Warum viel Aufhebens um die Poesie einer Erkenntnis machen, wenn sie vorhanden ist, wenn sie keinen Zierrat braucht, um sich zu behaupten? Wenn kein überraschendes Bild sagen kann, was geschieht, weil da nichts Üppiges blüht, vielmehr ein Nichtfühlen, eine Sehnsucht brachliegt. Und in den Himmeln darüber braut sich etwas zusammen, etwas Klammes.
In den Gedichten von Fabian Lenthe ist die Welt das Gehäuse für den Sound eines Countdowns, oft verdeckt, für viele, vom Lärmen der Weltgeschichte, den Fanfaren des Erfolgs und der Liebe, dem Wellenrauschen des Alltags. Aber er ist da, auch wenn sich kaum etwas ändert, wenig auf ihn Bezug nimmt: er bleicht Geschriebenes aus, wechselt die Jahreszeiten, brennt die Zigaretten runter, surft auf den Videostreams, blinkt in der Neonreklame.
Alles keine weltbewegenden Vorgänge – aber bewegt von der Welt, die bewegt wird von der Zeit, die eine Zeit ist, die wir haben; und dann schon: hatten. Lenthes Verse bewegen sich im Limbus zwischen haben und gehabt haben, erforschen die Präsenz, die ein Moment haben kann, selbst wenn er auf den ersten Blick nicht "der Rede wert ist". Denn der Beobachtung und auch der Rede wert ist so manches, was nicht als solches gilt; daran erinnern uns meist die KünstlerInnen, nicht zuletzt die DichterInnen.
Mit minimalistischen Mitteln versetzt uns Lenthe in einen Zustand, in dem wir den Countdown hören können und unterstreicht so das Gegenwärtige an der Vergänglichkeit. Die Sehnsucht nimmt er uns dabei nicht – ja, er poliert sie mit seinen wenigen Zeilen so gut, dass sie brandneu erscheint.
Lyristix


