Günter Görlich Eine Anzeige in der Zeitung.

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Inhaltsangabe zu „Eine Anzeige in der Zeitung.“ von Günter Görlich

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    Eine Anzeige in der Zeitung.
    Heike110566

    Heike110566

    02. February 2012 um 16:22

    Herbert Kähne, Lehrer und stellvertretender Direktor an einer Polytechnischen Oberschule in L. nahe der DDR-Bezirksstadt P., verbringt gemeinsam mit seiner Frau den Sommerferien-Urlaub in Gagra (Georgien) am Schwarzen Meer. Kurz vor Ende des sehr abwechslungsreichen und erholsamen Urlaubs kauft Kähne ein paar DDR-Zeitungen, um sich auf den aktuellen Stand zu bringen. Dabei stößt er auf eine Anzeige in einer der Zeitungen, eine Todesanzeige. Sein Kollege und Freund Manfred Just, steht da, sei auf tragische Weise ums Leben gekommen. Das Ehepaar Kähne ist schockiert: Was ist da passiert? Zurück in L. erfahren sie, dass Just an einer Überdosis Tabletten starb. Selbstmord? Aber warum? - Es gibt keinen Abschiedsbrief. - Schuldirektor Strebelow stellt es deshalb als Unfall dar, obwohl nichts erwiesen ist. Er gibt Anweisung, es auch als Unfall gegenüber von Justs Klasse und den anderen Schülern darzustellen. Doch Kähne und seine Frau denken eher, dass es Selbstmord war. Aber immer wieder die Frage: Warum? Auch die junge Lehrerin Anne Marschall, die mit Just intimer befreundet war, denkt dass es Selbstmord war. Aber auch sie hat keine Beweise, wie sie sagt. Dennoch missachtet sie Strebelows Anweisung und antwortet den Schülern so, wie sie denkt. Strebelow will deshalb ein Disziplinarverfahren gegen sie einleiten. Kähne ist erbost, hat er doch auch seine Bedenken zur Unfall-These auf die Frage eines Schülers zum Ausdruck gebracht. - Er beginnt nachzuforschen, kommt aber nicht recht voran. Da gibt Anne Marschall ihm einen Packen Briefe. Briefe von Just. Geschrieben wenige Tage vor seinem Tod. Der Roman, der Mitte der 1970er Jahre in der DDR spielt, greift kritisch ein Thema auf, das in der DDR immer wieder auch auftauchte, aber auch immer wieder möglichst schnell auch verdrängt und unter den Teppich gekehrt wurde: Selbstmord. - Dass auch in einem sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat Probleme auftreten, die Menschen in den Selbstmord treiben, wollte man in der Elite nicht wahrhaben. Der sozialistische Mensch hat ein Kämpfer zu sein, Selbstmord ist Flucht aus der Verantwortung und Kapitulation vor Schwierigkeiten, war die tragende Position. Günter Görlich greift dieses Thema auf und stellt dabei auch unangenehme Fragen, wie die nach der Verantwortung und sogar nach der Mitschuld der Freunde und Kollegen und auch der Gesellschaft (hier in Form der Schule und des Direktor Strebelow). Der Roman unterteilt sich in drei Teile. Teil 1 spielt in der Sowjetunion am Schwarzen Meer, wo das Ehepaar Kähne den Urlaub verbringt und sie plötzlich mit der Anzeige in der Zeitung konfrontiert werden. Dabei gibt es Reflektionen an die letzten zwei Jahre, die Zeit wo Just in L. Lehrer war. - Teil 2 ist dann nach der Rückkehr angesiedelt und von den Nachforschungen Kähnes geprägt. Auch in diesem Abschnitt gibt es immer wieder Erinnerungen. Während es sich aber im ersten Teil um Erinnerungen des Ehepaars Kähne handelt, sind es im zweiten die von verschiedenen Personen, die Manfred Just auf die ein oder andere Weise nahestanden. Der dritte Teil besteht dann hauptsächlich aus den Briefen, die Manfred Just an Anne Marschall schrieb. Die ersten beiden Teile sind sehr aktionsreich, auch energiegeladen und dadurch sehr kurzweilig zu lesen. Manfred Just war nämlich ein Lehrer, der nicht dem Standard entsprach, der sich schon in seiner Erscheinung von seinen Kollegen unterschied und auch eine andere Auffassung vom Umgang mit den Schülern hatte als die herrschende Konvention. - Teil drei ist stilistisch und stimmungsmäßig völlig anders, liest sich zäher. Das liegt aber nicht daran, dass der Autor als solcher künstlerisch schwächelt, sondern an der Situation, in der Manfred Just diese Briefe geschrieben hat. Die Briefe, die aus der Zeit kurz vor dem Tod des Lehrers stammen, sind angefüllt von Nachdenklichkeit und auch depressiver Stimmung. Also der völlige Gegensatz zu Urlaubsfeeling und dem Leben an einer Schule. Die Frage, ob es nun Selbstmord oder Unfall war, bleibt am Ende letztlich offen. Als Leser kann man sowohl zu der einen These als auch zu der anderen neigen. Auch Herbert Kähne bezieht nach der Lektüre der Briefe keine Stellung. - Ich halte dies für keinen Makel, denn so fordert Günter Görlich seine Leser zum Selbernachdenken heraus. Auf gelungene Weise.

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