Fernando De Rojas

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Cover des Buches La Celestina (ISBN: 9783190141333)
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Rezension zu "La Celestina" von Fernando de Rojas

Uneindeutige Gattung, vielschichtige Handlung
Sandra1975vor 10 Monaten

"La Celestina", zu Deutsch: "Die Kupplerin", wurde zunächst 1499 unter dem Titel "Tragicomedia de Calisto y Melibea" veröffentlicht. Diese Verschiebung von den adeligen Titelhelden - dem Liebespaar Calisto und Melibea -- hin zur hexenartigen "Celestina" ist bezeichnend für die frühe Renaissanceliteratur in Spanien. Man legte das Augenmerik auf kriminelle, randständige Figuren. Im Mittelpunkt stehen fortan keine edlen ritterlichen Tugenden, sondern das Geld, die Liebe als Ware sowie der Überlebenskampf der verarmten und verwahrlosten Bevölkerungsschichten. 

Die Hispanistik ist sich bislang noch nicht einig geworden, welcher Gattung das Werk zuzuordnen ist. Als "Tragikomödie" taugt es freilich nicht, da die Vielzahl der Figuren sowie der insgesamt einundzwanzig Akte eine Aufführung unmöglich macht. Manche Forscher bezeichnen das Werk als ersten Roman der spanischsprachigen Literaturgeschichte - dieser Auffassung schliesse ich mich an, obwohl das Werk fast ausschliesslich aus Dialogen besteht. Ein struktureller Höhepunkt ist zweifellos die lange Klage des Pleberio, nachdem sich seine Tochter aus Liebeskummer aus einem Turm gestürzt hat. Hier hält die Innerlichkeit Einzug in die Literatur. In einem langen Monolog beklagt der verwaiste Vater sein Schicksal. Der Humanismus hat die spanische Literatur erreicht. 

Die Gattungsfrage liesse sich weiter ausdifferenzieren. Als "tragisch" gilt in der Literaturwissenschaft ein Werk, wenn es kein "happy end" gibt und tatsächlich sterben in "La Celestina" alle Hauptfiguren: Calistos Diener Sempronio und Pármeno werden gehängt, nachdem sie Celestina umgebracht hatten, weil diese sie am monetären Gewinn ihrer Liebesgeschäfte nicht beteiligen wollte. Calisto stürzt von einer Leiter, als er Melibea besuchen will. Dieser tollpatschige Sturz eines Adligen beim Besuch seiner Dame gilt als Parodie auf die höfische Liebe und damit als komisches Handlungselement. Als Element der "Komödie" gilt ferner, dass Figuren aus niederen Gesellschaftsschichten wie etwa Diener nicht nur handlungsrelevant agieren, sondern mit Celestina zu Hauptfiguren erhoben werden. Schliesslich gilt es den Falken zu erwähnen, der in der Literaturwissenschaft als strukturelles Merkmal der Novelle gilt. Calisto ist gerade auf Falkenjagd, als er zufällig in Melibeas Garten gerät, sie dort erblickt und sich in sie verliebt. Der Falke führt somit gleich zu Beginn des Werks den Wendepunkt herbei, der in novellenhafter Manier für die Handlung den Ausschlag gibt.

Es handelt sich somit um ein komplexes Werk, das nicht nur höfische Motive wie etwa das Liebesideal parodiert, sondern in den Dialogen auch einen soziologischen Abriss der spanischen Gesellschaft um 1500 nachzeichnet. Pleberios Klage verleiht der Innerlichkeit des Individuums Raum. Gott wird als Adressat ausgespart; Pleberio weint sich bei seiner Frau aus. 

Die Wichtigkeit von Magie, Hexerei und Alchemie hat manche Interpreten dazu veranlasst, die Figur der Celestina als bekehrte Jüdin zu bezeichnen. Wie allgemein bekannt, wurden nach 1492 sämtliche auf der Iberischen Halbinsel lebenden Juden entweder des Landes verwiesen, zwangsbekehrt oder hingerichtet. In der Bevölkerung herrschte daraufhin ein reges Denunziantentum, das sogenannte "falsche Christen" aufdeckte und sie der Inquisition preisgab. Celestina soll eine solche "falsche Christin" porträtieren. Ich selber interessiere mich nicht allzu stark für diese Frage. Mich beeindruckt vielmehr die Vielstimmigkeit des Werks, in dem gehobene, derbe, höfische, mystische, alchemistische sowie im weitesten Sinne psychologische Ausdrucksweisen zum Zug kommen; ein sprachlicher Reichtum sondergleichen.

Ich ziehe meinen Hut vor dem -damals vermutlich noch sehr jungen - Fernando de Rojas, der uns dieses unterhaltsame, tragische, aber auch dokumentarische und inhaltlich wie formal äusserst reiche Werk geschenkt hat. Für die Interpretation wäre es nicht schlecht, über metrische Grundlagen zu verfügen; im Werk sind nämlich unterschiedlichste Reimschemata und Strophenformen eingeflochten.

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