Gérard Salem

 3,5 Sterne bei 15 Bewertungen

Lebenslauf

Psychologie und Literatur: Gérard Salem, geboren 1946 in Beirut, ist ein arabisch- französischer Schriftsteller und Psychiater. Als er klein war emigrierten er und seine Familie über die Türkei nach Frankreich. Dort studierte er Medizin und Psychologie, wobei er nebenbei Literatur Kurse belegte.  Nach seinem Abschluss in Lausanne arbeitete er dort als Psychiater und Hypnosentherapeut mit Fokus auf der Familientherapie. Durch seinen großen Erfolg auf diesem Gebiet war es ihm möglich verschiedene Sachbücher zu verfassen, an zahlreichen Konferenzen um die ganze Welt teilzunehmen und ein internationales Forschungsprogram in Kooperation mit Anderen zu führen. Sein einziger Roman ist „Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst“. Salem starb 2018 in Lausanne.

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Wo kommt der Titel her?

Der Roman setzt sich aus einer Ansammlung von Briefen zusammen, welche eine Familie sich unter einander schreibt. Grundsätzlich geht es um den 40-jährigen Mann Boris, der seine Familie sieben Jahre ignoriert hat und sich nun - auf Grund therapeutischen Rats - wieder an diese wendet, um aus  zusprechen, was ihn in seiner Kindheit sowie Jugend belastet hat. Dies löst dann eineFlut von Briefen aus, in denen es um Erziehungsfehler, Familiengeheimnisse und gesundheitliche Probleme geht. Übergeordnet stellt sich der Roman die Frage, ob wir prädispotiniert sind die Fehler unserer Eltern zu wieder holen und erörtert, ob Vergebung sowie ein Neuanfang so spät noch möglich sind. 

Insgesamt haben mir die Idee sowie die Hauptaussagen im Roman sehr gefallen. Besonders die Mehrperspektivität ist dem Autor gelungen: Jeder Brief vermittelt andere Emotionen und zeigt einen anderen Schreibstill. Insgesamt gibt es 12 Personen, die sich in Briefform austauschen. Um den Überblick zu behalten, wer mit wem inwiefern verwandt ist, gibt es am Ende des Buches einen sehr hilfreichen Stammbaum der Familie.

Allerdings hat der Autor sich an einigen Stellen in unnötigem Drama verloren, was dann die Hauptbotschaft des Romans in den Hintergrund gerückt hat. Dies war besonders schwerwiegend, da das Buch sowieso nur 200 Seiten hat, womit ein wesentlicher Anteil des Romans mit unnützem Inhalt beschlagnahmt worden ist. Zudem zitiert der Autor an einigen Stellen Sätze andere Autoren. Dies ist nicht unbedingt schlecht, allerdings wirkte es so, als würde Salem selbst nicht in der Lage sein selber solch expressive und bedeutsame  Worte zu finden.

Alles in allem hatte der Roman sehr viel Potenzial, welches sich auf Grund von künstlich geschaffenem Drama nicht voll entfalten konnte. Der Titel „Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst“ spielt also keine so große Rolle wie eigentlich vom Verlag propagiert wird, was ich als schade empfinde. 

Wer schreibt den ersten Brief?

Die Familie ist das zentrale Thema im Buch. Der Hauptprotagonist heisst Boris und ist Anfang vierzig. Vor sieben Jahren hat er den Kontakt zu seiner kompletten Familie abgebrochen, weil er nicht in vorgefertigte Fusstapfen treten wollte. Sein Vater hatte die Erwartung an ihn, dass er Arzt wird - wie er selbst und seine Mutter wollte einen Literaten aus ihm machen. Boris jedoch geht in die Schweiz und wird ein sehr erfolgreicher Banker und ist am Anfang sehr zufrieden mit seiner Entscheidung.

Dann erkrankt Boris und zu allem Unglück befindet er sich mitten im Scheidungskrieg mit seiner Frau Ruth, die ihm seine beiden jugendlichen Söhne vorenthalten möchte. Er befindet sich an einem absoluten Tiefpunkt in seinem Leben.


Da er aber mit seiner ganzen Lebenssituation sehr unzufrieden und verzweifelt ist, sucht er sich Hilfe bei einem Therapeuten.


Der Therapeut macht Boris einen eigenartigen Vorschlag, nämlich, dass er Kontakt zu seiner Familie suchen soll. Aber es gibt Auflagen zum Kontakt.  Der Kontakt darf nur per Brief erfolgen und die Briefe müssen zudem noch handgeschrieben sein. WhatsApp, E-Mail, SMS und sonstige elektronische Kontaktformen sind nicht erwünscht. 

Nach erster Skepsis schreibt Boris seinen ersten Brief und der Brief setzt förmlich eine grosse Lawine in Gang. Und spätestens hier weiss man, was das Buchcover bedeutet. Innerhalb von nur ganz kurzer Zeit herrscht nämlich ein reger Briefverkehr innerhalb der ganzen Familie. Querbeet stehen alle miteinander in Kontakt und man merkt deutlich wie diese Art der Kommunikation allen fremd geworden ist, aber auch dass es allen Beteiligten auf einmal neue Gedanken bringt und auch Freude macht. Der Briefwechsel ist wahnsinnig spannend und es werden Geheimnisse aufgedeckt, die am Anfang niemand für möglich gehalten hat. 

Eine Empfehlung für alle Familienmenschen, aber auch für alle, die vielleicht den ein oder anderen Familienstreit schon erlebt haben. Und was vielleicht noch schön wäre, wenn das Buch dazu anregen würde - mal wieder selbst einen Brief zu schreiben.

interessante Geschichte, ungeschickt umgesetzt

Der lange und ungewöhnliche Titel machte mich neugierig, ebenso das Titelbild, das aussah wie ein handgeschriebener Brief.

Mitglieder einer Familie schreiben sich gegenseitig unglaublich lange Briefe und erzählen auf diese Weise ihre Geschichte. Ich finde das interessant und gut gemacht. Zum Glück war am Schluss eine Art Familienstammbaum (leider mit viel zu kleiner Schrift), damit der Leser sich bei all den vielen Namen zurecht findet. Ich musste sehr oft nachschauen, um mich zu orientieren, wer wem schreibt, was mich beim Lesen manchmal störte. Außerdem störten mich die Ähnlichkeiten der Namen: Leon (2x), Lionel, Lui, Luc.

Überflüssig fand ich den letzten Brief, der zeigen sollte, wie es möglicherweise in der Familie weitergeht – und natürlich die Danksagung an die vielen Helfer beim Schreiben.

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