Just ist ausgezogen, dafür sitzt ein verletzter Storch auf Sunas Dach. Sunas Vater wüsste Rat, doch auch der ist verschwunden. Aus dem Heimatdorf, einfach weg. Schon seit Wochen. Kurzentschlossen fährt Suna aufs mecklenburgische Land, zu ihrer Mutter Conny. Die ist kaum sichtbar unter den Stoffbergen, sie schneidert die Kostüme für die alljährlichen Festspiele, an denen immer das gleiche Stück aufgeführt wird und das ganze Dorf dabei ist. Das Stück vom Fährmann.
Wie damals schon regiert das Schweigen das Miteinander, nichts hat sich verändert. Nicht der Blick auf das letzte Haus am Fluss, in dem der Fährmann Krisch mit seinem Sohn Krisch wohnt. Schon immer. Über Generationen. Und so entrollt Felicitas Geduhn auf zwei Zeitebenen Sunas Gegenwart und Connys Vergangenheit, in der ein Geheimnis unter dem Schweigen begraben liegt. Und der Schlüssel zum Verschwinden von Sunas Vater.
Es gibt die, die es an einem Ort nicht aushalten und die, die bleiben. Die, die gehen und die dafür kommen. Und es gibt die, die es nicht aushalten, dass immer jemand kommt und ein anderer geht. Die zwei Ufer sind geteilt durch den Fluss, durch Sehnen und Hoffen, Bewahren und Halten, verbunden durch den Fährmann.
Mit Urvertrauen hält er die Dinge zusammen, die zusammen gehören, ist die Konstante, im Leben von Suna und davor dem von Conny.
Felicitas Geduhn schreibt kraftvoll und bildreich, humorvoll und präzise. Sie erkundet am Beispiel unterschiedlicher Lebensentwürfe und Generationen die Frage, wie ein Ort die Menschen prägt , spielt mit den Sehnsüchten nach Heimat und Fernweh, Freiheit und Beständigkeit, Flucht und der Bereitschaft, sich verborgenem Schmerz zu stellen.
Die Zeit dehnt sich aus in Das vorletzte Haus am Fluss, zieht sich in die Länge, umspannt verschwenderisch die Tage, um sich im nächsten Moment zusammenzuziehen und die Sekunden zu kondensieren.
Das vorletzte Haus am Fluss bleibt spannend bis zum Schluss. Zwischen verhassten traditionellen Dorf-Narrativen, den Blicken der anderen, dem Drang nach Aufbruch und Selbstermächtigung, der Liebe und der Freundschaft, Verlust, Scham und Schmerz, dem Neuanfang und dem uralten Rhythmus der Fährzeiten.