Gabriele Hoffmann
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Gabriele Hoffmann
Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer
Das Haus an der Elbchaussee
Die Eisfestung
Versunkene Welten
Die kleine Rennmaus und die Zauberbäume
Constantia von Cosel und August der Starke
Neue Rezensionen zu Gabriele Hoffmann
Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/bismarcks
Aufregung herrscht im Hause Puttkamer. Ein gewisser Otto von Bismarck hat brieflich um die Hand der einzigen Tochter Johanna angehalten und sich dann kurzerhand zum Besuch angekündigt. Jetzt wartet man gespannt auf den preußischen Junker. Auf Herz und Nieren will ihn Johannas Vater Heinrich prüfen. Es kommt anders. Kaum dass die Umworbene den Raum tritt, lässt Bismarck ihren alten Herrn links liegen, stürmt geradewegs auf Johanna zu, herzt sie, gibt ihr einen Kuss - und sie erwidert die Zärtlichkeiten. Der spätere Realpolitiker, der wenig hält von langen Reden, hat Fakten geschaffen. Und wie das deutsche Kaiserreich, dass er als Eiserner Kanzler schmiedet, hält auch die Beziehung zu Johanna von Puttkamer, solange beide leben. Zwei Paarbeziehungen erzählen von dieser fast fünfzigjährigen Ehe. Wir blicken hinein...
Eigentlich hat der stürmische Bismarck ja sein Herz schon an Marie verloren - aber die ist schon vergeben. Wie gut, dass Marie mit Johanna befreundet ist und sie mit flugs mit dem angehenden preußischen Diplomaten Bismarck verkuppelt. Das ist kurz vor der Revolution von 1848, in der es für den königstreuen Hardliner um alles geht. Da sich die Monarchie gegen die liberal-demokratische Bewegung behauptet, kann Bismarck die Karriereleiter im Regierungsbetrieb bis zur obersten Sprosse erklettern: dem Kanzleramt. Für Johanna ist das nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Sie ist dem Land eher verbunden als der Stadt und kann den diplomatischen Gepflogenheiten nicht viel abgewinnen. Dennoch folgt sie ihrem Mann überall hin, wohin ihn der König schickt: Ihre drei Kinder sind an drei verschiedenen Orten geboren, alle zusammen machen sie Station in Sankt Petersburg und Paris, bis endlich Berlin zum dauerhaften Arbeitsort Bismarcks wird. Johanna lebt nur für Bismarck - so soll sie es jedenfalls einmal gesagt haben es ist auch was dran: Obwohl sie es einfach liebt und prunkvolle Empfänge hasst, spielt sie für ihn die staatstragende Gastgeberin. Johanna ist es auch, die sich mit seinem Leibarzt verbündet, damit ihr "Bismärckchen" nicht an seiner Völlerei und Trinkerei zugrunde geht. Dabei ist sie nicht nur treusorgende Gattin und Mutter. Sie ist so etwas wie Bismarcks beste Freundin, wegen seiner vielen Reisen und Abwesenheiten oftmals auch Brieffreundin: Ihr schreibt er arglos, wenn er sich Hals über Kopf in andere Frauen verliebt (das kommt häufiger vor, aber Bismarck wird nie fremdgehen). Ihr schreibt der Eiserne Kanzler als auch so anmutige Treuschwüre wie diesen: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers." Kaum verwunderlich, dass er Johannas Tod 1894 wird er nie verwinden wird. Vier Jahre später stirbt auch Otto von Bismarck.
Unterschiedlicher können Bücher, die das gleiche Titelbild tragen, kaum sein. Waltraud Engelberg hat eher einen Sachbericht im nüchternen Präteritum vorgelegt, Gabriele Hoffmann eine empathische Erzählung, weitgehend im lebendigen Präsens. Engelberg nähert sich der Beziehung eindeutig aus einer Otto von Bismarck-Perspektive, da sie sich auf das Lebenswerk ihres Mannes stützen kann: eine monumentale Bismarck-Biografie. Sie schreibt gewissermaßen über Bismarcks Privatleben, in dem Johanna eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Hoffmann rückt dagegen stärker "die erste Kanzlergattin" in den Mittelpunkt. Sie erzählt "die Geschichte einer großen Liebe". Engelbergs Buch ist informativ und quellenfundiert - aber da steht Hoffmanns Beziehungsbiografie nicht nach, obwohl sie doch deutlich unterhaltsamer geschrieben ist: Sehr überzeugend sind die "Notizen für Historiker" im Anhang. Dort dokumentiert Hoffmann, dass auch ihr außerordentlich unterhaltsames Buch auf dem Stand der Forschung ist.
Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl
Bismarck war für sie alles, und sie ihm das Beste und Liebste im Leben. (Seite 115)
Meine Meinung
Er war neunundzwanzig Jahre alt, hatte beruflich alles probiert, was ihm als standesbewusstem Adeligen möglich war, und sah keinen Weg mehr, sein Leben zu ändern. (Seite 39) Wer käme darauf, daß dieser Satz auf den Eisernen Kanzler gemünzt ist? Denn mit bekannten Menschen ist es ein gar seltsam Ding: man kennt sie in meist vorgerücktem Alter und stellt sie sich immer so vor. Aber auch sie waren einmal jung und ganz anders, als die Vorstellung sie erscheinen läßt. Kommt man dann mit dieser anderen Seite in Berührung, mag das bisweilen wie eine Art „Denkmalschändung“ erscheinen. Dabei ist es alles andere als das.
Denn ein Mensch wird zu dem, was er ist, (auch) durch die Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hat; die Kenntnis eben dieses Lebens vermag zu einem besseren Verständnis führen und manches, was unerklärlich schien, wird plötzlich (glas-)klar. Und vielleicht wird aus einem „Gotthelden“ auf ein Mal ein Mensch aus Fleisch und Blut, selbst wenn er schon lange verblichen ist und „nur“ noch sein Andenken fortlebt. Und die Folgen seiner Handlungen. Und die „Folgen der Handlungen“ Bismarcks wirken bis heute fort.
Mein Interesse für Bismarck wurde durch den gerade gelesenen Roman „ Der Jahrhundertsturm“ geweckt. Da mich nun zunächst eher der Mensch denn der Politiker interessierte, schien mir dieses Buch eine gute Wahl zu sein.
Es war eine sehr gute Wahl.
Johanna von Puttkamer erschien im „Jahrhundertsturm“ eher als, überspitzt ausgedrückt, „zweite Wahl“ und vor allem sehr unscheinbar. Wenn man dieses Buch hier gelesen hat weiß man, daß diese Einschätzung in jeder Hinsicht nicht zutrifft. Bismarck hat sich sehr bewußt für eben diese Frau entschieden (und diese für ihn). Auf Grund ihrer pietistischen Herkunft mag sie vielen Zeitgenossen als „unscheinbar“ erschienen sein, wenn man aber die Darstellung von Gabriele Hoffmann liest, wird bald klar, daß dies ein Vorurteil ist.
Beginnend mit der Jugend begleiten wir Bismarck und seine (spätere) Frau bis ins hohe Alter und zu ihrem Tod, hören wir vom „Wilden Junker“, wie er in jungen Jahren verschrien war, seiner Brautwerbung und Heirat, seinem „Seßhaftwerden“ und seiner politischen Karriere bis hin zu deren Ende und den letzten Jahren im Ruhestand. Auf rund dreihundertfünfzig Seiten das Leben zweier Menschen zu beschreiben, ist eine mitunter durchaus schwierige Aufgabe, welche die Autorin in hervorragender Weise gemeistert hat. Allein die vielen auftretenden Personen haben mich mitunter etwas in Verwirrung gestürzt, ein Personenverzeichnis wäre hilfreich gewesen - und das ist auch schon mein einziger Kritikpunkt an dem Buch.
In meinem Kopf ist beim Lesen das Bild eines Mannes entstanden, der seine Ecken und Kanten hatte, mit dem oft gewißlich nicht leicht umzugehen war, der mit zunehmendem Alter an Krankheiten litt, dem weder Telefon noch Fax und schon gar keine Computer oder gar Smartphones zur Verfügung standen - und der trotzdem (oder deswegen?) eine politische Leistung vollbrachte, die bis heute ihresgleichen sucht. Zunehmend öfter habe ich mich gefragt, wie er - zumal mit den Mitteln seiner Zeit - dies alles bewältigen konnte.
Eine Hilfe dabei war ihm immer wieder seine Frau, die vielleicht mehr zum Erfolg beigetragen hat, als weithin angenommen wird. Daß es in den langen Ehejahren auch schwierige Zeiten gab, die überwunden werden mußten, versteht sich dabei von selbst. Immer wieder mußte das (eheliche) Gleichgewicht neu austariert, mußte das Verhältnis zueinander auf eine tragfähige Grundlage gestellt werden, um den Ansprüchen des Lebens zu genügen. Langjährige Ehepaare werden das aus eigener Erfahrung kennen und wissen.
Wenig erfährt man heute allgemein darüber, daß Bismarck zu seiner Zeit nicht nur Bewunderer, sondern auch Gegner und Feinde hatte. Auch dieses wird im Buch deutlich, desgleichen die Auswirkungen auf seine Gesundheit und Ehe. Die Namen all derer, die Bismarck später stürzten und ihm hinterher aus Rache- und Machtgelüsten das Leben schwer machten, ihn verleumdeten, Intrigen sponnen, sind dem allgemeinen Gedächtnis weithin entschwunden - oder negativ behaftet, wie etwa der von Kaiser Wilhelm II. Geblieben ist die Erinnerung und das Lebenswerk des ersten Kanzlers des Deutschen Reiches, welches - wie dieses Buch deutlich macht - ohne die Unterstützung seiner Frau so wohl nie zustande gekommen wäre. Auch, oder gerade, obwohl Bismarck sehr dem Rollenverhältnis bzw. -verständnis des 19. Jahrhunderts verhaftet war, was ein umso helleres Licht auf Johanna von Puttkamer wirft.
Selten habe ich, und in einem Sachbuch schon gar nicht, ohne jeglichen Kitsch und dennoch - oder gerade deshalb - so ungemein ergreifend über die Abschiedsgedanken eines Menschen gelesen, der nur noch das Ende erwartet; oder etwa den Tod eines Menschen, wie hier über das „Verlöschen“ der Fürstin von Bismarck.
Ein Buch, das - laut Nachwort - für ein breites Publikum gedacht ist. Ein Buch, dem ich weite Verbreitung und vor allem viel gelesen werden wünsche. Ein Buch, von dem ich sicher bin, daß ich - obwohl gerade mal eineinhalb Monate des Jahres vergangen sind - eines meiner Jahreshighlights gelesen habe.
Mein Fazit
„Die Geschichte einer großen Liebe“ lautet der Untertitel, und genau das bietet die Autorin. Der Politiker Bismarck wird vom Denkmalpodest geholt und als (Familien-)Mensch Bismarck beschrieben. Überaus lesenswert.
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Zusätzliche Informationen
Gabriele Hoffmann wurde am 19. November 1942 in Bremen (Deutschland) geboren.
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