Felix Otto

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Wie geht eigentlich Krankenhaus?

Wie geht eigentlich Krankenhaus?

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Erschienen am 01.10.2017

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Rezension zu "Wie geht eigentlich Krankenhaus?" von Felix Otto

Alles ist schlecht - alle sind schlecht
Gwhynwhyfarvor einem Jahr

Wie definiert man ein Sachbuch? Die sachliche Darstellung eines wissenschaftlichen, technischen, politischen, soziokulturellen, historischen Themas oder Reiseberichte und Memoiren, wobei das Hauptaugenmerk auf Aufklärung und, also Richtigkeit, basiert, non fiction. Ein Sachbuch darf natürlich auch emotionale Elemente beinhalten, indem der Autor wortwörtlich Augenzeugen zu Wort kommen lässt.
Wie geht Krankenhaus? Nun, es ist immobil. Sollte das Ziel dieses Buchs gewesen sein, aufzuklären, wie die Zahnräder in einem Krankenhausbetrieb zusammenlaufen, wo unser System krankt und wie eine ideale Lösung aussehen könnte, der wird enttäuscht. Hier wird nur über menschliches Elend berichtet, das Krankenhaus niedergemetzelt. Oben sitzt der schreckliche Chefarzt, Ärzte sind empathielose Typen, denen der Mensch egal ist, Pflegepersonal ist ein stets unfreundliches Volk, ständig unter Strom steht, die weibliche Gattung eher dumm gehalten, Patienten sind klingelnde Nörgler, Besucher nerven das Personal, insbesondere weibliche Furien, die meisten klauen, Reinigungskräfte sind faule Schlampen, klauen wie die Raben. Aber in jedem Haus gibt es einen Stern, der leuchtet. Dieser hier ist 1,92 m groß, stets freundlich und empathisch, alle Kollegen und Patienten lieben ihn (na ja, am Ende läuft eine Mobbingaktion gegen den Engel, aber er zeigt es denen), er arbeitet, schnell, umsichtig, fachgerecht, ist intelligent, na eben hat er alles das, was die anderen nicht haben. Der Student zeigt sich als extrem empathisch, der Subtext allerdings zeigt das Gegenteil. Nach circa 50 Seiten besah ich mir dann doch noch einmal den Klappentext, dachte, ich sei einer Satire aufgesessen.
Felix Otto studiert Medizin, muss ein 90-Tage-Praktikum im Krankenhaus als Pflegehelfer ableisten, und er kommt auf die Idee, sich mit Krankenpflege ein paar Euro zum Lebensunterhalt dazuzuverdienen, ein paar Stunden, auf 450 € – Basis.
Nach den ersten Seiten überlege ich zuzuklappen. Ich frage mich, ob hier jemand versucht hat, einen schlechten Roman zu schreiben, erfahre etwas über Dinosaurier und die Sonne, »Die Erde steht irgendwann still und wird von ihrer Mama, der Sonne gefressen.«. Schwülstige Adjektive und Füllwörter prasseln auf mich ein, ein pathetischer Text, ich fange jetzt schon an zu blättern, mag mir nicht jede einzelne Schweißperle des Verfassers ansehen.
»Nicht selten vergisst der Chefarzt auch eine Anordnung zum Tablettenwechsel. Der Patient ist dann nach langer Wartezeit erbost und klingelt. … Der Patient raunzt rum und weist nur darauf hin, dass er jetzt seine Tablette brauche, die ihm der Chefarzt verordnet habe.«
Nach dem Sternensystem lese ich etwas über die Pharaonen und das ägyptische Pyramidensystem, blättere schnell weiter. Der »König - Chefarzt« (Titel zum Kapitel) ist eine Spur arrogant, nie beim Patienten, gekehrt in sich selbst. Gut, sicherlich existiert dieses Spezis, ich habe aber auch andere kennengelernt. Der Autor versteht das Gehabe, denn der Chefarzt hat einen langen Weg hinter sich, weggebissen was ihm im Weg stand und nun trägt er enorme Verantwortung. Hier noch eine nette Beschreibung: »… akkurat gestylter Ziegenbart … hat einen markanten Buckel, den er vermutlich seiner Unsportlichkeit und gebückten ärztlichen Tätigkeit verdankt. … liebt es, eine Fliege zu tragen und ein seidenes Hemd dazu.« An Sachlichkeit ist der Autor nicht zu übertreffen!
»Er hielt sein Handy auf den EKG-Ausdruck eines Patienten und sendete ein Bild davon an die Gruppe. … Er wüsste mal wieder nicht weiter.« (Oberarztgroup WhatsApp)
»Handlanger Oberarzt«, lese ich richtig? Der Autor nennt sie »Dr. Frankenstein« und »Dr. Frosch«, lässt sich über Empathielosigkeit und Unfähigkeit aus. Und dann geht es weiter zum »Arbeitstier Stationsarzt«, »Dr. Blender« und »Fr. Dr. Kratzbürste«, »Dr. Schön«, »Dr. Kralle«, Dr., Weichflöte«, »Dr. Stehkragen«, »Dr. med. Durchgeknallt«, der Autor rechnet mit den Ärzten ab. Und es wird operiert, was das Zeug hält, ob sinnvoll oder nicht. Genau hier hätte ich mir eine analytische Auseinandersetzung mit dem System Krankenhaus gewünscht, die aber leider ausbleibt. Später tritt noch »Dr. Grapschpfote« auf den Plan, ein übergriffiger Alter.
»Statt Freudschaft auf Zeit zu schließen, ist der Durchschnittspfleger schlicht und einfach angekotzt und genervt.«
Unser Autor muss in einem Kloster-Krankenhaus gearbeitet haben, denn hier laufen eine Menge Schwestern, Oberschwestern und Pfleger herum. In normalen Krankenhäusern arbeiten heute Gesundheits- und KrankenpflegerInnen. In einem Sachbuch sollte man schon die heutige Berufsbezeichnung, die seit 2004 gilt, benennen. Unser Autor scheint grundsätzlich ein Problem mit Frauen zu haben, was sich durch das gesamte Buch zieht, angefangen von der Chefärztin, über die Stationsleitung, bis zu Ehefrauen von Patienten. Ziemlich übel lässt sich der Herr über Gesundheits- und Krankenpflegerinnen aus, die Kollegen kommen recht gut dabei weg, kein Spitzname, keine böse Episode. Frau ist stets schlecht gelaunt und ein wenig dümmlich, Mann weiß, wo es langgeht.
»Warum die meisten Schwestern schon um halb sechs antanzen, darüber lässt sich nur spekulieren. Schließlich bekommen sie dafür keinen Cent mehr. Sei es, dass zu Hause nichts Spannendes passiert, der Partner und die Kinder die Nerven langsam, aber sicher zerstören, die Angst zu spät zu kommen oder eine Abmahnung und einen schlechten Stand zu erhalten.«
Das wird mehrfach in diesem Buch erwähnt, auch der Gedanke, dass die Damen nicht schlafen können, weil ihre Partner so laut schnarchen. Verdammt, der Autor ärgert sich maßlos über diese Weiber, denn er bekommt von der Patientenübergabe nur noch das Ende mit. Stell dir vor, lieber Medizinstudent, die einzelnen Schichten reden miteinander, tauschen sich aus, was in der Schicht passiert ist, auf welche Patienten besonders zu achten ist, was noch anliegt … Und das bekommen sie bezahlt! In Krankenhäusern gibt es etwas, das nennt man Zeiterfassung, ehrlich jetzt! Die einen kommen ein wenig früher und die anderen bleiben ein wenig länger für die Patientenübergabe. »Ich komme selbst immer auf den letzten Drücker.« Zwei Minuten vor Arbeitsbeginn rauscht unser Student ein, wie angeblich alle männlichen Kollegen, die anscheinend keine nervende Familie zu Hause haben …Und ganz schrecklich, die PflegerInnen sind alle geldgeil auf Trinkgeld, stecken sich was ein, dürfen eigentlich gar nichts annehmen, aber ein steuerfreier Hunderter ist nach Beurteilung des Autors beim Pflegepersonal eingeplant. Der Autor selbst legt das Trinkgeld anscheinend als Einziger brav in die Kaffeekasse. Apropos Kaffee, er gilt als Langweiler, weil er sich dieser Droge nicht hingibt, er lehnt sämtliche Drogen ab. »Ich wette, die Schlafprobleme, die viele Pfleger haben, rühren von einem Großteil vom Kaffeekonsum her.« Ich wette mal dagegen und rate dem Autor, er möge sich einmal mit der Schichtdienstproblematik und deren Auswirkung auf den Körper befassen. »Schwester Lachmitmir«, »Schwester Brunhilde«, Schwester Griesgram«, »Schwester Bettgitter« lassen grüßen.
»Die Patienten wollen mehr und mehr in einem Hotelzimmer behandelt werden und nicht schnell wieder gesund nach Hause.«
Aber nicht nur das Personal ist superätzend. Die Patienten und deren Angehörige sind der Hammer. Die Patienten spielen den ganzen Tag mit der Klingel und nerven das Personal. Das Personal ist gehetzt, genervt und hat keine Sekunde Zeit. Allerdings hat unser Medizinstudent Zeit genug, eine wissenschaftliche Untersuchung während der Arbeitszeit anzustellen: Er zählt. Und genau 2 % der Klingelattacken sind berechtigt. Wobei uns in diesem Sachbuch nicht mitgeteilt wird, wie lange er die Untersuchung durchführte, auch das Zahlenmaterial fehlt. Besonders schmackhaft sind Beschreibungen (über das ganze Buch verteilt) von Patienten, die sich gern einsch…, bzw. mit Wonne beim Essen auf dem Kackstuhl sitzen, das Zimmer einnebeln. #Me too: Dreimal ist der Student von schwulen Patienten sexuell belästigt worden. Auch das darf nicht unerwähnt bleiben.»Shame on you, ihr Angehörigen«, heißt das nächste Kapitel. Besucher sind echte Kotzbrocken, besonders Ehefrauen, die dem Personal auf die Finger schauen, wissen wollen, was sie da machen und warum. Und Besucher klauen am laufenden Band. Sie trinken den Tee auf den Gängen, der den Patienten vorbehalten ist, obwohl ein Schild darauf hinweist, Besucher auf die Cafeteria verweist. Sie klauen Zucker, Milch und die billigen Kekse, stecken die Wasserflaschen ein. Wenn man das so liest, sind Besucher schrecklich, man sollte sie aus dem Krankenhaus verbannen.Die PatientInnen »Frau General«, »Frau Schein«, Frau Gutmut«, »Herr Buckel«, »Frau Harakiri«, »Herr Klobig«, »Herr Antreiber«, »Herr Kind«, Frau Urindrang«, Patientin »Ausgeträumt« danken es dem Autor.
Die »Putzteufel« sind allesamt faul und ungebildet, tun nur so, als würden sie putzen, kehren »die Sch… einfach von links nach rechts«. Und auch hier wird mit lausigen Vokabeln gearbeitet, wie schon die Überschrift sagt, »Putzhilfen«, die nichts taugen und klauen wie die Raben. Viele Patienten lassen etwas liegen oder beim Übergang in andere Abteilungen oder in Heime wird nicht ordentlich eingepackt. Was in den Schubladen aus Versehen verbleibt, Schmuck, Uhren, Portmonees, sogar Gebisse, wird innerhalb von Sekunden von den Reinigungskräften gestohlen.
Und unser Pflegehelfer wird auch noch bös gemobbt, weil der Chefarzt der Stationsleitung vor dem Stationspersonal verbietet, den angehenden Arzt zum Kopieren zu schicken, der für solch einfältige Arbeiten zu qualifiziert ist. Nur dafür? Aber er rächt sich selbstverständlich für das Mobbing, haha!
»Wieder einmal bestätigte sich meine Vermutung, dass Pflegeheime die perfekten Versuchslabore und Orte des Verbrechens sind.«
Es hätte mich gewundert, wenn die Heime nicht auch noch ihr Fett abbekommen hätten! Es werden noch einige Stationen im Krankenhaus beschrieben, ähnlich den Vorgängerstationen, alles unfähiges Personal, nervende Patienten. Auch der OP ist dran, das Blut spritzt nach allen Seiten, wie gut, dass der Autor eine Brille trägt. »Vor dieser Schlachtung wird der Patient …« Und er beschwert sich über unser Bildungssystem. Da gibt es Leute, schon etwas älter, die über den 2. Bildungsweg Medizin studieren. Kein Einserabi! Seine Eltern hätten damals auch gern einen anderen Beruf erlernt, bei denen ging das auch nicht! Der Autor lässt wirklich nichts aus.
Unser Student beschreibt sich als besonders empathisch im Umgang mit Menschen. Klar, man muss nur die Überschriften zu den Kapiteln lesen, die Spitznamen, die er verteilt. Er bewertet am laufenden Band die Eigenarten seiner Mitmenschen, denen Optik, Zuhause, Hobbys, psychischen, physischen Zustand usw. Er bewertet sogar, was sie essen, unterstellt einigen Frauen die Magersucht (was hat das in eiem Sachbuch zu suchen?). Aber er beschwert sich maßlos ausufernd, als eine »dümmliche« Schwester meint, sein Müsli sähe wie Kotze aus. Unser Schlaumeier ist fantastisch. Er nimmt keine Drogen zu sich, erscheint nicht aus Langeweile zu früh am Arbeitsplatz, ernährt sich total gesund, denkt auch an seinen Darm, ist sportlich (kämpfte im Rudernationalteam 1983), wandert im Urlaub, ist gut zu den Menschen, macht keine Fehler. Kriegt er mal sein Fett ab, da teilt er so richtig aus. Ich finde, er hat die geeignete Einstellung für den Berufswunsch Chefarzt!
Fazit: Ich habe in meinem Freundes- und Familienkreis eine Reihe von Menschen, die in medizinischen Berufen arbeiten, das mit großem Engagement. Nicht alles in unseren Krankenhäusern ist gut und richtig, es wird zu viel operiert, es ist zu wenig Zeit für die Menschen, es gibt zu wenig Personal, die Hygiene mangelt, der Druck ist hoch. Nicht jeder ist gut in seinem Job, aber das gilt für alle Berufe. Diese Geschichten sind erschreckend, aber sie haben Ursachen und geschehen nicht jeden Tag. Was hier dargestellt wird, ist menschenverachtend, der blanke Horror. Hier ist jeder Mensch schlecht, bis auf den Autor. Das Buch liest sich wie das Tagebuch eines Teenies, der diesem alle schlechten Erlebnisse des Tages anvertraut, aber auch jede haarsträubende Begebenheit. Ich frage mich, warum der Autor immer noch Medizin studiert, wo doch alles nur schlecht ist. Ich will nichts schönreden, garantiert nicht, aber meine Erfahrung ist eine andere. In meinem Umfeld haben in letzter Zeit einige Leute eine Zeit im Krankenhaus verbracht, ich selbst lag mit einem Mehrfachbruch im Spital. Wir alle haben sehr nettes, kompetentes Krankenhauspersonal kennengelernt. Natürlich findet man auch mal einen Stoffel, wie in jeder Firma. Ein Krankenhaus ist kein 5*-Hotel in der Karibik, aber sicher kein Dreckloch in der Hölle! Es gibt freundliche Pfleger und engagierte Ärzte, das wird mit keinem Ton erwähnt.
Ich hatte in diesem Sachbuch erwartet, eine sachliche Auseinandersetzung mit dem heutigen Krankenhaus-System zu finden, ein paar innovative Vorschläge für die Verbesserung in der Zukunft. Was ich vorgefunden habe, ist ein frustrierter Text, ein Autor, der auf jedem Menschen herumhackt, der ihm begegnet ist. Anstatt sein Studium infrage zu stellen, bei dem man nur auswendig lernt, keinen Kranken kennengelernt, das System Numerus clausus, bei dem nur 1.0-1.3 – Abiturienten eine Chance haben. Vielleicht ist ja der Student auf dem 2. Bildungsweg der bessere Arzt? Muss ein Krankenhaus Aktionäre befriedigen, operieren, bis die Kasse stimmt? Und warum gibt es in Deutschland nicht wie überall in der EU für die Pflege ein Bachelorstudium mit anständiger Bezahlung? Kann die Reinigungskraft etwas dazu, wenn sie nicht ordentlich angeleitet wird, zu wenig Zeit hat? Man kann Kollegen, sämtliche Angestellte im Krankenhaus für schlechte Arbeit kritisieren, aber mit welchem Sinn muss man sie beschimpfen, persönlich beleidigen, bewerten? Muss jede kleine Episode auf den Tisch? Reflexion, insbesondere Selbstreflexion findet nicht statt. Sachlich, mit exemplarischen Beispielen zum Missstand, Ursachen erklären und Ideen, das System zu verändern, hätte Sinn ergeben. Einfach nur Menschen zu beschimpfen, das gibt keinen Sinn. Eine Verkäuferin könnte im gleichen Stil vom großkotzigen Chef, faulen Kollegen, frechem Anlieferer bis zu unverschämten Kunden sicher auch eine Geschichte schreiben. Willkommen im Leben, Herr Otto.

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