Garrard Conley

 4,3 Sterne bei 12 Bewertungen
Autor von Boy Erased.
Autorenbild von Garrard Conley (©Colin Boyd Shafer)

Lebenslauf

Dilemma zwischen fundamentalistischem Christentum und Homosexualität: Der 1985 geborene Autor ist in einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde in Arkansas aufgewachsen. An der University of North Carolina hat er Kreatives Schreiben und Queer Theory studiert und anschließend Erzählungen und journalistische Beiträge im Time Magazine, in der Vice, auf CNN und BuzzFeed veröffentlicht. Sein autobiographisch geprägter Debütroman „Boy Erased“ erschien 2016 und wurde mit Lucas Hedges, Joel Edgerton, Nicole Kidman und Russell Crowe verfilmt. Thematisiert wird der Konflikt zwischen dem wörtlichen Verständnis der Bibel und der Homosexualität des Protagonisten, Sohn eines Baptistenpredigers. Mit seinem Ehemann lebt Garrard Conley in Brooklyn.

Alle Bücher von Garrard Conley

Cover des Buches Boy Erased (ISBN: 9783906910260)

Boy Erased

(12)
Erschienen am 26.02.2018

Neue Rezensionen zu Garrard Conley

Cover des Buches Boy Erased (ISBN: 9783906910260)
Tilman_Schneiders avatar

Rezension zu "Boy Erased" von Garrard Conley

Tilman_Schneider
sehr beklemmend

Garrard Conley lebt mit seinen Eltern zusammen und sein Vater ist ein bekannter Baptisten Prediger und seine Mutter folgt ihm bei allem. Garrad macht seinen Abschluss und ist immer brav in der Kirche mit dabei und dann geht es weiter für ihn aufs College. Gefühle werden wach und er fühlt es nur für Männer. Dann kommt ein folgenschwerer Anruf für seine Eltern. Ein Bekannter von Garrad outet ihn als schwul und die Hölle bricht los. Gesprächsrunden beginnen und der Vater holt zwei geistliche dazu und es wird beschlossen, dass Garrad eine Therapie machen muss und so beginnt ein Umerziehungslager. Hart, unmenschlich und auch mit Gewalt geht man hier vor. Aber manchmal, da gibt es auch Hoffnung und einen neuen Weg. Es ist eine wahre Geschichte, ein Bericht und es erschreckt dadurch umso mehr, weil sowas immer noch statt finden kann und statt findet. Sehr beklemmend und auch grausam.

Cover des Buches Boy Erased (ISBN: 9783906910277)
GerryBradshaws avatar

Rezension zu "Boy Erased" von Garrard Conley

GerryBradshaw
Identitätssuche vs. Selbstverlust

»I wondered what it felt like to see yourself reflected in every movie, to have friends and family constantly dropping fun little hints about your love life, to have the world open up to you in all its magnificence«, so beschreibt Garrard Conley in Boy Erased: A Memoir seine Frustration, als er sich darüber im Klaren wird, dass er sich sexuell zu anderen Männern hingezogen fühlt. Gelesen habe ich Boy Erased: A Memoir als Vorbereitung auf meine Sichtung der Buchverfilmung, mit Lucas Hedges, Nicole Kidman und Russell Crowe.

Bereits 2016 erschien diese Buchvorlage, in der Conley von seiner Zeit in einem »Ex-Gay«-Programm mit dem Namen »Love in Action« berichtet, also einer Einrichtung, in der man von Homo- oder Bisexualität zu Heterosexualität »umerzogen« werden soll. Ein stetiges Herunterbeten von sündigen Gedanken vor anderen Gruppenmitgliedern und Verbote von so mondänen Beschäftigungen, wie Lesen (wenn es nicht gerade die Bibel ist), standen hier an der Tagesordnung. Zusammenfassen lässt sich sein Erleben innerhalb des »Seminars« als eine einzige Selbstkasteiung. Für Conley hatte das Tradition, fügte es sich schließlich in seine eigene Geschichte als Heranwachsender ein, die ohnehin von Scham, Verleugnung und Selbstbestrafung geprägt war. Als Kind eines angehenden Baptisten-Prediger stand für ihn mit dem Zeitpunkt, in der er seine Homosexualität als Teil von sich begriff, fest, dass er gegen sie (und damit gegen sich selbst) würde angehen müssen.

Gerade dieser Teil seiner Geschichte nimmt in Boy Erased: A Memoir einen sehr breiten Platz ein; der kultivierte Selbsthass, der auf der anerzogenen Vorstellung eines strafenden, statt eines liebenden Gottes basiert und auf einer Erziehung, die nicht sagt, dass man gut ist, wie man ist, sondern die mahnt hart an sich zu arbeiten um Gott zu gefallen.

Für mein Empfinden war es gerade deswegen umso erstaunlicher, dass Boy Erased: A Memoir verfilmt worden ist, geht es wirklich unglaublich viel um das Innenleben des Autors Garrard Conley. Er verbringt letztlich auch »nur« zwei Wochen bei »Love in Action«. Das ist nicht relativierend gemeint, man bekommt schon einen ziemlich klaren Eindruck davon, wie schwerwiegend bereits diese Zeit Selbstwertgefühl und Selbstverständnis nachhaltig beeinträchtigt haben. Da ich das Buch jedoch vor genau diesem Hintergrund las (dass es verfilmt worden ist), fragte ich mich, wie gut es sich überhaupt filmisch adaptieren ließe, da viele Vorgänge, die bei »Love in Action« stattfinden auch nicht in dem Sinne sensationell erscheinen. Erst durch die Perspektive der detaillierten Monologe und Gedankengänge offenbart sich der vollständige Schaden, den Conley genommen hat.

Einen Hinweis darauf, wer als potentielle Adressat*innen infrage kommt, hat Conley selbst gegeben. Zu seinem Buch sagte er in einem Interview mit queer.de, er habe es bewusst nicht in sarkastischem Ton eines homosexuellen Mannes schreiben wollen, der über Conversion Therapy ablästert. Er sieht eine Diskrepanz zwischen einer »akademischen linken Blase« und Menschen des evangelikalen Amerikas. Um das Eingangs eingebrachte Zitat aus Boy Erased: A Memoir noch einmal aufzugreifen, so repräsentieren Buch und Film nicht nur schwule Heranwachsende, sie rücken auch dieses evangelikale Amerika in den Mittelpunkt, dass vielleicht für das »liberale Hollywood« nicht so besonders interessant ist und trotzdem seine damalige Lebensrealität (und das vieler Amerikaner*innen) darstellt.

Alles in allem war das Buch für mein Empfinden trotzdem in dem Sinne stärker, da es dem »Protagonisten« die reichere, komplexere Storyline gibt. Denn gerade die Einsicht in das Innenleben Conleys macht Boy Erased: A Memoir so stark.

(aus meinem Blog)

Cover des Buches Boy Erased (ISBN: 9783906910277)
H

Rezension zu "Boy Erased" von Garrard Conley

haensbaens
Bewegendes Buch über wichtiges Thema

Vollständige Rezension: queerbuch.wordpress.com

Mich hat diese autobiografische Erzählung sehr schockiert. Sicher wusste ich, dass es Umerziehungsmaßnahmen gibt, dass diese noch längst nicht überall verboten sind und bei den »Patienten« tiefgehenden emotionalen Schaden anrichten. Doch ich konnte mir bis heute wenig darunter vorstellen. Garrard Conley beschreibt in diesem Buch seine Erfahrungen einer zweiwöchigen »Vortherapie«, die darüber entscheiden sollte, wie tief das »Problem« in ihm verankert ist und wie viele Monate oder Jahre er dementsprechend in der Einrichtung verbringen müsse, um »geheilt« zu werden. Außerdem erzählt er in mehreren Zeitebenen von seinem religiösen Leben, dem Verhältnis zu seinen Eltern, seinem Inneren Coming Out und seinen ersten Erfahrungen.

Der Schreibstil ist auf der einen Seite sehr bildlich mit unglaublichen vielen Details, bei denen man sich kaum vorstellen kann, dass sich jemand nach so langer Zeit so gut an Momentaufnahmen eines traumatisierenden Erlebnisses erinnern könnte. Vielleicht versteift sich der Verstand genau dadurch allerdings auf Details, um sich nicht mit dem großen Ganzen konfrontieren zu müssen. Auf der anderen Seite fand ich es sehr schwer, Zugang zum Erzähler zu finden, da Gefühle nur aus sicherer Distanz beschrieben werden. Es wirkt oft so, als würde der Autor nicht seine eigene, sondern die Geschichte eines Fremden erzählen. Das mag zwar die direkte Verbundenheit mit dem Erzähler schmälern, legt allerdings nahe, wie traumatisierend die Erlebnisse für ihn gewesen sein müssen. Der Schreibstil wirkt wahnsinnig selbstreflektiert, so als hätte Garrard Conley allein durch das Schreiben seiner Biografie wieder zu sich selbst gefunden und musste sich dafür beim Schreibprozess selbst von seinen Emotionen distanzieren.

Mich hat besonders das Nachwort sehr betroffen gemacht, in dem er einige Stimmen von anderen Betroffenen Raum gibt. Menschen, die noch viel länger als er im Kreislauf der Ex-Gay-Therapie gefangen waren und dadurch unwiederbringliche (psychische) Schäden erleiden mussten. Ich habe von John Smid gelesen, seiner Zeit Conleys Betreuer bei Love in Action, selbst noch Teil des 12-Schritte-Programms. Nur einer von vielen Ex-Ex-Gays, die erst so viele Jahre später verstanden haben, dass weder ihre eigene noch die Homosexualität so vieler anderer Menschen »heilbar« ist; dass sie sich niemals wegtherapieren lässt.

Doch Boy Erased ist kein Buch über Gut und Böse. Es zeigt, dass Menschen das Beste wollen können und damit trotzdem das Schlimmste tun. Garrards Eltern haben ihn geliebt, sie lieben ihn immer noch und hatten zu keiner Zeit vor, ihm Schaden zuzufügen. Sie wussten es nicht besser.

Trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass Konversiontherapien bei den Betroffenen zu erheblichen psychischen Schäden und einer erhöhten Selbstmordrate führen, sind sie fast auf der ganzen Welt nicht verboten. In vielen Ländern liegen Gesetztesentwürfe vor, die ein solches Verbot zumindest bei Minderjährigen befürworten; jedoch hoffe ich, dass diese Verfilmung das allgemeine Bewusstsein für den Handlungsbedarf noch mehr verstärkt.

Fazit

Boy Erased ist eine autobiografische Erzählung von Garrard Conley, in der er uns hautnah an seinen Erfahrungen mit einer Konversionstherapie teilhaben lässt, die ihn von seiner Homosexualität heilen sollte. Der zwar sehr detailreiche, aber dennoch eher distanzierte Schreibstil lässt darauf schließen, dass die angewandten Therapiemethoden auch heute noch starke Nachwirkungen haben und dass sie den »Patienten« jegliche Emotionen austreiben sollten. Sowohl in Deutschland als auch in weiten Teilen der Welt sind Konversationstherapien immer noch erlaubt, obwohl sie nachgewiesen erhebliche psychische Schäden hinterlassen. Sehr gespannt bin ich auf die Verfilmung, die am 21. Feburar 2019 in den deutschen Kinos startet.

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