Inhalt:
Eines Tages lernt Fynn die fünfjährige Ausreißerin Anna kennen und nimmt sie mit nach Hause. Die Kleine scheint Schlimmes durchgemacht zu haben, aber davon lässt sie sich nicht unterkriegen. Mit ihrer fröhlichen und unbefangenen Art bringt Anna (liebevoll auch „Fratz“ genannt) Freude in das Leben ihrer Mitmenschen. Sie hat eine außergewöhnliche und unkonventionelle Sicht auf die Welt und vor allem einen ganz besonderen Bezug zu ihrem „Mister Gott“. Mit ihren erfrischend anderen Fragen und Überzeugungen regt sie die Leute um sich herum zum Nachdenken an. Schon nach kurzer Zeit wird Anna für Fynn ein Teil der Familie…
Was genau war eigentlich Anna? Ein Kind, ein kleines Mädchen natürlich, sehr intelligent, sehr begabt, doch das war nicht alles. Sie fiel jedem Menschen auf, der sie kennenlernte. Jedermann sah etwas Besonders in ihr, hielt sie für anders als andere Kinder. (S. 60)
Meine Meinung:
Leider waren meine Erwartungen an dieses Buch zu hoch. Ich habe es aufgrund vieler positiver Rezensionen gelesen und gehofft ein ähnliches Leseerlebnis wie bei Heidi oder Anne auf Green Gables zu haben, weil auch in diesen Büchern ein aufgewecktes, liebeswertes und fantasiebegabtes Mädchen im Mittelpunkt steht.
Zunächst zu dem, was ich an der Geschichte gemocht habe: Die kleine Anna und ihren „Bruder“ Fynn habe ich sehr ins Herz geschlossen. Man freut sich sehr für Anna, dass sie endlich ein richtiges zu Hause gefunden hat in dem sie geliebt wird und dieses Geschehen wird sehr rührend beschrieben. Anna hat mir mit ihrer netten, fröhlichen und positiven Art sehr gefallen und dementsprechend herzzerreißen und traurig ist das emotionale Ende der Geschichte.
Manche von Annas Gedanken sind wirklich schön und haben mir sehr gefallen. Hier ein paar Beispiele:
Hässlichkeit war dazu geschaffen, dass man sie in Schönheit verwandelte; traurige Leute gehörte glücklich gemacht, und bei alldem hatte man Mister Gott als verlässlichen Partner. Seine Aufgabe war es, überall mitzumachen. (S. 21)
Religion war dazu da, dass man etwas tat, und nicht, um darüber zu lesen, was man tun könnte. (S. 22)
Menschen hatten eine begrenzte Anzahl von Standpunkten, Gott aber stand auf allen diesen Punkten, und jeder dieser Punkte war deshalb ebenso wichtig wie jeder andere. Ob sie das meinte? Ich fragte sie, und sie nickte befriedigt. (S. 32/33)
Die Leute konnten nicht sehen, was Anna sah – nicht die Schönheit eines zerbrochenen Eisenpfeilers, die Farben, die kristallinen Muster an den Bruchstellen. […] Mister Gott wusste das natürlich alles, und Anna war sicher, er hatte seine Freude an all den winzigen Dingen. Und daraus ergab sich wiederum, dass Mister Gott nichts dagegen hatte, sich ganz klein zu machen. Die Leute dachten immer, Gott sei riesig groß und unendlich. Aber es war ein Fehler, so zu denken. Offensichtlich konnte Mister Gott jede Größe annehmen, die ihm eben gefiel. (S. 41/42)
Das Buch hat vergleichsweise wenig Handlung, was aber wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass das Buch bloß ca. 170 Seiten hat. Im Wesentlichen geschieht nur Folgendes: Fynn findet Anna und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Am Ende des Buches gibt es noch ein sehr trauriges Ereignis, das einem aber nicht überrascht, weil es schon auf der ersten Seite des Buches vage angekündigt wird.
Leider ist mir das Buch insgesamt zu episodenhaft. Weite Teile der Geschichte sind im Wesentlichen eine Aneinanderreihung davon wie Anna über bestimmte Dinge denkt. Zudem denkt Anna überwiegend über religiöse Themen nach. Da Anna erst fünf Jahre alt ist, hätte ich – trotz des Buchtitels – nicht erwartet, dass sie derart viel über Religion nachdenkt und sie sich mit Fragen auseinandersetzt wie man sie eher bei Erwachsenen erwarten würde. Der Fokus liegt für mein Empfinden zu sehr auf dem Thema Religion. Weniger wäre hier mehr gewesen. Zudem habe ich ehrlich gesagt keinen Zugang zu machen von Annas Gedanken gehabt und ich konnte nicht mit allem etwas anfangen. So sagt Anna z. B. an einer Stelle (ohne dass das ausführlich erläutert wird):
„Zur Kirche gehen ist genauso wie ein Radio reparieren.“ (S. 89)
Außerdem erfährt man vergleichsweise wenig über die Personen, die in der Geschichte vorkommen. Das fällt vor allem bei unserer Hauptperson Anna auf: Weil Anna sich weigert über ihre Vergangenheit zu sprechen erfährt man ebenso wie ihre Wahl-Familie nichts darüber wo Anna herkommt und warum sie von dort weggelaufen ist. Die blauen Flecken lassen aber vermuten, dass sie ein Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. Zwar ist es verständlich, dass Anna nicht darüber reden will, aber es hat mich doch gewundert, dass Fynn und seine Familie nicht mehr unternehmen um etwas über sie herauszufinden. Immerhin könnte sie auch noch einige nette Verwandte haben, die sich Sorgen um sie machen oder die es zumindest verdient hätten zu wissen, dass es Anna gut geht und sie nicht etwa einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Es wird auch nie thematisiert ob Fynn und seiner Familie Ärger mit den Behörden bevorstehen könnte wenn herauskommt, dass sie Anna einfach behalten haben und sie das nie der Polizei gemeldet haben. Auch wenn diese Geschichte vor Jahrzehnten spielt ist das bestimmt auch damals schon keineswegs so unproblematisch und selbstverständlich gewesen wie es hier dargestellt wird.
Eine große Schwäche dieses Buches ist meiner Meinung nach, dass es einige Stellen gibt, die ich unangebracht, befremdlich oder auch merkwürdig finde. So gibt es beispielsweise eine Szene in der jemand kurz nach einer Beerdigung das folgende „Gedicht“ zitiert (und dieser jemand ist nicht etwa ein Kind, sondern ein Erwachsener!):
„Richard der Beknackte saß auf dem Topf und kackte, kackte bis der Topf zerbrach und die Wurst daneben lag.“ (S. 146)
Auch folgende Passagen treffen meinen Humor nicht und ich finde sie eher merkwürdig und überflüssig:
„Warum darf ich nicht ‚Arsch‘ sagen?“ – „Das tut man nicht.“ – „Jesus hat aber auch einen.“ – „Aber er hat nicht ‚Arsch‘ gesagt.“ – „Woher weißt du das?“ – „Ich wette, der hat ‚Popo‘ gesagt.“ (S. 147)
„Warum lachst du denn so?“ – „Na, bloß die Idee, Mister Gott hat kein hinten. Vielleicht hat er dann auch keinen Hintern?“ Ich gackerte schon wieder wie das dümmste Huhn im Stall. (S. 138)
„Sei nicht blöd. Engel tragen kein Hemd. […] Höchstens so eine Art Nachthemd.“ – „Mensch, wer trägt denn Nachthemden. So richtig schlappschwänzig ist das.“ (S. 144)
Es gibt zudem einige Stellen an denen Dinge mit Sexualität verglichen werden. Da die kleine Anna aber erst fünf Jahre alt ist, finde ich es unglaubwürdig und auch ein wenig merkwürdig, dass sie in diesem jungen Alter auf die Idee kommt solche Vergleiche zu machen. Und solche Vergleiche kommen nicht nur einmal vor:
„Fynn, die Kirche. Ich meine, ist die Kirche vielleicht sexuell… oder wie das heißt? […] Die Leute sagen doch immer, die Kirche sät die guten Samen in die Menschen hinein und macht alle neuen Sachen… oder?“ (S. 80)
„Ich glaub, auch der Schulunterricht ist sexuell. […] In der Schule machen sie Sachen in unsern Kopf rein, und dann entsteht was ganz Neues.“ (S. 81)
Fazit:
Dieses Buch hat sowohl Stärken als auch Schwächen. Die drei Sterne vergebe ich für die schönen und berührenden Momente, die das Buch bietet und dafür, dass man mit Fynn und Anna zwei sehr liebeswerte und sympathische Protagonisten hat.
Ein zweites Mal würde ich dieses Buch dennoch nicht lesen. Es gibt den einen oder anderen Gedankengang zu dem ich keinen richtigen Zugang gefunden habe. Zudem gibt es leider auch so einige Passagen, die ich merkwürdig und befremdlich finde. Vielleicht bin ich auch einfach nicht die Zielgruppe dieses Buches und mit falschen Erwartungen herangegangen.
Zum Schluss noch ein schönes Zitat über Annas ansteckendes Lachen:
Wie viele Male in den folgenden drei Jahren habe ich dieses Lachen gehört. Es klang nicht wie Silberglöckchen, es war eine Mischung aus Hundegebell, Motorrad und Fahrradluftpumpe. (S. 9)