Inhalt:
Nora wird nach einem Drogendelikt vorzeitig aus der Haft entlassen und – landet erst mal auf der Straße, denn damit hat sie nicht gerechnet. Alles, was nun plötzlich auf sie einstürzt an notwendigen Behördengängen und anderen wichtigen Dingen, droht sie zu überfordern. Zum Glück hilft ihr Christian. Doch seine Verbindung zu ihr, bringt ihn in ganz eigene Schwierigkeiten.
Meine Meinung:
Bei einem Buch wie „Frei wie ein Parasit“ als Fortsetzung von „Vom Leben in die Hölle“ davon zu sprechen, dass man sich darauf gefreut hat, trifft es eigentlich irgendwie nicht so ganz. Zu beklemmend sind die Themen, die Autorin Fritzi S. Fischer hier behandelt. Zu bedrückend ist das Schicksal der Protagonistin und sind die Schicksalsschläge, die sie immer wieder einstecken muss.
Und dennoch habe ich mich gefreut, erneut auf die doch irgendwie lieb gewonnenen Charaktere zu treffen, denn wenn die Autorin etwas geschafft hat, dann ihre Protagonist*innen menschlich erscheinen zu lassen.
Wer denkt, dass nach verbüßter Haftstrafe und nominaler Rehabilitation alle Probleme vom Tisch sind, den belehrt diese sehr reale Fiktion eines Besseren. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie die plötzliche Entlassung Noras aus den geregelten Abläufen des Strafvollzugs hinein in die volle Eigenverantlichkeit für Überforderung sorgt.
Doch nicht nur die plötzlich notwendigen Behördengänge, Wohnungssuche und ihre Vergangenheit machen es Nora schwer, wieder auf die Füße zu kommen und nicht abzurutschen, sondern auch Willkür und ein Gesellschaftssystem, dass gnadenlos bestraft, wenn man mal nicht „funktioniert“.
Hinzu kommt die Stigmatisierung. Diese wird nicht nur von außen herangetragen, sondern spielt sich auch sehr intensiv in Koras eigenem Kopf ab. Der Titel „Frei wie ein Parasit“ bringt das schön auf den Punkt, denn in nahezu jeder Debatte, die man zuletzt in Talkshows und Magazinen verfolgen konnte, wird dieses Bild geschärft und zum Feindbild erhoben. Schaut man sich dann mal reale Zahlen an, wird einem klar, dass in der Realität bestenfalls ein verschwindend geringer Teil Menschen in den Sozialsystemen diesem Bild gerecht wird.
Doch zurück zum Buch. Ich fand es bedrückend zu sehen, wie oft das System Nora Knüppel zwischen die Beine wirft und vor allem, wie sehr es mit den Menschen innerhalb des Systems steht und fällt. Das ganze Konstrukt könnte soviel effizienter laufen, würde man sich mehr auf Menschlichkeit konzentrieren, anstatt durch Druck, auch auf die in der Vermittlung tätigen Personen, Hürden aufzubauen.
Sehr gut gefallen hat mir wieder, dass Fritzi S. Fischer auch diesmal kein Schwarz-Weiß-Bild malt. Sie zeigt Stärken und Schwächen des Systems auf, aber auch, dass es auch von der Bereitschaft zur Mitarbeit der Menschen im System abhängt, wie gut, oder schlecht es funktioniert.
Auch die Helfer, die von außerhalb des Systems Betroffenen Unterstützung bieten, nimmt die Autorin mit der Figur von Christian gezielt in den Blick. Deutlich wird, dass Hilfe zwar nötig und meist auch willkommen wäre, aber der eigene Stolz und Selbststigmatisierung der Betroffenen die Annahme oft erschwert. So müssen Helfer lernen, dass sie nur da helfen können, wo das auch zugelassen wird. Dass es dabei auch Gefahren und Fallstricke gibt, macht es für Freiwillige nicht einfacher.
Eine absolut lesenswerte Fortsetzung, in der ich mehr über unsere Sozialsysteme gelernt habe, als in meiner gesamten Schulzeit, oder durch diverse Talkshows. Eine Buchreihe, die ich gerne als Pflichtlektüre allen Politiker*innen verordnen würde, die sich in irgendeiner Weise zum Thema unserer Sozialsysteme äußern wollen.
Möglicherweise würde da das ein- oder andere Würstchen im Hals stecken bleiben.