Friedrich Kießling

 4 Sterne bei 1 Bewertungen

Lebenslauf von Friedrich Kießling

Friedrich Kießling ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Rezensionen zu Friedrich Kießling

Neu
Cover des Buches Gegen den "großen" Krieg?: Entspannung in den Internationalen Beziehungen 1911-1914 (Studien zur Internationalen Geschichte, Band 12) (ISBN: 9783486566352)A

Rezension zu "Gegen den "großen" Krieg?: Entspannung in den Internationalen Beziehungen 1911-1914 (Studien zur Internationalen Geschichte, Band 12)" von Friedrich Kießling

Zwischen Krieg und Frieden. Das europäische Mächtesystem am Vorabend des Ersten Weltkrieges
Andreas_Oberendervor einem Monat

In jüngster Zeit sind etliche neue Bücher über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erschienen. Viele dieser Bücher - man denke nur an die Werke von Sean McMeekin, Thomas Otte oder Gordon Martel - beschränken sich ausschließlich auf die Juli-Krise und blenden die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges aus. Mag eine detaillierte Darstellung der Juli-Krise auch aufschlussreich sein, so bestehen doch erhebliche Zweifel, ob der Ausbruch des Ersten Weltkrieges angemessen erklärt werden kann, wenn man die Beziehungen der europäischen Mächte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts außer Acht lässt. Wie wichtig es ist, die Juli-Krise zum außenpolitischen Geschehen unmittelbar vor 1914 in Beziehung zu setzen, das zeigt die Studie von Friedrich Kießling, die auf einer Dissertation beruht und 2002 als Buch veröffentlicht wurde. Naturgemäß richtet sich das Buch eher an Fachleute. Aber auch historisch interessierte Laien, die sich eingehender mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen wollen, können die Studie mit Gewinn lesen. Kießling geht von der Annahme aus, dass der Weltkrieg nicht unausweichlich und unvermeidbar gewesen sei. Er möchte herausarbeiten, wie sich die beiden diplomatischen Blöcke - hier die Tripelentente, dort der Zweibund - bemühten, ihre konfliktträchtigen Beziehungen zu entspannen. Mit dem Begriff der Entspannung bezeichnet Kießling all jene diplomatischen Aktionen, die auf Annäherung, Verständigung und Zusammenarbeit abzielten. Kießling nimmt die Jahre zwischen 1911 und 1914 in den Blick, den Zeitraum zwischen der Zweiten Marokkokrise, als Europa am Rande eines großen Krieges zu stehen schien, und der Juli-Krise, die den großen Krieg dann tatsächlich auslöste.

Kießling will diese vier Jahre, in die auch der Libyen-Krieg und die beiden Balkankriege fallen, nicht als Dauerkrise verstanden wissen, die früher oder später in einen großen Krieg münden musste. Er will zeigen, dass sich die Mächte ungeachtet einer schwierigen außenpolitischen Gesamtsituation immer wieder darum bemühten, Konflikte einzuhegen, Reibung zu verringern, im Gespräch zu bleiben, Fragen von gesamteuropäischer Bedeutung gemeinsam zu klären. Im Vordergrund der Studie stehen die Entspannungsbemühungen des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns und Großbritanniens. Aber auch Frankreich und Russland werden immer wieder in die Darstellung einbezogen. Kießling konzentriert sich naheliegenderweise auf das politische und diplomatische Spitzenpersonal der fünf Mächte. Zwar wurde um die Jahrhundertwende europaweit Kritik an der traditionellen (Geheim-)Diplomatie laut, aber es gelang den politischen und diplomatischen Eliten, ihr exklusives Monopol über die Außenpolitik und die Pflege der zwischenstaatlichen Beziehungen zu wahren. Über die Blockgrenzen hinweg waren sich die Diplomaten einig, dass die Außenpolitik in ihren Händen am besten aufgehoben sei und eine Einflussnahme von Parlamenten, Presse und gesellschaftlichen Interessengruppen auf die internationalen Beziehungen unbedingt verhindert werden müsse. Außenpolitik sollte nicht von "chauvinistischen Leidenschaften" beeinflusst werden. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Weltkrieg schließlich nicht von nationalistischen bzw. chauvinistischen Kräften vom Zaun gebrochen wurde, sondern von eben jenen Politikern und Diplomaten, die sich selbst für leidenschaftslose und rational handelnde Sachwalter des Friedens hielten.

Kießlings Befunde können hier nicht im Einzelnen erörtert werden. Nur die wichtigsten Punkte werden herausgegriffen. Kießling untersucht sowohl die Motive und Ziele, die den Entspannungsbemühungen der einzelnen Mächte zugrunde lagen, als auch die Strategien und Mittel, die eingesetzt wurden, um eine Entspannung zwischen den Blöcken oder einzelnen Mitgliedern der beiden Blöcke herbeizuführen. Einige Ergebnisse können den Leser nicht überraschen. Dem Bemühen um Entspannung waren von vornherein Grenzen gesetzt, weil jede Großmacht auf ihre Verbündeten Rücksicht nehmen musste. Die Entspannung im Verhältnis zur Gegenseite durfte nicht so weit gehen, dass die Beziehungen zu den eigenen Bündnispartnern belastet oder gefährdet wurden. Großbritannien beispielsweise konnte kein Bündnis mit Deutschland eingehen, weil es dadurch Russland verprellt und den kolonialpolitischen Ausgleich von 1907 aufs Spiel gesetzt hätte. Kießling zeigt, wie das Bemühen um entspannte Beziehungen mit der Gegenseite reflexartig zu Argwohn, Nervosität und Unruhe im eigenen Lager führte. In ihren Beziehungen zu Frankreich und Russland konnten sowohl das Deutsche Reich als auch die Donaumonarchie keine nennenswerte Besserung erreichen. Die Gegnerschaft war von grundsätzlicher Natur; die Fronten waren bereits zu sehr verhärtet; die Aussichten, Frankreich und Russland auseinanderbringen zu können, waren gering. Das Engagement Berlins und Wiens beschränkte sich folglich darauf, normale und freundliche Beziehungen zu Paris und Petersburg herzustellen. Von mehr als nur freundlichen, also "freundschaftlichen" Beziehungen, von einer Verständigung in wichtigen Fragen - genannt sei nur der Interessenkonflikt zwischen Österreich-Ungarn und Russland auf dem Balkan - konnte keine Rede sein. Im Gegenteil, das Konfliktpotential zwischen den Zweibundmächten einerseits und den Flügelmächten Frankreich und Russland andererseits vergrößerte sich zusehends, weil sich Österreich-Ungarn durch Serbiens Aufstieg und Russlands Balkanpolitik bedroht und herausgefordert sah. Österreich-Ungarn und Russland zogen ihre jeweiligen Partner immer tiefer in die Balkanprobleme hinein, was jedes Streben nach Entspannung zwangsläufig erschweren musste.

Allen Akteuren war bewusst, dass sich die Block- bzw. Lagerbildung auf kurze und mittlere Sicht nicht überwinden ließ. Dafür wären Zugeständnisse und Verzichtsleistungen nötig gewesen, zu denen keine Großmacht bereit war, am allerwenigsten Österreich-Ungarn, das von Abstiegsängsten geplagt wurde und sich nicht mehr als Macht von europäischem Rang ernst genommen fühlte. Eine grundsätzliche Klärung und Bereinigung von außen- und machtpolitischen Interessenkonflikten stand zu keinem Zeitpunkt auf der Tagesordnung. Entspannung diente einem vergleichsweise bescheidenen Ziel: Ein für alle Seiten akzeptabler Modus vivendi musste gefunden, die Kriegsgefahr - zumindest vorübergehend - gebannt werden. Deutschland und Österreich-Ungarn konzentrierten sich in ihrem Streben nach Entspannung auf Großbritannien. Wien warb in London um Unterstützung für den Erhalt des Status quo auf dem Balkan, ausgehend von der Annahme, dass Großbritannien genau wie Österreich-Ungarn kein Interesse am Zerfall des Osmanischen Reiches und am Aufstieg der neuen Balkanstaaten haben könne. Das Deutsche Reich setzte nach dem Misserfolg der Bülowschen "Weltpolitik" darauf, die Anerkennung als Großmacht durch (punktuelle) Zusammenarbeit mit Großbritannien zu erlangen. Der britische Außenminister Grey ging bereitwillig auf diese deutschen Avancen ein. Grey wollte das europäische Mächtesystem im Gleichgewicht halten und eine einseitige britische Parteinahme zugunsten Frankreichs und Russlands vermeiden. Er setzte sich gegen die germanophoben Kräfte im Foreign Office durch und verfolgte eine außenpolitische Doppelstrategie, die auf gute Beziehungen sowohl zu Frankreich und Russland als auch zu Deutschland und Österreich-Ungarn abzielte. Kießlings Ausführungen zu Greys Außenpolitik gehören zu den interessantesten Abschnitten des Buches. Greys Versuch, dem Mächtekonzert des 19. Jahrhunderts neues Leben einzuhauchen, gipfelten in der Londoner Botschafterkonferenz von 1912/13, auf der die Balkanverhältnisse geordnet wurden. Ein letztes Mal setzten sich Vertreter der fünf Mächte an einen Tisch, um gemeinsam Fragen von gesamteuropäischem Interesse zu klären. Greys Verhalten während der Juli-Krise ist nur verständlich vor dem Hintergrund seiner vorhergehenden Bemühungen, Krisen und Konflikte durch eine Verständigung der involvierten Mächte zu entschärfen und zu lösen.

Warum brach im Sommer 1914 dennoch der große Krieg aus? Warum konnte die Politik der Entspannung, die sich seit 1911 mehrfach bewährt hatte, den Weltkrieg nicht verhindern? Kießling gibt auf diese Fragen überzeugende Antworten. Ein entscheidender Faktor war Österreich-Ungarns Unzufriedenheit über die Umgestaltung Südosteuropas als Folge der beiden Balkankriege. Wien sah sein Interesse am Erhalt des Status quo auf dem Balkan von den Ententemächten missachtet. Es beschloss, seine Balkan-Interessen künftig im Alleingang (bzw. mit deutscher Unterstützung) durchzusetzen, anstatt sich dem Konzert der Mächte zu unterwerfen, von dem - so die Sicht Wiens - keine angemessene Berücksichtigung der österreichischen Interessen mehr zu erwarten war. Nach dem Attentat von Sarajewo gewährte das Deutsche Reich seinem Verbündeten in fahrlässiger Weise einen Blankoscheck, weil die Berliner Führung ebenso wie die Führung in Wien zwei gefährlichen Illusionen anhing: Frankreich und Russland seien aufgrund innenpolitischer Probleme nicht kriegsbereit und würden für Serbien nicht ins Feld ziehen; komme es aber doch zu einem Kontinentalkrieg, so würde Großbritannien neutral bleiben. Es ist paradox: Die Erfolge der Entspannungspolitik unmittelbar vor 1914 steigerten die Risikobereitschaft der Zweibundmächte. Besonders Berlin spekulierte darauf, dass man die Entente durch hartes, unnachgiebiges Auftreten zum Einknicken bringen könne. Die sogenannte "Strategie des kalkulierten Risikos" beruhte auf der Annahme, die Gegner würden wieder einmal - wie während der Bosnischen Annexionskrise und der Zweiten Marokkokrise - die Nerven verlieren und vor dem großen Krieg zurückschrecken.

Die gute Zusammenarbeit mit London während der Balkankriege verführte die Reichsleitung zu der Annahme, Großbritannien werde sich nicht auf die Seite Frankreichs und Russlands stellen. Dieses Kalkül schien zunächst aufzugehen, denn Grey, der seiner bisherigen Politik treu blieb, setzte während der Juli-Krise tatsächlich sehr lange auf eine Verständigungs- und Verhandlungslösung, anstatt sofort offen für die Entente Partei zu ergreifen. Grey beging den Fehler, die Mittelmächte nicht frühzeitig zu warnen, so wie es Finanzminister Lloyd George während der Zweiten Marokkokrise mit seiner Mansion-House-Rede (21. Juli 1911) getan hatte. Ein vergleichbar deutliches Signal hätte die deutsche Führung im Juli 1914 vielleicht zu einer Kurskorrektur veranlasst. Greys Bemühen, die involvierten Mächte an den Verhandlungstisch zu bringen und dadurch den drohenden Krieg zu verhindern, war zum Scheitern verurteilt, da Österreich-Ungarn von Anfang an entschlossen war, Serbien militärisch auszuschalten. Für Wien kam nur diese Lösung in Frage, weil es seine "Lebensinteressen" durch Serbien akut bedroht glaubte. Das war der entscheidende Unterschied zu früheren Krisen. Die Entspannung zwischen 1911 und 1914 war nur möglich, weil keine der fünf Mächte in den diversen Krisen dieser Jahre einen hinreichenden Kriegsgrund sah. Nach dem Attentat von Sarajewo jedoch sah die Führung der Donaumonarchie ein solchen hinreichenden Grund gegeben. Wie Kießling betont, verstanden die Politiker und Diplomaten der fünf Mächte das Bemühen um Entspannung niemals als generellen Verzicht auf den Krieg als Mittel der Politik. Wenn "Ehre", "Prestige" und "vitale Interessen" ernsthaft bedroht waren, dann mussten die Waffen sprechen. Darin waren sich die Führungseliten einig, ebenso wie in ihrer Verachtung für den Pazifismus, den sie als naive Utopie abtaten.

Kießlings Studie überzeugt vor allem durch den multiperspektivischen Ansatz. Die Dynamik der bilateralen und multilateralen Beziehungen im Kreis der fünf Großmächte wird sehr anschaulich herausgearbeitet. Kießling behandelt einen Zeitraum von nur vier Jahren. Der kurze Untersuchungszeitraum steht in auffälligem Kontrast zur Vielzahl der benutzten Quellen. Die Quellennähe ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich. Bei Kießlings Studie handelt es sich um eine Diplomatiegeschichte im altmodischen Sinn, und bekanntlich ist diese quellenverliebte und zitatenfreudige Diplomatiegeschichte nicht nach jedermanns Geschmack. Über dreihundert Seiten hinweg analysiert Kießling eine kaum überschaubare Zahl von diplomatischen Schriftstücken - Briefe, Berichte, Memoranden. Das Stakkato der Zitate und Paraphrasen macht die Lektüre anstrengend. Um es unfreundlich auszudrücken: Kießling "klebt" an den Quellen. Lesegenuss bietet das Buch nicht. Eine weitere Schwäche: Immer wieder tauchen im Text Personen auf, die nicht eingeführt und vorgestellt werden, obgleich ihre Namen nicht geläufig sind. Auf Seite 147 tritt unvermittelt ein Henry Bax-Ironside auf. Eine Angabe, um wen es sich handelt, fehlt. Welcher Leser weiß schon auf Anhieb, dass Bax-Ironside der britische Gesandte in Bulgarien war? Ungeachtet dieser Schwächen leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des europäischen Mächtesystems am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Man sollte es allerdings in Verbindung mit anderen Büchern lesen, die seit 2002 zum gleichen Thema erschienen sind (verwiesen sei hier nur auf deutschsprachige Arbeiten, etwa von Günther Kronenbitter, Stefan Schmidt und Andreas Rose). 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Oktober 2014 bei Amazon gepostet)

Kommentieren0
1
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu
Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 1 Bibliotheken

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks