"Wir alle haben zwei Leben:
das wahre, dass wir uns in der Kindheit erträumten
und als Erwachsene weiterträumen auf Nebelgrund;
das falsche, was wir gemeinsam mit anderen verbringen,
das praktische, nützliche,
das Leben, worin man uns schließlich in einen Sarg legt."
Für alle, die Fernando Pessoa noch nicht kennen (sich aber dann wahrscheinlich nie hierher verirren würden): Fernando Pessoa war ein portugiesischer Intellektueller und Schriftsteller, dessen meiste Werke, die fast sämtliche Genres der Literatur umfassen, erst nach seinem Tod gefunden worden. Pessoa, der bis zu seinem Tod eine unscheinbare Existenz als Handelsvertreter führte und nur wenige Schriften unter seinem eigenen Namen schrieb/publizierte (darunter Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares ), ist bis heute vor allem dadurch berühmt, dass er nahezu seine ganzen unveröffentlichten Manuskripte (es sind 27 453 an der Zahl, viele kurz, einige lang) Heteronymen zuordnete, also abgespaltenen Persönlichkeiten, denen er einen eigenen Stil, eine eigene Biographie und eine eigene Verbindung zu den anderen Heteronymen gab. Jedoch war dies ein kontrollierter und künstlerischer Akt und hatte nichts mit Krankheiten, zumindest nichts mit multipler Persönlichkeitsstörung, zu tun.
"Ich, der nutzlose Brennpunkt der Wirklichkeiten."
Alvaro de Campos ist die dritte der Persönlichkeiten nach Alberto Caeiro und Ricardo Reis, der größtenteils als Dichter hervortritt. Ein Verehrer und Nacheiferer von Caeiro, gab Pessoa dem 1890 in Glasgow geborenen Schiffsingenieur doch sehr viel eigene Dichtungsphilosophien mit auf den Weg. Wie Pessoa selbst ist de Campos ein leidender, ein Gefangener seines eigenen Ichs. Während Pessoa sich jedoch in de Campos flüchten konnte, kennt de Campos keine andere Flucht, als die nach vorne:
"In meinem Herzen bewahre ich
wie in einer Schatztruhe, die man vor Fülle nicht schließen kann,
alle Orte, wo ich mich aufhielt,
alle Häfen, in dich ich kam,
alle Landschaften, die ich träumend
durch Bullaugen oder Fenster oder von Decks erblickte,
und dies alles - unendlich viel! - ist wenig für das, was ich möchte."
Bis Seite 129 (von ca. 290 Seiten Gedichte, davon jeweils die Hälfte Original, die andere Übersetzung) sind 5 längere Gedichte verzeichnet, eines davon besonders lang, die Meeres-Ode, ein einziger, an Walt Whitman erinnernder (auf den de Campos sich einige Male beruft), aber noch radikalerer Gesang mit phantastischen und ambivalenten Zügen. Anfangs sind es nur Betrachtungen zum Meer und zu Ferne, harmlose Poesien, bis sich de Campos langsam und stetig in eine Phantasie über Seeräuber und ihr aufregendes Leben hineinsteigert, um dann zu erkennen, wie stark er selbst vor seinen eigenen Gedanken erschrickt.
"Mein Leib ist der Mittelpunkt eines unendlichen Steuerrads,
das immerfort schwindelnd sich selbst umkreist"
"Was weiß ich von dem, was ich sein werde, ich, der ich nicht weiß, was ich bin."
Dies ist die Frage, aufgeworfen in vielen einseitigen und zweiseitigen Gedichten im Anschluss. Zwar ist die Thematik dieser kleinen Dichtungen durchaus vielschichtig, doch man bemerkt früh, dass sie immer wieder zum Gejammer oder zur Sehnsucht zurückkehren, manchmal in großem Stile, manchmal meditativ und zaghaft. Man merkt wie Pessoa mit ihm gebaut hat: Auf der einen Seite die großen, ja gewaltigen Ansprüche, die aus vielen seiner Poeme blitzen, aber gleichzeitig die Sensibilität, die sich auch immer wieder ihre Bahn bricht.
"Nacht
Du, deren Ankunft, so sanft ist, dass sie ein Fortgehn scheint,
deren ebbende, flutende Finsternis unter dem Hauch des Mondes
Wellen erstorbener Zärtlichkeit und die Kälte erträumter Meere kennt,
Brisen vermeintlicher Landschaften für unsre übermäßige Angst..."
Verlorene Kindheit, verlorene Unschuld. Das wird von De Campos mit Weltverlust gleichgesetzt. Auch das Vergehende und das einstmals gewesene, dass in der Gegenwart doch trotzdem nur in eine Hand passt, gehört zu den vielfach abgewandelten Gedanken seiner Dichtung. Angst und Unbehagen befällt in jedes Mal, wenn er ringen muss "mit dem Schicksal, das sie Karosse des Ganzen über die Straße des Nichts lenkt."
Auf Dauer kann es etwas schwierig sein, sich immer wieder mit diesem existenziellen, wichtigen, aber nichtsdestotrotz destruktiven Thema konfrontiert zu sehen. Die Lyrik des Alvaro de Campos ist daher nur den wirklichen Freunden der Poesie zu empfehlen, jenen die nicht nur schauen, sondern mitleiden, mitfühlen, mitdenken, miterleben wollen, jene möchte ich fast sagen, die eine Schramme von jedem Gedicht zurückbehalten möchten.
"Das Licht der Sonne erstickt das Schweigen der Sphären,
und wir müssen alle von dannen,
ihr düsteren Pinienwälder im Dämmerlicht,
Pinienwälder, wo meine Kindheit anders war,
als ich heute bin..."
Unter jedem Poem findet sich im Original ein Datumsvermerk; das Nachwort geht ebenfalls in Ordnung. Wie dort vermerkt handelt es sich bei dieser Ausgabe um so ziemlich alle relevanten Gedichte, die unter dem Namen de Campos geschrieben wurden.
Noch einmal möchte ich zusammenfassen und betonen: Wer sich an dieses Werk wagt wird größtenteils weitschweifige, exaltierte und anstrengende Gedichte vorfinden. Auch einige Sonette und einige stillere Gedichte. Sie alle sind feingliedrig, aber manchmal eben auch überbordend, vielleicht sogar erschreckend. Ich weiß nicht, ob ich eine Empfehlung aussprechen soll. Es gibt gewisse einige bedeutende Dichtungen in diesem Werk, einige fulminante Zeilen und Wendungen. Aber ich persönlich würde mich, trotz aller lyrischen Freude, nicht noch einmal durch dieses Werk lesen.
Jedoch, Pessoa hat Recht, wenn er aus de Campos Feder fließen lässt, was alle großen Dichter, auch ihn selbst, betrifft:
"Der lebenspendende Geist bin in diesem Augenblick ICH."
Fernando Pessoa
Lebenslauf
Fernando Pessoa, geboren am 13. Juni 1888 in Lissabon, war ein portugiesischer Dichter, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler. Er schrieb unter vielen Pseudonymen, die speziell bei ihm Heteronyme genannt werden, da er ihnen eine Biografie gegeben hat und sie allesamt unter ihrem eigenen Namen literarisch tätig waren. Diese waren: Alberto Caerio, Ricardo Reis, Alvaro de Campos, Bernardo Soares und noch 72 weitere wie die Brüder Charles James und Alexander Search. Mit 17 Jahren begann er ein Studium der Literaturwissenschaft in seiner Geburtsstadt Lissabon, die er mit fünf Jahren aufgrund der Ehe seiner Mutter verlassen musste. Er beendete das Studium nicht und war bis zu seinem Tod als eher unauffälliger Handelskorrespondent tätig. Zu Lebzeiten wurde er nur von wenigen als Dichter anerkannt. Die meisten seiner Manuskripte wurden nicht veröffentlicht und als Pessoa starb, umfassten seine Werke über 24.000 Fragmente. Seine literarische Laufbahn fing er an, indem er Gedichte übersetzte. Kurz darauf schrieb er dann selbst als Prosa und sein „Buch der Unruhe“ gilt als seine wichtigste Prosa-Arbeit. Diese wurde erst 47 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht. Pessoa starb am 30. November 1935. Heute gilt der Dichter als einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Alle Bücher von Fernando Pessoa
Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares
Ein anarchistischer Bankier
Wenn das Herz denken könnte...
Mein Lissabon
Baron von Teive
144 Vierzeiler
Alberto Caerio Poesias-Poesie
Die Erziehung zum Stoiker
Neue Rezensionen zu Fernando Pessoa
Ich war noch nie in Lissabon. Und trotzdem habe ich das Gefühl, ich kenne die Stadt – seit ich Mein Lissabon von Fernando Pessoa gelesen habe. (Mehr zu Pessoa: https://love-books-review.com/de/rezensionen-nach-autor/fernando-pessoa/ ) Dieses Buch ist kein Reiseführer, kein Roman, kein Gedichtband. Es ist ein Gefühl. Ein leises, verträumtes, manchmal trauriges Gefühl, das sich langsam zwischen die Zeilen legt.
Pessoa schreibt, als würde er neben dir herlaufen. Er zeigt dir Cafés, in denen die Zeit stillsteht, Gassen, die ins Nichts führen, und Plätze, an denen man einfach nur sitzen will. Und dabei erzählt er von sich. Von Sehnsucht, Einsamkeit, vom Beobachten und Nicht-Dazugehören.
Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, als würde ich durch Nebel gehen. Nicht alles ist klar, nicht alles greifbar. Aber genau das macht es so besonders. Pessoa denkt laut, aber nie aufdringlich. Er flüstert mehr, als dass er spricht.
Mein Lissabon ist ein Buch zum Verweilen. Zum Mitgehen. Zum Mitfühlen. Die Stadt wird zur Spiegelung seiner Gedanken – und plötzlich auch meiner.
Was mich besonders berührt hat: wie Pessoa das Kleine groß macht. Einen Schatten auf der Wand. Einen zufälligen Blick. Einen halben Satz im Café.
Dieses Buch ist keine Reise. Es ist ein Zuhause auf Zeit. Und ich komme ganz bestimmt zurück. Vielleicht nicht nach Lissabon. Aber zu Pessoa.
Fernando Pessoa ist zu einer führenden Figur der modernen Literatur geworden. Ihm passierte posthum das, was vielen Autoren widerfährt, wenn sie tot sind: Sie werden „Kult“, kommen „in Mode“ und so mancher pseudointellektuelle Zirkel stürzt sich auf diese Autoren, ohne sie wirklich zu verstehen und am schlimmsten: gelesen zu haben.
Pessoas Bücher verdanken wir einer gründlichen Aufarbeitung seines riesigen literarischen Nachlasses, den er in Kisten aufbewahrte. Sein bekanntestes Buch zu Lebzeiten war das „Buch der Unruhe“, was auch hierzulande recht bekannt wurde.
Pessoa kann man nicht einfach nur lesen, man muss ihn studieren, man muss bereit sein, mit ihm zu denken und man muss sich konzentriert auf ihn einlassen. Der aufmerksame Leser wird bereits nach kurzer Lektüre eines beliebigen Buches feststellen, dass er seine Lesegewohnheiten neu einstellen muss, um in den vollen Genuss des Werkes zu kommen. Man kann in den Büchern lesen wie in einer Bibel, einzelne Teile oder Abschnitte, um sie auf sich wirken zu lassen.
Pessoa arbeitete mit Heteronymen, d.h., er nahm verschiedene Autorenpersönlichkeiten an, versah sie mit einem Lebenslauf und schrieb unter diesen Namen als individuelle Person. Nur so konnte er seiner enormen Phantasie einerseits und seinen Denkwegen andererseits ein schlüssiges Konzept geben.
Dass das auch in Auszügen funktionieren kann, beweisen einige recht gelungene Zitatsammlungen, „Denken mit Pessoa“ aus dem Diogenes-Verlag etwa. Mit der kleinen Zusammenstellung, die hier vorliegt, kann man einen Eindruck in die Art des Denkens und Schreibens des portugiesischen Autoren bekommen. Die Texte wurden aus allen Werken seiner Heteronyme ausgewählt und man hat sich Mühe gegeben, möglichst das zu präsentieren, was den Leser animieren soll, sich näher mit Pessoa zu beschäftigen. Das ist gelungen, doch natürlich bleibt eine Kollektion dieser Art immer nur eine unverbindliche Einladung, Wenn diese aber angenommen wird und der Leser sich auf die Welt von Pessoa einlässt, dann wird er/sie eintauchen können in ein Meer von Ideen und Gedanken, möchte mitschwimmen und wird sich auch die Zeit lassen, die es braucht, um fasziniert zu sein.
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Fernando Pessoa wurde am 12. Juni 1888 in Lissabon geboren.
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