Puh. Endlich geschafft. Am Ende des 800-Seiten-Epos angelangt, ist mein Hauptgefühl Erleichterung: Erleichterung, dass es gar nicht sooo schwer zu lesen war, wie befürchtet; Erleichterung über ein versöhnliches Ende; und Erleichterung, dass die Palast-Intrigen endlich ein Ende haben. Phasenweise hat sich das Buch eher wie die hundertste Staffel Lindenstraße angefühlt, als eines der führenden Werke der Weltliteratur. Aber der Reihe nach:
"Der Traum der roten Kammer" oder "Die Geschichte des Steins", das Hong Lou Meng gehört zu den 4 klassischen Romanen Chinas. Jeder junge Chinese kennt sie seit der Schulzeit, so wie unsereiner den Faust. Der Roman wurde mehrfach verfilmt, es gibt Fernsehserien, Opern und Ballettstücke über den Stoff. Die Figuren sind in China so bekannt, wie in Europa Romeo und Julia. Es hat sich sogar ein eigenes Fachgebiet dazu entwickelt - die "Rotforschung". (siehe dazu auch die Einträge im deutschen und englischen Wikipedia)
Man wundert sich, dass es bis 1932 dauerte, bis eine erste deutsche Übersetzung zustande kam. Der Sinologe Franz Kuhn nahm sich des Riesenwerks an, und brachte den Stoff in eine auch für den Laien verständliche Form. Allerdings hat Kuhn es sich recht leicht gemacht, oft sehr frei übersetzt und überhaupt zwei Drittel des Werks unübersetzt gelassen. Die vielen dadurch entstandenen losen Handlungsfäden merkt man leider an allen Ecken und Enden. Ein Amazon-Rezensent hat den Text der englischen und der deutschen Übersetzung gegenübergestellt:
https://www.amazon.de/gp/customer-reviews/R296S7GBOUUWH5/ref=cm_cr_getr_d_rvw_ttl?ie=UTF8&ASIN=3458334726
Angeblich ist die englische Übersetzung von Hawkes die beste, aber es gibt seit 2009 auch eine vollständige deutsche. Also: Franz Kuhn bitte meiden!
Zum Inhalt:
Die reiche Fürstenfamilie Kia lebt um 1730 in Peking. Hunderte Personen bevölkern die beiden Paläste. Von der hochverehrten Ahne bis hin zur Magd "Blödchen" lernen wir als Leser viele verschiedene Menschen kennen und das komplexe Beziehungsgeflecht in dem sie leben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Gruppe der jugendlichen Adeligen und ihrer engsten Dienerschaft. Liebesbeziehungen, Machtkämpfe und Todesfälle, Feste und Dramen, Freundschaften und Feindschaften reihen sich aneinander, dass einem schier davon schwindlig werden möchte.
Mein Lese-Erlebnis:
für ein Buch aus einer völlig anderen Welt überraschend leicht zu lesen. Die Lebenswelt der alten Chinesen scheint sehr vertraut. Vermutlich liegt das zum Großteil an der Übersetzung, die einfach sehr deutsch und wenig chinesisch ist. Und das ist auch wieder die große Schwäche des Buchs: es fehlt irgendwie das Fremde, Exotische. Wie schon gesagt, manchmal fühlt es sich ein bisschen wie Lindenstraße an.
Irgendwo in der Mitte des Romans war ich knapp am Aufgeben, weil mir die Palastintrigen schon völlig zum Hals hinausgehangen sind. Nach ein paar Tagen Lesepause war aber alles wieder gut, und die letzten paar Kapitel sind richtig "geflutscht".
Fazit: ein Buch, das zur "literarischen Allgemeinbildung" gehört. Aber tut euch die Mühe an, und lest es nicht in der simplen Übersetzung von Franz Kuhn.









