Frank McLynn

 3 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor*in von Napoleon: A Biography, Napoleon und weiteren Büchern.

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Cover des Buches Warriors - Die großen Kriegsherren (ISBN: 9783821873060)

Warriors - Die großen Kriegsherren

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Erschienen am 28.07.2008
Cover des Buches Napoleon (ISBN: 9780224040723)

Napoleon

 (1)
Erschienen am 26.11.1997
Cover des Buches Napoleon: A Biography (ISBN: 9781951627546)

Napoleon: A Biography

 (1)
Erschienen am 27.04.2021

Neue Rezensionen zu Frank McLynn

Cover des Buches Napoleon: A Biography (ISBN: 9781951627546)
A

Rezension zu "Napoleon: A Biography" von Frank McLynn

Napoleon - nur ein Abenteurer und Hasardeur?
Andreas_Oberendervor 8 Monaten

Frank McLynn (geb. 1941), Journalist und Autor historischer Sachbücher, zählt zu den bekanntesten und produktivsten Vertretern eines Genres, das man in Großbritannien popular history nennt. Sein Werk umfasst Bücher zur Militärgeschichte und zu den geographischen Entdeckungen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie mehrere Biographien. Besonderes Interesse verdient McLynns Napoleon-Biographie aus dem Jahr 1997. Das Buch erschien in Großbritannien beim Verlag Jonathan Cape, in den USA bei Arcade Publishing. Der amerikanische Verlag brachte 2021 eine Neuauflage der Biographie heraus. Es handelt sich, wie betont werden muss, um einen unveränderten Nachdruck. McLynn hat den Text nicht überarbeitet, und er hat auch keine Ergänzungen an den Literaturhinweisen vorgenommen. Das ist problematisch, denn die Erforschung des napoleonischen Zeitalters hat in den letzten 25 Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Obwohl McLynns Biographie erst ein Vierteljahrhundert alt ist, wirkt sie heute angestaubt und altbacken. McLynn benutzte seinerzeit noch die lückenhafte Edition von Napoleons Briefwechsel aus dem 19. Jahrhundert. Inzwischen hat sich die Quellenlage deutlich verbessert. Die in Paris ansässige Fondation Napoléon brachte zwischen 2004 und 2018 eine komplette Ausgabe von Napoleons Korrespondenz in 15 Bänden heraus. An diesem monumentalen Quellenwerk, das fast 41.000 politische und private Briefe umfasst, kommt heute kein Historiker vorbei, der sich ernsthaft mit Napoleon beschäftigt. Das Editionsprojekt hat zu einer Blüte der Napoleon-Biographik geführt, in Frankreich selbst, aber auch in der angelsächsischen Welt. Erwähnung verdienen vor allem die jeweils dreibändigen Biographien des australischen Historikers Philip Dwyer (2007, 2013, 2018) und des britischen Historikers Michael Broers (2014, 2018, 2022). Hinzu kommen mehrere einbändige Biographien, die allesamt von hoher Qualität sind: Steven Englund (2004), Alan Forrest (2011), Andrew Roberts (2014). Angesichts dieser Fülle, ja Überfülle an englischsprachigen Napoleon-Biographien neueren Datums stellt sich die Frage, warum Arcade Publishing McLynns Buch neu aufgelegt hat, noch dazu ohne jede Überarbeitung. Die Biographie kann beim Vergleich mit den Werken der eben genannten Autoren nur den Kürzeren ziehen. Sie weist manche Stärken auf, aber auch viele Mängel und Schwächen. Zunächst die Vorzüge:

(1)

Frank McLynn ist ein erfahrener und im positiven Sinne routinierter Erzähler. Seine Darstellung ist durchweg farbig, anschaulich und kurzweilig, gespickt mit Anekdoten und klug ausgewählten Quellenzitaten. Mit rund 670 Textseiten ist die Biographie gut proportioniert.

(2)

Meisterhaft beherrscht McLynn die Kunst, historische Figuren zu charakterisieren und Beziehungsdynamiken lebendig werden zu lassen. Was Napoleons soziales Umfeld angeht, so konzentriert sich McLynn auf zwei Personenkreise: Die Familie Bonaparte zum einen, zum anderen die Generäle und Marschälle, mit denen Napoleon ins Feld zog. McLynn zeichnet ein plastisches Bild vom spannungsreichen Beziehungsgeflecht innerhalb der vielgliedrigen Kaiserfamilie. Er lässt kaum ein gutes Haar an den Geschwistern Bonaparte, die für Napoleon eher Last als Stütze waren. Besonders hart geht McLynn mit Caroline Bonaparte ins Gericht, einer von Ehrgeiz zerfressenen Intrigantin. Auch Joséphine, Napoleons erste Gemahlin, erfährt eine ausgesprochen unfreundliche Beurteilung als Inbegiff von Ehebruch und enthemmter Verschwendungssucht. Das alles ist unterhaltsam zu lesen, doch mitunter drängt sich der Eindruck auf, dass McLynn Klischees und Zerrbilder aus älterer Zeit reproduziert. Was ist belegbarer Fakt, was ist nur Klatsch und Legende? Der Leser ist gut beraten, einen Blick in aktuelle Werke über die Familie Bonaparte und Joséphine zu werfen. Anschaulich arbeitet McLynn den Anteil der Marschälle an Napoleons Siegen und Niederlagen heraus.

Die Mängel und Schwächen sind formaler, hauptsächlich aber inhaltlicher Art:

(1)

Die 28 Kapitel sind lediglich durchnummeriert, haben aber keine Überschriften. Chronologischer Rahmen und Inhalt der einzelnen Kapitel bleiben somit unklar.

(2)

Die kommentierten Literaturhinweise am Ende des Buches (S. 669-718) sind nach Kapiteln gegliedert. Bei der Durchsicht fällt der hohe Anteil von Werken der Sekundärliteratur aus dem 19. Jahrhundert und aus der Zeit vor 1950 auf. Es entstehen Zweifel, ob ein vielbeschäftigter Autor wie McLynn tatsächlich Hunderte von Büchern über Napoleon und das napoleonische Zeitalter gelesen und ausgewertet hat. Die Biographie beruht auf einer schmalen Quellenbasis: Neben der oben erwähnten Edition von Napoleons Briefen aus der Zeit des Zweiten Kaiserreiches zieht McLynn nur Memoiren heran. Doch nirgendwo erörtert er, welche Memoirenwerke seriös und glaubwürdig sind und welche nicht. Das ist bekanntlich das dornigste Problem, mit dem jeder Napoleon-Biograph konfrontiert ist.

(3)

Ärgerlich ist McLynns Faible für Schlafzimmergeschichten aller Art. Die Grenze zwischen seriöser Biographik und reißerischer Kolportage verschwimmt gelegentlich. Mit der Akribie eines Buchhalters listet McLynn Napoleons Affären und Liebschaften auf. Geradezu schwelgerisch schildert er Joséphines Untreue und Seitensprünge, und auch das turbulente Liebesleben von Napoleons Schwester Pauline wird übertrieben detailreich ausgemalt. Das passt zu McLynns Gesamtbild des Bonaparte-Clans: Dreiste, gierige, schamlose Emporkömmlinge, erfüllt von der Lust am Regelbruch.

(4)

Bei der Schilderung von Feldzügen, militärischen Operationen und Schlachten tut McLynn zu viel des Guten. Nicht weniger als sechs Kapitel (22 bis 27) behandeln das Kriegsgeschehen der Jahre 1812 bis 1815. In manchen Fällen erstrecken sich Schlachtenschilderungen über mehrere Seiten (z.B. Wagram, Leipzig, Waterloo). Für Leser mit geringem Interesse an Militärgeschichte dürften diese Passagen schwere Kost sein. Wie von einem britischen Autor nicht anders zu erwarten, geht McLynn ausführlich auf die Operationen britischer Armeen auf der Iberischen Halbinsel ein (Peninsular War), aus Sicht eines deutschen Lesers gewiss zu ausführlich. 

(5)

Während Napoleons Familien- und Liebesleben, die Außenpolitik und das militärische Geschehen breiten Raum einnehmen, behandelt McLynn die innenpolitischen Verhältnisse in Frankreich nur oberflächlich. In seiner Rolle als Regierungschef wird Napoleon in McLynns Darstellung kaum greifbar. Im Gegensatz zu den Marschällen bleiben die ranghohen zivilen Mitarbeiter des Kaisers schemenhaft, sofern sie überhaupt namentlich erwähnt werden. Die Vernachlässigung innenpolitischer und nichtmilitärischer Aspekte lässt die Biographie unausgewogen wirken. 

(6)

McLynn greift auf psychohistorische Ansätze zurück, um Napoleons Persönlichkeit und Verhalten zu erklären. Er stützt sich dabei auf die Klassiker der Psychoanalyse – Sigmund Freud, Alfred Adler, Wilhelm Reich, C.G. Jung. Die Abschnitte über Napoleons vermeintliche Komplexe und Fixierungen sind ausgesprochen peinvoll zu lesen. Versuche, historische Persönlichkeiten nachträglich "auf die Couch zu legen", sind immer heikel und führen in der Regel nicht zu überzeugenden Ergebnissen. Es ist kein Zufall, dass psychohistorische Ansätze bis heute in der Geschichtswissenschaft eine marginale Rolle spielen.

(7)  

McLynn erkennt Napoleons historische Größe durchaus an, er rühmt Feldherrentalent, Intelligenz und Tatkraft des Korsen, bestreitet aber, dass der Kaiser in Frankreich und Europa Bleibendes schuf und hinterließ. Die napoleonische Saga erscheint in McLynns Buch als bunter Bilderbogen, als dramatische Abenteuergeschichte ohne Langzeitwirkungen. Folgt man dem Autor, so war das von Napoleon errichtete Imperium nicht mehr als ein Beuteverteilungssystem. McLynn diagnostiziert in Napoleons Wesen einen ständigen Konflikt zwischen Rationalität und Irrationalität, zwischen nüchternem Realitätssinn und überspannter Phantasterei. Der Kaiser sei unfähig gewesen, Prioritäten zu setzen; er habe sich verzettelt und zu viele Vorhaben gleichzeitig verfolgt. Pragmatiker durch und durch, frei von Überzeugungen, jeglicher Ideologie abhold, ohne Verständnis für Frankreichs Interessen und Traditionen, habe er niemals eine kohärente, zukunftsorientierte Gesamtkonzeption für sein politisches Handeln entwickelt, stets nur von Augenblick zu Augenblick gelebt, auf Umstände reagiert. McLynn steht im Lager derjenigen Historiker, die in Napoleon eine Art Glücksritter und Condottiere sehen, der Frankreich in seinen Besitz brachte und die Ressourcen des Landes ausbeutete, um seinen maßlosen Ehrgeiz zu befriedigen, um seinen Drang zu stillen, "gefährlich zu leben" (S. 287). McLynns Bestreben, Napoleon als Abenteurer und Hasardeur darzustellen, der nicht über den Tag hinaus dachte und plante, macht die Biographie anfechtbar.

(8)

Es haben sich sachliche Fehler eingeschlichen, die einem erfahrenen Autor nicht unterlaufen sollten. Talleyrand hielt sich von 1794 bis 1796 nicht als französischer Botschafter in den USA auf (S. 152), sondern als Exilant. Auf Seite 285 wird Ludwig XI. erwähnt. Gemeint ist aber Ludwig XIII. Auf Seite 296 werden Ludwig XVIII. und ein Graf von Lille als zwei verschiedene Personen genannt. Doch Graf von Lille war der Titel, den Ludwig XVIII. während seines Exilaufenthaltes in Großbritannien führte. Messalina war die Gemahlin des Kaisers Claudius, nicht des Kaisers Nero (S. 315). Friedrich Wilhelm III. war König von Preußen, nicht Kaiser (S. 547, 582, 592, 606, Personenregister).

Wägt man Vorzüge und Schwächen ab, so verdient Frank McLynns Napoleon-Biographie keine Leseempfehlung. Das Buch spiegelt den aktuellen Forschungsstand nicht wider, und es genügt den Anforderungen nicht, die eine moderne Napoleon-Biographie erfüllen sollte. Die Neuauflage in unveränderter Gestalt war überflüssig, ein Missgriff. Deutsche Leser, die die anglophone Napoleon-Literatur rezipieren möchten, sollten zu den eingangs genannten Werken von Englund, Forrest und Roberts greifen. Die schwergewichtigen, nur mit Mühe zu bewältigenden Trilogien von Broers und Dwyer gehen sicherlich zu weit über das Informationsbedürfnis eines deutschen Lesers hinaus. 

Cover des Buches Napoleon (ISBN: 9780224040723)
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Rezension zu "Napoleon" von Frank McLynn

Napoleon - nur ein Abenteurer und Hasardeur?
Andreas_Oberendervor 8 Monaten

Frank McLynn (geb. 1941), Journalist und Autor historischer Sachbücher, zählt zu den bekanntesten und produktivsten Vertretern eines Genres, das man in Großbritannien popular history nennt. Sein Werk umfasst Bücher zur Militärgeschichte und zu den geographischen Entdeckungen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie mehrere Biographien. Besonderes Interesse verdient McLynns Napoleon-Biographie aus dem Jahr 1997. Das Buch erschien in Großbritannien beim Verlag Jonathan Cape, in den USA bei Arcade Publishing. Der amerikanische Verlag brachte 2021 eine Neuauflage der Biographie heraus. Es handelt sich, wie betont werden muss, um einen unveränderten Nachdruck. McLynn hat den Text nicht überarbeitet, und er hat auch keine Ergänzungen an den Literaturhinweisen vorgenommen. Das ist problematisch, denn die Erforschung des napoleonischen Zeitalters hat in den letzten 25 Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Obwohl McLynns Biographie erst ein Vierteljahrhundert alt ist, wirkt sie heute angestaubt und altbacken. McLynn benutzte seinerzeit noch die lückenhafte Edition von Napoleons Briefwechsel aus dem 19. Jahrhundert. Inzwischen hat sich die Quellenlage deutlich verbessert. Die in Paris ansässige Fondation Napoléon brachte zwischen 2004 und 2018 eine komplette Ausgabe von Napoleons Korrespondenz in 15 Bänden heraus. An diesem monumentalen Quellenwerk, das fast 41.000 politische und private Briefe umfasst, kommt heute kein Historiker vorbei, der sich ernsthaft mit Napoleon beschäftigt. Das Editionsprojekt hat zu einer Blüte der Napoleon-Biographik geführt, in Frankreich selbst, aber auch in der angelsächsischen Welt. Erwähnung verdienen vor allem die jeweils dreibändigen Biographien des australischen Historikers Philip Dwyer (2007, 2013, 2018) und des britischen Historikers Michael Broers (2014, 2018, 2022). Hinzu kommen mehrere einbändige Biographien, die allesamt von hoher Qualität sind: Steven Englund (2004), Alan Forrest (2011), Andrew Roberts (2014). Angesichts dieser Fülle, ja Überfülle an englischsprachigen Napoleon-Biographien neueren Datums stellt sich die Frage, warum Arcade Publishing McLynns Buch neu aufgelegt hat, noch dazu ohne jede Überarbeitung. Die Biographie kann beim Vergleich mit den Werken der eben genannten Autoren nur den Kürzeren ziehen. Sie weist manche Stärken auf, aber auch viele Mängel und Schwächen. Zunächst die Vorzüge:

(1)

Frank McLynn ist ein erfahrener und im positiven Sinne routinierter Erzähler. Seine Darstellung ist durchweg farbig, anschaulich und kurzweilig, gespickt mit Anekdoten und klug ausgewählten Quellenzitaten. Mit rund 670 Textseiten ist die Biographie gut proportioniert.

(2)

Meisterhaft beherrscht McLynn die Kunst, historische Figuren zu charakterisieren und Beziehungsdynamiken lebendig werden zu lassen. Was Napoleons soziales Umfeld angeht, so konzentriert sich McLynn auf zwei Personenkreise: Die Familie Bonaparte zum einen, zum anderen die Generäle und Marschälle, mit denen Napoleon ins Feld zog. McLynn zeichnet ein plastisches Bild vom spannungsreichen Beziehungsgeflecht innerhalb der vielgliedrigen Kaiserfamilie. Er lässt kaum ein gutes Haar an den Geschwistern Bonaparte, die für Napoleon eher Last als Stütze waren. Besonders hart geht McLynn mit Caroline Bonaparte ins Gericht, einer von Ehrgeiz zerfressenen Intrigantin. Auch Joséphine, Napoleons erste Gemahlin, erfährt eine ausgesprochen unfreundliche Beurteilung als Inbegiff von Ehebruch und enthemmter Verschwendungssucht. Das alles ist unterhaltsam zu lesen, doch mitunter drängt sich der Eindruck auf, dass McLynn Klischees und Zerrbilder aus älterer Zeit reproduziert. Was ist belegbarer Fakt, was ist nur Klatsch und Legende? Der Leser ist gut beraten, einen Blick in aktuelle Werke über die Familie Bonaparte und Joséphine zu werfen. Anschaulich arbeitet McLynn den Anteil der Marschälle an Napoleons Siegen und Niederlagen heraus.

Die Mängel und Schwächen sind formaler, hauptsächlich aber inhaltlicher Art:

(1)

Die 28 Kapitel sind lediglich durchnummeriert, haben aber keine Überschriften. Chronologischer Rahmen und Inhalt der einzelnen Kapitel bleiben somit unklar.

(2)

Die kommentierten Literaturhinweise am Ende des Buches (S. 669-718) sind nach Kapiteln gegliedert. Bei der Durchsicht fällt der hohe Anteil von Werken der Sekundärliteratur aus dem 19. Jahrhundert und aus der Zeit vor 1950 auf. Es entstehen Zweifel, ob ein vielbeschäftigter Autor wie McLynn tatsächlich Hunderte von Büchern über Napoleon und das napoleonische Zeitalter gelesen und ausgewertet hat. Die Biographie beruht auf einer schmalen Quellenbasis: Neben der oben erwähnten Edition von Napoleons Briefen aus der Zeit des Zweiten Kaiserreiches zieht McLynn nur Memoiren heran. Doch nirgendwo erörtert er, welche Memoirenwerke seriös und glaubwürdig sind und welche nicht. Das ist bekanntlich das dornigste Problem, mit dem jeder Napoleon-Biograph konfrontiert ist.

(3)

Ärgerlich ist McLynns Faible für Schlafzimmergeschichten aller Art. Die Grenze zwischen seriöser Biographik und reißerischer Kolportage verschwimmt gelegentlich. Mit der Akribie eines Buchhalters listet McLynn Napoleons Affären und Liebschaften auf. Geradezu schwelgerisch schildert er Joséphines Untreue und Seitensprünge, und auch das turbulente Liebesleben von Napoleons Schwester Pauline wird übertrieben detailreich ausgemalt. Das passt zu McLynns Gesamtbild des Bonaparte-Clans: Dreiste, gierige, schamlose Emporkömmlinge, erfüllt von der Lust am Regelbruch.

(4)

Bei der Schilderung von Feldzügen, militärischen Operationen und Schlachten tut McLynn zu viel des Guten. Nicht weniger als sechs Kapitel (22 bis 27) behandeln das Kriegsgeschehen der Jahre 1812 bis 1815. In manchen Fällen erstrecken sich Schlachtenschilderungen über mehrere Seiten (z.B. Wagram, Leipzig, Waterloo). Für Leser mit geringem Interesse an Militärgeschichte dürften diese Passagen schwere Kost sein. Wie von einem britischen Autor nicht anders zu erwarten, geht McLynn ausführlich auf die Operationen britischer Armeen auf der Iberischen Halbinsel ein (Peninsular War), aus Sicht eines deutschen Lesers gewiss zu ausführlich. 

(5)

Während Napoleons Familien- und Liebesleben, die Außenpolitik und das militärische Geschehen breiten Raum einnehmen, behandelt McLynn die innenpolitischen Verhältnisse in Frankreich nur oberflächlich. In seiner Rolle als Regierungschef wird Napoleon in McLynns Darstellung kaum greifbar. Im Gegensatz zu den Marschällen bleiben die ranghohen zivilen Mitarbeiter des Kaisers schemenhaft, sofern sie überhaupt namentlich erwähnt werden. Die Vernachlässigung innenpolitischer und nichtmilitärischer Aspekte lässt die Biographie unausgewogen wirken. 

(6)

McLynn greift auf psychohistorische Ansätze zurück, um Napoleons Persönlichkeit und Verhalten zu erklären. Er stützt sich dabei auf die Klassiker der Psychoanalyse – Sigmund Freud, Alfred Adler, Wilhelm Reich, C.G. Jung. Die Abschnitte über Napoleons vermeintliche Komplexe und Fixierungen sind ausgesprochen peinvoll zu lesen. Versuche, historische Persönlichkeiten nachträglich "auf die Couch zu legen", sind immer heikel und führen in der Regel nicht zu überzeugenden Ergebnissen. Es ist kein Zufall, dass psychohistorische Ansätze bis heute in der Geschichtswissenschaft eine marginale Rolle spielen.

(7)  

McLynn erkennt Napoleons historische Größe durchaus an, er rühmt Feldherrentalent, Intelligenz und Tatkraft des Korsen, bestreitet aber, dass der Kaiser in Frankreich und Europa Bleibendes schuf und hinterließ. Die napoleonische Saga erscheint in McLynns Buch als bunter Bilderbogen, als dramatische Abenteuergeschichte ohne Langzeitwirkungen. Folgt man dem Autor, so war das von Napoleon errichtete Imperium nicht mehr als ein Beuteverteilungssystem. McLynn diagnostiziert in Napoleons Wesen einen ständigen Konflikt zwischen Rationalität und Irrationalität, zwischen nüchternem Realitätssinn und überspannter Phantasterei. Der Kaiser sei unfähig gewesen, Prioritäten zu setzen; er habe sich verzettelt und zu viele Vorhaben gleichzeitig verfolgt. Pragmatiker durch und durch, frei von Überzeugungen, jeglicher Ideologie abhold, ohne Verständnis für Frankreichs Interessen und Traditionen, habe er niemals eine kohärente, zukunftsorientierte Gesamtkonzeption für sein politisches Handeln entwickelt, stets nur von Augenblick zu Augenblick gelebt, auf Umstände reagiert. McLynn steht im Lager derjenigen Historiker, die in Napoleon eine Art Glücksritter und Condottiere sehen, der Frankreich in seinen Besitz brachte und die Ressourcen des Landes ausbeutete, um seinen maßlosen Ehrgeiz zu befriedigen, um seinen Drang zu stillen, "gefährlich zu leben" (S. 287). McLynns Bestreben, Napoleon als Abenteurer und Hasardeur darzustellen, der nicht über den Tag hinaus dachte und plante, macht die Biographie anfechtbar.

(8)

Es haben sich sachliche Fehler eingeschlichen, die einem erfahrenen Autor nicht unterlaufen sollten. Talleyrand hielt sich von 1794 bis 1796 nicht als französischer Botschafter in den USA auf (S. 152), sondern als Exilant. Auf Seite 285 wird Ludwig XI. erwähnt. Gemeint ist aber Ludwig XIII. Auf Seite 296 werden Ludwig XVIII. und ein Graf von Lille als zwei verschiedene Personen genannt. Doch Graf von Lille war der Titel, den Ludwig XVIII. während seines Exilaufenthaltes in Großbritannien führte. Messalina war die Gemahlin des Kaisers Claudius, nicht des Kaisers Nero (S. 315). Friedrich Wilhelm III. war König von Preußen, nicht Kaiser (S. 547, 582, 592, 606, Personenregister).

Wägt man Vorzüge und Schwächen ab, so verdient Frank McLynns Napoleon-Biographie keine Leseempfehlung. Das Buch spiegelt den aktuellen Forschungsstand nicht wider, und es genügt den Anforderungen nicht, die eine moderne Napoleon-Biographie erfüllen sollte. Die Neuauflage in unveränderter Gestalt war überflüssig, ein Missgriff. Deutsche Leser, die die anglophone Napoleon-Literatur rezipieren möchten, sollten zu den eingangs genannten Werken von Englund, Forrest und Roberts greifen. Die schwergewichtigen, nur mit Mühe zu bewältigenden Trilogien von Broers und Dwyer gehen sicherlich zu weit über das Informationsbedürfnis eines deutschen Lesers hinaus. 

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