Filip Florian

 4 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor von Kleine Finger und Alle Eulen.

Alle Bücher von Filip Florian

Kleine Finger

Kleine Finger

 (3)
Erschienen am 18.08.2008
Alle Eulen

Alle Eulen

 (1)
Erschienen am 29.02.2016

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Gwhynwhyfars avatar

Rezension zu "Alle Eulen" von Filip Florian

Feinste Prosa
Gwhynwhyfarvor 2 Jahren

Der Anfang: : »Zunächst fiel, nach Neujahr, das Glück vom Himmel. Wahrhaftig.«

Das Buch beginnt mit einem Streich von Lucin, der auch gleich mit einer Tracht Prügel endet. Man fühlt sich an Michel aus Lönneberga erinnert. Emil Stratin kann den Jungen vor dem Schlimmsten bewahren.

Lucin, elf Jahre alt, trifft in den Kaparten auf Emil Stratin, 1940 geboren. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Lucin erzählt Emil von seinem Leben, seinen Streichen, Dorftratsch und Emil berichtet von seinem Leben unter der rumänischen Diktatur. So könnte man das Buch kurz zusammenfassen. Schachtelsätze, lange Sätze, empfindet der Leser oft als Zumutung. Hier keinesfalls. In hoher Erzählkunst berichtet Stratin beiläufig über die Zeit der Militärdiktatur Ceaușescus, der Schauer, kriecht dem Leser langsam herauf, bis er ihn erfasst. Emil beherrscht es, mit Eulen zu kommunizieren, was Lucin fasziniert. Der Schrei der Eulen, des Nichtvergessens. Stratins Vater und Großvater waren damals von der Securitate inhaftiert worden. Der Großvater wurde von der Prinzessin gerettet, die sich Ketten und Armbänder wünschte und der Großvater er kundigste Goldschmied war. Der Vater kehrt mit zerstörter Seele heim. Der Kommunismus hatte alles verstaatlicht, Haus, Hof, Tier.

»Wenn man klein ist, kann man Verschleppung für Entspannung halten und ein Arbeitslager für eine Veranstaltung auf der grünen Wiese, später allerdings erscheint einem ein Deutschstämmiger nicht mehr als stämmiger Mensch und ein Donnbass nicht mehr als anhaltend tiefer Ton, das Ächzen, Stöhnen und Schreien aber tönt weiter über Raum und Zeit und gewährt die Einsicht, wieso Lili in der verrückten Welt des Lagers verlangt hatte, mit den Männern zu arbeiten, nachdem sie erfahren hatte, wie viele am Ende der Nachtschicht zu Tode kamen.

Der herzkranke Ingenieur Stratin hat sich in das Kapartendorf zurückgezogen, um seine Memoiren zu schreiben. Lucin ist ein Lausbub mit frecher Klappe, doch nicht ohne gewisse Lebensklugheit. Er wird von seinen Eltern vernachlässigt. Traurig zu lesen, wie ein Anruf einer fernen Tante am Abend die Mutter daran erinnert, dass der Junge Geburtstag hat. Der vom Schnaps abgestürzte Vater muss noch mal aufstehen, den Jungen umarmen und küssen. Wenigstens einmal im Jahr, weil sich das so gehört. Und die Mutter lässt sich dazu hinreißen einen Pfannkuchen zu backen. Geburtstagsfeier zu Ende. Die Geschichte wechselt zwischen Stratins Erinnerungen und den Erzählungen von Emil, seinen Streichen. In letzteren Passagen tritt unverblümter Humor hervor, denn Emil hat so einiges auf Lager. Der Leser erholt sich von schwermütigen und abgründigen Passagen. Doch auch Emil hat schöne Erinnerungen:

»Ihre braunen Locken erinnerten wie gewöhnlich an den Schokoguss auf den Eclairs«

Filip Florian ist Meister der Prosa, der Metaphern.

»Im Übrigen nahm der Abendhimmel die Farbe an, was Stumböen auch für den nächsten Tag ankündigte. Die blauen Stellen schimmerten rosa, die Wolken lila, der Dunst am Horizont spielte ins Weichselrot, und die Zinnen der Gebirge röteten sich, als würden sie mit Paprika gewürzt.«

Anfangs sind die Erzählstränge von Lucin und Emil klar getrennt, wachsen später weiter zusammen. Man erkennt die gediegene Sprache von Emil, und den plappernden Lucin. Doch Lucin verändert seine Sprache, er wird älter, erwachsen. Und so vermengen sich die beiden Erzähler zu einem. Der Leser ahnt, welche Bedeutung das Mädchen Lia für Emil hat und weshalb die Freundschaft zu Lucien ihm wichtig ist. Ein Buch auf hoher Erzählkunst, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, immer wieder etwas Neues findet. Prosa vom Feinsten, Bilder, Gerüche, die im Kopf aufgehen, Sätze die auf der Zunge zergehen.

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HeikeGs avatar

Rezension zu "Kleine Finger" von Filip Florian

Rezension zu "Kleine Finger" von Filip Florian
HeikeGvor 10 Jahren

Zeit, die gewesen ist und die kommen wird

Dem rumänischen Autor Filip Florian ist ein Erstlingswerk gelungen, dem besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, denn es hebt sich von der Masse an jährlichen Neuerscheinungen deutlich ab. Er lässt aus einer "Unzahl an Einzelheiten, Nuancen, Chronologien und Bruchstücken von Biografien" Flüsse ihre Fließrichtung ändern, um zu einem großen Strom zu verschmelzen. Und das geschieht so leise und unprätentiös, so ganz ohne Aufhebens und erzwungenem künstlichem Eingreifen, dass man am Ende beinahe erschrickt, schon am Mündungsarm ins offene Meer zu stehen.

Zur Verwirklichung seiner literarischen Idee gab Filip Florian seinen Journalistenberuf, den er fast zehn Jahre lang ausgeübt hatte, auf und zog sich in den Gebirgsort Sinaia zurück. Beinahe fünf Jahre schrieb er an "Kleine Finger", ein Buch, das in das Genre magischer Realismus eingeordnet werden kann

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: In einem kleinen Karpatenstädtchen werden bei archäologischen Ausgrabungen einer spätrömischen Festung, menschliche Gebeine entdeckt. Die herbeigerufenen Wissenschaftler datieren ihr Alter auf mehrere hunderte Jahre. Doch für die Bevölkerung, allen voran der örtliche Polizeichef, handelt es sich eindeutig um die Hinterlassenschaft einer Massenhinrichtung aus der kommunistischen Vergangenheit in den Fünfzigern. "Sie kümmerten sich nicht um die Ansicht der Historiker, die Skrupel des Gerichtsmediziners waren ihnen suspekt, eine Frucht der Feigheit, und dass die Staatsanwälte keine einzige Kugel entdeckt hatten, nahmen sie als Zeichen dafür, dass die Komplizenschaft mit den Schlächtern die Jahrzehnte überdauert hatte. Sie blieben der eigenen Theorie treu, die sich in apodiktischen Kommentaren und Zeitungsartikeln niederschlug." Daher werden fünf argentinische Experten nach Rumänien geholt, die in ihrem Heimatland mit der Suche und Identifizierung der Opfer der Junta um Jorge Rafael Videla, den "los desaparecidos" (Verschwundene), befasst waren.

Dieses Ereignis dient dem Autor jedoch nur als Skelett. Filip Florian nimmt dem leblosen Knochengerüst seine Starre, indem er es nicht nur mit einer äußeren Hülle überzieht und Leben einhaucht, sondern mit einem mannigfaltigen, facettenreichen Bewusstsein ausstattet und aus seinem Kern Figuren entspringen lässt, die letztendlich eine raffinierte und spitzfindige, sprachlich-literarische Bildercollage ergeben.

Anhand von verschiedenen, zersplitterten Einzelschicksalen flicht er ein großartiges Netz aus Geschichten. Allen voran der zeitweilige Ich-Erzähler Petrus, einer der Archäologen, der auf eigene Faust Nachforschungen in der örtlichen Bibliothek anstellt sowie seine Tante Paulina, bei der er vorübergehend beherbergt ist und die ihre Zukunft im Kaffeesatz liest. Eines Tages sollte sich diese als wahrhaft golden herausstellen.
Paulina wiederum vermittelt ihm die hellseherischen Fähigkeiten ihrer Nachbarin Frau Eugenia Embury - der Witwe eines adligen, englischen Erdölingenieurs - und ihrer überaus reizvollen Enkelin Josephina - genannt Jojo.
Der Leser erfährt etwas über die sechzehn einsiedlerischen Jahre des ehemaligen Findelkindes Gherghe und dessen dämonischen Haarwuchs, der mittlerweile zum Mönch Onufrie konvertiert ist, den Fotografen Sasa und dessen Dromedar, Militärstaatsanwalt Oberst Spiru und dessen Vorliebe für kleine Fingerknöchelchen oder aber den ältesten Mann im Ort, den liebenswerten Dimitru M., einem nach dem Krieg enteigneten früheren Unternehmer.
Letztendlich sind die einzelnen Lebensabläufe in ein großes Ganzes eingewebt, das geschichtliche Umfeld zweier ehemals totalitärer Diktaturen: Rumänien und Argentinien.

Leicht macht es Filip Florian dem Leser jedoch nicht, das Gewirr aus unzähligen Stimmen, Namen und Begebenheiten zu entflechten. Lange Schachtelsätze, von Zeit zu Zeit durch Klammereinschübe ergänzt, erfordern höchste Konzentration. Hinzu kommen ein In- und Auseinanderfließen von Zeitformen, unterschiedliche Erzähler in der ersten und der dritten Person (zusätzlich erschwerend, wenn letztere auch noch mit zahlreichen Varianten und Identitäten aufwarten) sowie eine Kombination aus fiktionaler Erfindungsgabe, geschichtlichen Wahrheiten und kulturellen Gegebenheiten.

Wenn man sich jedoch auf diese Melange einlässt, schlägt sie mit ungeheurer Intensität über dem Leser zusammen und lässt ihn in einem magisch inspirierten, experimentell-exotischen, literarischen Raum eintreten, der einen tieferen, subtileren Sinn verbirgt und trotz emotionaler Erschütterung auch Humor und liebevoll gezeichnete Personen entdecken lässt.

Die sicherlich nicht einfache zu übersetzende Originalfassung wurde von dem in Siebenbürgen geborenen Literaturkritiker Georg Aescht ohne Identitätsverlust großartig ins Deutsche übertragen.

Fazit:
Mit einem klaren, aber auch sehr ausgearbeiteten, jedoch keineswegs langweiligen oder zu technisch wirkenden, ästhetischen Stil, erschafft Filip Florian einen intensiven, äußerst anspruchsvollen, lebhaften Roman, der mit Hilfe vieler Einzelschicksale zwei Epochen des 20. Jahrhunderts in Europa und Lateinamerika wieder auferstehen lässt.

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