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parden

vor 2 Jahren

(35)

DA BLEIBT WOHL NUR DER KOLLEKTIVE SELBSTMORD...

Als man in den Siebzigerjahren die Voyager-Sonden ins All schickte, legte man eine Datenplatte mit Botschaften bei, die sich an außerirdische Zivilisationen richteten. Doch die Wahrheit über den Menschen wurde darin verschwiegen. Gard Meneberg geht der Frage nach, was man stattdessen hätte enthüllen sollen. In vierundvierzig unterhaltsamen Kapiteln fasst er die absurdesten Tollheiten unserer Spezies zusammen. Dabei beschreibt er nicht nur, wie arrogant der Mensch anderen Affenwesen gegenüber auftritt, sondern auch, zu welchen Skurrilitäten ihn die Lust zuweilen treibt, wie gummiartig seine Werte sind und warum ihn das eigene Entschwinden in Panik versetzt. Ein Buch mit dem Potenzial, sogar Außerirdische zum Schmunzeln zu bringen.


Bewusst stelle ich den Klappentext hier voran, weil ich verdeutlichen möchte, weshalb ich zugesagt habe, als mir das Buch vom Verlag als Rezensionsexemplar angeboten wurde. Was Außerirdische zum Schmunzeln bringen kann, das wird ja wohl auch für mich ein paar humorvolle Lesemomente bereithalten? Zumal die Ausschreibung der Leserunde folgendes verhieß:


Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, wie außerirdische Zivilisationen uns Menschen wohl beurteilen würden, wenn sie auf ihren Erkundungsmissionen auf die Erde stießen? Gard Meneberg ist diesem Thema nachgegangen und hat in „Absurde Menschheit“ die schrägsten Eigenschaften unserer Spezies zusammengefasst.


Schräg? Schwarzer Humor? Satire? Genau meins. Denkste...

Zunächst war ich erstaunt, dass Gard Meneberg (übrigens ein Pseudonym) recht viele wissenschaftliche Inhalte in seine Kapitel mit einbezog. Auch wenn ich das nicht erwartet hatte, störte es mich jedoch nicht - vieles davon war durchaus interessant. Zeigte es doch auch, dass sich der Autor im Rahmen des Buches inhaltlich mit vielen der angesprochenen Themen ernsthaft auseinandergesetzt hat.

Aaaaaaaber - und das ist ein immens großes ABER: locker-flockig und humorvoll: Fehlanzeige. Nahezu harmlos fängt Gard Meneberg an, den Menschen zu charakterisieren:


"...eine etwas gewöhnungsbedürftige Kombination aus Neugierde, Triebbesessenheit, Habsucht und reflektierendem Bewusstsein (Verstand)." (S. 30)


Später kommt noch 'Neugierig, arrogant und an einem angeborenen Spieltrieb leidend' hinzu (S. 40), dann skizziert der Autor eine 'Erde (...) voller Menschen, die sich im täglichen Trott verlieren' (S. 86), 'Millionen, durch ihre geisttötende Arbeit meist verblödete Durchschnittsschafe' (S. 108), bis er es schließlich auf den Punkt bringt:


"(...) dass der Durchschnittsmensch am Ende seiner Tage nur eine einzige Errungenschaft anführen kann: etwa fünf bis acht Tonnen Kot sowie fünfundzwanzig- bis fünfzigtausend Liter Harn zu hinterlassen. Und eventuell ein paar ebenso fäkalproduzierende Nachkommen. Das macht ihn zu einem Gülleerzeuger, dem die Natur aus irgendeiner Schrulligkeit heraus ein komplexes Gehirn spendiert hat." (S. 92)


Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass Satire auch Übertreibungen beinhaltet, fehlte mir hier fast immer das Augenzwinkern. Das ganze erschien als bitterböse Abrechnung mit der Menschheit, eine abgrundtiefe Verärgerung des Autors und eine hoffnungslose Resignation à la 'Ich bin ein Star, äh, Mensch, holt mich hier raus! ' kam bei mir an.

Meine Meinungsbildung zu dem Buch war ein Prozess, der sich im Rahmen der Leserunde verdeutlichen lässt. Während ich anfangs noch einzelne Punkte bestätigen konnte, deprimierte mich die Lektüre zusehends. Nach dem dritten Leseabschnitt schrieb ich:


Ich bin ehrlich gesagt kurz davor, das Buch abzubrechen. Es mag daran liegen, dass der Klappentext 'Ein Buch mit dem Potenzial, sogar Außerirdische zum Schmunzeln zu bringen', falsche Erwartungen geschürt hat. Wahrheiten, ja, aber verpackt in humoristische, satirische Untertöne, damit hatte ich gerechnet. Was der dritte Abschnitt liefert, ist in meinen Augen eine bitterböse Abrechnung, zynisch und resigniert, sehr plakativ und - ja, auch einseitig. Mich hat das Lesen deprimiert und heruntergezogen. Und nein, ich sehe die Welt nicht durch eine rosarote Brille, keineswegs. Was aber hier als Botschaft rüberkommt, ist, dass der Mensch nur von Gier und Neid beherrscht und er quasi von Geburt an in diesen Mechanismus hineingezwungen wird. Glück ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, und alle sind Opfer der Umstände, der Gesellschaft, der Zwänge oder der Triebe. Selbstbestimmung ist eine Illusion, Freiheit erst recht, der Mensch ist ein wiederkäuender Gülleerzeuger. Mich zieht so eine geballte Abrechnung wirklich runter, und wie manche Vorredner hier bereits äußerten: es gibt auch andere Seiten des Menschseins. Schmunzeln konnte ich hier kein einziges Mal...


Und nach dem vierten Abschnitt ergänzte ich noch folgendes:


Meinem Vater hätte dieses Buch garantiert gefallen. Desillusionierter Zyniker - und das in geballter Form. Wenn ich punktuell über bestimmte Missstände mit ihm geredet habe, waren wir sogar meist derselben Meinung. Will sagen: viele hier geschilderte Punkte einzeln betrachtet kann ich in der Wertung auch in dem Buch meist nachvollziehen. Aber in der Summe und in der Ausschließlichkeit - nein, tut mir leid, das ist einfach nicht meins. Witzig oder humorvoll ist hier gar nichts, und 'schmunzeln' können Außerirdische höchstens deshalb, weil sie sich über den Menschen, wie er hier dargestellt wird, lustig machen.



Ich führe diese Anmerkungen hier an, weil sie deutlich machen, wie es mir mit diesem Buch ging. Der Autor, der meinen Kampf sehr wohl wahrnahm, bot mir im Rahmen einer PN an, die Lektüre abzubrechen - was ich dann tatsächlich einige Tage erwog. Da aber der Großteil nun sowieso schon gelesen war, beschloss ich, nun auch den Rest noch zu lesen, um dann abschließend mein Urteil zu fällen.

Dass der Autor den Menschen als evolutionären Fehlschlag sieht, ist wohl jedem Leser deutlich geworden. In der Leserunde gab es durchaus auch Leser, denen die Lektüre gefallen hat - und das sei ihnen gegönnt. Ich kann mit der plakativen Darstellung von Gegebenheiten, die mir keineswegs neu oder unbkannt sind, in dieser Form nichts anfangen. Im Falle der Vorstellung der Rollen von Mann und Frau wurde dann auch noch fleißig die Klischeekiste bedient und alles schön in die passenden Schubladen sortiert - etwas , auf das ich von jeher eher allergisch reagiere. Diese resignative Abrechnung mit der Menschheit, die zudem alle positiven Aspekte des Menschseins bis auf einen Satz im Anhang vollkommen außen vor lässt, hinterlässt bei mir das Gefühl, dass sich der Autor seinen jahrelang aufgestauten Frust einfach mal von der Seele schreiben wollte. Ich finde es einfach schade, dass alles so plakativ niedergemacht werden muss - eigentlich bliebe hier ja nur der kollektive Selbstmord. Oder? Zumindest der Erde erginge es damit wohl deutlich besser...


© Parden

Autor: Gard Meneberg
Buch: Absurde Menschheit: oder Was Voyager eigentlich über die Menschheit hätte berichten sollen

margarete007

vor 2 Jahren

@parden

Es liegt in der Natur der Wahrheit, dass sie missfällt; aber sie bleibt unverändert, auch wenn man den Spiegel in Scherben schlägt, dessen sie sich bedient …

parden

vor 2 Jahren

margarete007 schreibt:
Es liegt in der Natur der Wahrheit, dass sie missfällt; aber sie bleibt unverändert, auch wenn man den Spiegel in Scherben schlägt, dessen sie sich bedient …

Schade, wenn nicht verstanden wird, dass es nicht um das 'was' geht, sondern um das 'wie'...

Meteorit

vor 2 Jahren

Wäre wohl auch nicht so meins.

Moni2506

vor 2 Jahren

@parden

Ich versteh dich. :) Mir erging es da ja recht ähnlich.

mabuerele

vor 2 Jahren

Ich habe das Buch etwas anders beurteilt, aber ich glaube, das ist normal. Wäre doch langweilig, wenn alle immer der gleichen Meinung wären ...

Arun

vor 2 Jahren

Hier scheint es eine größere Diskrepanz zwischen Klappentext und Inhalt zu geben.

KruemelGizmo

vor 2 Jahren

Interessant mal eine andere Meinung zu lesen, bisher waren es meist sehr positive. Im Moment reizt mich das Thema weniger, aber vielleicht werde ich mir irgendwann mal das Buch näher anschauen.

clary999

vor 2 Jahren

Bei diesem Buch sind die Meinungen sehr unterschiedlich. Der Klappentext weckt falsche Erwartungen. Die Einseitigkeit hat mich auch sehr gestört. Ich finde jeder Mensch ist einzigartig. Das wird im Buch leider nicht deutlich. Manche Kapitel fand ich allerdings auch sehr interessant und zum Nachdenken anregend. Auf jeden Fall kein Buch für dich!

Kopf-Kino

vor 2 Jahren

Sollte mich eine misanthropische Phase überrollen, könnte das Buch die passende Lektüre sein. ;-) Nein, im Ernst: Danke für die kritische, aber faire Rezension. Einerseits gefällt mir Einseitigkeit kaum, andererseits könnte mir der bitterböse, fast schon menschenverachtende Humor wohldosiert zusagen - ein ganzes Buch jedoch wäre mir gewiss zu viel. Der irreführende Klappentext ist gewiss dem Verlag zuzuschieben - gut, dass du das erwähntest.

thenight

vor 2 Jahren

parden schreibt:
Schade, wenn nicht verstanden wird, dass es nicht um das 'was' geht, sondern um das 'wie'...

das *wie* stört mich am Buch auch am Meisten, in vielem hat der Autor recht, das ist allerdings kein Grund beleidigend zu werden, dein schon angemerktes *), 'Millionen, durch ihre geisttötende Arbeit meist verblödete Durchschnittsschafe' (S. 108)* oder das er Demenz mit Verdummung gleichsetzt.

Avirem

vor 2 Jahren

Wieder ein Buch bei dem sich die Geister scheiden. Für mich ist es eher nichts.

Floh

vor 2 Jahren

Deine Rezension ist sehr ehrlich und fair. Deine Kritikpunkte kann ich sehr gut nachempfinden und hätten mein Lesevergnügen sicherlich auch getrübt.

LimaKatze

vor 2 Jahren

Gerade weil dir das Buch nicht so zusagte, finde ich es prima, dass du dir trotzdem so viel Mühe mit deiner Rezension gemacht hast!

Igelmanu66

vor 2 Jahren

Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Du meinst - das hätte mich auch gestört. Ich hatte so etwas nach der Leseprobe schon befürchtet und daher erst mal Abstand von dem Buch genommen, um Rezis wie Deine abzuwarten.

Ausgewählter Beitrag

Cridilla

vor 2 Jahren

Dann bin ich im Nachhinein froh, das die Bewerbungsfrist abgelaufen war, als der Verlag mich anschrieb. Anhand des Klappentextes hätte ich auch etwas anderes erwartet... Ich finde es toll, dass du so ehrlich rezensiert hast. Wirklich Chapeau für diese Leistung; ich wäre unter deinen genannten Gesichtspunkten dann auch enttäuscht worden.

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