Dieses Buch hüllte mich ein wie eine warme Decke – gerade, weil Franziska Schutzbach kein „wird schon alles gut“ betreibt, sondern Schwierigkeiten aufzeigt, Kritik benennt, die Komplexität schildert. Aber ja: Solidarität kann gelingen, auch, wenn sie in unserer patriarchalen Welt nicht einfach zu erreichen ist, und sie ist die Grundlage für die Freiheit aller.
„Wenn die Herrschaft über die Frauen nicht abgeschafft wird, wird auch die Abschaffung jeglicher anderer Herrschaftsverhältnisse scheitern.“
In fünf großen Abschnitten geht es um Freundschaft, Frauenbeziehungen in Familien, Revolution der Liebe, Sisterhood und weibliche Verweigerung. Jeden Abschnitt leitet Schutzbach mit einem Brief an eine Frau ein und erzählt hier stark auch von ihren persönlichen Erfahrungen. Ich mochte die Briefe, weil sie die scharfen Analysen um eine private Note ergänzen, manchmal waren sie mir aber etwas ausschweifend. Kleiner Hinweis: Im letzten Brief an Mareike Fallwickl kommen Spoiler zu deren Roman „Die Wut, die bleibt“ vor. Da ich den Roman leider immer noch auf dem SuB liegen habe, habe ich dort nur quergelesen.
Nach den Briefen vertieft Schutzbach des jeweilige Thema in mehreren Kapiteln und beleuchtet es von verschiedenen Seiten. Sie bildet hier Synthesen zu Gedanken, die im Feminismus an vielen Stellen immer wieder vorkommen, und ich habe mir so vieles angestrichen, weil ich diese Synthesen sehr mochte. Besonders begeistert hat mich, dass hier intersektionaler Queerfeminismus jederzeit mitgedacht wird, der eben auch rassistische oder transfeindliche Diskriminierung mitdenkt und die Solidarität genau dort besonders betont. Wie beim Kapitel zu den Familienbeziehungen Frauentraditionslinien aufgemacht werden, macht das Buch dies auch bei den Theorien und zeigt feministische Vordenker*innen aus der Geschichte. Schutzbach spart aber nicht an Kritik an historischen Vorbildern: Hier wird niemand auf ein Podest gestellt, sondern rassistische oder eugenische Konstrukte klar benannt und kritisiert.
Mein einziger Kritikpunkt: Form, Stil und Wortschatz geraten schon sehr akademisch. Gerade, weil Schutzbach ja sich als eine Verfechterin von Klassenübergreifender Solidarität zeigt, hätte ich es schön gefunden, wenn die Komplexität des Textes etwas zugänglicher gewesen wäre.
Ich muss jetzt unbedingt bald Schutzbachs „Die Erschöpfung der Frauen“ lesen, das schon viel, viel zu lange auf meinem SuB liegt. Vermutlich war ich zu erschöpft, um mich damit auseinander zu setzen. Nach diesem sehr mitmachendem habe ich jetzt total Lust.
Gerade jetzt, wo der antifeministische und antidemokratische Backlash an so vielen Stellen stärker wird, ist Solidarität umso wichtiger. Eine große Empfehlung für dieses Buch und 4,5 von 5 Sternen.