Françoise Frenkel

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Nichts, um sein Haupt zu betten

Nichts, um sein Haupt zu betten

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Erschienen am 12.02.2018
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Erschienen am 07.02.2017
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Erschienen am 01.01.2014

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Rezension zu "Nichts, um sein Haupt zu betten" von Françoise Frenkel

Ein beeindruckender Roman
Gwhynwhyfarvor 12 Tagen

Der erste Satz (Vorwort): »Das Exemplar von Nichts, um sein Haupt zu betten (Rien où poser sa tête), das, wie ich erfahren habe, vor kurzem in Nizza auf einem Trödelmarkt der Emmaus-Bruderschaft gefunden wurde, hat bei mir ein seltsames Gefühl hervorgerufen.«

Nicht nur bei Patrick Modiano, dem Verfasser des Vorworts. Der französische Kinderbuchautor Michel Francesconi Françoise entdeckte das Buch auf einem Flohmarkt und er wandt sich mit diesem historischen Kleinod an den Schweizer Verlag Gallimard, der den Roman 2015 wieder neu auflegte, die auf Deutsch bei Hanser erschien, nun bei btb als Taschenbuch vorliegt.

Frenkel hat es geschafft, während der NS-Zeit der Judenverfolgung zu entkommen, das Beruhigende vorneweg, sie konnte in die Schweiz fliehen. Denn dort verfasste sie dieses Buch, das 1945 im Schweizer Verlag Jeheber erschien. Sie wird 1889 unter dem Namen Frymeta Idesa Frenkel in Polen geboren, studiert Literatur in Paris, arbeitet in der Bibliothèque Nationale, dann in der Bibliothèque Saint-Geneviève. Sie will eine Buchhandlung mit französischer Literatur in Polen eröffnen, entscheidet sich aber während eines Aufenthalts in Berlin für diese Stadt und eröffnet 1921 in der Passauer Straße in Berlin-Schöneberg das »Maison du Livre«. Mit einem Koffer voll Bücher zieht sie los aus Paris, »Les Thibaut« von Roger Martin du Gard, »Les Croix de Bois« von Roland Dorgelès, »Civilisation« von Georges Duhamel, verkauft zunächst aus der Wohnung heraus. Der französische Konsul warnt, als sie einen Laden eröffnet: »Sie scheinen mir das politische Klima im gegenwärtigen Deutschland nicht zu kennen!« Zu erwähnen ist, zu dieser Zeit war die französische Sprache weit verbreitet, die Sprache der Gebildeten, der Diplomaten, der Post, der Küche, der Hotellerie. In Berlin wohnten viele Ausländer, viele Polen und Exil-Russen, Ungarn, Türken, Skandinavier, die alle gute Französischkenntnisse hatten.

»Nach der Art, wie jemand einen Band in den Händen hielt, beinah zärtlich, wie er behutsam darin blätterte, die Seiten ehrfürchtig las oder nur hastig, achtlos umschlug und das Buch anschließend wieder auf den Tisch legte, manchmal so nachlässig, dass die Ecken, dieser so empfindliche Teil, umgeknickt waren, gelang es mir mit der Zeit, einen Charakter, eine Seelen-und Geistesverfassung zu durchschauen.«

Literatur, heißbegehrte französische Magazine und Modejournale, der Buchladen entwickelt sich zu einem Treffpunkt der Exilanten und besseren Gesellschaft, denn hier gibt es Bücher zu kaufen, die nicht ins Deutsche übersetzt wurden, Diskussionsrunden, Lesungen mit französischen Autoren wie André Gide, Philippe Soupault, Claude Anet, Henri Barbusse, Colette, Julien Benda, Aristide Briand. Nobelpreisträger, Botschafter, Politiker gehen ein und aus. »So erlebte ich Jahre voller Sympathie, Frieden und Wohlstand«, sagt Frenkel. Irgendwo, wo heute das KaDeWe steht, muss sich der Buchladen befunden haben.

»Überall begegnete man Menschen, die verlegen, fast beschämt wirkten; doch niemand protestierte frei heraus.«

Die politischen Zeiten ändern sich und Frenkel bekommt Besuch von der Kriminalpolizei, ihr wird vorgeworfen, sie betreibe fremdländische Propaganda, sie beschreibt eine »rasante Verwandlung der deutschen Kinder in erregte Larven der Hitlerjugend«. Immer wieder werden einzelne Bücher konfisziert, es gibt Devisen-Probleme, unendliche Zollformalitäten. Der ausländische Laden wird zunächst in Ruhe gelassen, die Regierung hat Angst vor Verwicklungen mit der französischen Diplomatie, Frenkel fällt nicht der Zerschlagung der jüdischen Geschäfte zum Opfer, ist bloß die Ausländerin. Sogar als in Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge brennt, jüdische Geschäfte in Flammen aufgehen, bleibt ihr Laden unangetastet. Was sie hier beschreibt, geht zu Herzen. Ihre Naivität, ihre Bücher verteidigen zu müssen, zeigt bei ihrem Intellekt für die Ausblendung der Realität. Es ist nicht die Angst, sondern die Sehnsucht nach dem Tod, der Ekel vor den randalierenden Menschen, die den Leser trifft. Bis hierhin ist das Buch atemlos, voller Energie, Glück und Erstaunen, voller Leichtigkeit und Zuversicht. Interessant ist die Tatsache, dass Frenkel verheiratet war. Ihr Mann, wird in diesem Roman ausgeblendet. Liest man etwas über Frenkel, findet man heraus, sie war zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre mit dem russischen Juden Simon Rachenstein verheiratet, mit dem sie zusammen den Buchladen führte, der bereits 1933, weit vor seiner Frau nach Paris floh, jedoch von dort nach Auschwitz deportiert wurde, im Konzentrationslager verstarb. Es geht eindeutig um ihre eigene Geschichte, doch das erwähnt sie nie, auch der Mann ist aus der Geschichte ausgeklammert, obwohl sie in der Ich-Form schreibt. Warum ist Simon Rachenstein nach Paris geflohen, seine Frau verblieben?

»Zuweilen träumte ich auch, ich schliefe den letzten Schlaf.«

Atemlos und voller Energie wird es im Leben von Frenkel bleiben. Sie beschreibt sich selbst als ruhelos. Das französische Konsulat rät ihr, sie möge Berlin verlassen, es sei nicht mehr sicher, man bietet ihr an, mit den letzten Mitarbeitern des Konsulats abzureisen. Ein letzter Blick nach Deutschland an der Grenze. Dort wird ihr nämlich verboten, die erlaubte Höchstsumme von zehn Mark gegen französische Francs zu tauschen, mit der Begründung: „Nicht Arierin! ... keine Devisen ... der Nächste!“. Sie kommt mittellos in Frankreich an und zunächst muss sie auch noch auf den größten Teil ihres Gepäcks verzichten. Ihr Pariser Exil, muss Frenkel bald verlassen, reist nach Avignon, Vichy und zurück, nach Avignon, von dort nach Annecy, schließlich nach Nizza und St. Julien, wo sie sich im Pfarrhaus versteckten kann, später beim Ehepaar Marius, denen ein Friseursalon gehört, auf einem Schloss usw. Das Ziel Frenkels ist die Schweiz, denn hier befindet sich bereits seit langem ihre Familie. Trotz eines Visums für die Schweiz schicken die Grenzposten sie wieder zurück, als sie mit anderen Flüchtlingen die Grenze überschreiten will, liefern sie an die Nazis aus. Sie wird wieder aufgegriffen, entgeht knapp der der Deportation. Erst im dritten Anlauf kann sie »ungesehen« die Grenze überschreiten und ist in Sicherheit.

»Das Grauen nistete sich ein im Alltagsleben«

Eine mutige Frau, aber auch eine, die ein wenig abenteuerlustig ist, Warnungen in den Wind schlägt, Situationen naiv einschätzt, eine die schnörkellos ihre Fehler beschreibt. Mutig und immer voller Zuversicht betrachtet sie ihre Umgebung, das märchenhafte Avignon, den Zauber des Südens und selbst als sie in Annecy ins Gefängnis transportiert wird, beschreibt sie »die in ihrem Winterkleid überwältigend schönen Berge«. Zunächst glaubt sie sich Frenkel Frankreich sicher, doch das Land wird im Norden besetzt, der Süden bleibt offen. Hierhin flüchten viele Juden, die Unterkünfte sind heillos überfüllt, jeden Tag ändern die Behörden die Vorschriften. Frenkel trifft auf Denunzianten, Ausbeuter, auf ekelhafte Personen, aber ihr begegnen eine Menge Menschen, die ihr behilflich sind, sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, sie zu verstecken oder ihr schlicht kurz zu helfen. Und es gibt solche in der Zivilbevölkerung, die aus eignem Antrieb Jagd auf Juden machen.

»Ein sadistischer Kern muss wohl in jedem Menschen stecken«

Am Vierwaldstädtersee schreibt Françoise Frenkel 1943-44 in diesem Roman ihre Erinnerungen auf, ihren Ehemann ausgeklammert. Die Zeilen klingen teils hektisch notiert, im Flug aufschreiben, um nichts zu vergessen. Françoise Frenkel ist in Nizza gestorben, soviel weiß man. Wann und warum sie nach Nizza ging, ist nicht bekannt, auch nicht, was Frenkel in der Zwischenzeit trieb. Es es existiert kein Foto von ihr oder von ihrem Buchladen. Nur dieser Roman ist geblieben. Françoise Frenkel scheint wie ein Geist nach 1945 gelebt zu haben, immer auf der Hut, nicht entdeckt zu werden. Der Titel des Buchs bezieht sich auf ein Bibelzitat, Lukas 9,58: »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nichts, da er sein Haupt hinlege.«

Das Schlusswort hat die Autorin: »Ich widme dieses Buch den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.«

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lilli_geeksantiquess avatar

Rezension zu "Nichts, um sein Haupt zu betten" von Françoise Frenkel

Gegen das Vergessen - eine Buchhändlerin auf der Flucht
lilli_geeksantiquesvor 3 Monaten

Eine jüdische Buchhändlerin flieht 1939 aus Berlin über Frankreich in die Schweiz. Mit sich führt sie wenig Gepäck, viele Erinnerungen und die französische Literatur im Herzen. Ein Erfahrungsbericht, der lange verschollen war und nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Zu erwarten war ein bewegender Bericht, der einen authentischen Blick in die Vergangenheit offenbart. Und doch ist es mir selten so schwer gefallen, eine Rezension zu verfassen.

Inhalt
Die polnische Jüdin Francoise Frenkel eröffnet nach Abschluss ihres Studiums und eines Praktikums in Paris 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten kann sie die literaturaffine Berliner Gesellschaft für sich gewinnen und baut einen festen treuen, wenn auch kleinen Kundenstamm auf, der ihr während der ersten Unruhen des aufkeimenden Nationalsozialismus zur Seite steht. Doch 1939 muss sie getrieben von der Furcht vor einer Deportation fliehen – über Paris quer durch Frankreich bis nach Nizza.

Zugegeben: Mit dem Vorwort von Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano und der kurzen Anekdote zur (Neu-)Entdeckung des Buches hat man fast den Eindruck, den Flohmarktschatz selbst aufgestöbert zu haben. Dementsprechend erwartungsfroh begegnet der Leser auch den ersten Seiten und Worten des Berichts von Françoise Frenkel, der in der Presse in den höchsten Tönen gelobt wurde. Leider führt gerade die hohe Erwartungshaltung schnell zu einer Ernüchterung, denn die Geschichte hätte sich gut und gerne auch auf 100 Seiten weniger erzählen lassen. Da das Thema – die Flucht und Vertreibung der Juden in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts – ein sehr heikles, aber nicht weniger wichtiges Thema ist, wagt man es kaum, das Werk zu kritisieren. Denn schließlich handelt es sich hier um die Lebensgeschichte einer geflüchteten Jüdin und über ein gelebtes Leben urteilt man nicht ohne weiteres. Es fällt also schwer, bei diesem Buch von „mögen“ oder „nicht mögen“ zu sprechen, man muss bei der Betrachtung definitiv den historischen Inhalt vom Rest der Erzählung trennen. Zeitgeschichtlich gesehen besitzt das Buch, so wie alle Dokumente einer bestimmten Epoche, eine hohe Relevanz. Flucht, Deportationen und Verhaftungen werden ebenso thematisiert wie der Schrecken, den der Nationalsozialismus in Europa verbreitete. Rein stilistisch hat es mir allerdings nicht wirklich gefallen.

Eine Buchhändlerin auf der Flucht
Wir begegnen einer hochgebildeten Frau, die belesen und für damalige Verhältnisse weit gereist ist, die studiert und sich eine eigene Existenz geschaffen hat. Alles Dinge, die im Interbellum in der Damenwelt eher selten anzutreffen waren. So ist es anzunehmen (auch wenn dies in der Erzählung nicht explizit erwähnt wird), dass Françoise Frenkel aus einer wohlhabenden und mehr oder weniger einflussreichen jüdischen Familie stammt. Wie sonst hätte sie als polnische Jüdin ein Studium in Frankreich und die Eröffnung einer Buchhandlug in Deutschland finanzieren können? Dementsprechend erachtet sie während ihrer Flucht, die erzähltechnisch mehr wie eine Reise denn ein erzwungenes Ereignis anmutet, einen gleichbleibend hohen Lebensstandard als selbstverständlich. Bis zum Schluss flüchtet sie sich auch geistig in die Welt der schönen Dinge und der Literatur, die zwar in der Erzählung eine nebensächliche Rolle spielt, im Hintergrund aber stets präsent ist.

Das Buch liest sich eher wie ein Roman und nicht wie ein Erfahrungsbericht. Die Sprache ist leicht, teils humorvoll und vermittelt den Eindruck einer authentischen Erzählerstimme, was dem Inhalt und dem schwer vermittelbaren Thema gut tut. Allerdings verwundert der lockere Plauderton im Kontext der tatsächlichen äußeren Umstände doch ein wenig und auch die stete Anklang ihrer betont unpolitischen Haltung wirkt befremdlich. Zudem werden markante Begriffe – als Beispiel sei hier das Wort „frappant“ genannt – überdurchschnittlich häufig wiederholt. Das mag an der Übersetzung liegen, als Stilmittel gedacht oder einfach einem persönlichen Spleen geschuldet sein, mich hat es leider im Lesefluss massiv gestört.

Fazit
Es war schön, nach längerer Pause wieder etwas von einer nicht-zeitgenössischen Autorin zu lesen. Vor allem da der Zeitgeist vor 70 Jahren doch ein ganz anderer gewesen ist und der Zweite Weltkrieg für die zweite und dritte Nachkriegsgeneration unvorstellbar weit entfernt erscheint. Emotional und historisch ist die Geschichte von Françoise Frenkel bedeutend und sollte nicht erneut in Vergessenheit geraten. Rein literarisch bietet das Werk mir persönlich dennoch zu wenig Anreiz, um es weiterzuempfehlen oder erneut zu lesen. Wer sich fernab von reinen Geschichtsbüchern mit der Judenverfolgung und den Folgen des Nationalsozialismus beschäftigen möchte, dem würde ich nach wie vor eher zum „Tagebuch der Anne Frank“ oder Markus Zusaks Roman „Die Bücherdiebin“ raten.

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Shimonas avatar

Rezension zu "Nichts, um sein Haupt zu betten" von Françoise Frenkel

Françoise Frenkel ~ eine Heldin ~ Erfahrungsbericht niedergeschrieben während ihrer Flucht
Shimonavor 5 Monaten

Ein Tagebuch, ein Erfahrungsbericht einer 

Frau, die den beschwerlichen unendlich
langen Weg einer Flucht von Berlin über 
Paris, bis in den Süden Frankreichs bis hin 
nach  Nizza und noch weiter durchlitten hat.

Jeder ohne Ausnahme sollte dieses Buch 
lesen, damit jedem einzelnen Leser klar
wird, dass sich Deportationen mit dem Ziel 
der gezielten Vernichtung von Menschen
niemals wiederholen dürfen.

Wichtig zu betonen ist ebenfalls, wieviele 
gute Menschen, den Juden auf der Flucht im 
damaligen Frankreich ehrenhaft geholfen 
und sie beschützt und versteckt haben. 
Sie haben dabei auch ihr Leben riskiert.

Dieses wohl doch recht unbekannte Buch
sollte viel bekannter werden!



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