Neulich sah ich durch Zufall in irgendeiner Fernsehsendung eine Dame mit bedeutungsschwerem Blick sagen, dass für die Produktion eines Kilos Rindfleisch 15000 Liter Wasser verbraucht werden. Für Zahlen habe ich ein Gefühl. Und das sagte mir, diese Aussage kann nur kompletter Unsinn sein.
Man kann sich leicht informieren, dass ein Rind etwas mehr als 300 kg Fleisch nach der Schlachtung liefert. Bis dahin lebt es im Durchschnitt etwas mehr als 5 Jahre. 15 Kubikmeter mal 300 macht 4500 Kubikmeter, geteilt durch 5 macht 900 Kubikmeter pro Jahr. So viel Wasser verbraucht also ein Rind ungefähr im Jahr. Es geht hier nicht um genaue Werte, sondern um eine Überschlagsrechnung, die den Unsinn der obigen Aussage aufdecken soll. Ein Rind müsste also, wenn es diese Wassermenge trinken würde, pro Tag ungefähr 2,5 Kubikmeter Wasser saufen (900 durch 365). 100 Liter, also 0,1 Kubikmeter wäre die richtige Menge, sagt einem jeder Bauer. Und das ist vorstellbar. Also kann die obige Wassermenge nicht durch Trinken verbraucht werden.
Wie diese absurde Zahl tatsächlich zustande kommt, kann man im Buch nachlesen. Es ist ein einziger Unfug, denn in dieser Zahl ist zum Beispiel alles Wasser enthalten, was auf die Weide fällt. Es geht bei dieser Zahl aus einer "Studie" also lediglich darum, Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Oder hat schon mal jemand Gemüse einen Vorwurf gemacht, dass es Wasser verbraucht?
Eigentlich habe ich mir dieses Buch besorgt, weil es auch sonst jede Menge Dummheiten rund um das Rind gibt, etwa eine Klimasteuer pro Tier in Dänemark wegen des Methanausstoßes der Viecher. Auch darauf geht das Buch ein.
Aber sein eigentliches Thema liegt ganz woanders, nämlich bei der Rinderhaltung. Der Autor erklärt sehr ausführlich, dass eine fast ganzjährige Weidehaltung ein wunderbarer Beitrag für die ökologische Vielfalt und auch fürs Klima wäre. Leider ist das nicht einfach, denn ein solches Vorhaben braucht viel Platz, viele Kenntnisse und gewiss auch andere Kühe.
Für mich war das ein sehr lehrreiches, aber auch schwieriges Buch, denn meine Vorstellungen von einer Rinderhaltungen waren bis dahin mehr als naiv. Ich habe nun eine große Hochachtung vor Leuten, die die Vorschläge aus diesem Buch tatsächlich umsetzen, denn das erfordert unter anderem sehr viel Erfahrung und beachtliche Kenntnisse zum Beispiel über Pflanzen, insbesondere über Gras.
Kurzes Nachdenken offenbart aber auch, dass eine Weidehaltung einen erheblichen Mehraufwand bringt. Zum Beispiel beim Melken. Entweder man hat einen mobilen Melkstand oder treibt die Kühe zum Melken zurück in den Stall. Und natürlich braucht man Fläche und muss genau darauf achten, wann die Herde von einer Weide auf eine andere umgesetzt werden muss, damit die Pflanzen nachwachsen können. Eine Stallhaltung mit sogenanntem Kraftfutter lässt sich betriebswirtschaftlich viel besser darstellen, hat aber langfristig Nachteile. Und bestimmte Hochleistungskühe werden auf einer Weide nicht mehr satt, weil sie nur darauf gezüchtet wurden möglichst viel Milch zu produzieren.
Es ist ein ewiges Dilemma: Solange Bauern den Mehraufwand durch eine sinnvollere Tierhaltung nicht erwirtschaften können, weil es einfach zu viel Fleisch und Milch gibt, wird es nicht zu einer Umstellung kommen, jedenfalls nicht in größeren Maßstäben.
Da es im Buch um Weidehaltung geht, spielt auch die zunehmende Ansiedlung von Wölfen eine gewisse Rolle. Den ganzen grünen Unfug einer angeblichen Vielfalt durch den Wolf sieht man an der Küste, wo inzwischen Deiche nicht mehr durch die Schafshaltung abgegrast und verfestigt werden. Dort kann man weder Zäune bauen, noch teure Hütehunde herumlaufen lassen, weil es sich auch um eine touristisches Gebiet handelt.
Das Buch ist eigentlich gut geschrieben, aber eben auch recht speziell. Und leider kann man dem Autor einen gewissen Hang zur erzählerischen Weitschweifigkeit nicht absprechen. Allerdings kann man bei ihm auch sehr viel lernen. Ich habe jedenfalls nach diesem Text einen ganz anderen Blick auf die Rinderhaltung. Das Rind ist einer der längsten Kulturbegleiter des Menschen. Was Jahrtausende vernünftig und sinnvoll war, kann nicht plötzlich in zwei Jahrzehnten kompletter Unsinn sein. Der Unsinn liegt eher auf der anderen Seite.
Florian Schwinn
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Florian Schwinn
Rettet den Boden!
Die Klima-Kuh
Tödliche Freundschaft
Neue Rezensionen zu Florian Schwinn
Ein vernünftiges Buch über den Boden wollte ich schon immer mal lesen. Und hier wurde ich fündig. Für Details s. Inhaltsverzeichnis.
Mit viel Kenntnis der Materie, aber auch sehr zugänglich und anfängertauglich wurden die wichtigsten Dinge auf diesem Gebiet geschildert. Das Buch liest sich sehr angenehm, wie die Geschichten aus dem Leben.
So manches hat sich so eingeprägt, dass ich immer daran zurückdenke, obwohl die letzte Seite bereits vor einiges Monaten umgeblättert wurde.
Alle Inhalte sind hier interessant und kennenlernenswert, z.B. „Gärtners Spurensuche“, „Darauf stehen wir“ gleich am Anfang. Besonders aber prägte sich ein, wie der Autor sich mit dem eigenen Acker abrackerte, S. Kap. 1 „Schwemmland“. Da erfährt man, was so alles auf einen zukommen kann, wenn man das eigene Land bestellt. Kap. 2 geht etwas tiefer darauf ein.
Kap. 3 fällt regelrecht schockierend aus, wenn man liest, wie der Tag einer Melkkuh aussieht. Da wurde exemplarisch ein Betrieb, der hunderte von Milchkühen zwecks der Milchproduktion exploitiert, beschrieben. Noch Paar erklärende Kommentare dazu, und man ist nachhaltig beeindruckt/ schockiert. Den Satz, dass die billige Milch meist von den kranken Kühen kommt, vergesse ich wahrscheinlich nie.
Kap. 4 erzählt noch viele andere spannende Dinge über den Boden, wie er zu einem herkömmlich geführten zum Ökolandwirtschaftlich betriebenen wird, wie langsam die Humusschicht wächst, wie viel Aufwand dies mit sich bringt uvm. Schön auch, dass man den Bauern kennenlernen durfte, der diese Wende vollzogen hatte, denn er konnte am besten erklären, wie er das geschafft, was ihn dazu bewogen, welche Tücken dieser Prozess in sich, wie er diese Probleme gemeistert hatte usw.
Auch wenn man nichts mit der Landwirtschaft zu tun hat, und gerade dann, ist dieses Buch eine sehr lesenswerte und aufschlussreiche Lektüre.
Die Fragen der Umwelt sind heute akuter denn je. Ein Grundverständnis dafür, weshalb die Ökolandwirtschaft eine nachhaltigere ist, wie diese konkret aussieht, erweitert den eigenen Horizont und trägt zur Allgemeinbildung bei. Schaden tut es mit Sicherheit nicht. Und man bekommt u.a. spannende Einblicke in das Leben eines Öko-Landwirtes.
Auch für Schüler und Studenten kann dieses Buch eine lohnenswerte Lektüre werden.
Weitere lesenswerte Bücher des Verlages, die das Thema Boden und Umwelt für breites Publikum prima aufbereitet haben:
Das Gift und wir, Forster/Schümann (Hrsg.)
Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen, R. Echensperger
Zieht Euch warm an, es wird heiß! S. Plöger
Alle reden über das Klima. Es geht in der aktuellen, stellenweise ins Katastrophische abgleitenden Debatte in der Öffentlichkeit und zunehmend in der Politik um die unterschiedlichsten Maßnahmen, um das bei der Pariser Klimakonferenz verabredete Ziel der Begrenzung der Erderwärmung zu erreichen.
Obwohl immer auch dabei hingewiesen wird auf den enormen Anteil, den die Landwirtschaft durch die moderne Weise ihrer Nahrungsmittelproduktion und des Anbaus an der Veränderung des Klimas hat, ist die Grundlage aller Landwirtschaft, eben auch der biologischen, der Boden und seine Humusschicht, bisher viel zu wenig beachtet worden.
Der erfahrene und mit etlichen Umweltpreisen für seine engagierte journalistische Arbeit ausgezeichnete Journalist Florian Schwinn zeigt in seinem hier beim Westend Verlag erschienenen Buch, dass wir dem „Boden unter unseren Füßen“ viel mehr Aufmerksamkeit widmen müssen, denn er ist die Grundlage für alles Leben. Wir leben von dem, was der Boden bereitstellt.
Schwinn zeigt sehr verständlich und aufschlussreich, welches unglaubliche Leben in nur einer Handvoll Erde es gibt. Da leben mehr Organismen als es Menschen auf der Erde gibt. Mikroorganismen und Regenwürmer, Asseln, Fadenwürmer, Springschwänze uvm sind die biologischen Arbeiter, die dem Menschen zu einem ertragreichen Boden verhelfen. Haben die Bauern in früheren Zeiten noch dafür gesorgt, dass sich der Humus aufbauen kann (ein Millimeter braucht dreihundert Jahre!), beutet die moderne Landwirtschaft diesen Boden nur noch aus. Die Gülle, die als Dünger ausgebracht wird, reicht nicht, um wirklich Humus aufzubauen, sondern vergiftet den Boden und das Wasser zusehends.
Florian Schwinn zeigt engagiert und leidenschaftlich, dass mit dem Aufbau von nur vier Promille Humus mehr pro Jahr auf allen landwirtschaftlichen Flächen der weltweite Kohlendioxidausstoß im Boden gespeichert werden könnte. Eine solche weltweite Vier-Promille-Initiative hatte Gastgeber Frankreich bei der Pariser Konferenz vergeblich vorgeschlagen. Obwohl ich mich ausführlich täglich über verschiedene Pressemedien über die Klimadebatte informiere, war mit diese Tatsache bisher nicht bekannt.
Florian Schwinn fordert, diese Bodeninitiative wieder aufzunehmen. Ein sofortiges Umdenken sei nötig im Umgang mit unseren Böden. Nur so kann unsere wichtigste Lebensgrundlage gerettet werden. Gleichzeitig könnte so ein wirklich entscheidender Beitrag geleistet werden zum Klimaschutz und zum Erhalt der Artenvielfalt.
Mit einer Humuswende, wie er sie vorschlägt, könnte die Landwirtschaft vom Klimazerstörer zum Klimaretter werden. Leider ist diese dringend nötige und „grund“ legende Wende bisher in der zunehmend aufgeheizten Umweltdebatte um Ausstiegsdaten, SUVs und Flugscham noch nicht in den Blick geraten. Übrigens: ist die Humusschicht erst einmal zerstört, ist auf diesen Flächen auch über Jahrhunderte kein ökologischer Landbau mehr möglich.
Vielleicht hilft eine grüne Regierungsbeteiligung nach der nächsten Wahl, die uns wohl schneller bevorsteht, als manche denken, der Humuswende den nötigen politischen Schub zu geben und ihre Umsetzung einzuleiten.
Dieses Buch stellt den Boden als das zentrale Element für die Kohlenstoffbindung endlich in den Mittelpunkt.
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