Rote Zukunft

von Francis Spufford 
4,2 Sterne bei5 Bewertungen
Rote Zukunft
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Inhaltsangabe zu "Rote Zukunft"

'Was für ein ehrfurchtgebietender Mut, ein so verrücktes und gleichzeitig so wunderbares Buch zu schreiben.' SUNDAY TIMES
Es gab eine Zeit nach Stalins Tod, da glaubten nicht wenige in Ost und West, die Sowjetunion werde den Westen bald technisch und wirtschaftlich überholt haben. Der Sputnik zog seine Bahn durchs All, die Industrie wuchs und wuchs – bis das rote Wirtschaftswunder von der Ideologie erdrosselt und die Ideologie anschließend von der Realität gefressen wurde. Die Maschinen begannen zu rosten, die Menschen resignierten.
Diesen Stoff erzählt Francis Spufford wie einen großen historischen Roman: mit Helden, Opfern und Schurken, mit Hoffnungen und Tragödien. Ein unwahrscheinlicher Pageturner, ein unglaubliches Buch.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783499257513
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:576 Seiten
Verlag:ROWOHLT Taschenbuch
Erscheinungsdatum:02.04.2012

Rezensionen und Bewertungen

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    ralluss avatar
    rallusvor 4 Jahren
    Roter Überfluss

    “Diese Buch ist kein Roman, dafür muss es zu viel erklären. Aber es ist auch kein Geschichtsbuch, denn es liefert seine Erklärungen in Form von Erzählungen. Seine Geschichte ist in erster Hinsicht die Geschichte einer Idee, und erst in zweiter – als eine Art Schimmern durch die Spalten des Verhängnisses dieser Idee – verbindet sie sich mit den konkreten Geschichten einzelner Menschen. Die Idee ist der eigentliche Held.”

    Funktioniert das? Ein semi-historischer Roman mit verschiedenen Charakteren? Die Idee als Held? Ja! Es funktioniert sogar sehr gut. Francis Spufford entführt uns in die Aufbruchzeit nach dem zweiten Weltkrieg. Wir befinden uns in der U.D.S.S.R. Das Land leckt sich die Wunden nach dem Krieg, die Weichen zu einem kommunistischen Regime sind gestellt, es gibt einen Feind jenseits des eisernen Vorhangs. Diesen gilt es in jeglicher Disziplin zu schlagen.

    “Sorgfältig musterte er die Gesichter: Die Kapitalisten sahen erstaunlich normal aus für Menschen, deren Tagesgeschäft darin bestand, gestohlene Arbeitskraft in riesige Kapitalwerte zu verwandeln.”

    Dies soll mit Hilfe der Planwirtschaft passieren. Die Grundidee, dass es jedem Arbeiter besser gehen soll, ist auch im Kapitalismus das Ziel, nur wird es in der Sowjetunion staatlicher geregelt. In vielen kurzen geschichtlichen Einleitungen erzählt uns Francis Spufford, die Geschichte der U.D.S.S.R. Und dies geschieht so lebendig, dass man sich wünscht, ihn als Geschichtslehrer in der Schule gehabt zu haben. Zu den historischen Exkursen verknüpft er dazugehörige Erzählungen, von ganz normalen Menschen im Land. Die diese Geschichte hautnah erleben.

    “Er ging weiter. Was sollte er auch sonst machen? Mit jedem Schritt ließ sich ein bisschen mehr vom Moskauer Umland liebevoll auf ihm nieder, und die Mischung aus Staub und Schweiß ließ ihn dreckiger und dreckiger werden.”

    Hier erreicht er schon fast Tolstoische Erzählkunst. Seine lebendige und plastische Darstellung lässt die Personen und Begebenheiten in wenigen Worten und Pinselstrichen vor unseren Augen entstehen.

    “[…] war Emil jemand, der zwar über die guten Beziehungen und die Weltgewandtheit eines Mannes auf dem Weg ganz nach oben verfügte, dem aber die eidechsenhafte Kälte derer fehlte, für die Ideen und Menschen grundsätzlich immer nur Gebrauchswert besaßen.”

    Es gibt hier keinen Hauptcharakter, manche Personen tauchen mehrmals auf, doch meistens erleben wir nur einen kurzen Lebensabschnitt von verschiedenen Menschen mit, einen Abschnitt der sich stark an die vorher erzählte historische Geschichte anlehnt. Auch das Land wird personifiziert, nach 20 Jahren Planwirtschaft und Kampf ums Überleben, wird die Sehnsucht spürbar.

    “Er war Mitte zwanzig. Er sehnte sich nach etwas, das stärker wurde und sich ausweitete, nach etwas, das einen Sinn ergab. Er wollte, dass die Geschehnisse sichtbare Spuren in der Luft zurückließen, wenn sie vorübergingen.”

    Dabei steht die Idee im Vordergrund. Die Idee, dass es alle besser haben sollen und ein riesiges Land ernährt werden kann. Doch nach und nach zerfasert diese Idee, sind die Maßnahmen, um sie umzusetzen, immer unmenschlicher.

    “Die Welt machte einfach so weiter wie bisher, unverändert, wie es schien, nichts war eingelöst worden, nichts wie versprochen umgestaltet. Dieselben Sachen geschehen nach wie vor, der Biss derselben alten Zwänge war noch immer genauso fest.”

    Was bleibt den großen Formern der Sowjetunion? Nach einem grandiosen Aufschwung der Wirtschaft, der alle anderen Länder in den Schatten stellte, stockt der Motor. Die Wirtschaft stagniert, das Land kann die Menschen nicht mehr selbst ernähren, es müssen Waren und Nahrungsmittel importiert werden. Ein harter Winter hat alle Planungen zerstört, die Ernte vernichtet. Der Rest ist Verzweiflung und Erkennen, dass trotz gewissenhafter Planung, Schmerz und Kontrolle nichts mehr von dem Idealismus und den Träumen übrig geblieben ist.

    “‘Das Paradies’, sagte er an das Weizenfeld gerichtet, mit hilflosem Zorn, ‘ist ein Ort, an dem die Menschen ankommen wollen, und keiner, von dem sie sich entfernen. Was für eine Art von Sozialismus soll das sein? Was für eine Scheiße ist das, wenn man die Leute in Ketten halten muss? Was für eine Gesellschaftsordnung? Was für eine Art von Paradies?'”

    Die letzten 70 Seiten bestehen aus Fußnoten, die belegen, dass Teile der Erzählung auch wirklich so passiert sind, eine grandiose Vermischung aus Geschichte und Fiktion.

    Ein eloquent geschriebenes, von der Idee her einzigartiges Buch, das die Balance zwischen Roman und Geschichtsbuch elegant auf dem Hochseil tänzelnd schafft, ohne jemals auszurutschen. Auch gehört viel Mut dazu, sich einem solch sperrigen Thema zu widmen. Herausgekommen ist ein wahrer Pageturner, ein beeindruckendes Buch.

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    sumsidies avatar
    sumsidievor 6 Jahren
    Rezension zu "Rote Zukunft" von Francis Spufford

    Ich werde ein immer größerer Anhänger von Büchern die weder Sachbuch noch Roman sein wollen. Für "Rote Zukunft" hat Francis Spufford englischsprachige Quellen über die Sowietunion zwischen 1960 und 1980 sehr eingehend studiert, aber dann einzelne Episoden geschrieben, die fast wie kurze zusammenhängende Erzählungen wirken. Obwohl ich mich von Berufswegen her gut mit der Sowietunion und deren Planwirtschaft auskenne, hatte ich an diesem Buch viel Freude. Gerade wenn man sich in die Lebenswelten von armen Bauern, Jugendlichen, Parteifunktionären, Schwarzmarkthändlern, Künstlern und Intellektuellen in einem solchen Regime hereindenken möchte, hat dieses Buch viel zu bieten. Wer eine wirtschaftwissenschaftliche Abhandlung der Planwirtschaft erwartet wird trotz der guten Erklärungen ein bißchen enttäuscht sein.

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    machapuchares avatar
    machapucharevor 2 Jahren
    christophkochs avatar
    christophkochvor 5 Jahren
    jöönss avatar
    jöönsvor 7 Jahren

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    Schaut mich an: Ich lese ein Buch über Engpässe der sowjetischen Gummi-Industrie in den frühen sechziger Jahren, und ich liebe es. Ein unglaublich kluges, überraschend anziehendes und ungeheuer exzentrisches Buch. Ich bin nicht allein mit meiner Meinung, dass Francis Spufford einer der originellsten Köpfe der zeitgenössischen Literatur ist.

    Ziemlich wunderbar und völlig unerwartet.

    Ein virtuoser Erzähler. Spuffords Fähigkeit, so eine unglaublich befriedigende, technicolorbunte Wirklichkeit zu schaffen, hat etwas Magisches, ja geradezu Unheimliches.

    Rote Zukunft birst vor Informationen und ist trotzdem an keiner Stelle zäh oder belehrend.

    Ein verrücktes Gemisch aus Spaß, Technik, Wissenschaft und tödlichem Ernst. Dieses Buch ist von vorne bis hinten ein exzentrisches Vergnügen, es beschäftigt den Leser, ist angenehm weitschweifig und hervorragend geschrieben.

    Ein seltsames, brillantes, irrsinnig mutiges Buch.

    Was für ein ehrfurchtgebietender Mut, ein so verrücktes und gleichzeitig so wunderbares Buch zu schreiben.'

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