Fatma Aydemir

 4.2 Sterne bei 84 Bewertungen
Autorin von Ellbogen, Eure Heimat ist unser Albtraum und weiteren Büchern.
Fatma Aydemir

Lebenslauf von Fatma Aydemir

Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main und San Diego. Seit 2012 arbeitet sie als Redakteurin bei der taz. Darüberhinaus schreibt sie als freie Autorin unter anderem für die Zeitschriften Spex und Missy Magazine. Heute lebt sie in Berlin.

Alle Bücher von Fatma Aydemir

Ellbogen

Ellbogen

 (76)
Erschienen am 30.01.2017
Eure Heimat ist unser Albtraum

Eure Heimat ist unser Albtraum

 (6)
Erschienen am 22.02.2019
Georgien. Eine literarische Reise

Georgien. Eine literarische Reise

 (2)
Erschienen am 31.08.2018

Neue Rezensionen zu Fatma Aydemir

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Rezension zu "Eure Heimat ist unser Albtraum" von Fatma Aydemir

#vonhier und mit der neuen deutschen Heimattümelei hadernd
evaczykvor 3 Monaten

"Eure Heimat ist unser Albtraum", eine Anthologie von 14 Autoren mit Migrationshintergrund, wie das heute so neudeutsch heißt, passt gerade in die Zeit, in die Debatten um #MeTwo und #VonHier, in das Unbehagen, während nicht nur im Osten Deutschlands wieder nationale Töne aufkommen und das Innenministerium zum "Heimatministerium" geworden ist. Denn was heißt eigentlich Heimat? Und wer bestimmt, wer dazugehört? Der Bundesinnen- pardon, Heimatminister hat den Islam ja bereits ausgebürgert Migration zur Mutter aller Probleme erklärt.

Dumm gelaufen also, wenn man Schwierigkeiten hat mit dem Heimatbegriff, wenn man schon mit dem Gefühl aufgewachsen ist, irgendwie anders zu sein. Zwischendurch gab es dann mal Multikulti-Utopien, statt Ausländer heißt es mittlerweile Migrationshintergrund, aber was ändert sich schon, wenn die Bemerkungen über den "komischen" Nachnamen kommen, die Frage, woher man denn wirklich käme oder die Kollegenanfrage zu einem Thema, wo gerade mal wer mit Migrationshintergrund mit dem passenden Know-how hat. Das verdeutlicht dann regelmäßig - sorry nee - aber du gehörst immer noch nicht richtig dazu.

Das Gefühl müssen auch die Autorinnen der Anthologie regelmäßig kennengelernt haben, vermutlich auch teils deutlich intensiver, denn ein osteuropäischer Nachname ist nun mal irgendwie unauffälliger als dunkle Hautfarbe oder das Kopftuch einer religiösen Muslima. Aus den Texten spricht denn auch viel Verletztheit, Selbstbehauptung, Abgrenzung, teilweise auch ganz schön viel Selbstgerechtigkeit. Wie leben in einer Gesellschaft und einem Land, dass sich gerade mit einem neuen Heimatbegriff definiert?  In dem versucht wird, Rechtspopulisten und -extremisten das Wasser gewissermaßen von rechts abzugraben? In dem es von manchem Unsäglichem heißt, das müsse man doch wohl sagen können?

Und die Antwort? Der Mehrheitsgesellschaft die eigene Wut ins Gesicht knallen, Verletzungen mit Verletzendem erwidern? Den Spiegel vorhalten, nach dem Motto, da seht ihr mal, wie das ist? Die Texte in "Eure Heimat  ist unser Albtraum" sind sehr unterschiedlich, von sensibel und reflektierend bis hin zu stürmischer Wut und Anklage. Da wird über Rassismus oder Vorurteile auch unter Minderheiten nachgedacht oder die biodeutsche Mehrheitsgesellschaft pauschalisiert.

Was ist eigentlich eine Annika, frage ich mich bei der Lektüre. Und "die Kartoffeln", wirklich? Ist das nicht ein bißchen kindisch, ebenso wie zu tun, als seien "die Deutschen" allesamt blond und blauäugig? Und was ist eigentlich mit jenen "Bindestrich-Deutschen" die einen biodeutschen und einen migrantischen Elternteil haben, sollen die sich jetzt von einem Teil ihres Selbst distanzieren? Wie gesagt, in einigen Texten steckt ein bißchen viel Selbstgerechtigkeit,


Und klar, dies ist ein höchst persönliches und subjektives Buch. Wie könnte es auch anders sein? Die ganze Heimatdebatte kann ja letztlich nur als Ausgrenzungsdebatte empfunden werden. Und dazu braucht es noch nicht einmal "ausländische" Wurzeln - ich habe schon Dörfer erlebt, in dene "Zugereiste" auch nach mehr als 20 Jahren nicht als "von hier" galten. 

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Rezension zu "Eure Heimat ist unser Albtraum" von Fatma Aydemir

Ein unbequemer Schlag in die Magengrube. Aber ein notwendiger.
Marina_Nordbrezevor 4 Monaten

Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus? Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat. 14 Autor_innen geben in persönlichen Essays Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als "anders" markiert, kaum schützt oder wertschätzt.

Bei einem gemeinsamen Livestream von Tina und Anne wurde nach Büchern gefragt, die die eigene Sichtweise verändert haben. Als ich danach mein Bücherregal angestarrt habe, um die Frage für mich selbst zu beantworten, wusste ich erst nicht so recht, nach was ich suchen sollte Ich bin nicht Vegetarier geworden, nachdem ich "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer gelesen habe. Ich hab schon vor meiner feministischen Lektüre ein Unbehagen bei der vermeintlichen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau gespürt (kann es jetzt aber besser benennen, soviel Credit muss sein). Doch dann ist mir ein Buch aufgefallen und ich habe mich geschämt, dass ich es vergessen habe, denn Vergessen und Ausblenden ist hier ein standardisiertes Symptom: "Ellbogen" von Fatma Aydemir. Nach der Lektüre ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich bisher so gut wie keine ... nein ... keine deutsch-türkische Literatur gelesen habe, dass diese Literatur weder in meinem Bücherregal noch in der öffentlichen Wahrnehmung wirklich stattfindet.

Wie kann das sein?

Ich bin eine deutsche Kartoffel. Mein Freundeskreis besteht so gut wie nur aus deutschen Kartoffeln. Das ist keine Absicht und fühlt sich gerade nach einem Buch wie "Eure Heimat ist unser Albtraum" nicht besonders gut an. Überhaupt ist diese Essaysammlung ein unbequemer Schlag in die Magengrube. Aber ein notwendiger.
14 Autor_innen erzählen von 14 und mehr Wegen, wieso der Begriff "Heimat" unnütz ist, wenn doch "Heimaten" viel besser passen und so viel sichtbarer sein sollten. Denn niemand passt in eine Schublade. Wir sind alle riesige Apothekerschränke.

"Zu Hause ist, wo ihr seid." (aus "Zusammen" von Simone Dede Ayivi, Seite 194)

Die 14 Autor_innen sind grundverschieden, bis auf einen verbindenden Punkt: Alle sind von Alltagsrassismus betroffen. Mal mehr, mal weniger. Mal offen, mal versteckt in Fragen wie "Wo kommst du eigentlich her?", (dazu passend der Hashtag #vonhier). Wie weh es tut, nicht "wirklich" dazuzugehören, immer auf der Seite der Anderen zu stehen, davon erzählen die 14 Texte wütend. Mit allem Recht. Denn in Zeiten einer erstarkten rechten Politik, in Zeiten eines Heimatministeriums, braucht es ein sichtbares Gegengewicht. Und zwar von uns allen. "Eure Heimat ist unser Albtraum" nimmt einen bei der Hand und zeigt Probleme auf, die für weiße Menschen oft nicht sichtbar sind.

"Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck 'check your privilege', der vorschlägt, sich doch zu fragen, welche Privilegien man eigentlich hat, bevor man sich ein Urteil über das Leben anderer macht. In Deutschland ist dagegen 'Heimat' wieder en vogue, und ein alter Mann, der die Migration für die Mutter aller Probleme hält, ließ sich zum Heimatminister krönen. Vor diesem Ministerium keine Angst haben zu müssen ist übrigens auch ein unheimliches Privileg." (aus "Privilegien" von Olga Grjasnowa, Seite 138f)

Ich wünsche mir, dass dieses Buch noch mehr Aufmerksamkeit erhält. Dass die 1-Sterne-Bewertungen, die zum Erscheinungstermin des Buches bei Amazon auftauchten, von einer Flutwelle an positiven Rezensionen überschwemmt werden. Dass es mehr solche Bücher auf dem deutschen Buchmarkt gibt. Ich habe mir gleichzeitig mit "Eure Heimat ist unser Albtraum" noch "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" von Reni Eddo-Lodge gekauft. Das Buch werde ich so bald wie möglich lesen.

Und falls ihr noch weitere Buchempfehlungen zum Thema hat, schreibt sie mir bitte in die Kommentare. 

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Rezension zu "Georgien. Eine literarische Reise" von Fatma Aydemir

„Was man festhält, verliert man, was man verschenkt, behält man.“ - Die Verschiebung der Perspektive
bootedkatvor 9 Monaten

Ich war in Georgien. Ich bin in Tuschetien und Kachetien auf Berge gestiegen, habe das Stalin Museum in Gori besichtigt und bin über schlechte Straßen Adschariens gefahren. Ich bin durch die Altstadt von Tblissi und durch die Dörfer Swanetiens geschlendert und habe schließlich den Kasbek vor mir aufragen sehen.

Nun, leider habe ich das alles nicht wirklich erlebt. Die berühmte Reise mit dem Finger auf der Landkarte war diesmal eher eine Reise mit den Gedanken zwischen den Seiten. Und um ehrlich zu sein, bin ich auch nur mitgereist. Eingeladen durch die Textsammlung „Georgien. Eine literarische Reise“ folgt man sechs Autorentandems quer durch Georgien und erfährt dabei so einiges über das Land, die Menschen und die Kultur. Initiiert wurden die Autorenreisen durch das Georgian National Book Center, Unterstützung kam durch das Goethe-Institut Georgien. Sechs deutsche und sechs georgische Autoren haben sich dann jeweils paarweise in eine Region Georgiens begeben. Dabei liegt der Fokus immer darauf, was der fremde und was der eigene Blick sieht. So unterschiedlich wie die Autoren sind auch ihre Erlebnisse und Texte.

Reiseberichte, Kurzgeschichten und Gedichte erzählen von einem Land mit einer bewegten Vergangenheit, die die heute dort lebenden Menschen immer noch prägt. Bereits der erste Text von Lucy Fricke macht deutlich, dass die Kultur nach wie vor stark von der Vergangenheit beeinflusst ist. Innerhalb der Texte wird aber auch die Rolle der Literatur in der Kultur hervorgehoben. Das als Titel verwendete Zitat des georgischen Schriftstellers Schota Rustaweli ist dem Buch vorangestellt und gibt treffend wieder, worum es eigentlich geht. Hält man an der eigenen Perspektive fest, dann entgeht einem das, was der Blick von außen wahrnimmt. Wenn man sich aber öffnet und die fremde Perspektive zulässt, dann gewinnt man einen neuen Blick auf etwas Bekanntes und manchmal wird das Altvertraute so zu etwas Neuem.

"Georgien. Eine literarische Reise" nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch ein widersprüchliches aber, den Texten zufolge, auch sehr schönes Land. Die Vielfalt der Texte und die darin literarisch erzählten Erlebnisse sprechen dafür, dass Unterschiede auch immer eine Bereicherung sind. Dadurch, dass die Schriftstellertandems in unterschiedlichen Regionen Georgiens unterwegs waren, macht man während des Lesens einmal eine Rundreise. Dabei ist der Begriff „literarische Reise“ doppeldeutig zu verstehen. Zum einen natürlich, weil man die Reise anhand literarischer Texte unternimmt, zum anderen, weil jede Region ihre eigene literarische Geschichte und ganz eigene Erzählkultur hat, die in den einzelnen Texten auch deutlich wird. Das Buch macht neugierig, Georgien selbst einmal zu bereisen und zu erkunden und wer bereits dort war, wird sicherlich das eine oder andere in den Texten wiedererkennen.

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