Gérard de Nervals "Aurélia oder Der Traum und das Leben" ist ein extrem verstörendes, aber auch poetisch und tiefgründiges Fragment aus der Zwischenwelt von Traum und Wahnsinn. Der Text, der Nervals wiederkehrende psychische Zusammenbruche literarisch verarbeitet, blieb unvollendet, dadurch aber nicht weniger eindrucksvoll. Seine halluzinatorische Erzählstruktur folgt der sprunghaften Logik von Träumen, wobei sich Realität, Erinnerung, Vision und Mythos untrennbar durchdringen.
Nerval, der unter schweren Wahnvorstellungen litt, verbrachte mehrere Jahre in psychiatrischen Kliniken. Er erhängte sich im Januar 1855 in einer Pariser Seitengasse, das Manuskript zu Aurélia in der Tasche. Die Geschichte seiner unerfüllten Liebe zur idealisierten Figur Aurélia, die sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht, geht auf einen Traum zurück – und der Text macht keine Anstalten, sich an klassische narrative Formen zu halten. Stattdessen werden Leserinnen und Leser in ein labyrinthisches Ich-Erleben geworfen, das in seiner Unmittelbarkeit an spätere Werke von Baudelaire, Rimbaud oder den Surrealisten erinnert. Nerval hat ihnen allen den Weg bereitet.
Die Ausgabe, die ich gelesen habe, enthält eindrucksvolle Radierungen von Paul Mersmann. Sie fangen die düstere Schwere des Textes visuell ein und bilden die psychische Zerrissenheit des Autors auf beklemmende Weise ab. Allerdings hätte ich mir eine kommentierte Ausgabe gewünscht – nicht nur zur Einordnung der vielen Bezüge zu Bibel und griechischer Mythologie, sondern auch wegen der sprachlichen Hürden. Die deutsche Übersetzung von Hedwig Kubin wirkt vielfach antiquiert und erschwerte mir den Zugang. Begriffe sind ungebräuchlich geworden oder haben ihre Bedeutung gewandelt, und ohne ein gerütteltes Maß an Vorwissen oder Recherchebereitschaft bleibt vieles schwer verständlich.
Besonders eindrücklich wurde die Lektüre für mich durch einen persönlichen Kontext: Ein ehemaliger Schulkamerad, der an Schizophrenie erkrankt ist, schenkte mir dieses Buch mit den Worten, es beschreibe seinen Geisteszustand sehr treffend. Diese Empfehlung motivierte mich, auch durch die schwer zugänglichen Passagen durchzuhalten – und ich bin dankbar dafür. Selten hat mich ein Text so herausgefordert, selten aber auch so eindrücklich in eine andere Wirklichkeit blicken lassen.
Fazit: Aurélia ist ein faszinierender, zu Unrecht hierzulande wenig bekannter Klassiker der französischen Literatur, dessen Lektüre lohnend, aber nicht leicht ist. Daher empfehle ich eine neuere Übersetzung in möglichst kommentierter Ausgabe.







