Bevor ich "Die neuen Bekenntnisse" las, hatte ich schon "Eines Menschen Herz" von William Boyd gelesen, ein Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann – vor allem den Leuten, denen "Die neuen Bekenntnisse" gefallen haben. Zwischen den Büchern gibt es ein paar Parallelen (nicht zu viele, aber sie fallen doch hier und da auf). Beiden gemein ist außerdem der epische Atem, in beiden Fällen wird ein ganzes Leben mit all seinen Auf und Abs, Ecken und Brüchen festgehalten.
Im Fall von "Die neuen Bekenntnisse" ist es das Leben von John James Todd, der in Schottland geboren wird und aufwächst und später, nach den Höllenfeuern des 1. Weltkriegs, im Berlin der Zwischenkriegszeit Stummfilmregisseur wird. Sein ehrgeiziges Ziel: die dreiteilige Verfilmung von Jean-Jacques Rousseau "Bekenntnissen". Sämtliches technische Know-how der Zeit und viele innovative Einstellungen sollen den Film zu einem einzigartigen, sinnlichen Erlebnis machen. Aber Todd, so sehr er auch Künstler ist, kommt immer wieder das Leben und die Geschichte in die Quere...
Die Geschichte wird erzählt vom über 70jährigen Todd, der auf einer kleinen Mittelmeerinsel lebt und die Tage damit verbringt, alle seine Korrespondenzen und sonstigen Papiere zu sortieren und eben dieses "ehrliche" Buch über sein Leben zu schreiben, orientiert an der Offenheit von Rousseaus "Bekenntnissen", dem Buch, das sein Leben prägte. Nach jedem Kapitel, das einen Abschnitt seines Lebens erzählt, reflektiert er seine Taten, leitet zum nächsten Teil über. Auf der Insel deuten sich allerdings auch ein paar letzte spannende Entwicklungen an.
Boyd bettet seinen Protagonisten, wie schon in "Eines Menschen Herz", geschickt in die Geschicke und Ereignisse des Jahrhunderts ein; herausgekommen ist ein wendungsreiches Buch mit Sogwirkung, das dennoch eine gewisse Noblesse ausstrahlt. Boyd gelingt es, Todd eine sehr authentische Gefühlswelt zu verpassen – er ist ein gleichsam irritierender und doch sehr anschaulicher Charakter. Gepaart mit Boyds Gespür für die Grenzen des Individuums und den Wahn der Zeit, ergeben sich aus dieser Tatsache immer wieder intensive Szenen und Verläufe.
Die große Stärke von "Die neuen Bekenntnisse" und der Grund für die großartige Sinnlichkeit, die manchmal in dieser Prosa liegt, ist aber die (genau richtig dosierte) Detailverliebtheit, mit der Boyd die Arbeit von Todd, seine künstlerische Vision, schildert. Die spannende Geschichte tut ihr übriges, aber es sind die ungeheuer lebendigen und eindrücklichen Beschreibungen der Drehorte, Kameraeinstellungen, Ideen, die dieses Buch zu einem wirklich lesenswerten literarischen Werk machen, das in keinem Bücherschrank fehlen sollte.
Friedrich Griese
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Bereits 2007 im Original erschienen, ausgezeichnet und verfilmt, ist dieser Band die Eröffnung einer Trilogie rund um den Warschauer Staatsanwalt Teodor Szacki.
Szacki, Mitte dreißig, hat Stil, ist immer adrett gekleidet – wie Staatsanwälte nun mal sein sollen – und ist voll mit Ethos. Bestechungen und Korruption sind allgegenwärtig, und das Gehalt in seiner Zunft sehr bescheiden. Seine Frau ist Juristin, und mit ihrer gemeinsamen Tochter muss er sich schon sehr genau überlegen, für was Geld ausgegeben wird. Die Ehe scheint schon mal besser gewesen zu sein, obwohl, so schlecht ist sie dann auch nicht, vielleicht sind sie einfach schon zu lange zusammen. Alles Gedanken, die Szacki neben seinen Ermittlungen plagen, und soviel sei verraten – er bleibt ein Mensch, trotz all den Verlockungen, die sein Berufsstand zu bieten hat.
Aber das ist nur ein Nebenschauplatz, und dennoch so wichtig für den kompletten Plot der Kriminalgeschichte. Sie fängt natürlich, wie meistens, mit einer toten Person an. Mord ist offensichtlich, Suizid dennoch eine Option, die in Betracht gezogen werden kann. Die Ermittlungen laufen an – und in Polen anscheinend üblich, werden diese von Staatsanwält*innen bestritten – mit Unterstützung der Polizei.
Er tappt lange im Dunkeln, denn es waren zur Tatzeit nur vier Personen in unmittelbarer Nähe. Es sind dies drei Patient*innen und deren renommierter Therapeut, die in einem ehemaligen, leerstehenden Kloster nahe der Warschauer Innenstadt an einem Wochenendretreat mit Familienaufstellungen teilnehmen.
Die Ermittlungen zeigen sich kompliziert – und lange tappt Szacki im Dunkeln. Er bohrt auch bei der Witwe des Getöteten nach, und scheint nicht wirklich weiter zu kommen. Doch ganz langsam kommt er Dingen auf die Spur. Altes, Verborgenes, Gefährliches …
Spannend erzählt baut der Autor hier einen Plot auf, der sich mehr um die Personen und vor allem die polnische Gesellschaftsstruktur kümmert als um das eigentliche Tatgeschehen. Die Ermittler bleiben Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen.
Irgendwie bin ich versucht, gewisse Vergleiche mit Commissario Brunetti aus der Feder von Donna Leon zu ziehen – aber natürlich in einer komplett anderen Umgebung mit anderen Vorzeichen; - besonders Tage nach der Lektüre drängt sich mir das auf.
Die Sprache ist leicht und flüssig, das Setting hat das Zeug zu einem Pageturner, und der Showdown zeigt letztendlich die wahre Genialität des Duos Szacki und Autor .
Sehr gerne gebe ich ein große Leseempfehlung für diesen Krimi samt Gesellschaftsstudie. Und keine Angst – der Roman ist in sich abgeschlossen – trotz Trilogieauftakt.
Warschau, Juni 2005. Staatsanwalt Teodor Szacki befindet sich in der Krise. Mit Mitte 35 hinterfragt er eigentlich alles: Seinen anstrengenden und oftmals eintönigen Job, seine Ehe und generell sein ganzes Leben. Er ist müde, ausgebrannt und auf der Sinnsuche. Als er zu einem Mordfall abberufen wird, hofft er auf eine schnelle Lösung, deutet doch alles auf einen unkomplizierten Fall hin. Während einer Familienaufstellung wurde der 46-jährige Henryk Telak mit einem Grillspieß getötet, und für Szacki ist klar, dass der Täter oder die Täterin unter den restlichen vier Teilnehmer:innen zu finden ist. Besonders den Therapeuten Dr. Cezary Rudzki, den Leiter der Familienaufstellung, nimmt Szacki ins Visier. Doch schon bald muss er frustriert feststellen, dass es schlicht und einfach kein Motiv gibt. Auch das Interview mit der Frau des Mordopfers liefert keine brauchbaren Hinweise. Henryk Telak, Geschäftsführer einer Consultingfirma, war unauffällig, hatte keine Feinde und litt unter den Folgen privater Schicksalsschläge, die ihn schließlich zu Dr. Rudzki geführt hatten. Szacki, ein Mann, der „die Dinge lieber auf sich zukommen lässt als selbst Entscheidungen zu treffen“, gerät zunehmend unter Druck. Erst als Telaks Diktiergerät gefunden wird, kommt Bewegung in den Mordfall. Mit Hilfe von Telaks Lottozahlen und der jungen Journalistin Monika Grzelka kommt Szacki schließlich einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur, das weit in die Vergangenheit Polens zurückreicht und trotz „der Wende“ noch immer seine Schatten in die Gegenwart wirft. Szacki muss sich nun entscheiden, ob er sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel setzen möchte oder die Vergangenheit besser ruhen lassen sollte…
„Warschauer Verstrickungen“ von Zygmunt Miłoszewski ist ein unglaublich intelligenter und spannender Krimi, der nicht durch actionreiche Verfolgungsjagden oder Kampfszenen besticht, sondern durch psychologische Spannung und die ausgezeichnete Kombinationsgabe des Ermittlers. Der Fokus liegt auf Staatsanwalt Szacki (in Polen leitet der Staatsanwalt die wichtigen Ermittlungen, nicht die Polizei!), der mit einer Vielzahl an inneren Konflikten zu kämpfen hat. Beruflicher Frust mischt sich mit privaten Problemen, die ihn von den Ermittlungen ablenken. Besonders die junge Journalistin Monika Grzelka hat es ihm angetan, und die Frage, ob er seinen Gefühlen nachgeben soll oder nicht, zieht sich durch die gesamte Handlung. Trotzdem war mir Szacki von Anfang an sympathisch, gerade seine Schwächen machen ihn menschlich und greifbar. Er ist in seinem Job eindeutig einer der Besten, und die Art und Weise, wie er den Fall schließlich zu Ende bringt, hat mich zutiefst beeindruckt. Aber auch die weiteren Figuren, wie etwa Polizeikommissar Oleg Kuzniecow oder Szackis Frau Weronika, werden sehr lebensecht und authentisch präsentiert. Besonders fasziniert hat mich das Konzept der Familienaufstellung, das ausführlich mit all seinen Konsequenzen beschrieben wird.
Der Krimi hat insgesamt 12 Kapitel, die in weitere Unterkapitel gegliedert sind und jeweils am Beginn im Kurznachrichtenstil das wichtigste Tagesgeschehen zusammenfassen. Die Handlung wird fast ausschließlich aus Szackis Perspektive erzählt, mit Ausnahme von gelegentlichen Einschüben aus der Sicht einer Person, die den Mordfall und Szackis Ermittlungen akribisch verfolgt, was für zusätzliche Spannung sorgt. Der Erzählstil ist ungemein flüssig, klar und bildhaft, die Dialoge sind lebensecht geschrieben und tragen die Handlung sehr gut. Unglaublich interessant und gleichzeitig auch schockierend fand ich die Reise zurück in eine Vergangenheit Polens, als „Freiheit“ und „Demokratie“ noch Fremdwörter waren. Die Nachwirkungen dieser Zeit sind noch immer in Polens Politik und Gesellschaft spürbar!
Zusammenfassend kann ich sagen, dass „Warschauer Verstrickungen“ ein ungemein spannender Krimi auf allerhöchstem Niveau ist, der mir viele Stunden bester Unterhaltung geschenkt hat und mich schon Band 2 entgegenfiebern lässt. Daher gibt es von mir eine ganz klare Leseempfehlung!
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