Dieses Buch in ein Genre einzuclustern, fällt gar nicht so leicht. Beginnt es quasi als historischer Roman kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, so mischen sich bald Elemente hinein, die für ein Fantasy-Werk zu wenig, für eine geschichtstreue Erzählung allerdings eindeutig zu viel des Guten sind. Doch gerade das macht für mich einen großen Teil der Faszination aus. Man wird dieses Buch wohl nie gänzlich verstehen und kann es aus vielerlei Blickwinkeln betrachten (fast wie die Bibel...). Sieht ein Kind wohl eher die Abenteuergeschichte und das Katz-und-Maus-Spiel, so kann ein Leser älteren Semesters durchaus eine Anti-Kriegsparabel erkennen und für Jugendliche dürfte der Coming-of-Age-Aspekt das Buch bestimmen.
Doch worum geht es überhaupt?
Unser Protagonist, der schwächliche Gwen, wird Anno 1914 aus seinem kargen Leben in der Bretagne herausgerissen und findet sich unverhofft in einer mittelalterlichen Parallelwelt wider - und in den Fängen des Zöllners Jorn, der ihn im weiteren Verlauf schamlos ausnutzt und wie eine Schachfigur in der Geschichte hin- und herbewegt. Gwen, zunächst fest entschlossen, seinem neuen Leben zu entfliehen, wird nebenher zu einer Art Medikus ausgebildet und beginnt, sich ein neues Leben aufzubauen. Die mysteriöse Parallelwelt scheint durchaus verbunden mit seiner Heimat zu sein - doch ein Weg hinaus wirkt unerreichbar. Und so lernt Gwen, mit der Situation umzugehen. Zwischen Frustration, Resignation und persönlichem Wachstum sucht er sich einen Weg durch die Wirren dieses wunderlichen Landes.
Der Schreibstil des Buches ist einzigartig - und das meine ich tatsächlich weder als Lob noch als Abwertung. Die Sätze wirken teils so obskur und altertümlich, dass man sich beim Lesen selbst wie in eine andere Welt gesogen fühlt. Einige könnte das abschrecken, aber hat man erst einmal einen Zugang gefunden, so stört es einen nicht, sondern man weiß es als Beitrag zur Atmosphäre des Buches zu schätzen.
Die Charaktere wirken teils holzschnittartig, andererseits weist besonders Jorn im Verlauf der Geschichte doch eine erstaunliche Tiefe auf. Gwen selbst ist zunächst kein sonderlich "sympathischer" Protagonist. Er ist schwach, bezieht ständig Prügel und stellt allgemein ein vermeintlich ewiges Opfer dar. Doch wächst er im Verlauf des Buches. Er ist kein Heror, der irgendetwas in der Welt bewegen will. Er möchte eigentlich nur selbst in Ruhe (über-)leben - in seiner Heimat. Im Grunde kreist er ausschließlich um sich selbst und sein Schicksal. Wer also eine klassische Heldenreise sucht, der sollte dieses Buch schleunigst beiseite legen. Doch heißt das keineswegs, dass keine Charakterentwicklung zu erwarten wäre. Oder keine Abenteuer.
Ich selbst liebe das Buch weniger für seinen Hauptcharakter. Der ist in meinen Augen nur Mittel zum Zweck, um die Geschichte zu erzählen - darüber, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und am Ende zu fliegen; "auf eigen Flügeln, aus eigener Kraft", wie Gwen es ausdrückt. Mich befällt immer eine eigentümliche Stimmung, wenn ich das Buch mal wieder zu lesen beginne. Die Atmosphäre ist definitiv eine der größten Stärken des Werks.
Wer offen ist und einmal etwas ganz anderes lesen will, dem lege ich dieses Buch an's Herz. Egal, ob 12 oder 72 (wobei man schon ein etwas weiter sein sollte, möchte man den Roman mit 12 bereits lesen). Auch Mystery-Fans könnten vielleicht Blut lecken. Doch wer leichte Kost oder eine generische, glattgeschliffene Geschichte sucht, der möge lieber zu etwas anderem greifen.




