Götz Aly Warum die Deutschen? Warum die Juden?

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Inhaltsangabe zu „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ von Götz Aly

Träge Deutsche, rege Juden und das Gift des Neides: Götz Aly über die Vorgeschichte des Holocaust. Warum die Juden? Warum die Deutschen? Diese beiden Fragen harren seit 1945 einer Antwort. Götz Aly gelangt in seinem neuen Buch zu verstörenden Einsichten. Er beschreibt Fortschrittsscheu, Bildungsmangel und Freiheitsangst so vieler christlicher Deutscher während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dagegen begeisterten sich die deutschen Juden für das Stadtleben, für höhere Bildung; sie wussten die Chancen der Moderne zu nutzen. Die trägen Nicht-Juden sahen ihnen mit Neid und Missgunst hinterher. Aus Schwäche erwuchsen zuerst Sehnsucht nach kollektiver Stärke, dann Rassendünkel und am Ende mörderischer Antisemitismus. Götz Aly ermöglicht es, den Holocaust als Teil der deutschen Geschichte zu verstehen.

Eine geschichtliche Aufarbeitung des Antisemitismus in Deutschland zwischen 1800 und 1945

— Arun
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  • Neidhammel sucht Sündenbock

    Warum die Deutschen? Warum die Juden?
    ChiefC

    ChiefC

    24. June 2013 um 13:07

    Juden und Antisemitismus gab’s von 1933 bis 1945 – dieser Eindruck könnte angesichts des üblichen Schulunterrichts entstehen. Wer mehr erfahren wollte, musste (und muss wohl noch immer) sich weiterführende Informationen außerhalb des Lehrplans zusammenklauben. Das Wort „warum“ kommt gleich zweimal vor in Alys Buchtitel und das Fragenzeichen hinter dem „Warum“ der Judenverfolgung wird sich für den Einzelnen vielleicht nie ganz auflösen lassen, weil sie in ihrer Heimtücke und Brutalität für jeden fühlenden und denkenden Menschen letztlich unfassbar bleibt. Doch Aly leistet mit seinem Buch einen großen Beitrag zu den Hintergründen des deutschen Antisemitismus mit wichtigen Ansätzen: Die Deutschen als verspätete Nation, die sich gegen das vermeintlich Fremde abschotten, um die eigene, unsichere Identität zu stärken. Die – meist von „oben“ initiierten – Umbrüche zu Anfang des 19. Jahrhunderts, etwa die Gewerbefreiheit, die sich im Zuge der industriellen Entwicklung sowieso nicht mehr aufhalten lässt. Vielen etablierten Bürgern, Handwerkern, Händlern macht die neue Freizügigkeit Angst, sie befürchten den Abstieg. Für die Juden hingegen bedeuten die neuen Rechte Chancen, die sie zuvor nicht hatten und diese nutzen sie – was wiederum den Antisemitismus verstärkt, der, wie Aly plausibel anhand vieler Quellen belegt, größtenteils durch Neid hervorgerufen wird. Und, so schreibt Aly, der Neidhammel braucht einen Sündenbock. Hoch interessant und nachvollziehbar ist auch, wie Aly mit dem Vorurteil aufräumt, die Nazis hätten vor allem in bestimmtem Milieus Erfolg gehabt, zuvorderst bei den von Abstiegsängsten gepeinigten Kleinbürgern. Er macht deutlich, dass die Nazis bei allen gesellschaftlichen Gruppen Stimmen fangen konnte. Wie sonst wäre ihre Erfolge erklärbar und die Tatsache, dass sie auch den Linksparteien massiv Wähler abjagten? Das Phänomen, dass Tausende von ganz links nahtlos nach ganz rechts umschwenkten, ist zwar seit langem bekannt. Aly unterstreicht aber die Parallelen der Gleichheits(und Gleichmacher-)ideologien so gegnerischer Parteien wie der Nazis, der Kommunisten und der Sozialdemokraten. Alys brillant geschriebenes Buch gibt tiefe Einblicke in die Geschichte des deutschen Antisemitismus. Doch sein Werk ist, auf einer zweiten Ebene gelesen, auch ein Manifest für den Liberalismus im besten Sinne, das soll heißen, nicht die schnöde Freiheit VON irgendetwas, etwa von jedweden wirtschaftlichen Einschränkungen, wie sie der Neoliberalismus (wieder) predigt, sondern die Freiheit des Menschen, sich im Rahmen seiner Individualrechte zu verwirklichen. Die Freiheit habe in Deutschland stets hinter der Gleichheit zurückstehen müssen. Aly: „Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden.“ Als pessimistisches Fazit bietet sich ein zutreffender Satz Brechts an (auch wenn Letzterer ideologisch ebenfalls verblendet war): Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

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  • Rezension zu "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" von Götz Aly

    Warum die Deutschen? Warum die Juden?
    Sokrates

    Sokrates

    25. October 2011 um 12:47

    Götz Aly beschreibt Entwicklungen und Tendenzen, die noch heute in unserer Gesellschaft zu beobachten sind; Wirkmechanismen zwischen Personen und Gesellschaftsgruppen, die scheinbar Allgemeingültigkeit aufweisen: Neid, Zurückbleiben in materieller und/oder kultureller Entwicklung, Abgeschlossenheit gegenüber anderen Gruppen, besserem Zusammenhalt einzelner Gruppen, aus denen diese mehr Kraft und Effizienz für die eigenen Fortentwicklung der Gruppe ziehen können. . Genau so haben sich gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zugetragen, die mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland begannen und sich insbesondere an den Juden nachvollziehen lassen - und die ihnen zum Verhängnis wurden. Hinzu kommt ein historisch gewachsener (europäischer) Antisemitismus, der im deutschen Gemenge aus philosophischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen zu einer die Politik dominierenden Geisteshaltung hat werden können. Aly beschreibt nicht nur die unterschiedliche bildungspolitische Entwicklung der deutschen-bürgerlichen Gesellschaft im Vergleich zur jüdischen, sondern er bettet diese Entwicklung im gesamtgesellschaftlichen Kontext ein. So werden ebenfalls die Problembereiche des seit Wagner salonfähig gemachten Antisemitismus besprochen, sondern auch politische Entwicklungen und Fehlentwicklungen, die zusammen mit gekränktem Nationalgefühl und Neid zu einem Konglomerat kritischer Einstellungen und Gefühle geworden sind. -- Aly gelingt es in sehr guter Art diese Entwicklungen aufzuzeigen. Man kann ihm jederzeit intellektuell folgen, Fachkomplexe werden gut erklärt. Das Buch wendet sich nicht nur an ein breites Fachpublikum, sondern auch an den interessierten Laien, der Dank der angenehmen Schreibe Aly's keine Verständnisprobleme haben wird. --- Kulturhistorisch absolut lesenswert und unverzichtbar für das Verständnis der Entwicklungen zwischen 1933-45.

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  • Rezension zu "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" von Götz Aly

    Warum die Deutschen? Warum die Juden?
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    11. October 2011 um 02:54

    Neid ist eine Todsünde. Und Neid kann den Tod bringen. So, wie der erste Mord in der Bibel aus Neid begangen wurde, ist Neid auch einer der Hauptgründe der Judenverfolgung gewesen. Aber woher kam dieser Neid, und wie konnte er dermaßen eskalieren? Dieser Frage geht Götz Aly nach und beleuchtet die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Staates. Neid hat seinen Ursprung in Schwäche, mangelndem Selbstvertrauen, Kleinmut und einem Unterlegenheitsgefühl. Neidische Menschen versuchen, ihr geringes Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem sie andere erniedrigen. Dabei werden sie immer gehässiger und richten ihre Energie auf die Zerstörung anderer, sehen sich selbst jedoch als anständige Menschen. Neidische Menschen haben Angst vor der Freiheit und der damit verbundenen Unsicherheit. Deshalb fühlen sie sich auch in der Gruppe wohler. Aly beginnt seine Untersuchung mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit bekamen die Juden langsam mehr Rechte. Besonders die Gewerbefreiheit sorgte dafür, dass die Juden wirtschaftlich richtig durchstarten konnten. Hier liegt die Grundlage für den Antisemitismus, denn während die Juden die neugewonnene Freiheiten als Gewinn sahen, hatten die christlichen Deutschen Angst vor der Freiheit. Das betraf auch Menschen, die sich eigentlich für die Demokratie stark machten. Diese Ambivalenz zwischen demokratischen Ansichten und gleichzeitigem Antisemitismus zu verstehen, ist wichtig, um die Judenverfolgung im Nationalsozialismus analysieren zu können. Ganz deutlich wird am Beispiel der Juden die zentrale Funktion der Bildung für den sozialen Aufstieg. Anders als die christlichen Kinder wurden die jüdischen Knaben alphabetisiert. Während die christlichen Geistlichen, und leider auch die Eltern, Bildung für nachteilig hielten, wurden bei den Juden Neugier und Wissbegier gefördert. Jüdische Eltern erbrachten alle denkbaren Opfer, um die Kinder zur Schule schicken zu können, notfalls hungerten sie. So hatten die jüdischen Jugendlichen mit ihrem geschulten Verstand die besten Voraussetzungen, um sich an gesellschaftliche Umbrüche anzupassen und diese für einen sozialen Aufstieg zu nutzen. Das jüdische Bildungsstreben fand seinen Niederschlag auch an den Universitäten. Natürlich führte das auch dazu, dass Juden höherwertige und besser bezahlte Stellen fanden als die schwerfälligen Christen, die immer noch die Denkweisen einer Agrarbevölkerung hatten, die sich nicht mit den sozialen Umwälzungen der Industrialisierung vertrugen. Die Juden waren geistig beweglicher und fixer. Die Christen merkten, dass sie ins Hintertreffen gerieten; Neid war die Folge. Das allein erklärt aber noch nicht den Erfolg des Nationalsozialismus. Götz Aly beschreibt weitere Faktoren, die zusammenwirkten. Die Deutschen hatten, anders als ihre Nachbarländer, Probleme, zur Nation zu werden. Geologisch in der Mitte gelegen, waren sie überproportional von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen. Der Dreißigjährige Krieg mit seinen verheerenden Folgen hat die Deutschen wirtschaftlich weit zurückgeworfen. Dazu kamen die Leiden unter Napoleon. Erneut wurden die materiellen Grundlagen zerstört, diesmal im Namen der Freiheit, ein Begriff, der so für die Deutschen einen negativen Beigeschmack bekam. Es konnte kein nationalstaatliches Selbstbewusstsein aufgebaut werden. Ende des 19. Jahrhunderts, mitten im wirtschaftlichen Aufschwung, klaffte eine Lücke zwischen dem technischen Fortschritt auf der einen Seite und den politischen Fähigkeiten der Deutschen auf der anderen Seite. Der nun entstehende organisierte Antisemitismus richtete sich gegen die liberale Wirtschaftspolitik. Dass die immobilen Werte wie Grundbesitz gegen die neuen, von der Arbeit losgelösten, Geldwerte ins Hintertreffen gerieten, sorgte für Unsicherheit, mit der die christlichen Deutschen nicht umgehen konnten. Sie hatten nicht die Flinkheit des Geistes, um die neue Situation auszunutzen. Gleichzeitig verlor der Katholizismus an Bedeutung. Statt nun eine bessere Bildung für ihre Kinder anzustreben, verlegten sich die christlichen Deutschen aufs Meckern und suhlten sich in ihrem Gefühl der Benachteiligung und Unterlegenheit, im Neidgefühl. In der Weimarer Republik kamen die immensen Reparationszahlungen, die Deutschland zu leisten hatte, erschwerend dazu. Der Wiederaufschwung wurde damit verhindert. Gerade in einer Phase, in der die christlichen Deutschen aufholten, in der sie, ermutigt durch die neue Bildungspolitik, auch endlich den Aufstieg durch Bildung wagten, wurde der Aufstiegswillen durch die Weltwirtschaftskrise im Keim erstickt. Die Erwartungen auf einen sozialen Aufstieg, die die Weimarer Republik geweckt hatte, wurden nicht erfüllt. Wieder bauten sich Ressentiments auf, wieder sorgte die politische Hilflosigkeit für Wut und Aggression, für Neid. Die NSDAP hat den Aufstiegswillen für sich nutzen können. Sie rekrutierte ihre Funktionäre überwiegend unter den Neuaufgestiegenen. Wer als Erster in seiner Familie studiert, hat einen so großen sozialen Sprung gemacht, dass der Rückhalt in der Familie fehlt. Auch das Vorbild der Eltern, die Selbstverständlichkeit des Status und die Fähigkeit, sich in anderen Kreisen sicher zu bewegen, fehlen. Das führt zu Unsicherheit, zur Angst, wieder abzurutschen. Und zum Neid auf Diejenigen, die schon fest im Sattel sitzen. Da sich die Mitglieder der NSDAP zu einem großen Teil aus sozialen Aufsteigern rekrutierten, kannten sie aus eigener Anschauung die Probleme der unteren Gesellschaftsschichten. So bekam die NSDAP Zulauf unter den einfachen Leuten, die sich ernst genommen fühlten. Die NSDAP war keine Klassenpartei, sondern eine klassenübergreifende politische Bewegung, die den sozialen Aufstieg und das Zugehörigkeitsgefühl zu einem großen Ganzen gezielt förderte. Ein weiterer Faktor war die Entstehung der Rassenkunde, die in Deutschland von Anfang an gegen andere Völker und gegen Minderheiten gerichtet war, und mit einer ideologischen Erhöhung des eigenen Volkes einherging. Die Rassenkunde ermöglichte es, sich „wissenschaftlich“ untermauert von den Juden abzugrenzen. Und sie erlaubte, die persönlichen Misserfolge hinter der Zugehörigkeit zur „besseren Rasse“ zu verstecken. Die aus der Rassenkunde abgeleitete „Erbgesundheit“, die zu Massensterilisationen und –morden an „unwerten“ Leben führte, war ein Einüben der späteren Brutalität gegen Juden beim eigenen Volk. Wer Mitglieder der eigenen Familie umbringen lässt, hat auch keine Skrupel, wenn vermeintlich Außenstehende ermordet werden. Aly zeigt die Parallelen zu Mord der Türken an den Armeniern und zum italienischen Faschismus auf. Aber auch zu den Völkermorden der Neuzeit, die zeigen, dass die Geschichte nicht zu Ende ist. „Die Schwachen sind die Gefährlichen“, das gilt auch für unsere Zeit. Neid, Versagensangst, Missgunst und Habgier sind auch heute zu finden. Das Böse bleibt in der Welt. Ich teile in dieser Hinsicht den Pessimismus von Götz Aly, der sagt: „Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen.“ Anzeichen dafür sind meines Erachtens auch im heutigen Deutschland vorhanden, sei es nun die Argumentation eines Sarrazin, die in seiner rassistischen Abgrenzung durchaus Parallelen zu Hitlers „Mein Kampf“ hat, oder die Verteufelung des Islams. Aly stellt fest, dass der aggressive Neid zwischen materiell ähnlich gestellten Gruppen größer ist, als zwischen sozial stärker unterschiedenen Gruppen, weil die Nähe einen ständigen Vergleich ermöglicht. Das finde ich plausibel, denn man kann diesen Effekt auch heute sehr gut beobachten: Der Neid der Benachteiligten richtet sich nicht etwa gegen die Manager und Banker, die sich an der Krise, die sie selbst herbeigeführt haben, massiv bereichern, sondern gegen Hartz IV-Empfänger, die unter bestimmten Umständen (geringfügig) mehr Geld erhalten, als ein Niedriglohnarbeiter. Dieses wichtige Buch von Götz Aly bringt neue und bisher nicht berücksichtigte Aspekte in die Diskussion ein. Das ist, wie immer bei Aly, detailreich ausgeführt und genauestens untermauert. Und wie immer ist bei Aly ist das Buch hervorragend geschrieben und liest sich gut. Für alle, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, ist dieses Buch ein Muss.

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  • Rezension zu "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" von Götz Aly

    Warum die Deutschen? Warum die Juden?
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    25. August 2011 um 10:51

    Götz Aly ist ein Wissenschaftler und Publizist, der mit seinen Forschungen und seinen Veröffentlichung in der Vergangenheit immer wieder Aufsehen erregt hat und sich bei aller Kritik im Detail in der kulturellen und politischen Öffentlichkeit unseres Landes einen Namen gemacht hat. Besonders mit seinen teils „unkorrekten“ Fragen an die nationalsozialistische Vergangenheit und den unbequemen Antworten, die er darauf gibt, hat er für Debatten gesorgt, zuletzt mit seinem Buch „Hitlers Volksstaat“. Aber auch mit seinem 2008 erschienenen persönlichen Rückblick auf die Studentenbewegung „Unser Kampf- ein irritierter Rückblick“ stellte er einen Zusammenhang zwischen 1968 und 1933 her und resümierte damals fast versöhnlich: "Viel spricht dafür, dass dieses Ausweichen vor der deutschen Vergangenheit und die Regression in abwehrende Ideologien und Geschichtsmodelle sich nur schwer hätten vermeiden lassen. Nicht nur die (Neue) Linke ging diesen Irrweg. Die Mehrheit der Deutschen versuchte auf die eine oder andere Art, Hitler und seine Herrschaft als etwas Fremdes abzuspalten und zu verdrängen. Weil aber so viele und so besonders viele junge Deutsche den Nationalsozialismus gutgeheißen und damit die Politik des Verbrechens zumindest objektiv gefördert hatten, war es 1968 noch nicht möglich, die direkte Konfrontation zu suchen." In seinem neuen Buch geht es um die Vorgeschichte des Holocaust, die Entstehung des Antisemitismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei Götz Aly kommt er zu verstörenden Einsichten. Er beschreibt Fortschrittsscheu, Bildungsmangel und Freiheitsangst vieler christlicher Deutscher während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dagegen begeisterten sich die deutschen Juden für das Stadtleben, für höhere Bildung; sie wussten die Chancen der Moderne zu nutzen. Die trägen Nicht-Juden sahen ihnen mit Neid und Missgunst hinterher. Aus Schwäche erwuchsen zuerst Sehnsucht nach kollektiver Stärke, dann Rassendünkel und am Ende mörderischer Antisemitismus. Schon 1987 hatte der Adorno-Schüler und langjähriger Mitarbeiter Oskar Negts, der Sozialwissenschaftler und Philosoph Detlef Claussen in seinem ebenfalls bei S. Fischer erschienenen Buch „Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus“, das 2005 noch einmal, leider ohne große Resonanz, in überarbeiteter Form aufgelegt wurde, den modernen Antisemitismus aus den gesellschaftlichen Bedingungen erklärt, die Emanzipation versprachen, aber mit der Judenemanzipation auch den Antisemitismus hervorbrachten. Claussen spürte damals auch dem Fortleben des Antisemitismus nach Auschwitz und dem veränderten Blick auf die Vergangenheit nach, der durch massenmediale Ausbeutung des Grauens und neue Erinnerungspraktiken verzerrt wird. Leider hat Götz Aly aus mir nicht verständlichen Gründen dieses wegweisende Buch von Claussen in seiner neuen Arbeit nicht einmal im Literaturverzeichnis erwähnt. Das soll nicht seiner Erkenntnisse zu „Gleichheit, Neid und Rassenhass“ schmälern, aber erstaunlich ist es doch. Tatsache ist, dass die Arbeit Alys zeigt, dass die Wurzeln des Antisemitismus bis tief in die deutsche Gesellschaft hineinreichen. Sein Resümee ist ernüchternd: „Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. Das zwingt zum Pessimismus: Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen.“

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