Florian Huber Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

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Inhaltsangabe zu „Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit“ von Florian Huber

Der Krieg ging auch nach dem Ende noch weiter, hinter den Türen. Florian Huber schilder eindrücklich Schicksal und Leiden der Familien.

— Azalee
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  • Reise durch die Nachkriegsjahre

    Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

    Patno

    02. May 2017 um 20:35

    "Hinter der Tür warten die Gespenster" habe ich auf der Leipziger Buchmesse 2017 am Stand des Piper Verlags entdeckt. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit sprach mich sofort an. Vom Autor Florian Huber hatte ich noch nicht gehört. Um es vorwegzunehmen, das Buch ist kein Roman, geht eher in Richtung Sachbuch und enthält eine Sammlung von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Erinnerungen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Es sind Erlebnisse von Helden und Antihelden, in deren Mittelpunkt ihre Familien stehen. In kurzen Abschnitten geht der Autor auf einzelne Familienschicksale ein, die er im Laufe des Buches immer wieder aufgreift. Manches ist schockierend und berührend zugleich. Als Beispiel möchte ich die Geschichte der Familie Ludin erwähnen, die mich schon sehr zum Nachdenken angeregt hat. Hanns Elard Ludin war als Gesandter des deutschen Reiches in der Slowakei für die Deportation von 70000 Juden politisch verantwortlich und wurde dafür zum Tode verurteilt. Und doch war Hanns auch ein vielfacher Familienvater, der geliebt hat und zurückgeliebt wurde. Seine Gedanken und Gefühle in den letzten Stunden seines Lebens sind mir nahegegangen. Auch die im Buch beschriebene Entnazifizierung empfand ich als Farce. Sicher wurden Exempel statuiert, aber mit einer netten Empfehlung unter Freunden wurde man freigesprochen. Die Menschen versteckten sich gern hinter ihrem Idealismus, nach dem Motto "Verdrängen und Schweigen". Ein Zitat aus dem Buch fand ich in diesem Zusammenhang so treffend und wahrscheinlich ist es kennzeichnend für endende Epochen der Geschichte. "Aber die Ehemaligen saßen nicht nur in den Ministerial- und Abgeordnetenbüros. Man sah sie in schwarzen Roben und weißen Kitteln in den deutschen Gerichts- und Krankenhausfluren, wo sie im dritten Reich das Recht des Stärkeren und die Medizin des Höherwertigen praktiziert haben." Der Krieg hat die Familien schwer belastet. Während die Frauen versucht haben, sich allein mit ihren Kindern durch die schwere Zeit zu kämpfen, kehrten die Männer nach Kriegsende und Gefangenschaft, als Wracks und gebrochene Männer in den Schoß der Familie zurück. Man war sich sehr fremd geworden. Die Nachkriegsjugend wuchs heran, Halbstarke mit ihren Motorrädern, die zum Schrecken der 50er Jahre wurden. Florian Huber gelingt es vortrefflich, den Leser mit seinen Texten in die Zeit nach 1945 zu versetzten. Er hat einen intelligenten Sprachstil, der auch für einen "Nichtfachmann" anschaulich und gut verständlich zu lesen ist. Es ist eine Enzyklopädie entstanden, die die Entwicklungen der Frauen, Männer und Kinder in dieser Epoche auf bemerkenswerte Weise widerspiegelt. Am Ende des Buches findet der Leser tabellarisch aufgelistete Zitatnachweise sowie ein umfangreiches Quellenverzeichnis. Diese ergreifende Lesereise durch die Nachkriegsjahre konnte mich fesseln und meinen Blick für das damalige Zeitgeschehen schärfen. Viele interessante Informationen und Gedanken nehme ich mit. Meine 5 Sterne-Leseempfehlung!

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  • Leider enttäuschend

    Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

    Buecherschmaus

    24. April 2017 um 12:20

    Im Dritte Reich galt die Familie als die „Keimzelle des Volkes“. Sie wurde idealisiert, kontrolliert und indoktriniert. Aber was blieb von ihr übrig nach dem Zusammenbruch? Welche Spuren hinterließen die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft? Und wie lange wirkten diese Einflüsse fort? Vielleicht sogar bis in unsere heutige Zeit?Spannende Fragen, die in etlichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Werken, in unzähligen literarischen Texten und – in neuerer Zeit besonders beliebt – in bestimmten TV-Formaten diskutiert wurden und werden. Spannende Fragen, da sie zumindest die in den Vierziger bis Siebziger Jahren Geborenen direkt betreffen. Sind sie doch alle in Familien groß geworden, die von den Auswirkungen der Jahre 1933 bis 1945 (und gewiss etlicher Jahre davor und danach), geprägt wurden, sei es als Söhne und Töchter, sei es als Enkelkinder. Meist wurde in den Familien über diese Zeit zu wenig oder aber auch zu viel, aber das Falsche erzählt (die heldenhaften Kriegserlebnisse, augenfeuchte Bekenntnisse zur alten Kameradschaft oder die Mär vom gloriosen Autobahnbau). Aber in den Fotoalben begegneten wir ihnen, den schneidigen Soldaten in ihren Ausgehuniformen, die beim Weiterblättern auf den Fotos plötzlich fehlen oder aber kaum wiederzuerkennen, abgemagert, ausgemergelt, mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen uns entgegenblicken. Was passiert in den Familien mit solchen Leerstellen oder aber mit solch gebrochenen Menschen in ihrer Mitte.Dieser Frage versucht Florian Huber in seinem Buch „Hinter den Türen warten die Gespenster“ nachzugehen. Er tut das auf seine Art – er ist Historiker aber auch TV-Filmproduzent. Man kennt die Formate, in denen Zeitzeugen in Erinnerungsschnipseln, untermalt mit raunender Erzählerstimme und suggestiver Musik zusammengeschnitten werden zu einem „Zeitpanorama“. Hier geschieht das Gleiche in Textform. Verschiedene Familien werden anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Gesprächen vom Kriegsende bis in die Sechziger Jahre und darüber hinaus betrachtet.Schwerpunkte werden gelegt bei den Frauen, die den Alltag während des Krieges, das Überleben und die Versorgung der Kinder im Alleingang bewältigen mussten und auch den größten Teil des Wiederaufbaus schulterten; bei den Kindern, die ihre Väter kaum kannten, die durch die Übertragung verantwortungsvoller Aufgaben frühzeitig erwachsen und selbstständig wurden und oft zur Mutter eine besondere Beziehung aufbauten; und natürlich bei den Männern, durch die Kriegserlebnisse zu hohem Maße traumatisiert, enttäuscht und verbittert, in den Nachkriegsgegebenheiten völlig orientierungslos, umso mehr, je später sie heimkehrten, verunsichert in ihrer Rolle als Familienoberhaupt. Diese Gruppen trafen nun aufeinander und sollten eine „heile“ Familie bilden, gerade in Notzeiten Sehnsuchtsort für viele. In den meisten Fällen klappte das nicht so reibungslos, reagierten die Väter mit übertriebener Strenge, mit Aggressionen und oftmals Gewalt und entfremdeten sich so von Kindern und Ehefrauen. Die Scheidungsrate stieg dramatisch.Die Sachverhalte sind, wenn auch hinlänglich bekannt, sehr interessant. Zumindest zu Beginn gelingt es Florian Huber aber nicht, ein wirklich schlüssig aufgebautes Ganzes daraus herzustellen. Die herangezogenen Quellen wirken zu beliebig, die Konstruktion, wenn auch chronologisch aufgebaut, nicht ganz schlüssig und vor allem die (auch sprachliche) Darstellung zu boulevardesk. Ab der Mitte des Buches wird dies besser. Besonders gut ist der Autor, wenn er sich von den Einzelquellen etwas wegbewegt und Gesamtzusammenhänge herstellt. Da wird das Buch dann auch relevant. Das ist leider bei der Zitierung der Quellen oft nicht der Fall. Wenn er zum Beispiel Heinrich Bölls „Haus ohne Hüter“ heranzieht, wird deutlich, um wie viel aufschlussreicher die Lektüre des Originalwerks für die Thematik wäre. Ähnlich geht es mit Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ oder Angelika Senffts „ „. Huber hat den von ihm zusammengetragenen Zeitzeugnissen zu wenig zuzufügen. Und für eine bloße Zusammenfassung sind seine fast 350 Seiten zu viel. Da kommt es zu etlichen Redundanzen.Wie gesagt, das Buch steigert sich ab der Mitte deutlich und bietet dann auch einige spannende Aspekte. Insgesamt aber verspielt es leider ein wichtiges Thema und kommt über das Niveau einschlägiger TV-Formate nicht hinaus.

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  • Der gesellschaftliche Kern der 50er Jahre

    Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

    michael_lehmann-pape

    08. March 2017 um 14:38

    Der gesellschaftliche Kern der 50er Jahre„Was bei uns passiert, geht keinen was an“.Ein Satz, mit dem so ziemlich alle bekannt sind, die in den 60er, auch noch 70er Jahren aufgewachsen sind. Ein Satz, der die „Schutzhöhe“ Familie kennzeichnet, im guten Sinne, ein Satz aber auch, der, gerade nach dem Krieg und der Verstrickung von Millionen Deutschen in den unseligen Staat zuvor auch Ausdruck davon gibt, dass so manche „Familiengeheimnisse“ vor allem eins zu bleiben hatten, nämlich öffentlich nicht bekannt.Das Bild der Familie, der Frau, die Erziehung der Kinder, das Verlangen nach der Geschlossenheit der eigenen vier Wände, all das prägte die Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Aufbaujahre in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die „heile Familie“, alles wurde dafür getan, diesem Ideal nahe zu kommen, vor allem aber um jeden Preis den Anschein einer solchen zu erwecken, auch wenn es hinter verschlossenen Türen und in der Vergangenheit der „Familienoberhäupter“ und ihrer „Frauen“ ganz anders aussah.Und doch war diese Reibung, dieses Aufeinandertreffen von Legend und Wahrheit, von Verschweigen und Nachfragen durch die jüngere Generation nicht aufrechtzuerhalten, letztlich. Die sogenannten „68er“ hat es in dieser Form eben nur aufgrund dieser Lebensumstände, dieses „Nicht Antwortens“, dieser Fassade, die mit aller Strenge mancherorts aufrechterhalten wurde, nicht gegeben.Wie auch schon die „musikalische Befreiung“, so harmlos und angepasst und den gesellschaftlichen Zielen entsprechend diese auch war, bereits alle Gegenkräfte auf den Plan riefen. In der dumpfen Ahnung, dass es nicht viel an „Rebellion“ und eigenständiger Jugendkultur bedürfen würde, um aus dem Gefühl von „Freiheit“ ein unbequemes Nachfragen und „In Frage stellen“ zu generieren. Wie es ja auch geschehen ist.In den Familien, in denen überwiegend Männer behaupteten, die Richtung angeben zu wollen, die einerseits traumatisiert und andererseits, kollektiv, „Dreck am Stecken“ hatten durch ihre (natürlich oft auch erzwungene, nicht selten aber überzeugte und begeisterte) kämpferische Mitwirkung an jenem unseligen „1000jährigen Reich“ und seiner ebenso unseligen Ideologie.Gebrochene Menschen, Millionen von Flüchtlingen, aus Gefangenschaft heimkehrende, in der Heimat die Trümmer wegschaufelnde Menschen, Männer und Frauen, die die äußere heile Welt selber kaum in Einklang brachten mit den inneren Erlebnissen und den inneren Zuständen, die daraus resultierten.Eine Gemengelage, zu der auch gehört, dass in den Kriegsjahren beide Seiten sehr, sehr getrennt voneinander das Überleben angingen und sicherten. Wie so mancher Mann unverhofft aus dem Krieg zurückkehrte, für tot gehalten, als Fremder, der plötzlich mit am Tisch saß. Wie sich Frauen in den Jahren um das Kriegsende herum und danach vielfach aus der Not, dann aber auch mit Selbstbewusstsein, selbst zu helfen wussten. Aber auch traumatisches und bedrohliches erlebt hatten als Opfer, wo die Ehemänner nicht selten an anderem Orte Täter waren und die Taten nun nicht einfach innerlich ausradieren konnten.Eine Gemengelage, die Florian Huber sehr bildkräftig und sehr kundig dem Leser vor Augen führt und, mehr noch, darüber hinaus in jenen Jahren bis in die Mitte der fünfziger Jahre hinein eine ganze „Gesellschaftskunde“ entfaltet, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Denn die Kinder jener Tage und deren Kinder sind tief geprägt durch dieses „Gewusel“ an Familie, an sozialen Strukturen, an Ressentiments und ausweichender Haltung.Fäden nimmt er dabei auf, die an konkreten Personen sich festmachen, die nicht abstrakt Zusammenhänge versuchen, herzustellen, sondern an denen er ganz konkret jene Zeit lebendig werden lässt.Sei es jene Frau, die eine „Frau mit vielen Geheimnissen war“, Mutter eines unehelichen Kindes (was nicht selten war in einer Zeit, in der „Blitztrauungen“ kaum mit der Gefallenenliste nachkamen), aber auch verstrickt in das Regime, was tunlichst nun nicht ans zu sehr ans Tageslicht kommen sollte.Oder Monika Jetters Vater, 30 Jahre auf der Suche nach einem besseren Leben und dann 1946 plötzlich mit am Tisch saß. Und über Jahre hinweg nur „Kind“ oder „Soldat“ gewesen sein wollte, das „Dazwischen“ wurde als „dunkles Loch“ in den Raum gesetzt und einfach als „Nicht-existent“ gekennzeichnet.Eine sehr anregende Lektüre, eine intensive Auseinandersetzung mit einer sehr speziellen Zeit, in der er „alte“ und „neue“ Welt, tradiertes Familienbild und vielfache persönliche Brüche, eine unheilige Allianz eingingen, vor allem zu Lasten der nachfolgenden Generation.

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