THIS REVIEW CONTAINS SPOILERS!
Content Note: stellenweise diskriminierende Sprache gegenüber Leuten mit einer Sehschwäche bzw. Erblindung.
- INHALT
Das Buch beginnt mit der gutgemeinten Ermahnung eines Vaters, die den Sohn aber lange Zeit verfolgen sollte: „Ein König braucht scharfe Augen, mein Sohn.“ Die Aussage ist eine Metapher, wird aber für Kronprinz Georg von Hannover wenig später zur Realität.
Im kommenden Jahr verliert Georg infolge einer schweren Infektion sein Sehvermögen auf dem linken Auge. 4 Jahre später verunfallt der Prinz; der Unfall verursacht eine Eintrübung der Linse, woraufhin er auch auf dem rechten Auge erblindet.
(Diese und weitere historische Fakten übermittelt der Autor als diskrete Fußnoten jeweils im unteren Teil der Seite. Hier muss erwähnt werden, dass das Lesen dieser Fakten für Geschichtsinteressierte spannendes, zusätzliches Wissen liefert, ein Nicht – Lesen aber in keiner Weise am Verstehen der Geschichte hindert, da alles Wissenswerte für die Handlung im Fließtext eingearbeitet ist. Diese gute Balance zwischen Fakten und Erzählung weist auf das erzählerische Feingefühl des Autors hin.)
18 Jahre nach diesen Ereignissen verstirbt Ernst August von Hannover, über den gesagt wurde, dass er „immer die Kontrolle hatte – dass er die Kontrolle war“.
Während seine Regentschaft vergleicht Georg seinen Regentschaftsstil auch sich selbst mit der übermächtigen Herrscher – und Vaterfigur. Belastend kommt hinzu, dass auch seine Untertanen und Minister dies tun und immer wieder von dem jungen König verlangen mit Stärke zu regieren.
Die in dieser Forderung mitschwingenden Andeutungen, ist ein trauriges Beispiel dafür, wie ableistisch die Gesellschaft damals war und erinnert daran, dass auch heute noch solche Diskriminierung stattfindet.
Die Antwort auf die von den Ministers unterschwellig vorgebrachten Aussagen, kommt von Georgs Frau Marie. Als Georg nach einem gelungenen Regierungsgeschäft äußert, sein Vater hätte es besser gemacht, stellt sie fest: „Vielleicht anders, aber nicht besser.“
Die Botschaft, leise und in Zweisamkeit vorgetragen hallt fortan weiter durch die Erzählung: Es gibt nicht den einen Weg, die Dinge anzugehen. Georgs Regierungsstil unterscheidet sich nicht aufgrund seiner Blindheit, sondern aufgrund seiner Persönlichkeit von dem seines Vaters! Schon zu Beginn seiner Herrschaft wurde sichtbar, dass genau dies seine Stärke ist: Sein bedachtes und empathisches Wesen, mit dem er die langfristigen Folgen seiner Entscheidungen abwiegt, sich der Verantwortung für sein Volk stets bewusst ist, und mit dem er schließlich auf die Idee kommt, seiner Frau und ehrlichsten Beraterin ein Geschenk zu machen „das bleibt“.
So lässt er den damals berühmten Architekten Conrad Wilhelm Hase kommen und gibt bei ihm den Bau von Schloss Marienburg in Auftrag, welches heute eines der vielen Wahrzeichen von Hannover ist.
- MEINUNG
Das Bemerkenswert an diesem Buch ist definitiv das Einfühlungsvermögen des Autors. Er beweist nicht nur Gespür für das Thema Disability (hier sei erwähnt, dass ich keine blinde Person bin, daher nichts darüber sagen kann, ob die Darstellung des Autors zutreffend sind, mir als Lesendem aber das Gefühl vermittelt wurde, dass er sich sehr um Sensibilität bemüht hat), sondern auch für das Seelenlesen der einzelnen Figuren.
Durch die Formulierung der individuellen Gedanken bekommt man als Lesende*r sofort eine Verbindung zu Georg und Maria. Man verfolgt ihre Handlungen, erfährt aber auch die ihnen zugrunde liegenden Gedanken.
Hinzukommt, dass die Figuren nicht nur als Herrschende, sondern auch als Privatpersonen gezeigt werden, was sie dem*r Lesenden auch als Menschen näher bringt. Mit jeder neuen Szene schließt man sie immer mehr ins Herz.
Ein besonderes Plus sind die ausgearbeiteten Besprechungen. Als Geschichtelernende erfuhren wir in der Schule von getroffenen und verworfenen Entschlüssen, die das Land in die eine oder andere Richtung lenkten. Wie diese Beschlüsse zustande kamen, blieb aber im Verborgenen.
Indem sich der Autor die Besprechungen zwischen Georg und seinen Ministern detailverliebt ausarbeitet und sogar Gespräche zwischen Georg und anderen Herrschern seiner Zeit sehr lebendig in Szene setzt, bekommt man das Gefühl, Geschichte nicht nur zu lesen, sondern mitzuerleben.
- FAZIT
Alles in allem eine mehr als gelungene Darstellung historischer Ereignisse, zum Leben erweckt durch die einfühlsame Inszenierung der handelnden Personen und ihrer Gedanken und Gefühle.











