Florian Tietgen ... wenn es Zeit ist ...

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Inhaltsangabe zu „... wenn es Zeit ist ...“ von Florian Tietgen

Für Henrik gibt es viele Gründe, sich vor der Welt und dem Leben zu verstecken. Da ist sein Hang, zuzuschlagen, wie sein Vater es bei ihm getan hat. Da ist seine beste Freundin Michi, die behauptet, er könne mit seinem Atem Knochenbrüche heilen und da ist eine Zeitung, der zufolge er ein totes Kind zum Leben erweckt haben soll. Da ist Jan, den er am liebsten küssen würde. Und da sind die Farben, die wie Nieselregen die Menschen umgeben, die aber außer ihm niemand sieht. Haben die mit dem Kästchen zu tun, das ihm seine Großmutter vor ihrem Tod mit den Worten in die Hand gab, er solle es behüten. Und erst öffnen, ... wenn es Zeit ist ...

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  • Sehr gefühlvolles Meisterwerk

    ... wenn es Zeit ist ...
    Koriko

    Koriko

    01. June 2015 um 12:38

    Story: Der sechszehnjährige Henrik unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von seinen Mitschülern und ist zeitgleich seinem prügelnden Vater erschreckend ähnlich, da auch er den Hang hat seiner Wut die Zügel zu lassen und um sich zu schlagen. Zeitgleich stecken vollkommen ungeahnte Fähigkeiten in ihm, die er sich nicht erklären kann. So sieht er die farbigen Auren, die Menschen umgeben und ist in der Lage Verletzungen, Krankheiten und Brüche allein mit seinem Atem zu heilen. Allerdings glaubt daran eher seine Freundin Michi, während Henrik die meiste Zeit damit beschäftigt ist, seine Wut zu kontrollieren und sein Leben zu meistern. Als er einem Kind nach einem Autounfall das Leben rettet und die Presse auf den Wunderheiler aufmerksam wird, ändert sich Henriks leben schlagartig – zum einen bittet ihn sein Mitschüler Jan um Hilfe, den er schon längere Zeit mag, zum anderen drängt sich die geheimnisvolle Kiste seiner Großmutter immer stärker in seine Gedanken, die er erst öffnen darf, wenn es Zeit ist … Eigene Meinung: Der vorliegende Roman stammt aus der Feder von Florian Tietgen, der bereits etliche Romane und Novellen geschrieben hat. Zu seinen bevorzugten Genres gehören Krimi und Thriller, jedoch auch belletristische Werke und Jugendbücher, die zumeist durch homosexuelle Hauptfiguren aus der breiten Masse hervorstechen, zu dem auch „… wenn es Zeit ist …“ gehört. Der Einstieg in die Geschichte fällt nicht leicht, da Florian Tietgen dieses Mal mit etlichen Zeitsprüngen und Einschüben verwirrt, die zu einer Vielzahl kurzer Kapitel führen. Mit er Zeit kommt man zwar dahinter, welches Ziel der Autor damit verfolgt, doch es dauert gut ein Drittel des Buches, bis man sich daran gewöhnt hat, das manche Passagen gerade einmal eine halbe Seite umfassen, bevor ein zeitlicher Sprung von fünf bis zehn Jahren kommt und eine Episode aus Henriks Vergangenheit beleuchtet wird. Insgesamt wäre es schöner gewesen, wenn die Geschichte kontinuierlicher erzählt worden wäre, auch wenn auf diesem Weg die Geheimnisse und Schlüsselereignisse erst nach und nach preisgegeben werden. Wie auch bei „Das Haus der Jugend“ wird einem keine leichte Kost präsentiert und auch dieses Mal werden fantastische und mysteriöse Elemente mit einer realistischen Handlung verknüpft, ohne dass man das Gefühl hat in einem Fantasyroman gelandet zu sein. Trotz Hendriks Fähigkeiten ist „… wenn es Zeit ist …“ durch und durch realistisch gehalten und wirkt trotz der Zeitsprünge eher wie ein Entwicklungsroman. Das liegt vor allem daran, dass man durch die Rückblenden eine Menge über Henriks Kindheit erfährt und sein Heranwachsen miterlebt. Obwohl viele Dinge geklärt werden, endet das Buch relativ offen, da im Grunde nur ein Bruchteil der Fragen beantwortet werden, die sich im Laufe der Zeit auftreten. Nichtsdestotrotz ist das Ende in sich stimmig und passt gut zur Geschichte. Der homoerotische Teil hält sich dieses Mal stark in Grenzen. Henrik entwickelt zwar gesteigertes Interesse an Jan, der ebenfalls nicht uninteressiert ist, doch diese beginnende Liebe ist keineswegs Zentrum der Geschichte. Vielmehr geht es um Henriks Fähigkeiten, seine Vergangenheit und seine Familie. Dementsprechend sollten sich Fans schwuler Literatur bewusst sein, dass es in diesem Roman nicht um Beziehungsdramen und schwülstige Liebesschwüre geht und Erotik dementsprechend kaum vorkommt. Mit Henrik ist Florian Tietgen ein ungewöhnlicher Hauptcharakter gelungen. Er ist sehr still, introvertiert und zerdenkt die meisten Probleme allein. Seine kaum bezähmbare Wut und seine Art schnell die Beherrschung zu verlieren, stehen im krassen Gegensatz zu seinen Fähigkeiten Menschen zu heilen und die Auren der Menschen zu sehen. Dennoch wirkt er realistisch und authentisch. Man kann sich gut mit ihm identifizieren und seine Gedanken nachvollziehen. Auch die Nebencharaktere sind in sich schlüssig und handeln logisch – sei es seine Freundin Michi, die mit ihrer fröhlichen, lockeren Art einen angenehmen Konterpart zu Henrik ergibt oder dessen Mutter, deren Vergangenheit ebenfalls ausgebaut wurde und daher eine wichtige Rolle einnimmt. Sie sind alle lebendig und geben der Geschichte und Henrik einen passenden Rahmen, um sich weiterzuentwickeln. Stilistisch legt Florian Tietgen einmal mehr solide, gut geschriebene Kost vor, die sich stark von den üblichen Vertretern des Gay Genres abhebt. Das liegt zum einen an seinem erwachsenen, belletristischen Schreibstil, zum anderen aber auch an den realistischen Figuren und den ungewöhnlichen Geschichten. „… wenn es Zeit ist …“ besticht durch eine gute Charakterdarstellung, flüssige, lebendige Beschreibungen und einen schönen Einblick in die Zeit der 70er Jahre, in der der Roman letztendlich spielt. Fazit: Sobald man den Einstieg in Florian Tietgens Roman „… wenn es Zeit ist …“ geschafft hat und mit den vielen Zeitsprüngen klarkommt, erwartet den Leser eine ungewöhnliche, leicht fantastisch angehauchte Geschichte mit authentischen Figuren und unerwarteten Wendungen. Dank des belletristischen Schreibstils und der interessanten Aufbereitung des Grundthemas ist „… wenn es Zeit ist …“ durchaus empfehlenswert, insbesondere wenn man genug von stereotypen Geschichten und Charakteren im Gay Genre hat. Wem „Haus der Jugend“ gefallen hat, wird auch „… wenn es Zeit ist …“ mögen, wenngleich der Roman nicht ganz an erstgenannten Roman heranreicht, ebenso könnte der Roman auch für diejenigen von Interesse sein, die normalerweise keine schwule Lektüre bevorzugen.

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  • Florian Tietgen - ... wenn es Zeit ist ...

    ... wenn es Zeit ist ...
    Marny

    Marny

    14. May 2014 um 22:44

    Henrik kann seinen Hang, zuzuschlagen, nicht kontrollieren. Wenn er in Wut gerät, wird er wie sein Vater, dessen Gewalt ihn geprägt hat. Aber da ist auch seine beste und einzige Freundin Michi, die fest davon überzeugt ist, dass sein Atem heilen kann. Und Jan, den er am liebsten küssen würde. Henrik ist innerlich zerrissen und fürchtet, dass er wie von seinem Vater vermutet pervers ist. Ihn tröstet die Erinnerung an seine Großmutter, die ihm ein Kästchen gab, das er erst öffnen sollte, wenn es Zeit ist. Ist der richtige Moment gekommen, als er immer öfter Farben sieht, die die Menschen wie Nieselregen umgeben? Der Roman beginnt im Jahr 1976 mit dem 16-jährigen Henrik, führt uns kapitelweise aber auch weiter zurück in seine Vergangenheit und sogar in die Zeit vor seiner Geburt. Durch die Jahreszahlen in den Kapitelüberschriften weiß man aber immer, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Es wird also nicht chronologisch erzählt, sondern mit vielen kurzen Rückblenden gearbeitet, die ein Stückchen seines Lebens beleuchten. Dadurch wirkt die Geschichte auf mich auch persönlicher, weil es sich so anfühlt, als ob ein Freund von seinem Leben erzählt. Das Buch beginnt mit Gewalt und dem ungewöhnlichen Anfang einer Freundschaft, allerdings stand für mich die Neugier auf die Hintergründe im Vordergrund. Henrik hat etwas in mir berührt und ich wollte mehr über ihn wissen. Warum kann er seine Wut nicht kontrollieren? Wodurch wurde er geprägt? Welche Gewalt hat er selbst erfahren? Meine Fragen wurden im Lauf der Geschichte nicht einfach nur beantwortet, ich durfte Henrik auf einer tiefen Ebene kennenlernen, die auf mich sehr sensibel gewirkt hat. Mir gefällt die feinfühlige und stimmungsvolle Art, in der dieser Roman geschrieben wurde. Trotz der brutalen und bedrückenden Szenen wirkt die Geschichte sanft auf mich. Ruhig erzählt, mit Blick auf die Hintergründe und Henriks Zerrissenheit. Ein vielschichtiges Portrait seiner Seele. Sehr fesselnd! Der Roman thematisiert verschiedene Themen, die keine “leichte” Kost sind und bedrücken können. Mir war das aber nicht zu viel, weil es nicht nur negatives gab, sondern auch positives. Szenen, die mich traurig gestimmt haben, aber auch Hoffnung. Ich hatte vor dem Lesen vermutet, dass mich die Gewalt am meisten belastet, aber da habe ich mich geirrt. Das war dann doch der damalige Umgang mit Homosexuellen und die fehlende Akzeptanz von Andersartigkeit. Mir war natürlich klar, dass das ein schwieriges Thema sein wird, ich habe nur unterschätzt, wie krass das war. Und vielleicht auch, wie sehr mir das zu Herzen geht. Ein immer noch aktuelles Thema, auch nach all den Jahren. “… wenn es Zeit ist …” war für mich eine tiefgründige und feinfühlig erzählte Geschichte, die mich so sehr berührt hat, dass ich oft Tränchen in den Augen hatte. Mit einem Ende, das für mich perfekt zu dem Buch passt und einen Ausblick darauf gibt, wie es weitergeht. Der Roman hinterlässt bei mir nicht nur viele Eindrücke, er macht auch nachdenklich und sorgt für so einige Reflektionen. Von dieser Geschichte hat man länger etwas und nimmt vieles mit – eine Bereicherung, die ich nicht missen möchte.

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  • Florian Tietgen stellt mit wenn es Zeit ist eine Grundsatzfrage, die jede Person für sich selbs

    ... wenn es Zeit ist ...
    inflagrantibooks

    inflagrantibooks

    15. February 2014 um 16:00

    Unser erste Gedanke zu diesem Cover: „Ja. Okay. Das ist irgendwie … eigen.“ Allerdings gehört dieses Cover zu denen, die man erst versteht, wenn man die Geschichte kennt. Sobald die Geschichte gelesen wurde, ist auch das Bild des Covers klar und es lässt sich sagen, dass es perfekt zum Inhalt passt. Henrik hat es nicht leicht in seinem Leben. Vom Vater wird er geschlagen und bei jeder Gelegenheit runtergemacht. Die Mutter versucht ihn zu schützen, indem sie ihren Mann anlügt, aber sich nicht gegen ihn wehrt. In der Schule wird er gehänselt und hat keine Freunde, weil er irgendwie anders ist. Henrik neigt zu Gewalttätigkeiten und hat seine Wut nicht immer unter Kontrolle. Erst als er eine Freundin findet, versucht er diese zu unterdrücken. Ein einschneidendes Erlebnis bringt die erwartete Wendung in seinem Leben. Nun muss Henrik selbst entscheiden, ob sich sein Leben zum Guten oder Schlechtem entwickelt. „… wenn es Zeit ist…“ entführt uns in die 70er-Jahre und in ein Leben, das die heutige Generation gar nicht mehr kennt. Obwohl im Klappentext verraten wird, dass Henrik anders ist und Probleme hat, hatten wir keine genauen Vorstellungen, was auf uns zukommt. Das mysteriöse Kästchen heizte unsere Neugierde nur noch mehr an und so ließen wir uns auf eine Zeitreise in die Vergangenheit ein. Mal sehen, ob wir gut wieder zurück gefunden haben. Geprägt wird die ganze Geschichte von vielen Facetten des „anders sein“. Manchmal ist es gar nicht offensichtlich, dass die Figur anders ist. Und manchmal ist es so offensichtlich, dass man es als Leser gar nicht wahrnimmt. Vielleicht war es für uns auch einfach nur nicht ersichtlich, weil wir nicht zu dieser Generation gehören. Wir waren noch nicht mal im letzten Kapitel geboren, wir wuchsen in einer anderen Welt auf. Auch wir sind anders. Sind wir deswegen schlechtere Menschen? Zugegeben, am Anfang war die Aufteilung innerhalb des Buches verwirrend. Sie ist anders. Aber ist sie deswegen falsch? Nein, denn schon bei der Aufteilung der Geschichte zeigt uns der Autor, dass man nur ein bisschen Zeit investieren muss und ein bisschen Offenheit an den Tag legen sollte, um Dinge, die man so nicht kennt, kennen und akzeptieren zu lernen. Die erste Szene spielt im Jahr 1976 und war für uns der Haupthandlungsstrang. An diesem orientierten wir uns, ordneten die Folgeszenen dementsprechend an und schon floss die Geschichte wie von selbst um uns herum. Genau das ist auch unser größter und einziger Kritikpunkt, denn es dauerte wirklich eine kleine Weile, bis wir uns daran gewöhnt hatten. Die Szenen aus Henriks Leben liegen Jahre auseinander und sind meistens dadurch geprägt, dass irgendetwas Schlechtes passiert. Ein Schulverweis, eine Prügelei, ein Suspendierung, aber aus diesen schlechten Situationen entwickeln sich für Henrik immer gute Dinge. Menschen, von denen er es nicht gedacht hätte, tun ihm etwas Gutes. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, wie eine aufkeimende Freundschaft oder ein eigenes Bett, aber es zeigt Henrik, dass nicht alle Leute schlecht sind. Es gibt auch welche, die anders sind, denn jeder ist auf seine eigene Art anders. Der Hauptprotagonist Henrik ist auf vielerlei Art anders. Seine Familie hat kein Geld, sie duschen jeden Morgen im Schwimmbad. Sein Vater ist gewalttätig und auch Henrik hat Wutanfälle, die ihn selbst zutiefst schockieren und gleichzeitig verunsichern. Außerdem kann er andere Menschen durchs pusten heilen und sieht um jede Person herum Farben. Was diese bedeuten, weiß er nicht und auch wir als Leser bekamen keine Erklärung dafür. Allerdings fanden wir das überhaupt nicht schlimm, denn es sind viele kleine Hinweise vorhanden, wozu diese Farben dienen könnten und den Rest haben wir uns selbst zusammenerzählt. Es hat Spaß gemacht, den verschiedenen Farben eine Bedeutung zuzuordnen. Genau wie Henrik kamen wir der Auflösung des Rätsels Stück für Stück näher. Wir begleiteten ihn bei seinem Erwachsenwerden, in dem der Autor uns als Lesern immer nur kleine wichtige Szenen zeigte, in denen Henrik etwas erlebte. Allerdings sind diese Szenen nicht geordnet, sondern springen in den Jahren hin und her. Es kommt immer darauf an, an was Henrik im Haupthandlungsstrang gerade denkt, und schon ist er in der nächsten Szene 13 oder 11 Jahre alt oder noch jünger. So konnten wir ihn aber viel besser kennenlernen, als wenn das alles hintereinander abgelaufen wäre. Florian Tietgen ließ uns hier an einem Leben teilhaben, das geprägt durch Gewalt und den damaligen gesellschaftlichen Richtlinien anders ist. Wir fragten uns, warum dieses „anders sein“ als so schlimm empfunden wurde? Ist Mensch nicht gleich Mensch, egal ob man Männer oder Frauen liebt? Macht nicht unser Inneres, unser Charakter, uns zu dem Menschen der wir sind? In dieser Geschichte hat der Autor auf eine wirklich einzigartige Art und Weise aufgezeigt, wie sehr die Gesellschaft Einfluss auf das Leben und auf die Charakterentwicklung hat. Ist man anders, hat man schon verloren. Und dann gibt es nur zwei Auswege: Entweder man stellt sich seinem eigenen Inneren und akzeptiert sich selbst… oder eben nicht. Was macht den einen Menschen zu etwas Besseren als einen anderen? Florian Tietgen erzählt in seinem Buch eigentlich nicht nur eine Geschichte, sondern viele kleine. Viele kleine Leben, die im Großen das Ganze ausmachen. Henriks Mutter musste schon früh erfahren, was es heißt, auf sich selbst gestellt zu sein und wie es sich anfühlt, wenn man der Willkür anderer ausgeliefert ist. Dass sie so hart um ihr Leben kämpfen muss, macht sie aber zu keinem schlechten Menschen, denn sie verliert nicht in einer Sekunde das wichtigste in ihrem Leben aus dem Blick: Henrik. Der Vater von Henrik Der Vater ist ein Schläger, ein Widerling, wie es sie auch heute gibt. Er ist anders als die anderen, weil er eben gewalttätig ist und wird daher von vielen gemieden. Er weiß, wie es ist, anders zu sein. Und dennoch ist er der erste, der seinem Sohn einredet, dass Anders sein etwas Schlechtes ist. Und was passiert, wenn man öffentlich zugibt, anders zu sein. Michi & Jan Die Gesellschaft um Henrik reagiert unterschiedlich auf ihn. In der Schule wird er gemobbt bis er zuschlägt und die Schule verlassen muss. Grundsätzlich ist er schuld. Aber dadurch, dass er eigentlich etwas Gutes machen will, findet er Freunde. Seine beste Freundin Michi   Sie akzeptiert ihn so wie er ist. Diese Unterstützung macht viel aus und hilft Henrik hin und wieder klar zu denken. Sie will ihn nicht verbiegen, denn für sie ist er perfekt, genauso wie er ist. Henrik wechselt die Schule. Er versucht unsichtbar zu werden, umso jedwedem Ärger aus dem Weg zu gehen. Dennoch wird er gesehen und schon bald beginnt eine zarte Freundschaft mit Jan. Sie reden kaum, sitzen nur nebeneinander und doch merkt Henrik, dass Jan ebenfalls anders ist. Jans Familie ist sehr konservativ, was ein Problem ist. Denn wo Henrik seine „Andersartigkeit“ akzeptiert, kann Jan das nicht. Henrik will ihn retten, ihm zeigen, dass sie Menschen sind, wie jeder andere auch. Florian Tietgen brachte uns zum Nachdenken mit seiner Geschichte. Sind die Menschen heute anders als damals? Jeder Mensch ist liebenswert, egal ob er Farben sieht oder eben nicht in die starren Regeln der Gesellschaft passt. Die Frage ist nur, ob das die Gesellschaft ebenso sieht? Und was passiert, wenn sie das nicht machen? Das mysteriöse Kästchen Das kleine Holzkästchen hat Henrik von seiner Großmutter bekommen. Er soll es hüten und erst öffnen, wenn es Zeit ist. Wenn er bereit ist. Während der ganzen Geschichte schleicht sich immer wieder dieses Kästchen in die Gedanken von Henrik und dem Leser. Oft genug dachten wir: „Nun mach es endlich auf!“ Er hat es natürlich nicht gemacht, nur weil wir das wollten. Und weil Henrik es immer wieder in der Hand hat und dann doch nicht öffnet, gibt er dem Kästchen selbst viel von seiner Mysteriösität. Ist es einfach nur ein einfaches Holzkästchen, oder machen wir es selbst mystisch und geheimnisvoll, einfach weil wir so darüber denken? Machen wir es „anders“, nur weil wir denken, dass es anders ist? Oder ist es am Ende doch nur ein einfaches Holzkästchen? Seine Großmutter war auch eine geheimnisvolle Frau, anders als andere, und das schon lange vor Henriks Geburt. Sie liebt ihn von Anfang an und ahnt, dass er es nicht immer leicht haben wird. Die kleinen Fantasy-Aspekte innerhalb der Geschichte sind sehr sparsam eingesetzt, denn im Grunde geht es eigentlich nicht darum. Es geht um Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft und das ist ein Thema, über welches man auch heute noch stundenlang diskutieren kann, über 40 Jahre nach dem zeitlichen Handlungsrahmen der Geschichte. Egal ob man Knochenbrüche heilen kann, Männer liebt oder sehr gut in der Schule ist, man möchte so akzeptiert werden wie man ist und nicht als „anders“ betitelt werden. Und das nur, weil es die Gesellschaft vorgibt. Wenn wir über Menschen, die anders sind als wir, anders denken, sind wir dann nicht auch anders? Am besten betrachtet man das große Ganze erst einmal aus Sicht seines Gegenübers, denn dann sieht man, das dieser uns ebenfalls anders sieht, als wir uns selbst. Florian Tietgen stellt mit „…wenn es Zeit ist…“ eine Grundsatzfrage, die jede Person für sich selbst beantworten sollte. Jeder, der die Geschichte gelesen hat, denkt unwillkürlich über seine eigene Einstellung gegenüber anderen Menschen nach. Unserer Meinung nach gehört dieses Buch in jedes Bücherregal. Es ist keine leichte Lektüre, sondern bleibt noch lange in den Gedanken hängen. Wir empfehlen dieses Buch nicht einfach, wir legen es jedem Leser ans Herz, der eine Geschichte lesen möchte, die mehr ist, als sie auf den ersten Blick scheint. Sie ist anders und das ist gut so! „…wenn es Zeit ist…“ von Florian Tietgen bekommt von uns knappe 5 von 5 Marken. Wir waren vom Inhalt wirklich schwer beeindruckt. Das einzige, was wir anfänglich als störend empfanden, waren diese zeitlichen Sprünge der einzelnen Szenen, die es nicht so geduldigen Lesern wie wir sind, vielleicht schwer machen könnten, in die Geschichte rein zu kommen. Es grüßen wie immer

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  • Leserunde zu "Hochzeit mit Huhn: Der einzig wahre Chick(en)Lit-Roman" von Regina Mengel

    Hochzeit mit Huhn: Der einzig wahre Chick(en)Lit-Roman
    regina_mengel

    regina_mengel

    Hallo liebe Lovelybooks Mitglieder, ich möchte euch einladen, mit mir gemeinsam meinen kürzlich erschienen ersten Ausflug ins Genre Chick-Lit (freches Frauenbuch) zu lesen. Obwohl es sich in diesem Fall im wahrsten Wortsinn um Chick(en)-Lit handelt, denn Hühner spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Und heimlich hat sich auch ein Hauch Thriller eingeschlichen. Aber lest selbst! Worum geht es? Was haben ein Huhn namens Antje, eine beinahe geplatzte Hochzeit, Flitterwochen in Venedig, ein Eichhörnchen und eine Fischfabrik gemeinsam? Eine ganze Menge, zumindest in Lisas Leben. Man sollte meinen, das Leben einer Hofbesitzerin mit ein bisschen Biogemüse, Pitti, der Katze, Platsch, dem Hund, ein paar Hühnern, Kuh-namens-Wanda und einer besten Freundin, deren Gesprächslautstärke einem Stadionsprecher in nichts nachsteht, wäre einfach und unkompliziert. So kann man sich täuschen … Als Simon plötzlich ohne ein Wort das Weite sucht, dreht sich Lisas Leben von einem Tag auf den anderen auf Links. Aber warum ist Simon gegangen? Es deutet alles darauf hin, dass er wegen eines Huhns, Antje, auch genannt das Samstagshuhn, abgehauen ist. Lisa kann es kaum fassen. Prompt fällt sie mit Schwung in ein tiefes Liebeskummerloch. Endloses Heulen, ungewaschene Haare, dreckige Klamotten, Zombieschlurfen – das volle Programm. Aber irgendwann endet selbst die schlimmste Trauerphase und eine neue Liebe taucht auf. David, ein echter Traummann. Vielleicht ist er ein bisschen zu nachgiebig, und vielleicht hat er auch eine winzige Spur Torschlusspanik. Warum sonst sollte er Lisa nach nur 4 ½ Monaten einen Heiratsantrag machen? Trotz eines nicht ganz glücklichen Gefühls nimmt Lisa den Heiratsantrag an. Natürlich nicht, ohne ihn erst einmal zu sabotieren – schuldlos selbstverständlich –, und schon sechs Wochen später findet die Trauung statt. Oder das, was man so kirchliche Trauung nennen könnte. Ob ein Huhn dabei Teil der Veranstaltung sein sollte, darüber lässt sich streiten. Wenn ihr jetzt denkt, das wäre es gewesen, dann täuscht ihr euch gewaltig. Ab jetzt wird es erst richtig turbulent. Lisa hat aber auch ein Talent dazu, mit beiden Händen ins Klo zu greifen. Ob da Sardinen drin schwimmen? Wer weiß, in diesem Buch ist alles möglich. Falls ihr euch also immer noch fragt: Was haben ein Huhn namens Antje, eine beinahe geplatzte Hochzeit, Flitterwochen in Venedig, ein Eichhörnchen und eine Fischfabrik gemeinsam? Dann freue ich mich auf eure Bewerbung. Schreibt mir einfach, warum ihr mitlesen möchtet. Den Original-Klappentext, die ersten Rezensionen sowie eine ausführliche Leseprobe findet ihr HIER.  Was gibt es zu gewinnen? Ich stelle 20 E-Books (in eurem Wunschformat) für diese Leserunde zur Verfügung. Über die Teilnahme entscheidet das Los. Bitte bewerbt euch nur dann, wenn ihr es sicherstellen könnt, das Buch bis Ende Februar zu lesen, zu kommentieren und zu rezensieren. Als kleines Schmankerl verlose ich am Ende der Leserunde 3 signierte Taschenbücher. In den Lostopf hüpfen automatisch alle, die bis 28.02.2014 im Rahmen der Leserunde eine Rezension verfasst und online gestellt haben. Ein paar Worte über mich: Ich erblickte 1966 in Wuppertal das Licht der Welt, zog aus das Glück zu finden und landete in Köln. Dort verdiente ich lange Zeit mein täglich Brot als Wortjongleurin im Vertrieb. Geschichten begleiteten mein Leben, doch erst im Jahr 2010 machte ich ernst. Ehrenamtlich gebe ich Flüchtlingskindern Nachhilfe in der Deutschen Sprache und wirke beim Ulla-Hahn-Haus in Monheim mit. Ich bin Mitglied bei den Mörderischen Schwestern. Außerdem bin ich Gründungsmitglied und Mitbetreiberin der Bücherplattform Qindie.de, die sich für leserfreundliche, qualitativ hochwertige, selbstpublizierter Bücher stark macht. Ich schreibe Fantasyromane, Kinder- und Frauenbücher sowie mehr oder weniger böse Kurzgeschichten. Wenn ihr mehr über mich und meine Bücher wissen möchte, seid ihr herzlich auf die Homepage www.wortentbrannt.jimdo.com oder zu www.qindie.de eingeladen. Ich freue mich auf euch. Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid und gern mitlesen möchtet, könnt ihr euch bis einschließlich 02.02.2014 für die Leserunde bewerben. Ich freue mich auf euch. Bis bald, Eure, Regina Mengel

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    • 444
  • Über das Erwachsenwerden

    ... wenn es Zeit ist ...
    Arcobaleno

    Arcobaleno

    17. September 2013 um 16:01

    Henrik entführt uns zurück in die 1970er Jahre. Scheinbare Kleinigkeiten, Erwähnungen jener Zeit ... schon war ich wieder Kind. Aus Sicht eines 16 jährigen Jungen lässt er uns teilhaben, an seinen furchtbaren Kindheitserinnerungen - an physischen Schmerzen, ebenso wie an den Wunden, die seine Seele davon getragen hat. Neben seinem Hang, anderen Schmerzen zuzufügen, entdeckt er auch die andere Seite in sich: die Gabe, Schmerzen zu nehmen. Hin- und hergerissen von seinen eigenen Gefühlen, Ängsten und Sehnsüchten, findet er Stück für Stück zu sich selbst. Ein wunderbar feinfühliges Buch mit sehr viel Tiefgang! Der Schreibstil war so voller Leichtigkeit, dass ich - kaum angefangen zu lesen - direkt in Henriks Erlebenswelt eintauchen konnte. Allen Lesern, die Interesse daran haben, ihren Mitmenschen nicht nur an der Oberfläche zu begegnen, die offen sind auch für Andersartigkeit, beispielsweise in Form von Homosexualität oder Spiritualität, sei dieses Buch wärmstens von mir empfohlen. Wahrlich eine Bereicherung, es gelesen zu haben!

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  • Zeitlos schön

    ... wenn es Zeit ist ...
    Yaris

    Yaris

    17. September 2013 um 13:38

    Es ist 1976. Henrik ist zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt, von ihm handelt diese Geschichte. Kapitelweise reist man immer wieder in die Vergangenheit, mal nur ein paar Jahre zurück, mal auch bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Henriks Eltern kennenlernen. Eine Zeit, in der ein uneheliches Kind oder gar Homosexualität nicht tragbar war, sich jeder Betroffene schämen und verstecken musste. Henriks Kindheit verläuft alles andere als rosig,er erfährt Gewalt am eigenen Leib und auch er selbst verliert oftmals die Beherrschung. Zu seiner Verwirrung treten jedoch auch andere Seiten an ihm zutage, er sieht Farben an den Menschen um ihn herum, sein Atem heilt Krankheiten und Brüche. Er zweifelt an seinem Verstand, an seinen Fähigkeiten und zusätzlich an seinen Gefühlen, die er immer stärker für Jan, seinen Freund aus der Schule, empfindet. Warum nicht solche Gefühle bei Michi, seiner Vertrauten und besten Freundin? Sie steht ihm in jeder Situation bei, hilft ihm, sich zurechtzufinden in seinem Lebens-Chaos. Und dann ist da noch jenes Kästchen, welches zu einem bestimmten Zeitpunkt von Henrik geöffnet werden soll, so versprach er es seiner Oma kurz vor ihrem Tod. Öffnet Henrik es...wenn es Zeit ist? Das werde ich hier nicht verraten... Sehr empathisch schildert Florian Tietgen die Situationen, mit denen Henrik konfrontiert wird. Seine Zweifel, die Ängste, auch die vor seinem Vater, die Sehnsucht nach seiner geliebten Oma, deren merkwürdiges Erbe er wohl antritt, all dies wird sehr intensiv und gefühlvoll beschrieben. Zeitgleich auch immer wieder ein schöner Rückblick in die 70er Jahre, wunderbar geschrieben, sehr bildlich, athmosphärisch. Und ein riesengroßes Dankeschön für eine ganz persönliche Erinnerung: Plasticant-Bausteine! Ich habe sie heiß und innig geliebt.

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  • Ein zu Herzen gehendes Seelenporträt

    ... wenn es Zeit ist ...
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    08. September 2013 um 14:55

    „… wenn es Zeit ist …“ entwickelt vor den Augen des Lesers ein berührendes Porträt aus den 1960er und 1970er Jahren. Damals anders gewesen zu sein, war offensichtlich nicht einfach, und Florian Tietgen lässt seine Leser genau daran teilhaben. Inhalt: Henriks Kindheit wird von der Gewalt seines Vaters dominiert, die zu seinem eigenen Entsetzen auch auf ihn abfärbt: Wenn er in Wut gerät, verliert er jegliche Kontrolle und schlägt sein Gegenüber krankenhausreif. Andererseits hat er aber diese besondere Gabe seiner Oma, mit seinem Atem heilen zu können. Schon das zerreißt ihn fast. Doch plötzlich fängt er auch noch an, Farben sehen zu können und sich für sein eigenes Geschlecht zu interessieren. Sein Vater muss Recht haben: Es gibt keine andere Erklärung, als dass er pervers ist. Meinung: Das Buch beginnt mit einer heftigen Gewaltszene, die mich beim ersten Kontakt mit der Geschichte verschreckt hat. Aber andererseits hat Henrik eine Saite in mir zum Klingen gebracht, so dass ich das Buch wieder in die Hand genommen und mich bewusst auf ihn eingelassen habe. Henrik ist ein vielschichtiger Charakter, den der Autor und damit auch der Leser über viele Jahre seiner Kindheit und Jugend begleiten. Ich durfte miterleben, wie ihn seine Gewaltbereitschaft übermannt, wie seine Mutter schließlich von ihrem brutalen und zugleich hilflosen Mann flieht und wie Henrik zunehmend sein Anders Sein entdeckt. Zuerst erschreckt es ihn und er versucht, es zu verdrängen. Doch letztlich setzt er sich mit seinen Gaben auseinander und nimmt sie an. Aber eigentlich hat er ja auch keine andere Wahl, wenn er sich nicht gerade umbringen will. Der Autor hat die Handlung sehr interessant angelegt, nämlich in genau definierten Zeitsprüngen vor oder zurück, die die Geschichte um Henrik Schritt für Schritt aufblättern. Mir hat die Erzählweise gut gefallen. Sie passt zu genau dieser Geschichte, indem sie den Hintergrund immer nur so weit beleuchtet wie nötig. Ganz besonders berührt hat mich eine Stelle, an der ich wusste, dieses Buch ist MEIN Buch: Als Henriks Mutter in einer Blitzaktion ihren Sohn schnappt und ihren Mann verlässt, landen sie fürs Erste in einer komplett leeren Wohnung: „Es mag primitiv gewesen sein, im Garten hatte es wenigstens einen Tisch gegeben, von dem wir essen konnten. In unserem Reich des Friedens aßen wir vom Fußboden, aber es war ein Fest.“ An der Stelle wusste ich, dass es um mehr als einen brutalen Vater samt Sohn geht. Mit einem ähnlichen Tiefgang behandelt der Autor die übersinnlichen Fähigkeiten Henriks und dessen Homosexualität. Genau dafür schätze ich das Buch. Danke für diesen bewegenden Lesegenuss.

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  • Kolumne: Belletristik ist tot, es lebe die Belletristik

    muchobooklove

    muchobooklove

    Roman-Kolumne August 2013 von Mareike: Genreliteratur, das sind die Hamburger unter den Büchern Liebe Leser, Was ist eigentlich Belletristik Le belle et le triste – das Schöne und das Traurige – hierin liegt der französische Ursprung des Wortes Belletristik, das heute nicht viel mehr als ein Mysterium zu sein scheint. Dabei umfasst es so viele Aspekte, ohne die Literatur gar nicht zu denken wäre. Werte, Emotionen und die Ästhetik der Sprache sind für mich die wichtigsten Parameter dessen. Natürlich kann man auch etwas unprätentiöser an die Sache herangehen und einfach von „Romanen“ im Allgemeinen sprechen, wie auch der Titel der Kategorie hier auf Lovelybooks lautet. Doch dann geraten wir gleich ein bisschen in die Bredouille, denn Krimis sind ja auch Romane sowie Fantasy-Bücher und Chick-Lit ebenfalls. Von Kriminalromanen, Thrillern, Fantasy, Young Adult Fiction, Chick-Lit und Romantasy Naja, das sind ja eigentlich alles eher Genres, werdet ihr jetzt im Stillen und ganz zu Recht denken. Aber was sind denn überhaupt Genres? Der Versuch, Bücher in Kategorien zu pressen einerseits, eine Strategie des Buchmarktes andererseits, so scheint es mir. Denn was ist das Schreiben für ein bestimmtes Genre eigentlich anderes als der Versuch, seine Zielgruppe besonders im Blick zu haben. Mit bösen Zungen gesprochen ist das die Garantie dafür, beim Veröffentlichungsprozess bereits einschätzen zu können, wer das Buch am Ende kaufen wird. Darum wird auch immer schnell ein neues Genre entworfen, wenn gerade eine innovative Art des Schreibens mit Erfolg belohnt wurde. Eine kleine Geschichte: Ich sitze mit zwei Freunden von mir, nennen wir sie Justus und Gabi, an einem sonnigen Tag wie diesem in einer Eisdiele. Justus ist gerade dabei, sich eine Karriere im Verlagswesen aufzubauen, Gabi hat Journalismus studiert und steht kurz vor dem Mutterschutz. Justus erzählt uns von einem neuen Projekt, von dem er gehört hat und das sich im Bereich „Romantasy“ bewegt. Darauf Gabi: „Romantasy, nie gehört“ Justus: „Das ist ein neues Genre, das sich irgendwo zwischen Romantic Fiction und Fantasy bewegt, so Vampire und so“ wir nicken einstimmig, denn nun ist uns allen klar, dass hier die Nachfolgen von Stephenie Meyers „Twilight“-Saga spürbar werden. Wieder einmal wird ein Markt bedient. Man möchte so schnell wie möglich dabei sein, bevor er übersättigt ist und ein neues Genre gefunden werden muss. Ich seh' den Wald vor lauter Bäumen nicht Damit wird nicht nur die gesamte Belletristik oder alle Romane in logische Kategorien unterteilt, sondern diese werden wieder unterteilt, bis die gesamte Kriminalliteratur in Detektivromane à la Sherlock Holmes, Polizeiromane wie Mankels Wallander, Thriller der Dan Browns dieser Erde und Splatter im Stile von Karin Slaughter zerfällt, und die Fantasy-Literatur in High Fantasy à la Tolkien, Romantasy wie "Twilight", Dark Fantasy der Stephen Kings und Konsorten, Dark Romance im Stile von Edgar Allen Poe und historisch anmutende Fantasy, z.B. von George R.R. Martin. Und bei all diesen spezifischen Genres frag' ich mich wieder, wo denn nun die Belletristik abgeblieben ist? Denn wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich gar nicht immer Genreliteratur lesen. Manchmal erscheint sie mir zu sehr auf ihr Publikum zugeschrieben. Manchmal sehe ich die Zutatenliste, die Autoren und Verlagen im Kopf herumgeschwirrt haben mag, zu deutlich vor mir. Aha, denke ich, hier ist ein bisschen Detektivroman mit den Zutaten verschrobener Ermittler aus zerrütteten Familienverhältnissen, hochintelligenter Täter, der eigentlich nur mit dem Ermittler spielen will, Frau oder wahlweise Kinder oder beides des Detektivs, die plötzlich in den Fall hineingezogen werden, gemischt worden, das Ganze wurde mit einem Hauch arktischer Kälte und einem leichten Hang zur Alkoholabhängigkeit garniert und schon war der skandinavische Kriminalroman in Anlehnung an Henning Mankell, Jo Nesbø oder Arnaldur Indridason fertig. Ich weiß ja, dass die meisten Schriftsteller mit viel Herzblut an ihr Werk herangehen, aber ich frage mich dennoch, woher dieser Hang zum an Fast-Food erinnerndem Literatur-Rezept kommen mag. Möchte denn niemand heute mehr eigene Gourmet-Kreationen entwerfen? Ist die Angst vor dem Scheitern so groß? Mehr Belletristik braucht das Land Ich sag es ganz offen – Ich mag Fastfood. Ein schöner Burger ab und zu ist ein herrliches Vergnügen, ebenso wie ein Krimi mit den oben von mir erwähnten Zutaten wunderbar sein kann. Aber irgendwie wünsche ich mir trotzdem öfter, mit Gourmet-Kreationen verwöhnt zu werden. Ich möchte Schriftsteller haben, die schreiben, weil sie damit das Schöne und das Traurige ausdrücken wollen, weil sie das Gute und das Böse im Menschen zeigen wollen und zwar ohne sich vorher zu überlegen, ob es dafür ein Publikum geben mag. Autoren, die der Wahrheit auf den Grund gehen mögen und mich damit überraschen, wie zum Beispiel Column McCann dies vor einigen Jahren mit „Der Tänzer“ getan hat oder Romane, die einen mit ernsten Themen zum Lachen bringen können wie Matt Ruff mit „Ich und die anderen“, Bücher, die unvergessen bleiben, weil sie anders sind, so wie auch Aravind Adigas „weißer Tiger“ oder Hermann Kochs „angerichtet“, um mal zwei jüngere Beispiele der Literatur zu nennen. Und wenn ihr es euch doch lieber überlegen und kein Risiko eingehen wollt, so rufe ich euch hiermit zu, liebe Autoren, liebe Verleger: Es gibt uns noch, uns Leser, die gerne einmal bis zum Äußersten getrieben werden möchten, die lachen und weinen wollen, die beim Lesen nicht mit Genrestrategien überrascht werden wollen, sondern mit richtig guten Geschichten, mit richtigen 5 Sterne Menüs, wie sie eben nur die immer weniger zu findende Belletristik für uns bereithält! Ja, das rufe ich laut und hinter vorgehaltener Hand wende ich mich fast gleichzeitig zu euch Lesern da draußen und frage euch leiser: Es gibt uns doch noch, die Belletristik-Leser, oder?

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