Fatin Abbas

 3,6 Sterne bei 5 Bewertungen
Autor*in von Zeit der Geister und Ghost Season.

Lebenslauf

Fatin Abbas, geboren 1981 in Khartum, stammt aus dem Sudan. Ihr Vater wurde dort politisch verfolgt, und die Familie floh 1990 in die USA. Abbas verlebte ihre Jugend in New York City, sie studierte Literaturwissenschaften in Cambridge, Harvard und bei Colum McCann. Essays und Reportagen veröffentlichte sie u.a. in «The Nation», «Le Monde diplomatique» und «Die Zeit», Kurzprosa in den Magazinen «Granta» und «Freeman’s». Sie unterrichtete «Fiction Writing» am MIT und am Pratt Institute in New York sowie  Vergleichende Literaturwissenschaften am Bard College Berlin. Über «Zeit der Geister», ihren ersten Roman, sagt Dave Eggers: «Absolut faszinierend … ein extrem wichtiger Roman.» Fatin Abbas lebt in Berlin.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Fatin Abbas

Cover des Buches Zeit der Geister (ISBN: 9783737101936)

Zeit der Geister

(4)
Erschienen am 13.02.2024
Cover des Buches Ghost Season (ISBN: 9781324001744)

Ghost Season

(1)
Erschienen am 10.01.2023

Neue Rezensionen zu Fatin Abbas

Cover des Buches Zeit der Geister (ISBN: 9783737101936)
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Rezension zu "Zeit der Geister" von Fatin Abbas

renee
Eine Liebe, die nicht sein darf und der Krieg

„Zeit der Geister“ ist ein Roman, der im Sudan handelt, in der Provinz Süd-Kordofan. Schon dieser Aspekt ist für mich ein Grund gewesen, nach dem Buch zu greifen, begeistert mich der Sudan schon eine geraume Zeit. In Kinderzeiten waren es Filme, dann kamen die Bücher. Der Brockhaus Verlag Leipzig begann in den Achtziger Jahren alte Reisebeschreibungen neu herauszubringen. Unter ihnen war das Buch „Im Herzen von Afrika“ von Georg Schweinfurth. Dieses Buch war ein weiterer Grund für meine Liebe zu den Bewohnern der Landschaften des Sudan. Wobei der Begriff Sudan hier ethnologisch gemeint ist und daher weitere Gebiete darin zusammenfasst, als das Gebiet des heutigen Staates Sudan umfasst. Im völkerkundlichen Gebiet Sudan trafen arabische Stämme auf autochthone Bevölkerungen, ein kultureller Austausch begann, aber leider auch kriegerische Kontakte. Der arabische Einfall in Nordafrika begann 647 n. Chr., in den Gebieten des Sudan fand die Besiedelung etwas zeitversetzter statt, etwa ab 1100 n. Chr.. Seither gibt es dieses Hin und Her in den Besitzansprüchen, in den Kriegen und in den Beziehungen der unterschiedlichen Völkerschaften. Dies nur als kurzer Abriss zum Geschehen des Buches. In Süd-Kordofan siedeln die verschiedenen Stämme der Bewohner der Nuba-Berge, die arabische Bevölkerung und die nilotischen Dinka. 

Dies zum Verständnis des Buches. Hinzu kommen nun europäische/westliche Ansichten. Denn seit der Kolonialzeit mischen hier in dieser Gemengelage auch noch europäische und etwas später auch amerikanische Interessen mit. 

In dem Buch „Zeit der Geister“ wird das politische Geschehen am Rand geschildert, der Autorin ist die menschliche Sicht hier wichtiger. Eine NGO versucht hier im Süd-Kordofan zu helfen, inwieweit sie das Geschehen in Süd-Kordofan im Blick hat, kommt nicht vollkommen zum Tragen, es hat aber für mich irgendwie den Anschein, dass dies nicht so wichtig scheint. Keine Ahnung, ob dies der Realität entspricht. Doch wächst jede menschliche Anstrengung mit ihren Akteuren und da wir nicht alle perfekt und meisterhaft agieren, scheinen Fehler hier vorprogrammiert zu sein. Doch Fehler in dieser Gemengelage. Nun ja. 

In der NGO arbeiten der amerikanische Kartograf Alex aus Cleveland, der nilotische William als ortskundiger Unterstützer und Dolmetscher und die arabische Layla als Köchin. Mit dabei, aber nicht direkt in der NGO tätig, ist die amerikanische Filmerin Dena, deren Eltern aus dem Sudan stammen, die also einiges am Geschehen im Sudan kennt, allerdings eher vom Hörensagen als durch eigenes Erleben. Denn plötzlich ist die ruhige Welt Geschichte, Rebellen tauchen auf und deren Tun ruft die Reaktion des Staates hervor, wie auch das Tun des arabischen Staates Reaktionen bei Nuba und Dinka hervorruft. 

Eine Liebe steht zentral, eine Liebe, die etwas allzu gewollt erscheint. Dennoch kann ich dieses allzu sehr konstruierte dennoch verzeihen, denn die Geschichte, die Informationen zum Procedere in Süd-Kordofan finde ich hier wichtiger. Und dies gelingt Fatin Abbas sehr gut. Denn hier bekommt der geneigte Leser ach Informationen zum politischen Geschehen in Süd-Kordofan, wie auch der Rolle des Westens darin. Dahingehend ist es ein kluger Roman, den Fatin Abbas hier geschrieben hat und diese mich nicht völlig überzeugende Liebesgeschichte empfinde ich hier eher als Mittel zum Zweck. Von daher passt hier alles für mich. 

Wer am Geschehen im Sudan interessiert ist, sollte zu diesem Buch hier greifen. Mir hat es sehr gut gefallen. 

Cover des Buches Zeit der Geister (ISBN: 9783737101936)
E

Rezension zu "Zeit der Geister" von Fatin Abbas

evaczyk
Eine Liebe in Zeiten des Bürgerkrieges

  Es ist eine schwierige Liebe, die Fatin Abbas in ihrem Debürtoman "Zeit der Geister" in der fiktiven sudanesischen Stadt Saaraya beschreibt: Es herrscht Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd, und in dem ethnisch segregierten Land ist eine Verbindung zwischen einem Schwarzen und einer arabischstämmigen Sudanesin, zwischen William und Layla nicht vorgesehen, ja nicht einmal eine Begegnung. Doch im Büro einer amerikanischen NGO, in der William als Dolmetscher und Layla als Köchin arbeitet, kommen sie sich langsam näher. Die übrigen Bewohner des Compounds - der amerikanische Kartograph Alex, der der einzige  Weiße weit und breit ist, die Filmemacherin Dena, deren Familien ursprünglich aus dem Sudan stammt und jetzt in den USA lebt, und der zwölfjährige Botenjunge Mustafa beobachten die aufblühende, eher keusche Romanze mit freundlichem Interesse, aber außerhalb des NGO-Geländes müssen die beiden stets die Regeln und Realitäten der Gesellschaft im Blick behalten.

Die Handlung spielt vor der Unabhängigkeit des Südsudans, in der ethnisch gemischten Gegend, in der die überwiegend schwarzen Bauern und die arabischen Nomaden und Viehzüchter seit vielen Jahren mal friedlich, mal voller Konflikte zusammenleben. Die genaue Zeit bleibt ebenso wie die Region eher vage, selbst die ethnischen Zugehörigkeiten hält die Autorin verschwommen - William wird als "Nilot" beschrieben, Layla als "Nomadin", auch wenn Williams Nachname und seine Beschreibung nahelegen, dass er zum Volk der Dinka gehört, der größten Volksgruppe des heutigen Südsudan. Vielleicht ist diese Ungenauigkeit auch der Tatsache geschuldet, dass Abbas - ähnlich wie ihre Figur Dena - zwar in Khartum geboren wurde, aber ihre Familie ins Exil ging, als sie acht Jahre alt war. Die komplexe ethnische Bevölkerungslage in ihrer ursprünglichen Heimat dürfte sie also nicht bewusst selbst erlebt haben.

Dennoch beschreibt das Buch eindringlich, wie der Konflikt die Gesellschaft prägt und die Situation eskaliert, als der Bürgerkrieg auch Saaraya erreicht und der NGO Compound plötzlich Zufluchtsort für Dutzende Vertriebene wird. Doch es ist ein schrecklicher Fehler Mustafas, der mit einem Waffenschmuggel Geld für seine verwitwete Mutter verdienen will, der zu einer dramatischen Eskalation führt. Vorübergehend scheint es, als könne wahre Liebe ethnische und religiöse Grenzen überwinden. Doch es soll anders kommen.

"Zeit der Geister" hat ein paar vereinfachende, gar kitschige Szenen, zeigt aber auch Alltagsszenen und -probleme in einem Land und einem isolierten Städtchen, in dem die meisten Menschen einfach nur irgendwie überleben wollen. Die Herausforderungen, mit denen auch die Compound-Bewohner umgehen müssen, werden naive Weltsichten und scheinbar sichere Gewissheiten zerstören. Insgesamt ein spannender und lesenswerter Roman in einer Zeit, in der der Sudan erneut von Gewalt erschüttert wird und mittlerweile Schauplatz der weltweit größten Flüchtlingskrise ist.

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