Gabriele Gérard Florian Geb. 1976

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Inhaltsangabe zu „Florian Geb. 1976“ von Gabriele Gérard

Renate Voigt, Mitteldeutsche Zeitung: Acht Monate sind seit Florians Tod vergangen, als Gabriele Gérard versucht, wieder nach vorn zu blicken. "Meine Blickrichtung war rückwärts und ich spürte zunehmend, dass diese Richtung nicht zurück ins Leben führt, sondern weg vom ,Leben'." Ihr Sohn war, kurz vor seinem 24. Geburtstag, in Dublin gestorben. Keine Krankheit, kein Unfall, sondern der plötzliche, lautlose Tod: Herzstillstand. Als sie den zitierten Satz schreibt, ahnt sie nicht, dass sie noch oft im Leid versinken wird, dass Hoffnung auf inneren Frieden und tiefe Verzweiflung lange in ihr widerstreiten werden. Wenn ein naher Mensch gänzlich unerwartet stirbt, wenn keine Zeit ist, sich von ihm zu verabschieden, bleibt sein Tod lange unfassbar. Auch Gabriele Gérard ist unfähig zu begreifen, was geschah, und spürt - ehe er später mit unbeschreiblicher Wucht einsetzt - keinen Schmerz. Erst als Florian beerdigt ist, bricht er über sie herein. In der Trauer um den Sohn schreibt sie, um mit ihm im Gespräch zu bleiben und ihn in ihrem Leben zu halten, Briefe an ihn. Diese Briefe hat sie - um inneres Gleichgewicht ringend - zunächst für sich geschrieben. Vermutlich gab es mehrere Gründe, sie jetzt mit ihren Tagebuchnotizen aus Florians Babyzeit und mit Briefen, die er ihr schrieb, zu veröffentlichen. Gewiss auch den, dass es ihr wie wohl allen, die um einen geliebten Menschen trauern, ein Bedürfnis ist, von ihm und dem Schmerz zu sprechen, den sein Tod zufügt. Möglich auch, dass sie darin oft zurückgewiesen wurde. Da sie auch Florian zu Wort kommen lässt, wird ihre Trauer eher mitfühlbar. Die meisten Briefe hat Florian geschrieben, als er in Irland mit Behinderten arbeitete. Der Leser lernt einen Menschen auf dem Weg zu sich selbst kennen, der verantwortungsbewusst und einfühlsam mit anderen umgeht, der glücklich ist, weil er "gelernt (hat) zu geben", der "Heimat weniger in Orten als in Menschen" sieht. Seine Briefe sind gedankentief, und ihr Stil beeindruckt. Sie belegen nicht nur eine enge Mutter-Sohn-Beziehung, ihnen ist auch ablesbar, dass die Autorin nicht vom Schmerz verleitet wurde, in Florian einen besonderen Menschen zu sehen: Er war ein außergewöhnlicher junger Mann. Trauernden beizustehen, mag ein weiterer Beweggrund gewesen sein, ihr Innerstes bloßzulegen. Wobei der Trost, den ihr Buch spendet, nicht allein darin liegt, dass ein solcher Leser in Gabriele Gérard eine Leidensgefährtin findet, der auch die Abgründe tiefer Verzweiflung nicht fremd sind. Ebenso tröstlich ist die Erkenntnis, dass tief ins Lebensglück - ins Leben - Einschneidendes auch von unterschiedlichen Menschen ähnlich erfahren, angenommen und verarbeitet wird. Es scheint, das Leben hält dafür Grundmuster bereit. So vermittelt das Buch: Trauernde, die im Leid die Fassung verlieren, so, dass sie Fremde im eigenen Leben werden, müssen nicht an sich zweifeln. Auch sie empfindet körperlichen Schmerz als wohltuend, weil er sich über den seelischen legt, auch sie sieht Irreales im Realen, fühlt sich getrieben, "alles wegzuwerfen aus diesem Leben, das nicht mehr mein Leben war", rettet sich oft in hilflose Aktionen, um ihre Trauer zu leben. Aber die Erfahrung, dass Verlust Magie ins Leben bringen, die Sinne öffnen und "auf Pfade führen" kann, "die wir nie gegangen wären", hat sie auch gemacht. Nicht nur Trauernden, auch denen, die Umgang mit Trauernden haben, sei dieses Buch empfohlen. Es gibt Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen, der einen Verlust verarbeiten muss und kann damit helfen, Verletzungen zu vermeiden, zu denen es - ungewollt - oft kommt. Und sei es nur durch hilflose Worte wie: Das Leben geht weiter! Ohne diesen einen Menschen geht es eben nicht weiter; ein anderes, ärmeres Leben beginnt.

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