Nichts, um sein Haupt zu betten

von Françoise Frenkel 
4,5 Sterne bei6 Bewertungen
Nichts, um sein Haupt zu betten
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

lilli_geeksantiquess avatar

Schwere Kost: Erfahrungsbericht der Jüdin F. Frenkel, der lange verschollen war und nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint.

Shimonas avatar

Dieses Buch ist ein Schatz - zunächst auf ihrer Flucht geschrieben als noch 》unbekannte Heldin《, die jedoch posthum zu einer Heldin wird

Alle 6 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Nichts, um sein Haupt zu betten"

Die Geschichte der jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die achtzehn Jahre lang die erste französische Buchhandlung in Berlin leitete, 1939 durch das besetzte Frankreich floh und sich 1943 in die Schweiz retten konnte. Knapp siebzig Jahre nach seiner Veröffentlichung in einem kleinen Genfer Verlag wurde dieses außergewöhnliche Buch in Frankreich zufällig auf einem Flohmarkt wiederentdeckt und ist mit einem Vorwort von Patrick Modiano erstmals auf Deutsch erschienen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783442716081
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:288 Seiten
Verlag:btb
Erscheinungsdatum:12.02.2018

Rezensionen und Bewertungen

Neu
4,5 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne4
  • 4 Sterne1
  • 3 Sterne1
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    lilli_geeksantiquess avatar
    lilli_geeksantiquesvor einem Monat
    Kurzmeinung: Schwere Kost: Erfahrungsbericht der Jüdin F. Frenkel, der lange verschollen war und nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint.
    Gegen das Vergessen - eine Buchhändlerin auf der Flucht

    Eine jüdische Buchhändlerin flieht 1939 aus Berlin über Frankreich in die Schweiz. Mit sich führt sie wenig Gepäck, viele Erinnerungen und die französische Literatur im Herzen. Ein Erfahrungsbericht, der lange verschollen war und nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Zu erwarten war ein bewegender Bericht, der einen authentischen Blick in die Vergangenheit offenbart. Und doch ist es mir selten so schwer gefallen, eine Rezension zu verfassen.

    Inhalt
    Die polnische Jüdin Francoise Frenkel eröffnet nach Abschluss ihres Studiums und eines Praktikums in Paris 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten kann sie die literaturaffine Berliner Gesellschaft für sich gewinnen und baut einen festen treuen, wenn auch kleinen Kundenstamm auf, der ihr während der ersten Unruhen des aufkeimenden Nationalsozialismus zur Seite steht. Doch 1939 muss sie getrieben von der Furcht vor einer Deportation fliehen – über Paris quer durch Frankreich bis nach Nizza.

    Zugegeben: Mit dem Vorwort von Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano und der kurzen Anekdote zur (Neu-)Entdeckung des Buches hat man fast den Eindruck, den Flohmarktschatz selbst aufgestöbert zu haben. Dementsprechend erwartungsfroh begegnet der Leser auch den ersten Seiten und Worten des Berichts von Françoise Frenkel, der in der Presse in den höchsten Tönen gelobt wurde. Leider führt gerade die hohe Erwartungshaltung schnell zu einer Ernüchterung, denn die Geschichte hätte sich gut und gerne auch auf 100 Seiten weniger erzählen lassen. Da das Thema – die Flucht und Vertreibung der Juden in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts – ein sehr heikles, aber nicht weniger wichtiges Thema ist, wagt man es kaum, das Werk zu kritisieren. Denn schließlich handelt es sich hier um die Lebensgeschichte einer geflüchteten Jüdin und über ein gelebtes Leben urteilt man nicht ohne weiteres. Es fällt also schwer, bei diesem Buch von „mögen“ oder „nicht mögen“ zu sprechen, man muss bei der Betrachtung definitiv den historischen Inhalt vom Rest der Erzählung trennen. Zeitgeschichtlich gesehen besitzt das Buch, so wie alle Dokumente einer bestimmten Epoche, eine hohe Relevanz. Flucht, Deportationen und Verhaftungen werden ebenso thematisiert wie der Schrecken, den der Nationalsozialismus in Europa verbreitete. Rein stilistisch hat es mir allerdings nicht wirklich gefallen.

    Eine Buchhändlerin auf der Flucht
    Wir begegnen einer hochgebildeten Frau, die belesen und für damalige Verhältnisse weit gereist ist, die studiert und sich eine eigene Existenz geschaffen hat. Alles Dinge, die im Interbellum in der Damenwelt eher selten anzutreffen waren. So ist es anzunehmen (auch wenn dies in der Erzählung nicht explizit erwähnt wird), dass Françoise Frenkel aus einer wohlhabenden und mehr oder weniger einflussreichen jüdischen Familie stammt. Wie sonst hätte sie als polnische Jüdin ein Studium in Frankreich und die Eröffnung einer Buchhandlug in Deutschland finanzieren können? Dementsprechend erachtet sie während ihrer Flucht, die erzähltechnisch mehr wie eine Reise denn ein erzwungenes Ereignis anmutet, einen gleichbleibend hohen Lebensstandard als selbstverständlich. Bis zum Schluss flüchtet sie sich auch geistig in die Welt der schönen Dinge und der Literatur, die zwar in der Erzählung eine nebensächliche Rolle spielt, im Hintergrund aber stets präsent ist.

    Das Buch liest sich eher wie ein Roman und nicht wie ein Erfahrungsbericht. Die Sprache ist leicht, teils humorvoll und vermittelt den Eindruck einer authentischen Erzählerstimme, was dem Inhalt und dem schwer vermittelbaren Thema gut tut. Allerdings verwundert der lockere Plauderton im Kontext der tatsächlichen äußeren Umstände doch ein wenig und auch die stete Anklang ihrer betont unpolitischen Haltung wirkt befremdlich. Zudem werden markante Begriffe – als Beispiel sei hier das Wort „frappant“ genannt – überdurchschnittlich häufig wiederholt. Das mag an der Übersetzung liegen, als Stilmittel gedacht oder einfach einem persönlichen Spleen geschuldet sein, mich hat es leider im Lesefluss massiv gestört.

    Fazit
    Es war schön, nach längerer Pause wieder etwas von einer nicht-zeitgenössischen Autorin zu lesen. Vor allem da der Zeitgeist vor 70 Jahren doch ein ganz anderer gewesen ist und der Zweite Weltkrieg für die zweite und dritte Nachkriegsgeneration unvorstellbar weit entfernt erscheint. Emotional und historisch ist die Geschichte von Françoise Frenkel bedeutend und sollte nicht erneut in Vergessenheit geraten. Rein literarisch bietet das Werk mir persönlich dennoch zu wenig Anreiz, um es weiterzuempfehlen oder erneut zu lesen. Wer sich fernab von reinen Geschichtsbüchern mit der Judenverfolgung und den Folgen des Nationalsozialismus beschäftigen möchte, dem würde ich nach wie vor eher zum „Tagebuch der Anne Frank“ oder Markus Zusaks Roman „Die Bücherdiebin“ raten.

    Kommentieren0
    5
    Teilen
    Shimonas avatar
    Shimonavor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Dieses Buch ist ein Schatz - zunächst auf ihrer Flucht geschrieben als noch 》unbekannte Heldin《, die jedoch posthum zu einer Heldin wird
    Françoise Frenkel ~ eine Heldin ~ Erfahrungsbericht niedergeschrieben während ihrer Flucht

    Ein Tagebuch, ein Erfahrungsbericht einer 

    Frau, die den beschwerlichen unendlich
    langen Weg einer Flucht von Berlin über 
    Paris, bis in den Süden Frankreichs bis hin 
    nach  Nizza und noch weiter durchlitten hat.

    Jeder ohne Ausnahme sollte dieses Buch 
    lesen, damit jedem einzelnen Leser klar
    wird, dass sich Deportationen mit dem Ziel 
    der gezielten Vernichtung von Menschen
    niemals wiederholen dürfen.

    Wichtig zu betonen ist ebenfalls, wieviele 
    gute Menschen, den Juden auf der Flucht im 
    damaligen Frankreich ehrenhaft geholfen 
    und sie beschützt und versteckt haben. 
    Sie haben dabei auch ihr Leben riskiert.

    Dieses wohl doch recht unbekannte Buch
    sollte viel bekannter werden!



    Kommentieren0
    3
    Teilen
    YukBooks avatar
    YukBookvor 6 Monaten
    Odyssee durch das besetzte Frankreich

    Dieser Zeugenbericht von Françoise Frenkel ist unglaublich und ergreifend zugleich. Die polnische Jüdin erfüllte sich nach ihrem Literaturstudium in Paris einen Traum und eröffnete 1921 eine französische Buchhandlung in Berlin. 19 Jahre später, kurz vor Ausbruch des Krieges, musste sie das Geschäft aufgeben und nach Paris flüchten. Ab da beginnt eine Odyssee quer durch das besetzte Frankreich über Avignon, Vichy und Nizza bis in die Schweiz, die man sich kaum vorstellen kann, würde die Autorin sie nicht so fesselnd und authentisch schildern.

    Sie berichtet von den Lebensverhältnissen während der Vichy-Regierung, als die Bevölkerung den Besatzern und ihrem dekadenten Lebensstil möglichst aus dem Weg ging. Die Lage spitzt sich jedoch immer mehr zu, und bald stehen Diebstähle, Erpressungen, Flucht, Verhaftungen und Deportationen auf der Tagesordnung. Was die Menschen damals nicht alles versucht haben, um sich in Sicherheit zu bringen!

    Das Besondere an ihrem Bericht ist, dass Frenkel immer wieder die Menschlichkeit hervorhebt, die sie in ihrem durch Einsamkeit, Angst und Schrecken geprägtes Leben erfahren hat. So beschreibt sie viele bewegende Szenen der Solidarität, zum Beispiel auf der Post, wo sich Menschen voller Hoffnung und Erwartung zusammenfanden und sich Mut zusprachen, im Zug, wo Reisende sich gegenseitig Fotos von Familienangehörigen und Mitbringsel zeigten und Lebensmittel schenkten oder im Hotel Roseraie, das Flüchtlinge verschiedenster Nationalitäten aufnahm.

    Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, wenn Frenkel nicht Menschen voller Güte und Fürsorge wie das Ehepaar Marius getroffen hätte, die ihr in Nizza Unterschlupf boten und ihr Leben riskierten. Sie versäumt ebensowenig, ihre Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur und der Städte zu beschreiben und die Stimmung an der Promenade des Anglais oder auf einem Blumenmarkt atmosphärisch wiederzugeben. Ihr Zeugenbericht ist ein Juwel und hat sich stark in mein Gedächtnis eingeprägt.

    Kommentieren0
    16
    Teilen
    Giselle74s avatar
    Giselle74vor 6 Monaten
    Gegen das Vergessen

    1921 eröffnet die junge Françoise Frenkel in Berlin die erste französische Buchhandlung, "La Maison du livre français". Achtzehn Jahre lang lebt und arbeitet sie dort, bis ihr die französische Regierung 1939 empfiehlt, auszureisen. Françoise Frenkel ist Jüdin. Ein Verbleib in Deutschland erscheint, zumindest zu diesem Zeitpunkt, zu riskant. Sie zieht nach Paris, von dort muss sie jedoch bald über Avignon nach Nizza fliehen. Als das Vichy-Regime auch dort intensive Razzien durchführt, bleibt nur noch eine Ausreise in die Schweiz. Aber wie soll sie unerkannt durch halb Frankreich reisen?

    Françoise Frenkel gelingt, was so viele nicht schaffen werden. Im Juni 1943, beim dritten Versuch erreicht sie sicheren Schweizer Boden. Geholfen haben ihr eine erstaunliche Anzahl von Menschen. Menschen, die sich der Gefahr, verhaftet zu werden ausgesetzt haben, um dem Grauen entgegenzustehen, das die Nazis über ihr Land gebracht haben.

    Kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz verfasst sie dann diesen Bericht, zur Erinnerung und gegen das Vergessen. Sie ist sich der Tatsache bewußt eine Zeitzeugin zu sein, versucht, möglichst sachlich die Fakten ihrer Odyssee aufzuschreiben. Was sie gefühlt haben mag, scheint trotzdem durch, die Sorge um ihre Familie in Polen, die sie wohl nicht wiedersieht, die Angst in den verschiedenen Verstecken, die völlige Lebensmüdigkeit nach dem mißlungenen Versuch über die Grenze zu kommen, im Anblick der Grenzwache.

    Jahrelang war dieser Text verschollen, der 1945 in der Schweiz gedruckt wurde. Erst vor ein paar Jahren wurde er auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt. Über die Autorin weiß man recht wenig, 1889 wurde sie als Frymeta Idesa Frenkel in eine jüdisch-polnische Familie geboren, studierte Musik in Leipzig und Literaturwissenschaften in Paris, promovierte an der Sorbonne. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz verlaufen sich die Spuren, 1975 stirbt sie in Nizza.

    Es ist wie ein Fingerzeig aus der Vergangenheit, dass Mme Frenkels Bericht gerade jetzt wiedergefunden wurde, in einer Zeit, die einen heftigen Rechtsruck in Europa erlebt,  und das Erstarken von Kräften, die eigentlich gebannt hätten sein müssen, in einer Zeit, in der Kriegsflüchtlinge erneut befürchten müssen, an den Grenzen abgewiesen zu werden, in einer Zeit, in der rechtslastige Parteien Menschenfeindlichkeit wieder gesellschaftsfähig zu machen suchen und reichen Zulauf erhalten.

    Und es bleibt zu hoffen, dass Texte wie dieser dafür sorgen, dass immer genügend Menschen sich erinnern und aufstehen gegen Unrecht und Hass, Dummheit und Unmenschlichkeit.

    Kommentieren0
    6
    Teilen
    V
    Vildanvor 4 Monaten
    R
    Ramona91vor 5 Monaten

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks