Günter Neuwirth Der blinde Spiegel

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Inhaltsangabe zu „Der blinde Spiegel“ von Günter Neuwirth

Was wäre gewesen, wenn Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg gewonnen hätten? Günter Neuwirth begleitet seine beiden Helden in eine düstere fiktive Vergangenheit. Im Sommer 1914 muss Valentin Kellermeier an die Front. Er wird zum überzeugten Pazifisten und schließt sich 1946 dem Spionagering „Schattennacht“ an. Hermann Graf von Meyendorff wird von Kindesbeinen an zum Soldaten erzogen. Nach drei Jahren Frontdienst ranken sich Legenden um ihn: Kaum ein Bomberpilot hat mehr Einsätze geflogen. In Konstantinopel verliebt er sich unsterblich in Clarissa Roth, die Tochter eines jüdischen Industriellen. Doch kann ihre Beziehung in Zeiten des Krieges überdauern? Ein großer Roman um zwei starke Charaktere, um ein Europa, das der Apokalypse entgegen taumelt.

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  • Flammendes Manifest für Menschlichkeit und Frieden

    Der blinde Spiegel
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    24. February 2014 um 12:35

    Flammendes Manifest für Menschlichkeit und Frieden Zwei Männer, deren Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen und in ganz verschiedenen „Umständen“ erzählt wird. Eine Geschichte, die mit ihren beiden Protagonisten auch zwei sehr grundsätzliche „Haltungen zur Welt“ zum Ausdruck bringt. Eine, in der das „Lernen aus Erfahrungen“ das wichtigste und auch lebensverändernde Element ist und eine andere, in der das Angelernte und Antrainierte, auch wenn es an der Realität fast zerbricht, beharrt. In der Rahmung der Geschichte haben die Kaiserreiche Österreich-Ungarn und Deutschland durch eine entscheidende Schlacht in Italien (in welcher der Onkel eines der Protagonisten eine entscheidende Rolle spielte) und eine entscheidende Erfindung (gemeint ist das Radar) den ersten Weltkrieg gewonnen, stehen aber in der Gegenwart des Romans 1946/47 wiederum seit Jahren im zweiten Weltkrieg als „Mittelmächte“ an den beiden Fronten im Osten gegen die Sowjetunion und im Westen gegen die Alliierten im Krieg. Ein Krieg, der bis dato durch den ungeheuren Erfindungsgeist „der Preußen“ und die daraus resultierende technische Überlegenheit ausgeglichen „in Stellung“ gehalten wird. Was droht, sich entscheidend zu verändern. Auch in der Gegenwart des Romans ist Hitler unter dem deutschen Kaiser Reichskanzler, ist der Faschismus überall in beiden Reichen an der Macht. Pazifisten? Keine Chance, Straflager. Die teils brachial hungernde und darbende Bevölkerung? Lückenlos überwacht durch eine brutale Form in Art einer Gestapo oder Stasi. Valentin Kellermann ist Schriftsteller, Dichter. War Frontsoldat im ersten Weltkrieg und hat das Grauen (dass Neuwirth sehr dicht und intensiv in der äußeren Schilderung und den inneren Vorgängen in seinem Kellermann zu erzählen versteht) als Trauma erfahren. „Nie wieder“ ist seine Parole. Für die er brutal zahlen werden muss. Was seine Liebe angeht, was seine Verurteilung zu 20 Jahren Straflager angeht. Herrmann Graf von Meyendorff ist Flieger. Hauptmann. Soldatisch geprägt und bis fast ganz zum Schluss dieser Haltung treu bleibend. Einer, der die Liebe erlebt und daran verzweifelt bis zum inneren Absterben hin. Einer, der erst zu spät feststellen wird, dass die Generäle wohl nie das „Wohl der Völker“ nun wirklich nicht im Sinn tragen. Einer mit einem wahrlich „blinden Spiegel“. „Die Kompanie legt an und feuert. Und sie feuert nicht in die Luft, sie feuert in die Menge“. Denn immer wieder brüllt das „dumpfe Tier Menschenmasse das Wort: Sieg! Nicht Frieden, sondern Sieg“. Kellermann ist bereit, nach seiner Entlassung aus dem Lager, in all der Not und dem Hunger und der Überwachung, als Teil eines Spionagenetzwerkes weiter zu arbeiten. Von Meyendorff ist bereit, jeden Befehl auszuführen und mit leuchtenden Augen vor neuen Wunderwaffen zu stehen. Und diese einzusetzen unter Einsatz seines Lebens. Langsam beginnende, breit erzählend, geht Neuwirth in die Tiefe seiner Personen, in das Grauen des Krieges, die Härte der Befehlshabe, die Sinnlosigkeit all dieser Gewalt, Unterdrückung, dieses Leidens. Wie das allerdings so kommen konnte, das ein Hitler ohne Weimarer Republik und ohne die Ressentiments nach Versailles an die Macht gelangen konnte, dass nach Frieden rufende Bürger in Österreich in Lagern verschwinden, das ist im Roman nicht wirklich überzeugend erläutert (wenn überhaupt darauf näher eingegangen wird, was im Falle Hitler nicht der Fall ist). Auch die Persönlichkeit von Meyendorffs gerade in Liebesdingen, in denen er sich einerseits naiv romantisch wie ein Pennäler verhält, andererseits aber bei erster Gelegenheit „zustößt“ wirkt nicht überzeugend, vor allem nicht, weil dieser Faden der Geschichte abrupt und wenig überzeugend einfach gekappt wird. Aber die inneren Haltungen zum Krieg und zur Gewalt, der Kampf und Menschlichkeit und Werte, die zermalmende Technik und die Unentrinnbarkeit vor der „Bestie Mensch“, das legt Neuwirth im Großen des Krieges und im Kleinen der alltäglichen Begegnungen atmosphärisch dicht vor Augen, bietet einen flammenden Appell gegen alles an Unterdrückung, Machtgier, Gewalt und Krieg, stellt diese Gewalt schonungslos und teils nur für gute Nerven geeignet vor die Augen des Lesers und führt im letzten Drittel des Buches zu einem spannenden, infernalischen Crescendo, dass die Lektüre lohnt und zu einem inneren Erlebnis gestaltet, welches den Leser emotional mitgenommen zurücklässt. Trotz mancher Ungereimtheiten, teils zu langer Fäden der Erzählung, teils in zu verkürzten Darstellungen vor allem in den äußeren Umständen der Geschichte, eine empfehlenswerte Lektüre, die zeigt, was passiert, wenn die Menschlichkeit verliert. 

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