Garry Disher

 4,2 Sterne bei 234 Bewertungen
Autor*in von Bitter Wash Road, Drachenmann und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Garry Disher

Garry Disher, geboren 1949, wuchs im ländlichen Südaustralien auf. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Kriminalromane und Kinderbücher. Sein Werk wurde für den Booker Prize nominiert und mehrfach ausgezeichnet, u. a. dreimal mit dem Deutschen Krimipreis sowie mit dem wichtigsten australischen Krimipreis, dem Ned Kelly Award. Garry Disher lebt an der Südküste von Australien in der Nähe von Melbourne.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Cover des Buches Barrier Highway (ISBN: 9783293209732)

Barrier Highway

 (7)
Erscheint am 13.03.2023 als Taschenbuch bei Unionsverlag.

Alle Bücher von Garry Disher

Cover des Buches Bitter Wash Road (ISBN: 9783293207776)

Bitter Wash Road

 (40)
Erschienen am 24.07.2017
Cover des Buches Gier (ISBN: 9783927734104)

Gier

 (20)
Erschienen am 01.01.2015
Cover des Buches Drachenmann (ISBN: 9783293408227)

Drachenmann

 (20)
Erschienen am 06.11.2015
Cover des Buches Hope Hill Drive (ISBN: 9783293209220)

Hope Hill Drive

 (15)
Erschienen am 14.02.2022
Cover des Buches Kaltes Licht (ISBN: 9783293209077)

Kaltes Licht

 (14)
Erschienen am 15.02.2021
Cover des Buches Dreck (ISBN: 9783927734777)

Dreck

 (15)
Erschienen am 25.02.2014
Cover des Buches Flugrausch (ISBN: 9783293303553)

Flugrausch

 (13)
Erschienen am 16.11.2015
Cover des Buches Leiser Tod (ISBN: 9783293208810)

Leiser Tod

 (12)
Erschienen am 17.02.2020

Neue Rezensionen zu Garry Disher

Cover des Buches Stunde der Flut (ISBN: 9783293005846)
Gwhynwhyfars avatar

Rezension zu "Stunde der Flut" von Garry Disher

Spitzenmäßig geschrieben
Gwhynwhyfarvor 4 Monaten

«Charlie ging die Tidepool Street entlang, wich Schlaglöchern aus, und seine Laufschuhe knirschten an diesem windstillen späten Vormittag auf dem Schotter. Sechs Häuser kauerten sich hinter Eukalyptusbäumen und Gestrüpp. Er überquerte den kreuzenden Klippenpfad, duckte sich unter Teebäumen und stieg schließlich die aus Bahnschwellen gesetzten Stufen hinunter. Am unteren Ende gab es einen niedrigen Drahtzaun; auf einem der Holzpfosten stand eine abgewetzte pinkfarbene Kindersandale.»


Charlie Deravins ist vom Dienst bei der Kriminalpolizei im trostlosen Menlo Beach in Australien suspendiert, weil er seinen Vorgesetzten geschubst hat, so lange, bis die Sache geklärt ist. Nun kann er sich intensiv um seine private Ermittlung kümmern, die ihn nicht loslässt: Was ist vor zwanzig Jahren mit seiner Mutter geschehen? Es war ein ereignisreicher Tag: Charlies erster Einsatz als Polizist, sein erster Fall: Der neunjährige Billy wurde vermisst. Seine Sachen fanden sich am Strand. War er ertrunken oder wurde er entführt? Am gleichen Tag, als der Junge fortlief, verschwand auch Charlies Mutter spurlos – beide tauchten nie wieder auf. Als Hauptverdächtiger zum Fall seiner Mutter galt damals Rhys Deravins, Charlies Vater, ein Detective Sergeant. Er hatte die Mutter für eine andere sitzen gelassen, man stand kurz vor der Scheidung, und seine Frau wollte das Haus verkaufen, was ihm nicht passte. Man unterstellte Rhys Habgier als Tatmotiv. Doch er wurde vom Tatverdacht freigesprochen, eher mangels an Beweisen, mangels einer Leiche. Denn die Kollegen deckten ihn: Er arbeitete zur angenommenen Tatzeit an einem Überfall auf einen Geldtransporter – er war allerdings ganz allein auf Spurensuche. Charlie glaubte dem Vater, sein Bruder hielt ihn für einen Mörder. Und so ging ein Riss durch die Familie. 


«Er war einer dieser altmodischen Männer, die das Wort Frau nicht in den Mund nahmen. Eine Dame war respektabel. Eine Frau war unabhängiger. Also komplizierter.»


Die nagende Ungewissheit treibt Charlie bis heute immer wieder zurück zu den Ermittlungen – und in die Abgründe seiner eigenen Familie. Er ist nun selbst Vater einer erwachsenen Tochter. Einer, der in der Familie stets mit Abwesenheit glänzte, verstrickt in seine privaten Recherchen – bis seine Frau ihn verließ. Wo soll er heute anfangen, zu ermitteln? Er beginnt die alten Zeugen zu befragen, in der Hoffnung, irgendeine neue Kleinigkeit zu finden, die damals übersehen wurde – was aber bei den Leuten nicht so gut ankommt. Schon gibt es Beschwerden bei der Polizei, die bei seiner Vorgesetzten landen. Doch plötzlich wird bei Ausgrabearbeiten auf einem unbebauten Grundstück eine Leiche gefunden. Das Nebenhaus hatte damals Charlies Mutter gemietet ...


«Quigley gab ihm ganz automatisch die Hand, während alle möglichen Emotionen hinter der Müdigkeit aufflackerten: Überraschung, Unbehagen, Kalkül.»


Wie immer zeichnet Disher hervorragend seine Figuren heraus. Es sind Gesten und Dialoge, das Nichtgesagte, das sie in Szene setzen. Überhaupt ist Disher ein Meister der Leerstellen und Dialoge. Wir haben es hier mit drei Geschichten zu tun, die oberflächlich gesehen nichts miteinander zu tun haben – aber letztendlich das Thema sind. Der Originaltitel lautet «The Way It Is Now», sehr passend, denn die Welt ist in Bewegung. Gesellschaftskritik am Macho, den Typen, die sich alles erlauben, ohne bestraft zu werden, die absolute Loyalität gegenüber dem Freund und Kollegen, was immer geschieht. Die Polizisten der alten Garde sind das Gesetz; stellen sich gern auch mal darüber. Polizisten haben nur Cops als Freunde, sie stehen Schulter an Schulter, wie eine Wand. Mehrere Generationen der Protagonisten kommen ins Spiel: die Alten, die festhalten wollen, die Mittleren, die mal sich mal hier und dort positionieren, die Jungen, die alles über Bord werfen, die ganz andere Sorgen haben, bzw. junge toxische Typen, die es den Alten nachmachen. Wandelnde Gesellschaftsbilder, eine wandelnde Welt; kurz erwähnt die tobenden Buschfeuer, die Hitze und ein seltsamer Virus aus China, der umgeht und einen Protagonisten in Japan auf der Kreuzfahrt erwischt.


«‹Charlie geriet ins Stottern. «Ach weißt du, ich wollte ein wenig den Kopf einziehen. Ich bin ziemlich belästigt worden.›

‹Das reicht mir nicht, Charlie. Wir sind doch prima miteinander ausgekommen.›

‹Ich weiß. Hör mal Anna, es ist ... ich wollte nur ...› Er schluckte. ‹Ich will dich nicht mit meinem ganzen Sch... mit hineinziehen.›

‹Ich will aber hineingezogen werden. Ich liebe dich.»


Während Charlie seine neue Freundin aus den Geschehnissen herauszuhalten will, steht sie ihm eng beiseite, möchte ein Teil von seinem Leben sein, seine Gedanken erfahren, mit ihm reden. Völlig das Gegenteil zu seiner Ehe. Charlie schnappt nach Luft. Auch diese Polizei-Psychologin erwartet von ihm, dass er sich öffnet. Ist er wirklich dazu bereit? Charlie ist ein Mann, der sich selbst oft im Weg steht, ein Gerechter, ein Aufrechter, der den Klüngel im Kollegenclan verabscheut, die toxische Männlichkeit per Anwesenheit und das gegenseitige Decken. Darum ist er unbeliebt. Er ist empathisch, doch gleichzeitig ein Stand-alone, der alles mit sich selbst ausmachen will. Eine neue interessante Figur im Portfolio der Kriminalromane von Garry Disher. Gern mehr davon. Eine ausgeklügelte Geschichte mit Wendungen, feine atmosphärische Landschaftsbeschreibungen und die ihrer Bewohner. Das kombiniert mit einer spannenden, dichten Story ist wieder ein Lesevergnügen. 


Garry Disher (*1949) wuchs im ländlichen Südaustralien auf. Seine Bücher wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter zweimal der wichtigste australische Krimipreis, der Ned Kelly Award, viermal der Deutsche Krimipreis sowie eine Nominierung für den Booker Prize.

«Charlie ging die Tidepool Street entlang, wich Schlaglöchern aus, und seine Laufschuhe knirschten an diesem windstillen späten Vormittag auf dem Schotter. Sechs Häuser kauerten sich hinter Eukalyptusbäumen und Gestrüpp. Er überquerte den kreuzenden Klippenpfad, duckte sich unter Teebäumen und stieg schließlich die aus Bahnschwellen gesetzten Stufen hinunter. Am unteren Ende gab es einen niedrigen Drahtzaun; auf einem der Holzpfosten stand eine abgewetzte pinkfarbene Kindersandale.»


Charlie Deravins ist vom Dienst bei der Kriminalpolizei im trostlosen Menlo Beach in Australien suspendiert, weil er seinen Vorgesetzten geschubst hat, so lange, bis die Sache geklärt ist. Nun kann er sich intensiv um seine private Ermittlung kümmern, die ihn nicht loslässt: Was ist vor zwanzig Jahren mit seiner Mutter geschehen? Es war ein ereignisreicher Tag: Charlies erster Einsatz als Polizist, sein erster Fall: Der neunjährige Billy wurde vermisst. Seine Sachen fanden sich am Strand. War er ertrunken oder wurde er entführt? Am gleichen Tag, als der Junge fortlief, verschwand auch Charlies Mutter spurlos – beide tauchten nie wieder auf. Als Hauptverdächtiger zum Fall seiner Mutter galt damals Rhys Deravins, Charlies Vater, ein Detective Sergeant. Er hatte die Mutter für eine andere sitzen gelassen, man stand kurz vor der Scheidung, und seine Frau wollte das Haus verkaufen, was ihm nicht passte. Man unterstellte Rhys Habgier als Tatmotiv. Doch er wurde vom Tatverdacht freigesprochen, eher mangels an Beweisen, mangels einer Leiche. Denn die Kollegen deckten ihn: Er arbeitete zur angenommenen Tatzeit an einem Überfall auf einen Geldtransporter – er war allerdings ganz allein auf Spurensuche. Charlie glaubte dem Vater, sein Bruder hielt ihn für einen Mörder. Und so ging ein Riss durch die Familie. 


«Er war einer dieser altmodischen Männer, die das Wort Frau nicht in den Mund nahmen. Eine Dame war respektabel. Eine Frau war unabhängiger. Also komplizierter.»


Die nagende Ungewissheit treibt Charlie bis heute immer wieder zurück zu den Ermittlungen – und in die Abgründe seiner eigenen Familie. Er ist nun selbst Vater einer erwachsenen Tochter. Einer, der in der Familie stets mit Abwesenheit glänzte, verstrickt in seine privaten Recherchen – bis seine Frau ihn verließ. Wo soll er heute anfangen, zu ermitteln? Er beginnt die alten Zeugen zu befragen, in der Hoffnung, irgendeine neue Kleinigkeit zu finden, die damals übersehen wurde – was aber bei den Leuten nicht so gut ankommt. Schon gibt es Beschwerden bei der Polizei, die bei seiner Vorgesetzten landen. Doch plötzlich wird bei Ausgrabearbeiten auf einem unbebauten Grundstück eine Leiche gefunden. Das Nebenhaus hatte damals Charlies Mutter gemietet ...


«Quigley gab ihm ganz automatisch die Hand, während alle möglichen Emotionen hinter der Müdigkeit aufflackerten: Überraschung, Unbehagen, Kalkül.»


Wie immer zeichnet Disher hervorragend seine Figuren heraus. Es sind Gesten und Dialoge, das Nichtgesagte, das sie in Szene setzen. Überhaupt ist Disher ein Meister der Leerstellen und Dialoge. Wir haben es hier mit drei Geschichten zu tun, die oberflächlich gesehen nichts miteinander zu tun haben – aber letztendlich das Thema sind. Der Originaltitel lautet «The Way It Is Now», sehr passend, denn die Welt ist in Bewegung. Gesellschaftskritik am Macho, den Typen, die sich alles erlauben, ohne bestraft zu werden, die absolute Loyalität gegenüber dem Freund und Kollegen, was immer geschieht. Die Polizisten der alten Garde sind das Gesetz; stellen sich gern auch mal darüber. Polizisten haben nur Cops als Freunde, sie stehen Schulter an Schulter, wie eine Wand. Mehrere Generationen der Protagonisten kommen ins Spiel: die Alten, die festhalten wollen, die Mittleren, die mal sich mal hier und dort positionieren, die Jungen, die alles über Bord werfen, die ganz andere Sorgen haben, bzw. junge toxische Typen, die es den Alten nachmachen. Wandelnde Gesellschaftsbilder, eine wandelnde Welt; kurz erwähnt die tobenden Buschfeuer, die Hitze und ein seltsamer Virus aus China, der umgeht und einen Protagonisten in Japan auf der Kreuzfahrt erwischt.


«‹Charlie geriet ins Stottern. «Ach weißt du, ich wollte ein wenig den Kopf einziehen. Ich bin ziemlich belästigt worden.›

‹Das reicht mir nicht, Charlie. Wir sind doch prima miteinander ausgekommen.›

‹Ich weiß. Hör mal Anna, es ist ... ich wollte nur ...› Er schluckte. ‹Ich will dich nicht mit meinem ganzen Sch... mit hineinziehen.›

‹Ich will aber hineingezogen werden. Ich liebe dich.»


Während Charlie seine neue Freundin aus den Geschehnissen herauszuhalten will, steht sie ihm eng beiseite, möchte ein Teil von seinem Leben sein, seine Gedanken erfahren, mit ihm reden. Völlig das Gegenteil zu seiner Ehe. Charlie schnappt nach Luft. Auch diese Polizei-Psychologin erwartet von ihm, dass er sich öffnet. Ist er wirklich dazu bereit? Charlie ist ein Mann, der sich selbst oft im Weg steht, ein Gerechter, ein Aufrechter, der den Klüngel im Kollegenclan verabscheut, die toxische Männlichkeit per Anwesenheit und das gegenseitige Decken. Darum ist er unbeliebt. Er ist empathisch, doch gleichzeitig ein Stand-alone, der alles mit sich selbst ausmachen will. Eine neue interessante Figur im Portfolio der Kriminalromane von Garry Disher. Gern mehr davon. Eine ausgeklügelte Geschichte mit Wendungen, feine atmosphärische Landschaftsbeschreibungen und die ihrer Bewohner. Das kombiniert mit einer spannenden, dichten Story ist wieder ein Lesevergnügen. 


Garry Disher (*1949) wuchs im ländlichen Südaustralien auf. Seine Bücher wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter zweimal der wichtigste australische Krimipreis, der Ned Kelly Award, viermal der Deutsche Krimipreis sowie eine Nominierung für den Booker Prize.

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Cover des Buches Stunde der Flut (ISBN: 9783293005846)
Haverss avatar

Rezension zu "Stunde der Flut" von Garry Disher

So wie es jetzt ist
Haversvor 5 Monaten

Charlie Dreavin, Protagonist in „Stunde der Flut“ (Originaltitel "The way it is now), ist der Neue im Disher-Universum. Wegen einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten wird der langjährige Polizist vom Dienst suspendiert und in Zwangsurlaub geschickt. Also schnappt er sich sein Surfbrett und macht sich auf zu seinem Elternhaus nach Menlo Beach, einer Halbinsel vor Melbourne. Nicht nur der Ort, an dem er aufgewachsen ist, sondern auch der Ort, an dem er vor zwanzig Jahren Traumatisches erlebt hat, das ihn bis heute verfolgt. Zuerst verschwand ein kleiner Junge, und kurz danach war Charlies Mutter wie vom Erdboden verschluckt. Sämtliche Nachforschungen nach den beiden blieben ergebnislos. Sowohl Charlie als auch sein Bruder waren und sind davon überzeugt, dass sie tot ist und entweder ihr Vater, ebenfalls Polizist, oder der ehemalige Untermieter der Mutter mit deren Verschwinden etwas zu tun hat. Zurück in Menlo wird er von der Vergangenheit eingeholt, als bei Erdarbeiten unter einer Betonplatte die Überreste zweier Leichen gefunden werden. Es stellt sich heraus, dass es sich um seine Mutter und den verschwundenen Jungen handelt. Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen und Charlie setzt alles daran, herauszufinden, was damals passiert ist.

Ein weniger talentierter Autor würde aus dieser Story einen simplen Whodunit-Krimi stricken. Nicht so Disher, der sich vor allem auf seine verschiedenen Charaktere konzentriert, insbesondere natürlich auf Charlie mit seiner traumatischen Vergangenheit. Aber Disher hat auch einen Blick für den gesellschaftlichen Alltag und zeigt exemplarisch an einem Gerichtsverfahren die Missstände und Schikanen auf, denen Frauen durch Polizei und Rechtsprechung ausgesetzt waren und sind, wenn sie sich gegen Männergewalt wehren. Doch es gibt ansatzweise Hoffnung. Privilegien, Macht und toxische Männlichkeit sind ein Auslaufmodell, als Gegenentwurf dazu dient ihm die persönliche Entwicklung Charlies, der seine Rolle und sein Verhalten reflektiert und um Veränderung bemüht ist, denn wie sein Vater wollte und will er nie werden. Lesen. Unbedingt!

Kommentare: 2
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Cover des Buches Stunde der Flut (ISBN: 9783293005846)
aus-erlesens avatar

Rezension zu "Stunde der Flut" von Garry Disher

Garry Disher in Höchstform
aus-erlesenvor 7 Monaten

D-E-S-I-L-L-U-S-I-O-N-I-E-R-T. So könnte man Charlie Deravin am einfachsten beschreiben. Momentan ist der Polizist aus einem trostlosen Städtchen an der Südküste Australiens vom Dienst suspendiert. Er hatte seinen Vorgesetzten geschupst. Der flog über seinen Schreibtisch und verknackste sich das Handgelenk. Und nun muss Charlie Deravin, der Mann, der keiner Flieg was zu Leide tun kann – konnte – regelmäßig zur Therapie. Das allein ist schon Strafe genug. 

Vielleicht ist der „Schupser“ auch das Resultat seiner eigenen Vergangenheit. Sein Vater war auch Polizist, Ermittler bei Schwerbrechen. Die Familie lebte in einer typischen Polizistensiedlung. Wohin man sah standen nur kleine Häuschen, die einmal Ferienhäuser waren, später als Siedlung für diejenigen, die für Recht und Ordnung sorgten, umgestaltet wurden. Hier war man unter sich, raufte (zum Spaß), trank, grillte. Jeder kannte jeden – man passt auf sich auf! Und trotzdem war das Leben hier stickig. So manche Ehe zerbrach. Auch die von Rhys und Rose, Charlies Eltern. Die Mutter nahm sich eine noch schäbigere Bruchbude, um von ihrem Mann getrennt zu sein. Ihr Untermieter machte ihr immer wieder Sorgen. Er benahm sich wie die Axt im Walde. Zahlte die Miete nicht, scherte sich einen Dreck um die kleinsten Hausarbeiten. Charlie und sein Bruder Liam machten ihm damals – vor zwanzig Jahren – eindrücklich klar, dass er hier nicht mehr erwünscht sei. Und Rose war wieder allein. 

Das war kurz bevor Rose Deravin verschwand. Seitdem ist Charlie auf der Suche nach den Gründen, und natürlich ist er auch auf der Suche nach dem Täter. Den gibt es bis heute – zwanzig Jahre nach der Tat – nicht. Damals konzentrierte man sich ziemlich schnell auf den Rhys Deravin. Ein knallharter Ermittler, der die Lebenslust irgendwo zwischen Tatortbesichtigung und Täterjagd verloren hatte. Doch man sprach ihn frei. Für Charlie ein Schlag ins Gesicht. 

Nun hat er mehr Zeit als ihm lieb ist, um der Vergangenheit die Stirn zu bieten und dem Täter, sofern es ihn gibt, den Atem in den Nacken zu hauchen. Lange fischte Charlie im Trüben, seit Jahren stochert er auf dem Trockenen nur herum. Doch jedoch er gräbt, umso größer sind seine Chancen doch noch auf fruchtbaren Boden zu stoßen, bis die Flut losgetreten wird…

Garry Disher kann es nicht lassen. Mehrere Krimireihen, vom gewieften Kriminellen über den engagierten Polizeibeamten bis hin zum Eigenbrödler, tragen seine Handschrift. Die Geschichte von Charlie Deravin und der Suche nach seiner Mutter ist ein echter Disher. Behutsam beschreibt er die nicht gerade einladende Gegend, in der eigene Regeln gelten. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich heimisch, obwohl kaum ein Handlungsort auf dieser Erde weiter entfernt sein könnte. Es soll ja Leser geben, die Garry Disher noch nicht kennen – jetzt lernen sie ihn auf Anhieb mit seinen besten Seiten kennen.  

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