem anderen Tempo. Der Alltag ist ein anderer als der, den Sally aus der Stadt gewohnt ist. Liss, eine Mittvierzigerin, wirtschaftet allein, backt ihr eigenes Brot, hat Hühner, Bienen und einen Garten mit alten Birnenbäumen, aus den Früchten brennt sie selbst Schnaps. Die Gelassenheit, mit der sie Sally behandelt, irritiert diese zunächst. Doch Sally beginnt sich hineinzufinden und lernt eine unbekannte Seite des Daseins kennen, mit der sie bisher wenig in Berührung gekommen ist. Sie entdeckt die Erfüllung in der Arbeit auf dem Feld, im Weinberg, dem Obstgarten und mit den Hühnern und Birnen. Sie hat wieder Freude am Essen. Und deshalb verschwinden mehr und mehr ihr Misstrauen und ihre Protesthaltung.

Indes haben Sallys Eltern die Suche nach ihrer Tochter nicht aufgegeben. Und außerdem gibt es einen Grund dafür, dass Liss den anderen Dorfbewohnern fern bleibt und nicht gern gesehen ist. Sowohl Liss als auch Sally werden mit ihrer Vergangenheit konfrontiert...


„Alte Sorten“ ist ein leises Buch, wenn auch vor allem dessen junge Heldin Sally laut(stark) ihren Unwillen und ihren Frust zum Ausdruck bringt. Der Roman wirft einen Blick auf das Existenzielle, und Ewald Arenz lässt den Leser in einer stimmungsvoll wechselnden Wortgewandtheit und mit atmosphärisch dicht beschriebenen Naturbildern teilhaben an einem entschleunigten Leben auf dem Land, wo vieles noch so abläuft, wie es schon immer gewesen ist.

„Im sattgrünen Laub leuchteten die Äpfel wie Farbtupfer. Wie gut es sich manchmal anfühlte, einfach am Leben zu sein. Nichts sonst. Einfach nur am Leben zu sein.“ (Seite 63)

Er erzählt von den Mühen der Arbeit, der Schinderei, des Eingebundenseins in einem Rhythmus, der Teil der Natur ist und sich dieser anpasst, außerdem von der Glückseligkeit, mit dem von eigener Hand Geschaffenen zufrieden zu sein, weil es einen Grad der Unabhängigkeit ermöglicht. Von den Momenten der Stille. Den Blick auf das verschwindende Licht des Tages. Dem Hinsetzen. Miteinander reden. Schweigen. Zuhören. Verstehen. Auch die ungesagten Dinge.

„Das Schweigen um sie wurde tiefer, aber nicht schwerer. Es war gut, dass sie beide nichts sagen mussten.“ (Seite 47)

Es ist ein Geschichte, die Gerüche, Geräusche und Geschmäcker bis zum Leser transportiert. Es ist eine Geschichte, die vollgepackt mit aufwühlenden und reichhaltigen Emotionen ist und mehr als eine Seite im Inneren zum Klingen bringt.

Ewald Arenz erstes Bild seiner Protagonistinnen Liss und Sally kann nicht gegensätzlicher sein. Auf der einen Seite die wortkarge, verschlossene Bäuerin auf ihrem Hof auf dem Land, die geringen Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern hat. Auf der anderen Seite das aufmüpfige Mädchen aus der Stadt, das schnell aus der Haut fährt und sich von seinen Eltern verfolgt fühlt.

Gleichwohl offenbaren sich im Laufe des Geschehens, das sich lediglich auf wenige Wochen beschränkt, viele Gemeinsamkeiten.

„Sie dachte an die Bienen. Manchmal fühlte es sich gut an, zusammenzuarbeiten. Weil der andere bewirkte, dass man einen eigenen Platz im Ganzen erkannte. Dass man auf einmal Bedeutung in einem Ganzen hatte und nicht einfach nur existierte.“ (Seiten 81 f.)

Beide sind einsam, empfindsam, glauben sich von ihrer Umwelt missverstanden. Besonders Sally reagiert oft grob und unflätig. Aber Liss nimmt bezüglich Sally Parallelen zu dem jungen Mädchen wahr, das sie einmal gewesen ist. Sie empfand sich einst ebenfalls als gefangen auf dem Hof ihres Vaters, weil sie nicht der gewünschten Norm entsprach, wurde enttäuscht von ihr nahe stehenden Bezugspersonen. Was folgten, waren Verletzungen und innere seelische Konflikte, die bis in die Gegenwart reichen.

Und während Liss Sally mit mildem Gleichmut und Respekt behandelt, vertieft sich das Band der Freundschaft zwischen ihnen, und darüber hinaus vermag es Sally, die Liss' einschnürenden Knoten zu lösen und den Weg aus dem Schweigen und für Verzeihen und Vergeben freizumachen. Liss und Sally werden aufeinander aufpassen...

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Rezension zu "Alte Sorten" von Ewald Arenz

Stiller, atmosphärischer, überraschend tiefgründiger Roman, der berührt
Lovely_Lilavor einem Monat

* Spoilerfreie Rezension! *

~ „Alte Sorten“ ist ein stiller, eindringlicher kleiner Roman, der mich absolut verzaubern konnte. Ewald Arenz schreibt wunderschön, atmosphärisch, poetisch und feinfühlig. Die kreativen Vergleiche und Metaphern zergehen einem auf der Zunge wie ein Stück reife Birne. Es ist ein Schreibstil zum Hineinlegen und Genießen! Es handelt sich um ein entschleunigendes Buch, das aber trotzdem auch seine dramatischen, spannenden, berührenden und hochemotionalen Momente hat. Zudem behandelt der Autor Themen wie das Dorfleben, gesellschaftliche Erwartungen, Engstirnigkeit, unerfüllte Träume, alte Verletzungen und Einsamkeit unerwartet tiefgründig. Es ist erstaunlich, wie gut es Ewald Arenz gelingt, sich als Mann in seine beiden starken, vielschichtigen Heldinnen hineinzufühlen und wie nuanciert und mühelos er deren Innenwelt einfängt. Beide Hauptfiguren, die stoische Liss und die wütende Sally, sind sehr komplex, zeigen sich verletzlich, und sind mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Auch was die dichte Atmosphäre und den Spannungsaufbau betrifft, bin ich sehr zufrieden, denn: Gerade in dem Moment, in dem ich mir dachte, dass ich etwas mehr Spannung vertragen könnte, folgten einige unerwartete Wendungen und atemlos spannende, emotionale und dramatische Ereignisse. Kurz: „Alte Sorten“ ist ein rundum gelungener, tiefgründiger Roman, den ich euch nur wärmstens ans Herz legen kann. ~

Inhalt


Sie scheinen grundverschieden zu sein: Die junge, rebellische Sally, die aus einer Klinik ausgebrochen ist, und die ruhige, stoische, um dreißig Jahre ältere Liss, die zurückgezogen auf ihrem Bauernhof lebt. Als die beiden Frauen zufällig aufeinandertreffen und Sally Liss hilft, bietet diese ihr an, eine Nacht auf ihrem Hof zu verbringen. Aus dieser einen Nacht werden Wochen. Langsam entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung zwischen den Frauen. Und bald wird klar, dass die beiden sich ähnlicher sind, als es auf den ersten Blick scheint…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: DuMont
Seitenzahl: 256
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche Perspektive (Liss und Sally)
Kapitellänge: mittel bis kurz
Tiere im Buch: - Für TierliebhaberInnen ist dieses Buch nicht immer leicht zu ertragen, da das Leben auf dem Dorf oft damit einhergeht, dass Tiere verletzt oder getötet werden. Es gibt Rinder, die immer noch in Kettenhaltung leben, ein Reh wird angefahren und durch einen Schuss mit einer Pistole erlöst, ein Schwein wird geschlachtet und Hühner werden getötet. Immerhin zeigt sich Liss (bis auf einen Vorfall) als Tierfreundin, was positiv ist.

Warum dieses Buch?


Bei diesem Buch habe ich mich ins Cover und in die sehr vielversprechende Leseprobe verliebt. Sofort war mir klar, dass ich diese Geschichte unbedingt lesen musste! Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Sally und Liss weitergeht.

Meine Meinung

Einstieg (+)


Der Einstieg fiel mir leicht. Es dauerte nur wenige Seiten, bis ich in der Geschichte angekommen war und ihre entschleunigende Wirkung beim Lesen gespürt habe.

"Auf den abgeernteten, von Stoppeln glänzenden Feldern stand der Weizen noch als überwältigender Geruch nach Stroh; staubig, gelb, satt. Der Mais begann, trocken zu werden, und sein Rascheln im leichten Sommerwind klang nicht mehr grün, sondern wurde an den Rändern heiser und wisperig."
Seite 5

Schreibstil (♥)

Ewald Arenz hat einen unglaublich schönen, atmosphärischen, oft leisen, aber dennoch sehr eindringlichen Schreibstil. Er schreibt etwas anspruchsvoller (aber trotzdem flüssig und anschaulich) und verwöhnt seine LeserInnen mit unglaublich gelungenen sprachlichen Bildern und poetischen Formulierungen. Die kreativen Vergleiche und Metaphern zergehen einem auf der Zunge wie ein Stück reife Birne. Ich habe beim Lesen den Wind im Haar und die Hitze auf der Haut gespürt und den Geruch der reifen Früchte beinahe selbst gerochen. Es handelt sich hierbei um einen Schreibstil, der sowohl in ruhigen als auch in dramatischen, emotionalen und spannenden Momenten glänzen kann. Sehr gut gefallen hat mir auch, dass Ewald Arenz gefühlvoll erzählt, ohne dabei jemals pathetisch oder kitschig zu werden. Ein Balance-Akt, der dem Autor problemlos gelingt. Kurz: Es ist ein Schreibstil zum Hineinlegen und Genießen!

Ganz wunderbar fand ich auch, wie sich die Sprache den verschiedenen Persönlichkeiten der zwei Frauen in ihren jeweiligen Kapiteln anpasst. Das verleiht ihrer Erzählstimme große Authentizität. In sehr emotionalen Momenten zerfällt die geordnete Sprache auch mal in eine Art Bewusstseinsstrom, wird chaotisch und spiegelt die Gefühle der Figur eindrucksvoll wider. Großartig!

„Und dann spürte sie, wie es tief innen in ihr wild kratzte, wie das lange eingesperrte Tier in ihr zu toben begann und dann, wie ein plötzlich aufloderndes Feuer, die Wut in ihr hochschlug.“ Seite 83

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (♥)

„Alte Sorten“ ist ein sehr entschleunigendes Buch, das einem Kurzurlaub auf dem Lande gleicht. Das Leben auf dem Bauernhof hat etwas Beruhigendes. Es muss tröstlich sein, einen festen Tagesablauf ohne Überraschungen zu haben, am Tag hart körperlich zu arbeiten und am Abend müde ins Bett zu fallen. Viele verschiedene Arbeitsschritte werden dabei detailliert geschildert, ohne dass das Geschriebene jedoch je langatmig wird. Ganz nebenbei habe ich viel Neues (z. B. über Bienen) dazugelernt. Neben der interessanten Beziehung und Dynamik zwischen Sally und Liss wird auch das Dorfleben sehr gelungen porträtiert. Die schönen, aber auch die anstrengenden Seiten werden sehr treffend eingefangen – wodurch das Buch in geringem Maße auch Züge einer Milieustudie aufweist.

Was mich beim Lesen am meisten überrascht hat, ist die unerwartete Tiefe der Geschichte, die mich absolut begeistert hat. Es geht in „Alte Sorten“ um das Gefühl, nicht dazu zu passen, um gesellschaftliche Erwartungen, Engstirnigkeit, unerfüllte Träume, alte Verletzungen, Gewalt gegen Kinder, Einengung durch die Eltern, Suizidgedanken, psychische Krankheiten, Selbstverletzung und Einsamkeit. Alle diese Themen behandelt der Autor feinfühlig und tiefgreifend und hat so eine einzigartige Geschichte geschaffen, die mich berührt hat und die mir lange in Erinnerung bleiben wird. Das Ende hat mir ebenfalls sehr gut gefallen – ich mochte den hoffnungsvollen Unterton, der leise mitschwingt.

„Jede Frage und jede Antwort spann einen Faden zwischen dem Mädchen und ihr. Wenn man von jemandem alles wusste, dann konnte man ihn an tausend Fäden halten.“ Seite 49

Haupt- & Nebenfiguren (♥)

Die Figurenzeichnung ist ebenfalls sehr gut gelungen. Die wütende, rebellierende Sally und die ruhige, einzelgängerische Liss sind vielschichtige, komplexe Figuren, die beide ihr Päckchen zu tragen haben. Vereinzelt gibt es Rückblenden, die uns helfen, zu verstehen, wie Liss und Sally zu dem geworden sind, was sie heute sind. Beide sind auf ihre Weise sehr sympathisch, haben Schwächen und offenbaren nach und nach auch ihre verletzlichen Seiten. Mit jeder Seite sind mir diese zwei ungewöhnlichen Frauen mehr ans Herz gewachsen. Es ist erstaunlich, wie gut es dem männlichen Autor gelingt, sich in diese zwei Frauenseelen einzufühlen und wie nuanciert er ihr Innenleben einfangen kann. Vielleicht hat Ewald Arenz sein Beruf als Lehrer hierbei geholfen.

Es gibt nur sehr wenige Nebenfiguren, die eine Rolle in der Geschichte spielen – im Fokus stehen nämlich eindeutig die beiden starken Frauenfiguren. Jene Charaktere, die aber dennoch den Weg der beiden Frauen kreuzen, sind angemessen ausgearbeitet und wirken ebenfalls sehr glaubwürdig und authentisch. Am liebsten mochte ich hier Anni, diese beeindruckende alte Persönlichkeit, die es sich nicht nehmen lässt, auch im hohen Alter noch mit dem Rad durchs Dorf zu fahren.

„‘Und ich weiß, wie es ist, wenn dieses Gefühl, wenn diese Sicherheit, besonders zu sein, Stück für Stück kaputt geht wie ein Baum, den man in die falsche Erde gepflanzt hat, und ihn mit Stricken und Pfählen dazu zwingt, von der Sonne weg zu wachsen.‘“ Seite 157

Spannung & Atmosphäre (♥)

„Alte Sorten“ ist ein stiller, eindringlicher kleiner Roman, der mich fasziniert hat und absolut überzeugen konnte. Die entschleunigende, dichte Atmosphäre hat mir von Anfang an gut gefallen – und gerade in dem Moment, in dem ich mir dachte, dass ich etwas mehr Spannung vertragen könnte, bekam ich diese auch, weil einige unerwartete Wendungen und atemlos spannende, emotionale und dramatische Ereignisse folgten. Auch was den Spannungsaufbau betrifft, hat der Autor in diesem Buch also alles richtig gemacht.

Feministischer Blickwinkel (♥)

Ich finde es toll, dass zwei so starke, mutige Frauen im Zentrum dieser Geschichte stehen. Ewald Arenz zeigt, dass auch eine Frau alleine einen Bauernhof führen und die körperlich fordernde Arbeit erledigen kann. Es gibt zwar einige Momente, in denen frauenfeindliche Sprache und gegenderte Beschimpfungen vorkommen (Schlam--, Fo---), aber diese Wörter benutzt Sally, um in jugendlicher Manier zu rebellieren und möglichst zu schockieren, weswegen diese Ausdrücke einen Zweck haben und ich sie verzeihen kann.

Mein Fazit


„Alte Sorten“ ist ein stiller, eindringlicher kleiner Roman, der mich absolut verzaubern konnte. Ewald Arenz schreibt wunderschön, atmosphärisch, poetisch und feinfühlig. Die kreativen Vergleiche und Metaphern zergehen einem auf der Zunge wie ein Stück reife Birne. Es ist ein Schreibstil zum Hineinlegen und Genießen! Es handelt sich um ein entschleunigendes Buch, das aber trotzdem auch seine dramatischen, spannenden, berührenden und hochemotionalen Momente hat. Zudem behandelt der Autor Themen wie das Dorfleben, gesellschaftliche Erwartungen, Engstirnigkeit, unerfüllte Träume, alte Verletzungen und Einsamkeit unerwartet tiefgründig. Es ist erstaunlich, wie gut es Ewald Arenz gelingt, sich als Mann in seine beiden starken, vielschichtigen Heldinnen hineinzufühlen und wie nuanciert und mühelos er deren Innenwelt einfängt. Beide Hauptfiguren, die stoische Liss und die wütende Sally, sind sehr komplex, zeigen sich verletzlich, und sind mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Auch was die dichte Atmosphäre und den Spannungsaufbau betrifft, bin ich sehr zufrieden, denn: Gerade in dem Moment, in dem ich mir dachte, dass ich etwas mehr Spannung vertragen könnte, folgten einige unerwartete Wendungen und atemlos spannende, emotionale und dramatische Ereignisse. Kurz: „Alte Sorten“ ist ein rundum gelungener, tiefgründiger Roman, den ich euch nur wärmstens ans Herz legen kann.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Umsetzung: 5 Sterne ♥
Worldbuilding: 5 Sterne ♥
Einstieg: 5 Sterne
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Figuren: 5 Sterne ♥
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Spannung: 4,5 Sterne
Ende / Auflösung: 5 Sterne ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne ♥
Feministischer Blickwinkel: ♥

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf begeisterte Lilien und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus!

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Gespräche aus der Community

Neu
»Du und du«, wies er auf Abbadon und Mohammed, »ihr helft John. Findet alles über Kurt Müller heraus, was nur möglich ist. Und ich meine alles. Frühere Inkarnationen. Flüche. Segnungen. Gestalten. Alles eben. Abaddon und ich gehen zurück an den Anfang.«
»Aber... aber«, stotterte St. John entgeistert, »wie soll ich das machen?«


Eine göttliche Komödie...
Jehudi, Erzengel mit Vorliebe für Gin-Tonic und verantwortlich für die Verwaltung der Seelen im Himmel, stellt bestürzt fest, dass eine fehlt. Kurt Müllers Seele ist bei seinem ebenso plötzlichen wie tödlichen Fenstersturz in Nürnberg verloren gegangen.

Eine Katastrophe- denn ihr spurloses Verschwinden droht vor der Zeit den Beginn der Apokalypse auszulösen. In der Not bittet Jehudi seinen Bruder Abaddon um Hilfe, einen gefallenen Engel und Dämonenfürsten, der gerade sein Katapult für flugunwillige Pinguine testet.

Wird es Kurt Müllers Tochter gelingen, zusammen mit Jehudi und Abaddon die Seele ihres Vaters zu finden und den Jüngsten Tag abzuwenden? Doch da ist auch noch Erzengel Uriel mit ganz anderen Rettungsplänen für das Universum. Und wo ist überhaupt Gott?



Na, neugierig geworden? Wir laden Dich nun herzlich dazu ein, einer von 20 Testlesern zu werden, die das Buch gemeinsam in der Leserunde lesen, sich zeitnah dazu in allen Leseabschnitten austauschen und abschließend eine Rezension verfassen. Sehr gerne kannst du natürlich auch mit deinem eigenen Buch an der Leserunde teilnehmen, Fragen stellen und mitdiskutieren.

Und das Beste: Auch der Autor Ewald Arenz ist bei der Leserunde mit dabei!

Bitte bewirb Dich bis zum 13. Juni, indem Du folgende Frage beantwortest:

Gibt es für Dich ein Leben nach dem Tod und wie stellst Du es Dir vor?
Letzter Beitrag von  Elfeliyavor 3 Jahren
So, meine Rezension ist nun ebenfalls endlich fertig! http://www.lovelybooks.de/autor/Ewald-Arenz/Herr-Müller-die-verrückte-Katze-und-Gott-1207624806-w/rezension/1275824568/1275824626/ Ich habe sie wortgleich auf Amazon veröffentlicht. Vielen, vielen Dank, dass ich an dieser Leserunde teilnehmen durfte und für das Leseexemplar! Für mich ist es bisher eines der besten Bücher (vielleicht das Beste) Buch 2016. Ich hatte beim Lesen so viel Spaß und Freude! Einfach genial! Danke, Ewald Arenz, für diese Bereicherung! Ich bin einfach begeistert!
Zur Leserunde

Tag des Buches - Tag des Bieres!

Der ars vivendi verlag und Ewald Arenz verlosen drei handsignierte Exemplare des fantastischen Romans um die durchaus trinkfesten Nachkommen von Christoph Columbus, die in Nürnberg nach dem Testament suchen, das ihnen zehn Prozent von Amerika vermacht.

Was müsst Ihr dafür tun?

Die Biergartensaison beginnt! Schickt uns einfach Euer schönstes Bier- und Buchfoto. Und dann einach abwarten und Bier (oder Wein) trinken ...

Letzter Beitrag von  grit0707vor 3 Jahren
Lieber Ewald Arenz, anbei meine Rezension: http://www.lovelybooks.de/autor/Ewald-Arenz/Don-Fernando-erbt-Amerika-304325441-w/rezension/1244063632/ https://www.amazon.de/review/R365RHNR4TZGFI/ref=pe_1604851_66412761_cm_rv_eml_rv0_rv Vielen, vielen Dank, dass ich dieses wunderbare Buch lesen durfte. Ich wusste gar nicht, dass wir hier einen Nürnberger Autor haben, der mich so zum Lachen bringt. Das Buch ist einfach ein Erlebnis!
Zur Buchverlosung
Einige von euch durften Ewald Arenz hier schon in einer Leserunde zu seinem Roman "Das Diamantenmädchen" kennen lernen. Und jetzt können sich alle Liebhaber wirklich gut geschriebener Bücher freuen, denn sein neuer Roman "Ein Lied über der Stadt" ist im Februar bei ars vivendi erschienen. Hierin überzeugt er mit einer sehnsuchtsvollen Geschichte und feiner Poesie!

Mehr zum Buch:
Eine Kleinstadt im Sommer 1929. Die Pfarrerstochter Luise Anding kennt keine größere Sehnsucht als das Fliegen. Obwohl es in diesen Jahren für ein Mädchen alles andere als einfach ist, Pilotin zu werden, gelingt es Luise, ihren Traum gegen alle Widerstände zu verwirklichen. Sie verlässt die Stadt und wird eine gefeierte Kunstfliegerin. Als sie jedoch Jahre später die Fliegerei als Beruf aufgeben muss und die Gestapo ihren Vater bedroht, kehrt sie in ihren Heimatort zurück. Vieles hat sich hier verändert. Die politische Lage spitzt sich zu, ihre Familie, aber auch Georg, der beste Freund aus Jugendzeiten und nun im Widerstand aktiv, geraten zunehmend in Gefahr. So kommt der Tag, an dem Luises Liebe und ihr fliegerisches Können auf die Probe gestellt werden …

Möchtet ihr euch von "Ein Lied über der Stadt" ins Jahr 1929 entführen und verzaubern lassen? Dann habt ihr jetzt die Gelegenheit, Testleser zu werden. Zusammen mit dem ars vivendi Verlag vergeben wir 25 Leseexemplare. Im Gewinnfall müsstet ihr nur zeitnah am Austausch in den Leseabschnitten teilnehmen und abschließend eine Rezension zum Buch schreiben.

Beantwortet für eure Chance auf ein Exemplar des Buches die folgende Frage bis zum 24. März 2013:

Luise möchte sich ihren Traum vom Fliegen gegen alle Widerstände verwirklichen. Welche Träume habt ihr, die ihr euch unbedingt noch erfüllen möchtet?
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Zusätzliche Informationen

Ewald Arenz im Netz:

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in 467 Bibliotheken

auf 116 Wunschlisten

von 6 Lesern aktuell gelesen

von 10 Lesern gefolgt

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