In Wohmanns Kurzgeschichten tritt uns die alte Bundesrepublik in all ihrer schnöden Unansehnlichkeit vor Augen. Die Autorin arbeitet sich v.a. am deutschen Spiessertum ab. Hundert Versionen von kein richtiges Leben im Falschen. Aber ohne Gegenentwurf, ohne Hoffnung, ohne Ausweg. Der Vorwurf des zu engen Gedankenhorizonts fällt auf sie selbst zurück.
Gabriele Wohmann
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Gabriele Wohmann
Ein unwiderstehlicher Mann
Sterben ist Mist, der Tod aber schön.
Gesammelte Erzählungen aus dreißig Jahren. Band 1.
in darmstadt leben die künste
Wir sind eine Familie : Erzählungen.
Abschied für länger
Gabriele Wohmann: Abschied für länger
Neue Rezensionen zu Gabriele Wohmann
Ich liebe Gabriele Wohmanns Kurzgeschichten.
Um ein ganzes Buch mit Erzählungen über die Krankheit und das Sterben ihrer Schwester zu lesen, muss man aber innerlich bereit sein, das geht nicht einfach so.
Über einen Zeitraum von 5 Jahren arbeitet Wohmann an diesem Buch. Sie stellt jeweils Kalendernotizen den Erzählungen voran, wodurch der Leser gut orientiert wird.
Im ersten Teil klingen die Geschichten noch, wie man sie von ihr kennt.
Klassische Kurzgeschichten, die weitgehend mit der Krankheit zu tun haben, in denen ihre Schwester und sie selbst oft fiktionalisiert vorkommen.
Kurzgeschichten, die sehr unterschiedlich sind, und die behutsam und schroff zugleich wirken.
Wohmann ist eben eine Meisterin, ob sie viele Worte benutzt oder wenige.
Mit dem zweiten Teil hatte ich dann große Schwierigkeiten.
Der Schmerz muss immens sein; er schimmert durch jede Zeile. Die Erzählungen werden fahrig, ich kann Zusammenhänge nicht finden. Das Schreiben über die sterbende Schwester verschwimmt mit dem Schreiben an sie, Wohmann wechselt Perspektiven, Zeiträume.
In der letzten Erzählung wird endgültig deutlich, dass der Verlust der Schwester unerträglich ist. Sie beschreibt die Beerdigung und entwirft ein sehr seltsames Szenario, denn über diese Erfahrung möchte sie sich austauschen, aber eigentlich nur mit ihrer Schwester – also tut sie das, indem sie sie beide in Romanfiguren aus ihrer Vergangenheit verwandelt und das Furchtbare besprechen lässt.
Auch hier wechselt sie das Schreiben an ihre Schwester und über ihre Schwester, wechselt sie vom Ist in das Wäre, scheint sie die eingebildeten Gespräche wie Rettungsanker zu nutzen, um Haltung zu bewahren.
Durch diese Erzählung habe ich mich zunächst etwas gequält, doch zum Schluss habe ich verstanden:
Einen Abschied von der Schwester kann man nicht üben, und ihn zu verarbeiten, genauso wenig.
Das zeigt dieses Buch. Am Ende ist die Autorin so nah am Geschehenen, dass es nicht mehr ein Geschehen im Buch ist. Sie steckt ohne Abstand darinnen.
Das wird nicht jeder Leser ertragen können.
Mich hat das Buch trotzdem sehr beeindruckt.
„Wie alt die Frau auch sein mag, zwanzig oder über siebzig Jahre alt, auf Komplimente für ihr Äußeres reagiert sie damit, dass sie dich in ihr Herz schließt. Sie reagiert mit Liebe. Sie weiß nicht, dass sie dir eigentlich bloß dankbar ist. Sie verliebt sich in dich, weil sie auf einmal wieder verliebt ist in sich selber.“ (Seite 120)
Gabriele Wohman erzählt Geschichten aus dem Leben. In einer ihrer 27 in diesem Buch versammelten Erzählungen baut sich zum Beispiel ein älteres Ehepaar einen Palast, den es stolz allen Besuchern präsentiert. Doch die innere Leere ist so groß, dass sie mit Alkohol zugeschüttet wird. In der Titelgeschichte bittet ein Mann seine Frau um das Salz, doch sie reagiert nicht und träumt weiter von Filmschauspielern, die sie verehren …
Ich hatte Probleme beim Lesen diesen Buches. Mich irritierte diese extreme in Worte gekleidete Sprachlosigkeit, die sich manchmal aufzulösen sucht, indem die Paare sich wie Kinder verhalten. Dann reden sie sogar miteinander – doch jeder von einem anderen Thema. Es kam mir vor, als sprächen die Protagonisten unterschiedliche Sprachen.
Diese kurzen Ausschnitte aus gelangweilten Leben von stressresistenten Menschen die so gut wie nichts miteinander anfangen können, geben in meinen Augen einen viel zu negativen Blick auf die Ehe. Sicher bringen einen manche Aussagen auch zu einem Schmunzeln, doch der Meinung des FAZ-Journalisten Adolf Fink, der Gabriele Wohmann als weiblichen Loriot zu entdecken vorgibt, kann ich mich nicht anschließen.
Allerdings war dies mein bisher einziges Buch von Gabriele Wohmann, die am 22. Juni 2015 mit 83 Jahren nach längerer Krankheit verstorben ist. Dabei steht dieses Buch schon seit Oktober 1994 in meinem Bücherregal, wie die Widmung der Autorin verrät. Vielleicht sollte ich es doch noch versuchen, mich mit einem ihrer Romane auszusöhnen? Denn irgendetwas muss diese minimalistische Schreibweise an sich haben, sonst würde die Frankfurter Allgemeine sie nicht als „eine der bekanntesten und eigenwilligsten literarischen Stimmen des Landes“ bezeichnen. Wie dieser Quelle zu entnehmen ist, veröffentlichte die Schriftstellerin „mehr als 18 Romane und weit über 300 Kurzgeschichten“.
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