Das Floß der Medusa

von Franzobel 
4,3 Sterne bei49 Bewertungen
Das Floß der Medusa
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Positiv (41):
JohnnyLukes avatar

Sehr lebhaft geschrieben, für manch einen vielleicht zu ausführlich, vulgär und blutig

Kritisch (2):
Ro_Kes avatar

Für mich haben Kate Winslet, Leonardo DiCaprio und Walt Disney auf diesem Floss nichts verloren. Völlig deplatzierter Humor. Leider!

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Inhaltsangabe zu "Das Floß der Medusa"

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783552058163
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:592 Seiten
Verlag:Zsolnay, Paul
Erscheinungsdatum:30.01.2017

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Rezensionen und Bewertungen

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    Nespavanjes avatar
    Nespavanjevor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Ein mit Leichtigkeit erzählter Roman - der ein schweres Thema zugrunde hat und auf einer wahren Begebenheit beruht: Einem Schiffbruch!
    Von Kannibalen und anderen Menschen

    Mit dem Roman - Das Floss der Medusa - ist dem österreichischen Schriftsteller Franzobel das Debüt auf der ganz großen Bühne gelungen: es war für den deutschen Buchpreis 2017 nominiert und hat es bis zur Shortlist geschafft. Den Preis hat ein anderer Österreicher bekommen, allerdings muss sich Franzobels Roman nicht unter seinem Scheffel stellen. Gewonnen hat er dann schlussendlich den bayrischen Buchpreis. Eine tatsächlich geschehene Katastrophe dient als Vorlage für diese sehr realitätsnah beschriebene Ereignisse. Der Roman teilt sich mit einem berühmten Gemälde seinen Titel. Jenes wurde von Théodore Géricault gemalt und erinnert an die katastrophale Seefahrt. 1816 war das Schiff Medusa auf dem Weg in eine westafrikanische Kolonie, lief auf eine Sandbank auf. Weil es zuwenig Rettungsboote gab - wurde knapp die Hälfte der 400 Personen an Bord - auf ein hastig zusammengebautes Floss verfrachtet.

    Mir hat dieser düstere Abenteuerroman sehr gut gefallen und das lag auch am Erzählstil. Der Schriftsteller schafft es den Leser trotz der harten Kost, Schiffsunglück, Trauma und Kannibalismus, immer bei Laune zu halten und den Text sprachlich aufzulockern. Etwa indem der Schriftsteller seine Protagonisten mit Personen aus Film und Fernsehen vergleicht und somit die eine oder andere Figur dem Leser länger in Erinnerung bleibt. In den ersten Kapiteln wird dem geneigten Leser einige der 400 Passagiere und Besatzungsmitglieder vorgestellt, vom Schiffsjungen der zu  Hause ausgerissen ist, bis zum Kapitän, der sein Amt nicht durch sein Können zu Verdanken hat. Dem Leser drängt aber auch ein anderer Vergleich auf, etwa die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. Zwischen den Zeilen kreist die Geschichte also auch immer ein wenig um die Frage der Menschlichkeit, damals wie heute. Franzobel hat mit - Das Floss der Medusa - mein Interesse geweckt und bin gespannt, was der Autor noch in petto hat.

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    KruemelGizmos avatar
    KruemelGizmovor 8 Monaten
    Rezension zu Das Floß der Medusa

    18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein Floß auf dem sich 15 ausgemergelte und nackte Personen befinden. Sie sind die letzten Überlebenden von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa auf diesem Floß ausgesetzt wurden, da es zu wenige Plätze in den Rettungsbooten gab. Zwei Wochen kämpften sie auf offener See um ihr Überleben.

     

    Das Floß der Medusa von Franzobel

     

    Der Untergang der Medusa 1816 dient dieser Geschichte als historischer Hintergrund auf dem der Autor seine Geschichte ausbreitet. Dabei bemüht er eine doch recht flapsige, moderne und politisch nicht immer korrekte Sprache und bedient sich gerne auch bei bekannten Schauspielern um dem Leser ein äußerliches Bild von bestimmten Charakteren zu zeichnen. Diese Art des Stils muss man mögen, sonst wird man glaube ich keinen Zugang zu der Geschichte finden.

     

    Die Charaktere fand ich oftmals ein wenig überzeichnet, aber es passte für mich zum Erzählstil. Den politischen und klassenspezifischen Umgang der Charaktere untereinander waren für mein Empfinden gut ausgearbeitet. Die unmenschlichen Ansichten zu Untergebenen und Menschen „niederer“ Schichten und deren Behandlung und Bestrafung war nicht immer leicht zu lesen, beschreibt aber von Anfang sehr klar, wie es zu der Aussetzung dieser Menschen auf dem Floß kommen konnte.

     

    Die Geschehnisse auf dem Floß sind teilweise sehr grausam und nicht immer leicht zu ertragen, aber in einer Zeit in der ein Menschleben nichts zählt und man um das eigene Überleben kämpft, verwandelt sich der Mensch leider schnell in eine Bestie, die nur schwer oder gar nicht zu zähmen ist.

     

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es konnte mich trotz grausiger Thematik und kleinen Passagen die für mich Längen aufwiesen, mit seinem eigenwilligen, manchmal auch humorvollen Erzählstil unterhalten.

     

    Mein Fazit:

    Eine grausame Geschichte, die mich durch den eigenwilligen Erzählstil aber für sich einnehmen konnte.

     

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    Lilith79s avatar
    Lilith79vor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Beeindruckende und spannende Aufarbeitung eines historischen Ereignisses
    Beeindruckende und spannende Aufarbeitung eines historischen Ereignisses

    Normalerweise lese ich eher selten bis gar nie historische Romane, "Das Floss der Medusa" hat aber meine Aufmerksamkeit geweckt, da als Cover das gleichnamige berühmte und beeindruckende Gemälde von Jean Géricault gewählt wurde, das ich sogar schon live im Louvre gesehen habe. Da auch der Klappentext spannend klang, habe ich also mal eine Ausnahme bei meinen Lesegewohnheiten gemacht.

    Der Roman beschäftigt sich mit einem tatsächlich stattgefundenem historischen Ereignis: im Jahr 1816 segelte die französische Fregatte Medusa mit ca. 400 Passagieren (darunter Militär, hochrangige Politiker, Matrosen, "normale" Bürger mit Kindern, Missionare und Forscher...) nach Afrika, in die afrikanische Kolonie Senegal, die kürzlich von Großbritannien an Frankreich zurückgegeben wurde. Aufgrund der Inkompetenzen des unerfahrenen Kapitäns lief das Schiff auf eine Sandbank auf. Da nicht genug Rettungsboote vorhanden waren, wurden knapp 150 Menschen kurzerhand auf ein selbstgebautes Floß verfrachtet, dass von den Rettungsbooten gezogen werden sollten. Diese kappten aber schon nach kurzer Zeit die Seile, so dass das Floß 13 Tage im Meer trieb. Als es letztendlich gefunden wurde, leben von den ursprünglich 147 Personen nur noch 15  gerade so und diese hatten sich nur durch Kannibalismus am Leben halten können. Diese dramatische (und nicht sehr appetitliche) Katastrophe behandelt der Roman trotz des unschönen Themas mit viel Witz, Intelligenz und Spannung.

    Die Geschichte entwickelt der österreichische Autor "Franzobel" anhand der Einzelschicksale einiger Passagiere (von denen es die meisten - aber vermutlich nicht alle - auch tatsächlich historisch belegt gegeben hat). Das Buch startet hierbei schon am Anfang der Reise und der Autor nimmt sich Zeit die unterschiedlichen Personen und ihre Motive und Hoffnungen, die sich mit der Reise nach Afrika verbinden vorzustellen. Dabei hat der Autor einen interessanten, oft auch humorvoll ironischen Stil. Etwas gewöhnungsbedürftig fand ich am Anfang, dass das Buch zwar in einer zum 19. Jahrhunderten passenden etwas altmodischen Sprache geschrieben ist, aber trotzdem aus der Distanz eines heute lebenden Erzählers erzählt wird, so benutzt der Autor zum Beispiel Vergleiche wie "er war so muskulös wie Arnold Schwarzenegger" oder "es war ein Gewusel wie an einem Flughafen". Diese offensichtlich absichtlichen Stilbrüche wirken zuerst mal etwas merkwürdig, ich habe mich aber schnell dran gewöhnt und insgesamt hat mir der Stil des Buches hervorragend gefallen.

    Die Geschichte liest sich dann auch sowohl spannend, aber auch lässt sich auch viel Zeit für Charakterentwicklung und Informationen über die politischen Zustände im Jahre 1816 als Frankreich nach den Auswirkungen der französischen Revolution noch immer völlig zerrissen ist zwischen liberalen Revolutionären und Royalisten. Auch diese Konflikte finden sich auf dem Schiff wieder und verstärken die durch die Notsituation ausbrechenden Konflikte. Das Buch ist natürlich etwas brutal, denn auch schon vor den dramatischen Ereignissen ist das Leben auf so einem Schiff nichts für empfindliche Personen...wer sich davon nicht abschreckend lässt wird mit einem Buch belohnt, das aus der Masse heraussticht.



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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 9 Monaten
    zu viele Worte

    Der erste Satz: »Drei mal neun ist Donnerstag, und der 18. Juli des Jahres 1816 war ein herrlicher Donnerstag.«

    Dies ist eine wahre Geschichte, zumindest das Geschehen. Die Fregatte Medusa, die vom französischen Hafen Rochefort nach Saint-Louis, Senegal aufbrach, erlitt am 2. Juli 1816 vor der Küste Mauretaniens Schiffbruch, weil sie auf eine Sandbank auflief. Franzobel hat gut recherchiert und diese Ereignisse, die in der Hauptsache auf menschliches Versagen basieren, in einen bedrückenden Roman gefasst. Mit vier weiteren Schiffen lief die Medusa aus, um nach der definitiven Absetzung Napoleons französische Soldaten (Napoleons Truppe, die der König nach Afrika beorderte, weit weg von Frankreich), Verwalter, Kolonisten und Material ins zurückerkämpfte Senegal zu transportieren.

    »- Charlotte! Wo bleibst du? Beeil dich! Charles Picard, Notar und Besitzer einer Baumwollpflanzung in Afrika, ein Mann mit langem, schmalem Gesicht, zwiebelschalfarbener Haut und zu früh ergrautem Haar, trug einen weißen Leinanzug samt Strohhut. Endlich ging es los. Afrika!«

    Fast 400 Menschen auf dem Weg nach Afrika, die aus verschiedenen Gründen die Neue Welt erobern wollen oder eben müssen, verschiedener können die Typen nicht sein und auch nicht die Gründe. Ein Zwischenstopp zum Auftanken von Wasser und Lebensmittel auf Teneriffa, alles läuft gut, danach verliert die Medusa die anderen Schiffe. Schlechte Seekarten, Unfähigkeit in der Navigation, Selbstherrlichkeit, ein zerstrittenes Offiziersteam, arrogantes, eigenwilliges Verhalten, viele Dinge führen zur Katastrophe.

    Der erste Offizier: »Nun war er nicht Kapitän geworden, sondern bloß erster Offizier, weil ihm der royalistisch gesinnte, ideologisch verstopfte Marineminister diesen alten Adeligen, de Chaumareys, vor die Nase gesetzt hatte, einen gepuderten Modenarren mit wattiertem Rock, pompöser Halsschleife und Gehstock, der vom Navigieren eines Schiffes so viel verstand wie ein Elefant vom Nägelschneiden. Ein Günstling.«

    Der Kapitän, ein narzisstischer Dilettant, umgeben von meist ebensolchen Aufschneidern, die eher ihren Posten dem blauen Geblüt verdankten, navigieren das Schiff ins Unglück, setzen es auf die Arguin-Sandbank. Schlimm genug, aber die Aktion ein Floß zu bauen, das Schiff durch warpen herauszuziehen, verläuft genauso chaotisch, die Medusa sitzt sich nun völlig fest. Das Floß soll Ladung zur Entlastung fassen, Kanonen von Bord geworfen werden, damit es freikommt. Eben weil der Kapitän nicht mitzieht, läuft das Manöver schief. Knapp 400 Mann an Bord, ein Unding, alle Personen in die sechs Beiboote zu bringen, das reicht nur für Offiziere und Herrschaften, vorweg der Kapitän, der zuerst sein Leben retten will. Dem Rest der Passagiere blieb nichts anderes übrig, als auf das Floß zu steigen. Zu wenig Platz, viel zu eng, einige Leute ziehen es vor, auf der Medusa auf Hilfe zu warten. Zunächst sollen die Rettungsboote das Floß ziehen. Doch schnell kappen sie die Leinen, wollen lieber ihr eigenes Leben retten.

    »Man hatte sie verlassen, ausgesetzt, verdammt. Fassungsloses Entsetzen machte sich breit. Kürbisplutzer, Hirnzuzler! Die Welt schien zu zerbröckeln. Man hatte sie verraten, feige im Stich gelassen. Jetzt standen sie zu hundertsiebenundvierzigst auf dieser durchlässigen Bretterkonstruktion mitten im Meer.«

    147 Menschen auf einem Fass-Floß, das soweit absinkt, dass alle bis zu den Hüften im Wasser stehen, ein Floß, das nicht zu navigieren ist. 15 Menschen werden nach 13 Tagen überlebt haben, von einem Schiff aufgenommen werden. Der Schiffsarzt Jean-Baptiste Henri Savigny und der Geograf Alexandre Corréard werden zu ihnen gehören. Einen Hauptprotagonisten gibt es bei Franzobel nicht, nur widerliche Typen und Karikaturen, die vom auktorialen Erzähler beschrieben werden.

    »Antoine Richeford, ein Hochstapler, der nicht einmal das Steuermannspatent besaß, nur einmal als Passagier in Ostindien gewesen war, hatte die Führung über das Schiff genommen – und genoss es.«

    Franzobel hat eingehend Quellen gewälzt, ist selbst in Richtung der Wrackreste gesegelt, hat sich nautisches Vokabular angeeignet, sich mit der damaligen Seefahrt auseinandergesetzt. Eine Menge Fakten sind mit einer Unmenge an Fiktion vermischt, denn er berichtet nicht einfach von den Ereignissen, sondern geht tief in die Beschreibung der einzelnen Passagiere. Bis die Katastrophe eintritt, ist man in der Mitte vom Buch angekommen. Wir haben den unfähigen, aufgeblasenen Kapitän Hugues Duroy de Chaumarey kennengelernt, den Käsefresser mit Reizdarm, die mit bepuderten Perücken bestückte gute Gesellschaft, den zukünftigen Gouverneur samt Familie, den brutalen Schiffskoch, der den Schiffsjungen quält, brutale Methoden der Schiffsführung gegen die Mannschaft, Auspeitschungen für einen Witz, den Schiffsarzt, der alles geschehen lässt. Später wird dieser Arzt als Überlebender in Frankreich Bericht erstatten, aber von den Regierenden daran gehindert, die Ehre der französischen Grand Nation zu beschmutzen, wie sie sich ausdrücken.

    »Nach der Weinausgabe begannen alle, Leichenfleisch zu kauen.«

    Rette sich, wer kann, the Captain first … Der zukünftige Gouverneur Senegals will eine gigantische Guillotine ins Rettungsboot hieven lassen, der Pfarrer muss Gottes Wort retten, die »Bibeln« fallen herunter, entpuppen sich als Monstranzen, Speck, erotische Kupferdrucke. Das letzte Drittel des Romans ist grausam, beschreibt die Fahrt auf dem Floß. Hier zeigt sich der Mensch als Tier. 147 Menschen auf einem Floß, eindeutig zu viel. Manch einer wird schwach, andere kämpfen bestialisch um das Überleben, bis hin zu Kannibalismus. »Erst kommt das Fressen, dann die Moral«, so schrieb Berthold Brecht. Ein Teil dieser Floßmannschaft wird zuschlagen, denn je mehr Menschen an Bord sind, umso geringer ist die Chance, zu überleben … Menschliche Abgründe. Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, was bleibt im Ernstfall davon übrig?
    Was passiert mit den Rettungsbooten? Ihr Schicksal wird zwischendurch kurz eingeblendet. Lediglich die Boote von Kapitän Chaumareys und das des Gouverneurs erreichen das Flussdelta von Saint-Louis im Senegal. Die anderen vier Boote landeten in Mauretanien. Diese Passagiere werden von maurischen Nomaden gefangengenommen, die Geisel misshandelt, später an die Verwaltung von Saint-Louis verkauft. Von den auf dem Schiffswrack zurückgebliebenen 17 Menschen fand man auf der Medusa nach 53 Tagen nur noch drei. Einer hatte probiert, in einem Hühnerkäfig davonzurudern, ward nie wiedergesehen.

    Der auktoriale Erzähler outet sich aus dem Jetzt: »Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück«, und er klärt uns auf, für wen dieses Buch nicht gedacht ist: »für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis«. Der Erzähler mischt sich ein, klärt auf, doziert und belehrt hin und wieder. Er erklärt, dass der Chronometer gerade erfunden war oder dass die Menschen, die ihre Haut auf dem Floß der Sonne aussetzen, damals noch nichts über Melanome wussten. »Wie in einem asiatischen Slapstick B-Movie«, berichtet er von der Enthauptung einer Frau. An manchen Stellen hat mich der Erzähler ein wenig oberschlau genervt. Der Leser ist in der Lage, selbstständig zu denken, Herr Griebel. Und was hat dieses Schiffsunglück mit dem heutigen Flüchtlingsstrom zu tun? Es gibt Andeutungen, aus denen ich nicht schlau werde. Der auktoriale Erzähler hat es mir nicht immer leichtgemacht, hat versucht mich zu beeinflussen, hat ein wenig weit ausgeholt, für meine Begriffe. Dann wieder rückt die Geschichte in die personale Ebene der Protagonisten. Ein hin und her zwischen den Perspektiven, was für mich störend wirkt und in die Länge gezogen. Keine Frage, die Geschichte ist großartig beschrieben! Ein wenig aufgeblasen mit Adjektiven, überhaupt mit Beschreibung. Ich liebe bildhafte Schilderungen, die Atmosphäre vermitteln. Hier sind sie mir ein wenig plakativ, klingen wie die Anweisung für die Maske. Obendrauf ist jeder einzelne Mensch an Bord gleichzeitig unsympathisch, hässlich, mit irgendwelchen plakativen Äußerlichkeiten behaftet: Hasenscharte, Behinderung, Feuermal, usw., für meine Begriffe zu viel Bizarres. Skurrilität, Zynismus, Brutalität, Seite für Seite, Hyronimus Bosch lässt grüßen.

    Der französischen Malers Théodore Géricault hat das Unglück auf einem Gemälde festgehalten (Cover), es hängt im Pariser Louvre. Der österreichische Schriftsteller Franzobel, mit bürgerlichem Namen Franz Stefan Griebl, erhielt 1995 mit »Die Krautflut« den Ingeborg-Bachmann-Preis

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 9 Monaten
    Schiffbruch erlitten

    Als die Medusa 1816 in See sticht, begleiten sie bereits ungünstige Umstände. Der unfähige Kapitän de Chaumareys, in seinen gepuderten Perücken und teuren Kleidern,  ist noch das kleinste der Übel, die sich über "Mama Méduse" neigen. Tatsächlich gleicht die Fahrt der stolzen Fregatte einem schwimmenden Kuriositätenkabinett. Zwischen alltäglicher Gewalt auf der einen, und dem weltfremden Luxus der höheren Passagiere auf der anderen Seite, steuert das Schiff zielstrebig in den Untergang...

    Als die Medusa auf die Arguin-Sandbank vor der westafrikanischen Küste aufläuft, ist das Schicksal der 400 Passagiere besiegelt.
    Versuche, das nur leicht beschädigte Schiff freizuziehen, scheitern. Schließlich entscheidet man sich, zu evakuieren.
    Doch für 147 Männer und Frauen bleibt nur ein eilig gezimmertes Floss.


    Was sich an Bord des Flosses abgespielt haben muss, ist kaum begreiflich. Die schiere Angst ums Überleben, Hunger, Durst, Gewalt; und schließlich Mord, Totschlag und Kannibalismus übersteigen, was ein Mensch ertragen kann.
    Doch bereits vorher, als die schöne Méduse noch frei über die Meere zog, zeigen sich Abgründe.
    Leider hat Franzobel die Chance verpasst, diese Geschichte, die an den Grundfesten von Menschlichkeit und Gesellschaft reißt wie das aufgebrachte Meer, verpasst.

    Neben einigen großen Momenten, und Zitaten, die im Kopf bleiben, zieht er Figuren und Geschehen immer wieder ins Komische, Anachronistische; ja, ins Lächerliche. (Man denke an die Augenbrauen, die in jeder Szene verrückter wuchern, und weltbewegende Fragen wie, "Wer hat den schönsten Backenbart?") Auch für einen unnötig derben, wiederkehrenden, Informationsschwall in Sachen Fäkalsprache, und diverse sich immer und immer wieder abspulende Vergleiche (Lino Ventura!) sind sich hier weder Autor noch Lektor zu schade.

    So vermasselt der Autor viele eigentliche Stärken des Buches, und führt die Erzählung in eine karnevaleske Übersteigerung - die die Geschichte der Medusa, und ihrer 147 Ausgesetzten, nicht braucht. Ihr schadet, und sie der Lächerlichkeit preisgibt.

    Von den 147 Menschen auf dem Floss, überlebten nur 15.
    Der Schiffbruch der Méduse gilt bis heute als eines der schlimmsten Unglücke der Seefahrt.

    „Wir konnten nicht glauben, dass wir verlassen waren, bis die Boote unseren Blicken entschwanden, doch dann verfielen wir in eine tiefe Verzweiflung“

    – Jean-Baptiste Henri Savigny,
    Schiffsarzt

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    papaverorossos avatar
    papaverorossovor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Eine Tragödie in einem relativ komischen Ton vorgetragen. Mich konnte der Stil überzeugen. Lesenswert.
    Eine grausame Tragikomödie

    Das Cover dieses Buchs ist toll. Ich
    habe es gesehen und wusste, ich will dieses Buch lesen. Es stellte
    sich dann raus, dass es sich um ein Gemälde von Théodore Géricault
    aus dem Jahr 1819 handelt: Das Floß der Medusa. Ein Floß der
    Medusa? Was soll das sein? Im Klappentext steht irgendwas von
    brutalen Vorkommnissen... Okay, gekauft.


    Im Buch wird das Schiffsunglück
    geschildert, die sich 1816 ereignete. Das Tragischste dabei: Nachdem
    das Schiff auf einer Sandbank vor der afrikanischen Küste gestrandet
    war, gab es nicht genügend Beiboote für die Bergung, sodass 147
    Menschen versuchen mussten, sich auf einem notdürftigen Floß zu
    retten. Nur 15 davon überlebten.

    Nach der Lektüre habe ich mich (bei
    Wikipedia) informiert und war erstaunt. Franzobel scheint gut
    recherchiert zu haben und sich ziemlich genau an die Fakten gehalten
    zu haben. Ich denke, dass der Autor versucht hat zu rekonstruieren,
    wie Menschen sich in einer so einer Situation fühlen könnten. Dabei
    hat er die Geschichte nicht großartig mit Nebenhandlungen
    ausgeschmückt. Viel mehr hat er sich auf die Konstruktion der
    Charaktere sowie auf die Schilderung der Atmosphäre auf dem Schiff
    konzentriert. Dabei hat er einen stark karikaturistischen und
    humoristischen Stil gewählt. Dies steht im Kontrast zur Tragik der
    Geschichte. Was sich auch von anderen Büchern abhebt, ist, dass der
    Autor Vergleiche aus dem kulturellen Pool des Lesers auswählt
    (Disney, Hollywood-Schauspieler und Titanic, um ein Paar Beispiele zu
    nennen). Dieses Stilmittel ist mir noch nie begegnet. Ob er damit
    begeistern kann oder nicht, hängt sicherlich vom Geschmack des
    Lesers. Für mich war es genau das Richtige. Humor ist eine der
    Bewältigungsmechanismen, die ich in schwierigen Situationen
    bevorzuge. Franzobel hat mir mit diesem Stil wunderbar geholfen, das
    Gelesene zu verarbeiten, etwas auf Distanz zu bleiben, mir die
    Situationen bildlich sehr gut vorstellen zu können und gleichzeitig
    auf Distanz zu bleiben. Ein Nachteil: Das Buch hat mich dadurch
    emotional wenig gepackt.

    Insgesamt war das Buch durch die
    nüchterne Handlung und die emotionale Distanz zu den Charakteren
    nicht das spannendste, was ich je gelesen habe. Jedoch hat mich der
    Stil überzeugt. Ich werde viele tragikomische Bilder davon in
    Erinnerung behalten. Und habe über ein mir bisher unbekanntes
    geschichtliches Ereignis einiges gelernt. Für mich war „Das Floß
    der Medusa“ ein lesenswertes Buch.

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    Ro_Kes avatar
    Ro_Kevor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Für mich haben Kate Winslet, Leonardo DiCaprio und Walt Disney auf diesem Floss nichts verloren. Völlig deplatzierter Humor. Leider!
    "Kate Winslet" und "Leonardo DiCaprio" bringen das Buch zum Kentern

    Klappentext (Lovelybooks):


    18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?


    Meine Meinung:


    Ich habe etwas mit mir gehadert, ob ich mir eine solche historisch belegte Geschichte wirklich antun möchte. Letztendlich haben mich die vielen positiven Stimmen und die Shortlist-Platzierung  beim deutschen Buchpreis überzeugt, es lesen zu wollen.


    Leider schwimme ich mit meiner Meinung gegen den Strom.


    Franzobel gelingt es, durch sehr eindrückliche Bilder aufzuzeigen, was passieren muss, um die Bestie im Menschen zu Erwecken. Einmal losgelassen, ist diese dann zu Gräueltaten fähig, die schockieren aber gleichzeitig dem Leser einen Spiegel vorhalten. Wer weiss denn schon, wie man selber handeln würde?


     „Fressen oder gefressen werden“, ist ein ganz zentrales Thema. 


    Um dem Schrecken ein wenig entfliehen zu können, benutzt der Autor ein Stilmittel, durch das er versucht eine Art „heiteres Zwiegespräch“ mit dem Leser zu führen. Er stellt Vergleiche u. a. mit „Walt Disney“ her und selbst „Kate Winslet“ und „Leonardo DiCaprio“ dürfen auch bei diesem Schiffsunglück dabei sein. Für mich hat diese Art von Humor der Geschichte den Todesstoß versetzt, da ich ihn völlig deplatziert finde und vor allem auch nicht witzig! Ich halte ihn sogar den Geschehnissen gegenüber stellenweise für richtig respektlos.


    Farnzobels Charaktere vereinen sämtliche schlechten Eigenschaften, so dass es mir sehr schwer gefallen ist, auch nur mit einer Figur in irgendeiner Form mitzufiebern. Schlussendlich haben mich deren Schicksale auch nicht berühren können.


    Fazit:


    „Kate Winslet“ und „Leonardo DiCaprio“ bringen dieses Buch für mich persönlich zum Kentern. Ein Humor, der bei mir leider nicht zündet und in einem historisch belegten Roman mit dieser Thematik fehl am Platz ist. 

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    J
    Jana_Zimmermannvor einem Jahr
    Der Kampf ums Überleben

    Geschichtlich bin ich ja absolut interessiert, wobei das in meiner Schulzeit übrigens überhaupt nicht der Fall war. Aber jetzt schaue ich mir sehr gern historische Dokumentationen an und lese sehr gern Geschichten aus einer anderen Zeit. „Das Floß der Medusa“ von Franzobel ist ein geschichtlicher Roman, der den Untergang des damals sehr imposanten Schiffes begleitet und die anschließende Irrfahrt der Überlebenden auf einem manövrierunfähigen Floß beschreibt. Immer wieder schmückt der Autor die Geschichte mit uns heute bekannten Gegebenheiten und Persönlichkeiten aus, sodass die Geschehnisse für mich leichter nachvollziehbar werden. Da manch geschichtlichen Abhandlungen etwas zäh zu lesen sind, hatte ich auch bei dem Roman „Das Floß der Medusa“ zunächst eine ähnliche Befürchtung. Aber für mich hat sich das Buch leicht und flüssig lesen lassen. Der Autor Franzobel beschreibt bis ins kleinste Detail die Unwägbarkeiten der den ums Leben kämpfenden Personen, ja, bis hin zum Kannibalismus ist alles dabei. Das hat mich so sehr beschäftigt, dass ich mit meinem Mann eine kleine Diskussion darüber geführt habe. Zudem erinnert mich dieser Kampf ums Überleben ein bisschen an meine Diplomarbeit, worin ich mir die Frage stellte, wen ich rette, wenn ich nicht alle retten kann. Und ja, diese Diskussion spiegelt sich auch in dem Roman „Das Floß der Medusa“ wider. Dieser Roman hat meinen Gedankenschatz um einiges vergrößert. Auch wenn die Geschichte natürlich sehr tragisch ist, fällt es mir beinah ein wenig schwer, sie loszulassen.

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    Xirxes avatar
    Xirxevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein schaurigschöner Roman, der auf einer wahren Tragödie beruht. Grauenvoll gut geschrieben-dieses Buch wird man nicht so schnell vergessen.
    In jedem Mensch wohnt eine Bestie ...

    Gleich vorweg: Wer Schwierigkeiten hat mit Brutalität, Ekligkeiten und Obszönität, sollte sich die Lektüre dieses Buches besser verkneifen. Denn was Franzobel, der Autor, hier schildert, ist schon harter Tobak, obwohl er vermutlich mit seiner literarischen Ausschmückung der tatsächlichen Geschehnisse nicht allzu sehr übertrieben hat.
    Das Buch hält sich sehr eng an die tatsächlichen Geschehnisse, die sich im Jahre 1861 ereigneten. Am 17. Juni bricht ein Schiffsverband mit der Medusa als Flaggschiff von Frankreich aus auf, um in die Hauptstadt des Senegals zu segeln. Die Besatzung der Schiffe besteht aus mehr als 600 Menschen, darunter Ingenieure, Lehrer, Priester, Bauern, Arbeiter und Soldaten, die die französische Kolonie neu aufbauen sollen. Doch durch die Unfähigkeit des Kapitäns der Medusa läuft diese auf auf eine 40 Meilen von der Küste entfernt liegende Sandbank und zerbricht bei einem in der Nacht stattfindenden Unwetter. Das Schiff muss evakuiert werden, doch es gibt nicht genügend Rettungsboote, sodass 147 Menschen auf ein provisorisches Floß müssen, das von den anderen Booten gezogen wird. Doch man kommt nicht voran, weshalb die Verbindung gekappt und das Floß sich selbst überlassen wird.
    Wider Erwarten nimmt die Geschichte der Schiffsbrüchigen auf dem Floß nur etwas mehr als ca. 1/3 des Buches ein, der Rest beschreibt die Fahrt des Schiffes bis zum Auflaufen auf die Sandbank. Franzobel hat einen besonderen Schreibstil, der zumindest zu Beginn für mich etwas gewöhnungsbedürftig war. Es gibt einen allwissenden Erzähler, der in unserer Zeit lebt und sich nicht scheut, Damaliges mit Heutigem zu vergleichen. So werden Offiziere mit Alain Delon und Lino Ventura verglichen und auch Kate Winslet und Leonardo di Caprio von der Titanic schaffen es in das Buch ;-) Ansonsten hält er sich überzeugend genau (so weit ich das beurteilen kann) an diverse Sprachgepflogenheiten der damaligen Zeit, insbesondere die der Seefahrt: Da werden Stengen und Rahen vertaut und mittels Taljen heruntergelassen, die Seeleute warpen, fieren und pullen was das Zeug hält. Auch die sonstigen Redeweisen wirken überzeugend und es dauert nicht lange, bis man sich mitten drin fühlt, als würde man neben dem Erzähler stehen.
    Doch was dieses wirklich tolle Buch so schrecklich macht, sind die Menschen, über die hier erzählt wird. Es ist wohl ein Durchschnitt der damaligen Bevölkerung, der sich auf der Medusa versammelt. Scheinbar hochzivilisierte Aristokraten, die jedoch ebenso primitiv und ordinär sind wie dieser 'Abschaum der Gesellschaft', auf den sie mit einer Arroganz herabblicken, dass ich das Buch manchmal vor Wut in die Ecke hätte werfen können. Natürlich essen sie mit Silberbesteck, sind luxuriös gekleidet, aber bleiben völlig teilnahmslos, wenn ein Junge über Bord geht (Keine Zeit) oder ein Matrose totgepeitscht wird. Und schicken ohne zu zögern fast 147 Menschen in den Tod, um eine Guillotine zu retten und 'die höchsten Güter der Nation! Kleider!'. Dieses Verhalten empfand ich um Vieles schlimmer als das, was sich auf dem Floß ereignete, wo sich die Menschen in einer existentiellen Notlage befanden. Keine Frage, was dort geschah, war unvorstellbar entsetzlich. 'In jedem Mensch wohnt eine Bestie, ein zweites Ich, rücksichtslos, brutal und ohne Hemmungen.' (S. 376). Die Adligen brauchten aber noch nicht einmal eine Notlage, um diese Bestie zum Vorschein kommen zu lassen; sie fällt bei ihnen nur nicht so auf, denn sie hat bessere Manieren. Das wäre dann aber auch schon der einzige Unterschied.
    So ist dieses Buch nicht nur ein Roman über eine historische Begebenheit, sondern auch ein Lehrstück über die Natur des Menschen. Grauenhaft gut.

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    Franzis2110s avatar
    Franzis2110vor einem Jahr
    Etwas zu langatmig

    Am 18. Juli im Jahre 1816 entdeckt der Kapitän der Argus ein rund zwanzig Meter langes Floß. Der Anblick, der sich ihm darauf bietet, lässt ihm eiskalte Schauer über den Rücken jagen. Ein Anblick von 15 kaum noch lebenden Menschen. 15 von ursprünglich 147: Ausgedörrt, eingefallene, hohle Augen, verbrannte Augen, übersät von Wunden und Blasen. Die letzten Überlebenden nach dem Untergang der Fregatte Medusa. Zumindest die letzten, die von den anderen auf diesem unmenschlichen Floß zurückgelassen wurden. Zwei Wochen verbrachten sie auf offener See, kaum Trinken, keine Nahrung. 15 Menschen die nur überlebten, weil sie alle Moral und das Gewissen vergaßen in ihrem Kampf zum Überleben.

    Franzobel nimmt in seinem Buch diese historisch belegte Geschichte als Basis seines epochalen Romans. Eine, die in jeder Generation immer wieder aufs neue aufkommt. Eine, die mitten in den Kern der Menschlichkeit zielt, die sich die Frage stellt, wie hoch der Preis ist, um überleben zu können. Er verwebt dieses historische Ereignis mit einem ganzen Schiff voller Narren, den unterschiedlichsten, kuriosesten Charakteren. Jeder von ihnen bekam eine eigene Identität, merkwüdig, gemein, sympathisch, eine bunter Mix, der unterhält.

    Obwohl man weiß, wie die Geschichte endet, was passieren wird, schaffte es Franzobel eine gewisse Spannung aufrechtzuerhalten, zumindest am Anfang und gegen Mitte des Buches. Wir starten mit der Entdeckung des Kapitäns der Argus und fragen uns unweigerlich, wie diese 15 Menschen, wenn es denn noch welche sind, bis zu diesem Moment schaffen konnten. Dabei benutzt er eine einfache, überwiegend authentische, brutale Sprache, die perfekt zur Szenerie passt.

    Was mich jedoch störte, waren die Verwebungen zur Gegenwart. Alle paar Seiten wirft er mal eine Einspielung zur heutigen Zeit ein, die für mich diese historische Szenerie wieder etwas zerstörtet. Zudem zog sich die Darstellung der ganzen Idiotie der Schiffsführung und Besatzung etwas zu lange. Der Schiffbruch hätte schneller geschehen können, die Geschichte rasanter zum Floß kommen können. Auch die Fede zwischen Viktor, dem Küchenjungen mit Gaines und Clutterbucket störte den eigentlichen Kern der Geschichte – nämlich ob und wie Moral, Zivilisation und Menschlichkeit bestehen können, wenn man in einer so aussichtslosen Situation gefangen ist.

    Insgesamt ein interessanter Einsteig, spannend und Neugierde weckend. Allerdings wird es schnell zu langatmig, zu detailreich, mit für mich einfach störenden Einstreuungen der Gegenwart. Franzobel konnte mich daher nicht ganz überzeugen, auch wenn ich die Kernfrage der Geschichte überaus interessant finde, ging diese in zu vielen Details unter.

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Zaliras avatar
    Im Rahmen der INSIDER-Voting-Challenge wollen wir zusammen "Das Floss der Medusa" von Franzobel lesen.

    Offiziell beginnt läuft die Leserunde ab dem 01.11.2017 und geht biszum Ende des Monats. Rezensieren ist keine Pflicht, aber bei der Challenge erhält man ein Los dafür.

    Jeder liest mit seinem eigenen Leseexemplar, es gibt kein Buch zu gewinnen!

    Es kann natürlich jeder mitmachen, der Lust dazu hat, auch wenn er nicht bei der Challenge angemeldet ist.


    Eine kurze Info, wann ihr mit dem Lesen beginnen wollte, wäre schön, damit man die Leserunde besser abstimmen kann. Viel Spaß beim Lesen!
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    Pressestimmen

    Was bedeutet Moral, was Zivilisation, wenn es um nichts anderes geht als ums bloße Überleben? Ein epochaler Roman von Franzobel.

    „Franzobel hat mit seinem Roman das Unmögliche geschafft: Er ruft uns einerseits die Historie in Erinnerung, zum anderen hat er einen erstaunlich lebendigen und hochaktuellen Roman geschrieben. Dabei hilft ihm sein Gespür für das Groteske, seine Fähigkeit, die derben Seiten seiner Figuren herauszustellen, die gesellschaftlichen Widersprüche, ja, die Klassenverhältnisse in den Dialogen deutlich zu machen. Ein verstörendes Meisterwerk." Carsten Otte, Der Tagesspiegel, 08.02.17
    „Dichte Atmosphäre, großes Gespür für Zeitkolorit und klug aufgebaute Spannungsbögen, garniert mit zynischen, entlarvenden und makabren Dialogen." Werner Krause, Kleine Zeitung, 31.01.17
    „Ein sprachliches Meisterwerk voller ironischer Verweise und eine erschütternde Studie menschlichen Verhaltens." Ruth Renée Reif, Der Standard, 04.02.17
    „Für die Schrecken solch einer Grenzsituation die angemessene Erzählsprache zu finden, ist ein poetischer Kraftakt, den Franzobel mit bewundernswerter Souveränität meistert." Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten, 04.02.17
    „Es gibt etliche Autoren, die die Katastrophe der Medusa verewigten, (…) aber an die starken, ja traumatisierenden Bilder, die Franzobel heraufbeschwört, reicht keiner dieser Texte auch nur ansatzweise heran. Mit seinem Buch ist der 49-jährige Österreicher endgültig in die Meisterklasse der Literatur aufgerückt.“ Ulf Heise, mdr Buch der Woche, 07.02.17
    „Ein ebenso erschütternder wie faszinierender Erfahrungsbericht über die Grenzen der menschlichen Zivilisation. Ein Menetekel. Heute wie vor zweihundert Jahren." Günter Kaindlstorfer, WDR5, 18.02.17
    „Bis zur letzten Seite will man wissen: Wer kommt durch? Wie stellt er das an? Nahezu physisch mitgehend, bleibt der atemlose Leser am Ball. Ein Epos von großer Kraft." Tilman Krause, Die Welt, 19.02.17
    „Mit Witz und Farbenfreude, langem Atem und Poesie schildert der begnadete Fabulierer den Niedergang des Glaubens an die Veredlung des Menschen durch Vernunft.“ Alexander Kissler, Cicero, 24.02.17
    „Ein Meisterwerk, das uns mit der unbequemen Wahrheit konfrontiert: Unter bestimmten Bedingungen ist die Spezies Mensch zu allem fähig.“ Mareike Ilsemann, Deutschlandfunk Büchermarkt, 01.03.17
    „Statt einfach einen historischen Roman zu "erzählen", wird hier mit unbändiger Fabulierlust ein provozierendes Gemälde entworfen, in dem Faktum und Fiktion sich bis zur Unkenntlichkeit vermischen. Ein literarisches Laboratorium, das der Erforschung von Menschen im Ausnahmezustand dient." Alexander Kosenina, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.17
    „Dem virtuosen und wortgewaltigen Sprachkünstler gelingt eine atemberaubende Aufarbeitung eines abgründigen Stoffes. Mit barocker Sprachgewalt und wild oszillierendem Erzählfluss treibt der Autor die Schilderung mit hohem Tempo voran." Felix Münger, srf 52 beste Bücher, 28.05.17
    „Dieser Roman hat mich so begeistert wie kein zweiter in diesem Jahr. Er hat mich grundweg umgehauen.“ Thea Dorn, Literarisches Quartett, 12.08.17
    „50 Stunden auf einem Flüchtlingsboot, und wir sind alle Monster. Franzobel hat mit „Das Floß der Medusa" eine gigantisch böse, komische, tarantinoeske, historische Splatterkomödie geschrieben.“ Volker Weidermann, Literatur-SPIEGEL, 30.09.17
    "Im besten Sinne das, was ein historischer Roman leisten kann und gleichzeitig ein radikal heutiger Roman. Für mich einer der besten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre." Thea Dorn, 07.11.17

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