Ein gewisser Monsieur Piekielny

von François-Henri Désérable 
5,0 Sterne bei2 Bewertungen
Ein gewisser Monsieur Piekielny
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Daniel_Allertseders avatar

Wunderschön poetisch und einfach eine klassische Lektüre!

Bris avatar

Großartig.

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Inhaltsangabe zu "Ein gewisser Monsieur Piekielny"

Ein junger Mann stößt in Vilnius zufällig auf das Geburtshaus von Romain Gary. Dessen Roman «Frühes Versprechen» und der rätselhaften Gestalt des unscheinbaren Monsieur Piekielny verdankt er eigentlich sein Abitur. Denn Garys Roman war der einzige auf seiner Liste, den er überhaupt gelesen hatte, und über Monsieur Piekielny konnte er tatsächlich ein paar Sätze sagen. Wer war dieser Mann?
Der vaterlose Gary, damals noch Roman Kacew, lebte in den 1920er Jahren mit seiner Mutter in Vilnius. Während der Ehrgeiz der Mutter, die in ihrem Sohn das zukünftige Genie sah, eher für Belustigung sorgte, lud Monsieur Piekielny den jungen Romain zum Tee ein und bat ihn, sollte er einst berühmt werden, sich seiner zu erinnern und ab und zu seinen Namen zu erwähnen – was Gary später tatsächlich immer wieder tat. Er hat Monsieur Piekielny niemals vergessen.
Désérables Roman ist ein leichtfüßiges, kenntnisreiches, bewegendes und melancholisches Meisterstück, eine Hommage an Romain Gary, an die litauischen Juden und nicht zuletzt an die Nebenfiguren, die Unscheinbaren und Kleinen in der Weltliteratur.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783406727627
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:256 Seiten
Verlag:C.H.Beck
Erscheinungsdatum:20.07.2018

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    Bris avatar
    Brivor einem Monat
    Kurzmeinung: Großartig.
    Wider das Vergessen

    Zufall oder holistische Fügung führen François-Henri Désérable nach Vilnius. Der Junggesellenabschied eines guten Freundes steht an und da die jungen Männer Eishockey lieben, soll der denkwürdige Abend in Minsk stattfinden, wo ein wichtiges Turnier abgehalten wird. Aufgrund von fehlenden Direktflugmöglichkeiten entscheidet sich Désérable, nach Vilnius zu fliegen und von dort den Zug nach Minsk zu nehmen. In Vilnius bleiben ihm zwei Stunden Zeit bis zur Zugabfahrt. Zu wenig, um einen Bummel durch die Stadt zu machen, doch genug, um etwas zu essen. Wie das Leben eben manchmal so spielt, hält es für den jungen Mann auf der Durchreise eine Überraschung in Form einer Kellerkneipe mit nur einem weiteren eher undurchsichtig wirkenden Gast und einer Kellnerin – geschminkt wie eine Königin – parat. Eine kleine Unaufmerksamkeit führt dazu, dass Désérable zumindest kurzfristig in Vilnius strandet und der ausgedehntere Stadtbummel mit ungeahnten Auswirkungen nun doch möglich wird.

    Das Treibenlassen führt unseren jungen Autor, der gleichzeitig als Erzähler fungiert, geradewegs zu einem Haus an dessen Fassade eine Plakette angebracht ist. Sie weist darauf hin, dass hier der französische Schriftsteller und Diplomat Romain Gary in seiner Kindheit mehrere Jahre gelebt hat. In seinem Roman Frühes Versprechen werden dieser Ort und ein ganz spezieller Mensch erwähnt. Désérable steigt urplötzlich ein Satz aus dem Roman, dem er sein Abitur verdankt, ins Gedächtnis:

    » In der großen Pohulanka Nr. 16 in Vilnius lebte ein gewisser Herr Piekielny.«

    Und damit beginnt eine Suche, eine Reise, der besonderen Art. Weder der Straßenname noch die Hausnummer, die in Garys Roman Erwähnung finden, stimmen. War die Straße einfach umbenannt und waren die Hausnummern neu zugeteilt worden? Konnte es tatsächlich sein, dass hier der kleine Roman – damals hieß er noch Roman Kacew – gelebt hatte? Dass es diesen gewissen Monsieur Piekielny, dessen Schicksal so ungewiss war, wie der Millionen anderer Juden, anderer Naziopfer, tatsächlich gab? Die immerwährende Frage nach Identitäten, Fiktion und Wahrheit, stand plötzlich unübersehbar im Raum und wie wir Menschen so sind, neugierig, musste Désérable ihr nachgehen.

    Gary war vieles: zunächst Russe, der mit seiner Mutter nach Nizza gezogen war, von dort in Zeiten des Krieges und der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen nach England ging, als Widerstandskämpfer, Pilot, unter de Gaulle erfolgreich das Naziregime bekämpfte, später Diplomat und Schriftsteller. Seine Identität ließ er immer ein wenig im Dunkeln, umgab sich gerne mit einer gewissen geheimnisvollen Aura. Er ist der einzige Schriftsteller, der es schaffte, den Prix Goncourt zweimal zu erhalten – faktisch unmöglich, eigentlich ein Betrug, denn er schrieb unter einem Pseudonym, was niemand erfahren sollte. In vielem blieb er bis zu seinem Freitod, ja eigentlich sogar darüber hinaus ungreifbar. Das Spiel der Identitäten war ihm vertraut, die Verstrickung von Realität und Fiktion ebenso.

    Wie Gary schafft es Désérable selbst verblüffend leicht, die vielen Ebenen seines Romans miteinander zu verknüpfen, ja sie sogar ineinander greifen zu lassen. Garys Piekielny, der für die vielen Opfer des Naziregimes steht, dient ihm als Leitstern auf seiner Reise durch die Vergangenheit. Die vielen Menschen, die keine Spuren hinterlassen konnten, weil sich niemand mehr an sie erinnern kann, würden durch Désérable ein zweites Mal etwas mehr dem Vergessen entrissen. Gary hat ihnen mit Piekielny ein Denkmal gesetzt, dem Désérable wiederum ein Denkmal setzt. Ein sehr kluges, einfühlsames noch dazu. Dabei ist ihm letztendlich gleichgültig, ob Piekielny rein fitkiv, an eine real existierende Person angelehnt oder eine tatsächlich existierende Person ist.

    Das ist wohltuend, gerade in einer Zeit, in der Literatur allenthalben auf ihren Bezug ins wahre Leben hin abgeklopft wird, in der Autoren mit ihrem Werk anstandslos gleichgesetzt werden. Und trotz der offen bleibenden Frage nach einer realen Vorlage bleibt der gewisse Monsieur Piekielny für Désérable der Dreh- und Angelpunkt, um seine vielschichtigen Sujets: Gary und dessen Identitäten, der Holocaust und seine furchtbaren Auswirkungen, seine eigene Familiengeschichte – ebenfalls vom Verschwinden einer wichtigen Person und dem familiären Schweigen darüber geprägt. Vor allem aber ist es die Frage nach den Auswirkungen von Literatur auf unser Leben und die Verschmelzung von Fiktion und Realität, Dichtung und Wahrheit, die diesen wunderbaren, klugen, belesenen und erhellenden Roman trägt. Mit sicherer, aber leichter Hand bedient sich Désérable vielfältiger schriftstellerischer Kniffe und hat mich persönlich mit diesem Roman verzaubert und begeistert. Das Werk Romain Garys werde ich mir eingehend ansehen, und das ist vor allem das Verdienst dieses jungen Mannes, der seine Liebe zur Literatur und zu den sie bevölkernden Figuren ganz offenherzig vor seinen Leser*innen ausbreitet und wohlweislich darauf verzichtet, in den Archiven zu überprüfen, was nun in echt passiert ist mit Monsieur Piekielny und ob es ihn tatsächlich gab.

    "Wenn er denn nur aus Tinte und Papier war, bedeutete das den unzweifelhaften, glänzenden Triumph der Literatur durch die Fiktion.

    Aber wenn er doch in echt existiert hatte, wie die Kinder sagen? […] wenn Gary also aus diesem Körper einen Körper aus Worten gemacht hatte? Auch dann würde die Literatur triumphieren, in diesem Fall durch die Wirklichkeit.

    Manches Mal behauptet man, sie vermöge nicht sonderlich viel, sie bewirke nichts gegen den Krieg, gegen die Ungerechtigkeit und die Allmacht der Finanzmärkte – und das stimmt vielleicht sogar. Doch zumindest vermag sie dies: dass ein junger Franzose, den es nach Vilnius verschlägt, den Namen eines kleinen Mannes ausspricht, der siebzig Jahre zuvor in eine Grube geworfen oder in einem Ofen verbrannt wurde – eine traurige Maus mit scharlachroter Haut, von Kugeln durchlöchert oder in Rauch aufgegangen, die aber weder die Nazis noch die Zeit vollständig auslöschen konnten, weil ein Schriftsteller sie dem Vergessen enthoben hat."

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    Daniel_Allertseders avatar
    Daniel_Allertsedervor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Wunderschön poetisch und einfach eine klassische Lektüre!
    Wunderschön poetisch und einfach eine klassische Lektüre!

    Meine Meinung

    François-Henri Désérable hat mich mit seinem Roman "Ein gewisser Monsieur Piekielny" schlichtweg begeistert. Ein Roman von einem jungen, französischen Autor, der auf der abenteuerlichen und spannenden Suche nach einem – fiktionalen? - Herrn ist, den er in einem Roman von Romain Gary kennengelernt hat. Das einzige Buch, welches er in seinen Lehrjahren gelesen hat, und genau den Monsieur Piekielny sucht sich der junge Autor aus, und über genau diesen gewissen Monsieur philosophiert er. Oft habe ich mich gefragt, ob sich das alles wirklich so zugetragen hat; ob das Portrait dieses gewissen Monsieur Piekielny tatsächlich ein Versuch des jungen Autors war, die Identität dieser fragwürdig existenten Person herauszufinden. Antwort auf meine Frage fand ich im Buch, denn der Autor hat tatsächlich seine Suche visuell festgehalten – im Roman findet man Fotos – von einem Auszug des Staatsarchivs in Vilnius, ein Foto vom Autor Romain Gary, ein Bildnis einer bekannten Bronzestatue oder ein Foto von Gary mit seiner Frau auf dem Sofa. Der Autor Désérable hat sich eingehend mit dem gewissen Monsieur Piekielny befasst, und diese Erkenntnis kam mir nach dem ersten Foto – keineswegs fiktional, Désérable schreibt seine tatsächliche Suche nieder - spannend und literarisch hochwertig verfasst.

        Der Schreibstil des Autors ist - für mich als Liebhaber der Sprache – schlicht grandios. Der Autor schreibt auf einer hohen Abstraktionsebene; dynamisch, poetisch und mit klugen und kreativen Satzkonstruktionen. Es hat wahrlich Spaß gemacht, die Schreibe des Autors zu lesen; eine trostlose, aber äußerst interessante Reise, verpackt in einem sprachlichen Mantel, der ein Lächeln auf das Gesicht zaubert – es liegt einfach an dieser bebenden, sehr schönen Art zu schreiben. Die kurzen Kapitel im Roman fördern die Unterstützung der Story; der Roman liest sich schnell, Grund hierfür eben die schönen Unterteilungen und die Fotos inmitten des Romans. Der äußerst flüssige Schreibstil und die einfach grandios gestalteten Kapitel führen zu einem Leseerlebnis, wodurch die Lektüre besonders Aufmerksamkeit erhält. Der französische Schriftsteller, François-Henri Désérable, erzählt ausschweifend, wodurch der Roman seinen Inhalt erhält. Stets interessant sind die neuen Ergebnisse dieser Suche, besonders auch die damit verbundenen Hintergrundinformationen, die man von den Juden in Litauen erhält - ein Land, welches ebenfalls geschädigt ist vom großen Leid des zweiten Weltkrieges – immer aber außen vor gelassen, und Désérable beschäftigt sich mit Bravour mit diesem Thema, verdeutlicht die Problematik im damaligen und auch heutigen Litauen. Sehr bewegend sind die Andeutungen, die Désérable immer wieder macht, wenn er dem Geheimnis immer näherkommt – was war mit den Konzentrationslagern, was war mit den Judensternen, und wie war Piekielny darin verwickelt, war er ebenfalls ein deportierter Jude? Ein durchgehend famoser Roman mit bemerkenswertem Schreibstil und einer ganz und gar verspielten, aber dennoch intelligenten Art.  

    Fazit

     

    Lassen Sie mich diese Besprechung mit der Extension beenden, einem Begriff der traditionellen Logik: Ein Superlativ, eine Komparation: Sensationell! Schlichtweg sensationell, mit allen Facetten beachtend schreibt der junge Autor aus Frankreich sensationell. Die spannende und literarische Suche nach einem besonderen Menschen, dessen Geschichte und Vergangenheit sprachlos macht. "Ein gewisser Monsieur Piekielny" ist äußerst empfehlenswert – hochwertig, belesen, intellektuell! 

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