Frank Schulz Morbus Fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien

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Inhaltsangabe zu „Morbus Fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien“ von Frank Schulz

Gegen den Strich des Weizenfeldes drang, vom jenseitigen Rain, Schafsblöken herauf. Unentwegt entströmte der Pappelkrone dahinten jene Korona von Gegenlicht, in der das Mückenvolk hier vorn seine rituellen Tänze aufführte, und die beiden Grillen am Rande des Hohlwegs, der den Weizen von dem kleinen Forst trennte, girrten ebenso stetig ihre einsilbigen Verse. Immer noch schwebten Sporendaunen umher und schwirrten, mit unberechenbaren Quantensprüngen, vereinzelt Libellen hindurch - nur der Specht wartete nun in irgendeinem Wipfel ab -, als ein Kuckuck seinen kindischen Ruf aus dem Wäldchen hören ließ. Schweiß versiegelte Anitas blasse Stirn. Wie in Harz gegossen verharrten sie und die ändern vor der nagelneuen Einfriedung des Gehölzes, noch damit befaßt, den Auftritt jenes bizarren Trios zu verarbeiten, das ihren Hamburger Suchtrupp offensichtlich verfolgt hatte - bis auf die niederelbische Geest, bis hierher, die sanfte Anhöhe hinauf zum Wäldchen -, da hörten sie im Dickicht, einen Steinwurf weit hinterm verriegelten Stahlgittertor, das Geräusch zertretenen Gezweigs. Und erneut. Sie fuhren herum. Gleich darauf ein Kommando, das gedämpft, beinah technisch verzerrt wirkte: »Janus!! Sitz!! Aus!!« Dessenungeachtet huschte ein massiges Phantom über die verschattete Lichtung auf sie zu - der Pfotengalopp kaum hörbar auf dem Nadelteppich, beinah deutlicher der Niederschlag von aufgestobenen Erdbröckchen -, und noch im selben Augenblick krallte im Maschendraht des Gatters ein Hund, schwarz und schwer wie ein Kalb. Schußartiges Blaffen krachte aus seinem Rachen. Mit einem leisen Akkord von Schreckenslauten wichen sie, im Block, ein Stück zurück. »JANUS!! AUS!!« herrschte die Stimme, nun zwar lauthals, nach wie vor aber membranenhaft dumpf, fast wie aus einem Kurzwellenradio. »HIERHER!!« Diesmal schlich das Tier geduckt und mit dem Hintern wackelnd nach seinem Herrn zurück, der unterdessen ebenfalls aus dem Unterholz aufgetaucht war und auf die Pforte zwischen sich und den anderen zu marschierte. Er war nackt bis auf Gummistiefel und Badehose. Um den Hals trug er ein Lederband mit Schlüssel und auf dem Kopf einen großen schwarzen Motorradhelm (daher die Gedämpftheit der Stimme). Kein Bierbauch mehr, wie verdampft. Die Haut gebräunt, verschwitzt und von Gestrüppkratzern gezeichnet. In der Rechten hielt er waagerecht einen Spaten, dessen Stichblatt mit frischer Erde verschmiert war. Die letzten beiden Schritte seines Anmarschs brachten ihn aus dem Tritt. Wie um sich der vergangenen zehn Tage zu vergewissern, wandte er sich mit erhobenem Kinn halbwegs nach seiner Spur um, schwang den Spaten schließlich linkisch auf die Schulter und schaute mit rückwärts geneigtem Helmkopf wieder durchs mannshohe, maschendrahtverschweißte Stahlgitter, schaute her zu Anita und den ändern. Und dann ging etwas mit seinen Augen vor - vielleicht beschlugen auch nur, trotz des offenen Visiers, die Brillengläser -, und er senkte das Kinn und machte jene Bewegung, die sie so schnell nicht vergessen sollten, gerade weil sie so unscheinbar war: Er hob die freie Hand, die Finger gekrümmt, an den Hinterkopf, um sich zu kratzen; anscheinend hatte er nicht daran gedacht, daß er diesen Helmballon trug, und als er das glatte, harte, kühle Material an den Fingerkuppen spürte anstatt dünner, warmer Behaarung, ließ er den Arm fallen, so daß die Geste wie ein matter Gruß wirkte. »Mufti...«, sagte Anita. Er inhalierte heftig einen halben Liter Luft durch Nase - hielt eine Sekunde an - und atmete noch heftiger aus; und dann sagte er in jener gequetschten Stimmlage, durch die er gewöhnlich versuchte, einen cholerischen Anfall aufzuhalten: »Großer Bahnhof. Wa? Ganz großer Bahnhof, wa?« Ächzend vor unterdrückter Tobsucht versuchte er, den Helm mit einer Hand herunterzureißen, vergeblich; schließlich flogen erst Spaten, dann Helm und Brille davon - und spätestens in dem Moment erkannten sie ihn, hätten ihn auch mit verbundenen Augen erkannt: an seiner Wut.

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