Fabian Neidhardt

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Fabian NeidhardtDas Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen
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Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen

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Rezension zu "Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen" von Fabian Neidhardt

"Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen" oder: wie ein Mensch sich ändern kann
Ein LovelyBooks-Nutzervor 4 Jahren

Kurz nachdem seine Freundin ihn nach fünf Jahren abserviert hat, steht William vor dem Haus seiner Schwester, zu der er ein eher unterkühltes Verhältnis hat. Spontan wird er dazu beordert, auf ihre drei Kinder aufzupassen, obwohl er eigentlich keine leiden kann. In dieser Zeit besorgt sein bester Freund ihm einen neuen Job, lernt die Ballettlehrerin der beiden Mädchen kennen und gewöhnt sich daran, etwas wie eine Familie zu haben – bis seine Schwester zurückkommt und herausfindet, was er wirklich arbeitet: er schreibt Pornos.

 

So ist das, wenn man jemanden kennt, der viel mit Worten jongliert: irgendwann erfährt man, dass derjenige ein Buch geschrieben und veröffentlicht hat. Ich habe mir ganz fest vorgenommen, es zu lesen und mir die kostenlose .pdf heruntergeladen. Endlich habe ich es auch geschafft es zu lesen, auch wenn ich mich ein bisschen schwer damit getan habe, die Version auf dem Computer zu lesen, weil ich die Software für den E-Reader nicht auf dem Netbook hab, aber mit ein bisschen Eingewöhnung ging es dann und ich habe mich in das Buch vertieft.

Am Anfang dachte ich noch: na, das plätschert halt so vor sich hin. Eine recht gewöhnliche Lebensgeschichte mit der Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen. Erst später, wenn man eben weiterliest, wird einem klar, dass es eben nicht nur das ist, sondern dass damit auch dargestellt wird, wie ein Mensch sich verändern kann. Aber fangen wir vorne an. Die Handlung des Buches ist in drei Teile aufgeteilt: ein Vorspiel, die Hauptgeschichte und das Nachspiel. Im Vorspiel wird die ganze Pornoautor-Geschichte ausgebreitet, der Hauptteil dient als komplette Darstellung seinem Lebens, aufgeteilt in Gegenwart und vergangene Erinnerungen, letztere kursiv gedruckt, und das abschließende Nachspiel versetzt uns in die Zeit aus der er erzählt und gibt uns damit einen Einblick in das, was nach dem Ende dessen, was der Hauptteil beschreibt, passiert ist. Kapitel in dem Sinne gibt es zwar nicht, aber der Hauptteil wechselt sich so schön zwischen Gegenwart und Vergangenheit ab, dass man fast das Gefühl hat, dass es sich um Kapitel handeln könnte und sie vereinfachen im Wesentlichen das Unterbrechen zwischendurch.

Wie bereits gesagt war die Handlung für mich am Anfang eher seichtes Hingeplätschere. Man wird mit den Gewohnheiten der verschiedenen Leute bekannt gemacht, erfährt die Hintergründe der Rahmenhandlung und lernt mehr über die Beziehungen der Menschen kennen. Im Vordergrund steht Will, der am besten herausgearbeitet ist, was aber auch nicht weiter verwundert, immerhin ist er die Hauptperson. Außerdem ist das Buch aus seiner Sicht geschrieben, was den Einblick in sein Leben nur noch mehr vertieft. Er ist gerade getrennt, seine Schwester hat ihn seit seiner Kindheit auf dem Kieker – weshalb klärt sich erst am Ende des Buches auf – , sein bester Freund hat irgendwie nen Knall und er selbst… Ja, er selbst trinkt gerne Mal einen über den Durst, lernt skurile Menschen kennen, kann keine Kinder leiden und ist Schriftsteller – in der Zeit, in der das Buch spielt für Pornogeschichten eben. Mit der Zeit jedoch macht er einen Wandel durch, fällt aber trotzdem immer wieder auf die Schnauze. Seine Schwester, sein bester Freund und seine neue Flamme werfen ihn alle aus der Wohnung, nachdem sie Dinge von ihm erfahren, die sie nicht hätten erfahren sollen, zumindest nicht auf die Art und Weise wie es geschehen ist. Daraus entwickeln sich solche komplexen Strukturen für sein Leben, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man mit sowas wirklich umgeht. Am Ende gibt es aber doch irgendwo ein Happy End, auch wenn nicht alles glücklich ausgeht.

Wenn man sich das Gesamtwerk ansieht, so gibt es diverse Eigenschaften, die das Buch zu etwas besonderem machen.

Zum einen wäre da die Sache mit den Pornos. Wie auf dem Buchrücken schon steht, hat das Buch unheimlich viel mit Sex und sexuellen Erfahrungen zu tun, ohne dabei anzüglich zu sein. Es wird zu einer der schönsten Dinge erklärt, bekommt etwas verwegenes, das eher durch die eigene Fantasie angeregt werden sollte als von Schmuddelheftchen. Es bekommt eine ganz andere Richtung als in den meisten anderen Büchern. Zwar gibt es auch diverse Beschreibungen, aber nicht in hocherotischer Form, sondern irgendwie… anders.

Zum anderen wäre das die Sprache. Teilweise ist das Buch ziemlich philosophisch und das zeigt sich auch in der sprachlichen Formulierung. Interessanter fand ich allerdings, dass verschiedene Personen Eigenheiten aufweisen wie zum Beispiel Sam, der diverse Wörter zusammenzieht und einen leicht schwäbischen Touch hat. Mein persönlicher Liebling in der Hinsicht war jedoch Alex – und nicht nur in dieser Hinsicht. Er ist komplett aus dem gesamten Rahmen rausgefallen und man hatte echt so ein bisschen das Gefühl, nen Irren vor sich zu haben. Er ist so oder so eine eher auffällige Figur im ganzen Roman, immerhin ist er Gothic, aber wenn man ihn dann noch sprechen “hört”, dann geht alles durch. Vor allem die Erklärung für seine so hochgestochene und geschwollene Sprache fand ich echt super!

Eine weitere Besonderheit zeigt sich in der Form der Illustration. Das Buch ist nicht nur geschrieben – nein. An den richtigen Stellen wird mit anderen Schriftarten gearbeitet, es werden kleine Bildchen eingefügt, wichtige Stellen oder Erklärungen an der Seite mit Strichen markiert. Am eindrücklichsten waren hier zwei Teile: zum einen die Seiten, die Will an Sams Schreibmaschine verfasst hat und zum anderen der geschriebene Dialog zwischen ihm und Tina. Aber auch der kleine Zettel, den Emma und Violet hinterlassen haben fand ich sehr niedlich illustriert – ganz genau den Beschreibungen entsprechend. Sowas find ich immer stark und das macht das Buch einfach zu etwas sehr Lebendigem.

Was ich immer wieder gerne mag, ist, wenn am Ende erklärt wird, wie es mit den Leuten weitergeht. Das hat besonders hier den Eindruck verstärkt, dass sich Will verändert hat und er seinen Sinn im Leben gefunden hat. Ich fand echt gut, dass seine Schwester und er sich mehr oder minder vertragen haben und sie ihr Trauma aufarbeiten konnte. Dass er herausgefunden hat, was wirklich wichtig im Leben ist und was er für sich erreichen möchte. Und dass die Unklarheiten bereinigt werden konnten. Ich mag die Moral, die in der Geschichte steckt und die nach und nach ans Licht gekommen ist. Da kann man sich wirklich ein Beispiel daran nehmen und etwas für sein eigenes Leben lernen.

Für die, die sich jetzt noch fragen: woraus ergibt sich der Titel des Buches? Das hat mich auch interessiert, aber das will ich nicht vorwegnehmen. Ich kann nur sagen, dass er optimal passt und dass das Bild, das darin steckt, beinahe schon ein bisschen magisch ist.

 

Auch wenn es etwas braucht, um den Sinn im Buch zu erkennen und aus der Einfachheit auszubrechen, ist das Buch wirklich toll geschrieben. Es hinterlässt wirklich ein Gefühl, dass viel Liebe in dem Buch steckt. Die kleinen Zeichnungen, die Illustration, die Worte – alles passt zusammen und gibt dem Leser letztendlich ein Gefühl der Identifikation, der Wärme, aber auch der Traurigkeit. Man kann sich in die Leute einfühlen und bekommt aufgezeigt, worauf es wirklich ankommt. Das Cover ist richtig interessant gestaltet und auch sonst hinterlässt das Buch einfach ein gutes Gefühl. Ich konnte am Ende gar nicht mehr aufhören zu lesen und kam nicht umhin, das Buch gleich weiterzuempfehlen. Ich könnte wahrscheinlich ewig über die Details schwärmen und davon erzählen, dass ich irgendwie Lust hätte, die Wege mal abzuklappern, von denen erzählt werden – immerhin ist es irgendwo meine Heimatstadt – möchte aber nur noch eines sagen: Es lohnt sich wirklich – man darf sich nur nicht von der anfänglichen “Einfachheit” abschrecken lassen.

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