Friederike Otto hat hier ein Werk geschrieben, das es auf gerade einmal 300 Seiten schafft, die Komplexität des Klimawandels sowie der Wirkweise des ihm zugrundeliegenden kolonialfossilen Narrativs abzubilden. Ich war sehr beeindruckt, inhaltlich aber phasenweise auch wirklich ganz schön überfrachtet.
Dabei möchte ich das nur in geringem Maß der Autorin selbst anlasten, denn sie schreibt überwiegend gut verständlich. Aufgrund des Themas und seiner inhärenten Schwere wirkt der Text jedoch immer wieder auch niederschmetternd. Der Fokus auf die Betroffenen verschiedener Extremwetterereignisse und die ihnen gegenüberstehenden Ausschlüsse bei internationalen politischen Entscheidungsprozessen ist absolut richtig gesetzt und hat mich gleichzeitig belastet.
Ich durfte aber auch wirklich Grundlegendes lernen. Die Autorin lenkt das Zentrum unserer Bemühungen sehr eindringlich auf die Beseitigung des kolonialfossilen Narratives, das den Klimawandel in seiner aktuellen Form erst verursacht hat. Nur ein Abwenden davon wird uns den Raum für gerechte Lösungen eröffnen - viel mehr, als wenn wir uns nur auf den konkreten Klimawandel konzentrieren. „Es [reicht] längst nicht, die globale Erwärmung aufzuhalten.“ - die Erkenntnis hat mich sehr bereichert, zeigt sie doch, dass der Klimawandel weniger ein physikalisches als ein Gerechtigkeitsproblem ist. Für diesen Systemwandel brauchen wir neue Erzählungen, die das kolonialfossile Narrativ eben nicht als einen Heilsbringer sehen, wodurch ein Abwenden davon mit Verzicht und Rückschritt einhergehen würde. Stattdessen könnte es ja sein, dass wir gerade in einer Welt voller Verzicht leben und der eigentliche Wohlstand erst noch kommt - wenn es mehr um Gemeinschaft und Mitgefühl mit allen/allem geht als um neoliberalen Erfolg. Und an der Stelle sind vor allem wir gefragt, die das Gespräch shiften und damit Politik, Justiz sowie Medien beeinflussen können.
Auch lehrreich fand ich den Fakt, dass sich neben der politisch ziemlich präsenten Vermeidung neuer Treibhausgasemissionen vor allem auch auf die Anpassung an neue klimatische Bedingungen sowie die finanzielle Abgeltung seitens des globalen Nordens für Schäden und Verluste im globalen Süden fokussiert werden sollte. Besonders beim zweiten Punkt trägt zwar auch die Lokalpolitik des jeweiligen Landes eine Verantwortung, doch die darf von den Hauptverursachern des Klimawandels nicht allein gelassen werden.
Trotz der guten Strukturierung in vier verschiedene übergeordnete Wetterereignisse, fand ich die untergeordneten Absätze nicht immer schlüssig. Ein wenig mehr logische Struktur hätte mir hier besser gefallen. Dass vor allem diejenigen betroffen sind, die am wenigsten zum menschengemachten Klimawandel beigetragen haben, dürfte den meisten bekannt sein. Und Otto geht immer wieder auf die zugrundeliegende, (post-)koloniale sowie patriarchale Ungerechtigkeit ein, aber das hätte für mich noch deutlicher sein dürfen.
Vielleicht verlange ich da aber bei diesem komplexen Thema auch zu viel, denn die Autorin bildet hier auf beeindruckende Art die Vielschichtigkeit der wirkenden Narrative ab. Und ich bewundere sie sehr dafür, dass sie besonders im letzten Viertel des Buches hoffnungsvoll auf die Zukunft blicken kann, ohne vereinfachte Handlungsanweisungen zu geben. Aber sie sieht eben sehr wohl unsere gesellschaftlichen Möglichkeiten bei all den multiplen Krisen aktuell - weil wir in der Vergangenheit auch scheinbar unumstößliche Narrative pulverisiert haben.
Wer tiefer und sehr konkret in die dem Klimawandel zugrundeliegende Ungerechtigkeit eintauchen will, ist hier an der richtigen Adresse. Wissenschaftliches Vorwissen bietet sich schon an, denn ich empfand einige Formulierungen als eher akademisch. Und auch, wenn mensch beim Lesen die Schwere des Themas aushalten muss, hatte ich am Ende richtig Gänsehaut, weil die Autorin mir wirklich Mut gemacht hat - das hätte ich nach den Kapiteln davor nicht erwartet.
4,5 ⭐️
Friederike Otto
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Friederike Otto
Wütendes Wetter
Klimaungerechtigkeit
Wütendes Wetter
Neue Rezensionen zu Friederike Otto
Dieses Buch war so krass gut auf so vielen Ebenen. Erstmal fand ich es für ein Sachbuch und ja auch ein recht schweres Thema, sehr angenehm und vergleichsweise leicht zu lesen. Der Schreibstil der Autorin hat mir zugesagt und ich habe es wirklich gerne gelesen und es war keim Krampf, weil es so kompliziert geschrieben war. Und dann war natürlich das Thema extrem interessant. Vorher hatte ich noch kein Buch zu diesem Thema gelesen und auch noch keins bewusst gesehen. Deshalb war natürlich auch super viel Neues für mich dabei und es war dadurch nochmal interessanter. Wie sensibel und gleichzeitig klar mit den oft auch unangenehmen Themen Klimawandel und Gerechtigkeit umgegangen wurde, fand ich richtig toll. Außerdem mochte ich auch die Struktur des Buches sehr, sie hat den Inhalt und das Verständnis wirklich unterstützt. Überhaupt eine riesige Empfehlung, denn das Thema (Un-)Gerechtigkeit ist bei der Klimakrise, oder überhaupt Katastrophen extrem relevant und das sollte jedem bewusst sein. Und auch für Einsteigende ins Thema finde ich das Buch geeignet.
Friederike Otto, ist Klimaforscherin, Physikerin und promovierte Philosophin. Ihr Fachgebiet ist die Attributionsforschung, auch Zuordnungsforschung genannt, (die sie im Übrigen selbst mitbegründet hat - was für eine krass kluge Frau!) in der der Einfluss des vom Menschen verursachten Klimawandel auf das Auftreten individueller Wetter- oder Klimaextreme abgeschätzt und bewertet wird. In ihrem neuen Sachbuch "Klimaungerechtigkeit: Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat" verdeutlicht die Autorin anhand von acht extremen Wetterereignissen, dass und warum die Klimakrise uns nicht alle gleich trifft, was die wirklichen Ursachen für beispielsweise extreme Dürren, Feuer oder Fluten und die damit verbundenen Verluste von Menschenleben und Lebensgrundlagen sind und was für Klimagerechtigkeit noch getan werden muss. Sie spricht in ihrem Buch von kolonialfossilen Machtverhältnissen und sieht die Klimakrise als Symptom der durch patriarchale und koloniale Strukturen ausgelösten Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nicht als deren Ursache. Sie plädiert dafür, das Narrativ der Krise zu verändern, weg vom Bild der Klimakrise als auf die Erde zurasenden Asteroiden hin zu einem Problem, das durch Politik und Gesellschaft gelöst werden kann.
"Klimaungerechtigkeit: Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat" ist für mich ein inhaltlich sehr starkes Buch, das mir auch viele neue Denkanstöße und vor allem extrem viel Wissen vermittelt hat. Leider habe ich aber sprachlich und stilistisch wenig Zugang zu Friederike Ottos Text finden können, in meinen Augen wurden die Inhalte sehr trocken rübergebracht und ich musste mich an einigen Stellen immer wieder selbst motivieren, an der Lektüre dran zu bleiben. Eine etwas lebendigere und aufgeschlossenere Wissensvermittlung hätte dem Sachbuch meines Erachtens gut getan, nichts desto trotz möchte ich es thematisch für Interessierte empfehlen!
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