Die Erzählungen aus Florian Schneiders Polarstation begeistern durch ihre feinen Beobachtungen, dem menschlichem Dasein zugewandtem Blick, sie lesen sich wie ein Fotoband aus genau sezierten Alltagsmomenten, in denen über Landstraßen gefahren wird, Kleider angezogen oder abgelegt werden,der Geruch von Heu aufgesogen, die schwere Kirchentür nicht geöffnet, das Vinyl geliebt wird. So geben die Erzählungen tiefe Einblicke in die Herzen ihrer Protagonisten, die auch in Liebesbeziehungen so unterschiedlich schlagen wie die Ansichten zu brüchigen Fassaden sind: Ich weiß nicht,was du hier siehst sagt Swantje zu Malte, ich sehe ein bröckelndes Haus, wie sie hier überall stehen. Es bräuchte einen neuen Putz und wahrscheinlich noch viel mehr.
Dafür dürfen die mit ihren Schwierigkeiten ringenden Figuren aus der Welt des Florian Schneiders sich seiner Loyalität gewiß sein. Auch wenn man sich seinen Figuren zuweilen wünschen würde, sie würden nicht nur im Nebensatz aus sich herausgehen. Wie jene Protagonistin, die gezielt, mit festem Vorhaben, während der Erntezeit diesen einen Dorfgasthof aufsuchen wird. Das nicht ins Bild Aufgenommene ist wie auf vielen guten Fotografien auch in diesen Erzählungen präsent: Wird Sina es je erfahren, das sie diesen einen besonderen Moment verpasst hat, weil sie ihn verschlafen hat? Oder hat die zuvorkommende Freundlichkeit der Medizinischen Fachangestellten dem Protagonisten längst seine Diagnose vermittelt?
So unterschiedlich die Figuren des Florian Schneiders sind, so unverkennbar sein Stil: Die mit großer Sorgsamkeit komponierte leise schwingende Meldodie seiner Sprache ergibt einen flüssigen Sound, der einen wie auf einem langen Spaziergang von einer Erzählung zu der nächsten Erzählung trägt, zu einem Ganzem führt. Daher freue ich mich sehr, die "Polarstation" bei Lovely Books weiter empfehlen zu dürfen, und hoffe, bald einen neuen Band voller unbekannter Erzählungen von Florian Schneider aufschlagen zu können-um von anderen Personen und ihrem Leben und ihren Besonderheiten zu erfahren.
Maja Kersting



