Gayl Jones

 4,4 Sterne bei 27 Bewertungen
Autor*in von Corregidora, Evas Mann und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Gayl Jones wurde 1949 in Kentucky geboren, wo sie auch heute noch zurückgezogen lebt. Sie hat am Wellesley College und der University of Michigan gelehrt. »Evas Mann« aus dem Jahr 1976 ist ihr zweiter Roman. Ihr erster Roman »Corregidora« aus dem Jahr 1975, erschien 2022 bei Kanon. Zuletzt erschienen von Gayl Jones der Roman »Palmares« (2021), der auf der Shortlist für den Pulitzer Prize stand, sowie »The Birdcatcher« (2022), der für den National Book Award nominiert war.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Gayl Jones

Cover des Buches Corregidora (ISBN: 9783985680399)

Corregidora

(19)
Erschienen am 17.08.2022
Cover des Buches Evas Mann (ISBN: 9783985680528)

Evas Mann

(4)
Erschienen am 27.02.2025
Cover des Buches Corregidora (ISBN: 9783985680412)

Corregidora

(3)
Erschienen am 22.08.2022
Cover des Buches Corregidora (ISBN: 9783985680566)

Corregidora

(1)
Erschienen am 17.08.2022
Cover des Buches Butter: Novellas, Stories and Fragments (ISBN: 9780349016887)

Butter: Novellas, Stories and Fragments

(0)
Erschienen am 06.04.2023

Neue Rezensionen zu Gayl Jones

Cover des Buches Evas Mann (ISBN: 9783985680528)
bstbsalats avatar

Rezension zu "Evas Mann" von Gayl Jones

bstbsalat
Zermürbend

Oh boy. Evas Mann ist wirklich nichts, was man mal eben zwischendurch liest. Trotz der nicht einmal 200 Seiten habe ich viele Wochen gebraucht, um diese Geschichte zu lesen, zu verstehen, zu verarbeiten und dann Worte für diese Rezension zu finden.

Das Buch enthält anfangs eine Triggerwarnung, die ich aus naheliegenden Gründen hier zitiere:


Der vorliegende Roman erschien erstmals 1976 in den USA. Er enthält explizite Darstellungen von körperlicher, mentaler und sexualisierter Gewalt. Die Autorin bedient sich einer zeithistorischen Umgangssprache, die rassistische oder diskriminierende Ausdrücke gebraucht. Verlag und Übersetzerin haben entschieden, diese dem Ausgangstext gemäß ohne Kennzeichnung wiederzugeben.


In meiner Rezension beziehe ich mich konkret auf einige dieser Gewaltszenen.


Schreibstil und Sprache

Evas Mann ist eines dieser Bücher, die mich im Nachhinein wünschen lassen, ich hätte mich nicht nur vom Klappentext überzeugen lassen, sondern auch die Leseprobe gelesen. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich unter der „zeithistorischen Umgangssprache“ zu verstehen hatte – und auch diesen Hinweis bekam ich erst nach Öffnen des Buches in der oben zitierten Triggerwarnung. Es ist schwer zu sagen, ob ich mich gegen das Lesen entschieden hätte, wenn ich vorab den Schreibstil gekannt hätte. Angenehm zu lesen war dieser nämlich absolut nicht. Aber das soll er wohl auch nicht sein: Sich durch die mal längeren, mal kürzeren Kapitel durchzubeißen, dranzubleiben und sprachliche Stolpersteine zu überwinden ist nach meiner Interpretation ein gewollter Teil der Lektüre.

Ich persönlich mag Bücher, sowohl Romane als auch Sachbücher, die sich einfach so herunterlesen lassen. In der Uni habe ich genug Fachtexte durcharbeiten müssen, um die Leichtigkeit eines flüssigen Schreibstils ohne unnötig komplizierte Vokabeln und sperrig konstruierte Sprachgebilde schätzen zu lernen. Evas Mann ist deshalb für mich ein merkwürdiges „Sowohl-Als auch“, denn: Die Sätze sind kurz, die Sprache einfach, der Satzbau nicht zu kompliziert. Und doch war der Text für mich stellenweise extrem zäh.

Das hängt zum größten Teil mit der oft vulgären Umgangssprache zusammen. Der rationale Teil meines Gehirns versteht, warum man sich dafür entschieden hat, aber ein anderer Teil, der einfach das Buch lesen wollte, um der Geschichte zu folgen, der hat sich etwas darüber geärgert. Im Vergleich zu deutschen Jugendbüchern, deren erwachsene Autoren (bewusst nicht gegendert, es sind meiner Erfahrung nach meistens Männer) betont Wörter und Formulierungen aus der Jugendsprache verwenden, um „hip“ oder möglichst authentisch zu wirken, womit sie leider eher das Gegenteil erreichen – in diesem Vergleich steht Evas Mann ziemlich gut da.

Aus meiner sehr deutschen, sehr weißen Laien-Perspektive aus der heutigen Zeit kann ich natürlich schwer die Authentizität der hier dargestellten Umgangssprache unter Schwarzen Menschen in den Südstaaten der USA in den 1960ern und 70ern beurteilen. Basierend auf allen Filmen, Dokus, Wissensfetzen über diese Zeit und diese Region, die ich bisher kenne, würde ich es trotzdem als passend beschreiben. Passend, aber eben mühsam zu lesen.

Wie im Klappentext erwähnt kreisen Evas Gedanken während ihrer Inhaftierung im Rückblick um die Männer, die ihr Schreckliches angetan haben. Das „kreisen“ ist wörtlich zu nehmen: Es wird zwar im Großen und Ganzen chronologisch erzählt, dabei jedoch immer wieder in kurzen Absätzen eine frühere Erzählung aufgegriffen oder ein einschneidender Moment wiederholt. Es gab auch Vorausgriffe auf spätere Ereignisse. Durch diese vielen, oft sehr kurzen Absätze war nicht immer erkennbar, in welcher Phase von Evas Leben man sich eigentlich gerade befindet, und erst in den kurzen Rückblick-Abschnitten späterer Kapitel fällt ein Schlüsselwort, das eine zeitliche Einordnung eines viel früher erwähnten Moments erlaubt.

Ich bekam dadurch ein, zwei Mal das Gefühl, einer persönlich erzählten Geschichte zu lauschen: „Und dann ist mir das passiert. Weißt du noch, ich hatte ja vorhin diese Person erwähnt – die wird jetzt wichtig. Damals hatte diese Person das hier gemacht, und jetzt hat sie sich so verhalten. Und dieser andere Typ? Der kommt erst später vor, aber merk‘ dir schon mal, dass ich ihn in diesem Zusammenhang erwähnt habe.“

Inhalt

Die Triggerwarnung eingangs erwähnt Gewalt in vielen Formen. Das würde ich doppelt unterstreichen und am liebsten ein Leuchtreklameschild danebenstellen! Einen so gewaltvollen Text habe ich lange nicht gelesen – und das sage ich, nachdem Die Furien. Frauen, Rache und Gerechtigkeit erst wenige Wochen her ist. Evas Leben ist von Anfang an durchzogen von Grenzüberschreitungen, körperlicher und sehr viel psychischer Gewalt. Meist an ihr selbst, oft gegenüber ihrer Familie, meist sind Frauen die Opfer. Es sind Menschen, die ihr sehr nahestehen und vollkommen Fremde. Eva existiert, also ist ihr Körper zum Benutzen da.

Um ein Beispiel zu nennen, das ich so gerne aus meiner Erinnerung streichen würde: ein Nachbarsjunge, einige Jahre älter als Eva und nicht ihr Freund, befummelt sie noch als Kind im Treppenhaus. Das reicht ihm aber nicht. Er stochert mit dem Plastikstiel eines Lutschers in ihrer Vagina herum, sodass sie noch am nächsten Tag blutet. Und er will das wiederholen. Das ist Evas erste Erfahrung mit intimer Gewalt.

Oder ein anderes Beispiel: Der Freund ihrer Mutter legt sich selbst Evas Hand in den Schritt, als sie ihre Hausaufgaben macht. Sie flieht in die Küche zu ihrer Mutter und erzählt ihr zwar nichts davon, aber macht ihr Unbehagen deutlich. Er interpretiert das als „du wolltest es doch auch und es geht dir bestimmt ebenso wenig wie mir aus dem Kopf“ und macht Wochen später noch weitere Versuche.

Die Frauen in Evas Leben haben ähnliche Erfahrungen gemacht und können ihr kaum helfen. Sie versuchen es zwar einige Male erfolgreich, das kleine Mädchen und später die junge Frau aus Gefahrensituationen zu retten oder ihr Tipps zu geben, wie sie reagieren sollte, was vermieden werden muss, aber auch das ist nur eingeschränkt möglich, weil diese Schwarzen Frauen selbst so eingeschränkt sind und bedroht werden.

Bei all der körperlichen Gewalt, die teilweise extrem explizit beschrieben wird, macht mir die psychische Ebene am meisten zu schaffen. Die absolute Hilflosigkeit. Die Unmöglichkeit, sich selbst auszudrücken, ohne missverstanden zu werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer und Jungs die teilweise um Jahrzehnte jüngere Eva als Besitz betrachten und entsprechend behandeln (wollen). Die Machtlosigkeit der Polizei gegenüber, die Unmöglichkeit der Verteidigung. Und wieder, das Gefühl, allein dazustehen und einfach nur hilflos zu sein. Das Gefühl, nach den Regeln anderer spielen zu müssen, sich selbst zu verraten, jeglichen Drang zur Verteidigung aufgeben zu müssen, um schlicht zu überleben. Dieses Gefühl durchzieht das gesamte Buch und ja, da stimme ich dem Verlag zu: „Diesen Roman vergisst man nicht.“

Mehr

Gut gefallen hat mir das Nachwort der Übersetzerin, in dem einige kulturelle Bezüge und wiederkehrende Motive erklärt werden. Beim Lesen war es mir selbst gar nicht so sehr aufgefallen, aber rückblickend konnte ich durchaus erkennen, dass Blicke und Augen eine große Rolle spielen: unter ständiger Beobachtung stehen, mit Blicken ausgezogen werden, der Ausdruck in den eigenen Augen wird als Interesse fehlinterpretiert. Vielleicht wirbt der Verlag auch deshalb mit dem Bezug auf den Medusa-Mythos? Auch genannte Songs oder Künstler:innen werden kontextualisiert. Das hat mir ein umfassenderes Bild der Geschichte gegeben.

Der Titel Evas Mann lässt mich grübeln. Die Hauptfigur Eva wird zwar genannt, aber eigentlich steht der Mann, den sie getötet hat, im Vordergrund. Stellvertretend für all die anderen Männer, die versucht haben, Eva klein zu machen. Es geht immer um den Mann, nicht um die Frau. Auch die Geschichte selbst hat einen enormen Fokus auf die Männer. Ich hatte ja erwähnt, dass die Frauen Eva nur bedingt helfen können. Wenn Evas Mann Hoffnung machen wollte, dann würde es mehr Szenen unter Frauen geben oder mehr Momente, in denen Frauen und Mädchen Hilfe bekommen. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen sehe ich Evas Mann eher als düsteres Abbild einer grausamen Realität und weniger als Darstellung eines möglichen Auswegs.

Fazit

Für mich ist Evas Mann eine zermürbende und unfassbar bedrückende Geschichte einer Frau, die auf alle nur erdenklichen Weisen gebrochen wurde und irgendwann die Reißleine zieht – nur um weiterhin als Objekt und nicht als Person betrachtet zu werden, die eigene Entscheidungen treffen, geschweige denn sich wehren kann oder vielmehr darf. Das Lesen hat mir keine Freude bereitet und ich wurde nicht unterhalten, aber das ist auch nicht Ziel des Buches. Evas Mann will aufrütteln, will schon die kleinen Übergriffe aufzeigen und verurteilt die männlich-weiß orientierte Gesellschaftsstruktur, durch die all die großen Übergriffe und Gewalttaten erst möglich werden.

Und dass seit dem ersten Erscheinen im Jahr 1976 dieses Buch immer noch so aktuell ist, die Probleme immer noch dieselben sind, Männer wie die, denen Eva begegnet, immer noch mit viel zu viel durchkommen – das ist leider nicht erschreckend, sondern schrecklich.

Cover des Buches Evas Mann (ISBN: 9783985680528)
B

Rezension zu "Evas Mann" von Gayl Jones

belanahermine
Spitzenmäßig gemacht und in eine eher unbekannte Welt einführend

Inhalt

Eva, eine Schwarze Frau, landet im Gefängnis, weil sie ihren letzten Mann umgebracht und den Penis abgebissen hat. Die Rückblende zeigt, dass sie von jeher, also schon als Kind und Mädchen eher als Sex- und Lustobjekt betrachtet und behandelt wurde. Der wenige Schutz, den sie von Seiten der Mutter oder anderer weiblicher Erwachsener bekommen konnte, reicht als Gegengewicht bei Weitem nicht aus. Die Erinnerungen verschwimmen immer mehr, je näher sie dem aktuellen Ereignis kommen. Und immer mehr verstummt Eva.

Subjektive Eindrücke

Es ist absolut hart, dieses Buch zu lesen. Ich konnte es nicht wie andere Bücher "in einem Rutsch" lesen, sondern brauchte zwischendurch immer wieder eine Verschnaufpause.

Der Aufbau des Handlungsablaufs mit der zunehmenden Vermischung der Erinnerungen und der zunehmenden Verstummung Evas lassen einen hautnah das Erleben von Eva miterleben, ja, vermutlich ansatzweise auch miterfühlen.

Mit Sicherheit nichts für zart besaitete Seelen, aber tiefgründig, zutiefst bewegend und in eine Welt führend, die den meisten privilegierten Menschen eher verschlossen bleibt.

Fazit

Hart, erhellend und betroffen machend.

Weitere Rezensionen von mir gibt es unter https://belanahermine.wordpress.com/category/rezension/

Cover des Buches Evas Mann (ISBN: 9783985680528)
Buch_und_Schules avatar

Rezension zu "Evas Mann" von Gayl Jones

Buch_und_Schule
Feministische Literatur, die trotz ihres Alters erschreckend aktuell ist

"Meine Haare waren nicht gekämmt, verwandelten sich allmählich in Schlangen. " (S.56)

Eva Medina Canada sitzt im Gefängnis, hat vor Gericht nie etwas geäußert zu ihren Beweggründen für den Mord an ihrem Liebhaber. 

Nun dürfen wir teilhaben an ihren Gedanken, die um die Männer kreisen, denen sie im Lauf ihres Lebens begegnete.

Es sind verstörende Erlebnisse mit Nachbarn, Verwandten, Bekannten jeden Alters - der Jüngste ist 8, als er ihr gegenüber erstmals übergriffig wird. 

Sie springt hin und her, manchmal ist nicht sofort klar, auf wen sich die Passagen beziehen, denn Vieles verschwimmt miteinander.

Diese neue Variante der Medusa-Geschichte aus Sicht einer Schwarzen Frau ist einprägsam, auch fast 5 Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen decken sich die Schilderungen mit denen zahlreicher Frauen rund um die Welt.


Übersetzt hat den Roman Pieke Biermann sprachsensibel unter Verwendung aller damals üblichen und im Original vorkommenden rassistischen und diskriminierenden Ausdrücke. Als etwas gewöhnungsbedürftig empfand ich anfangs die Sprache, die sich aus dem Amerikanischen natürlich nicht 1:1 übersetzen ließ. Hat man sich jedoch einmal eingelesen und eingelassen auf Evas Lebensgeschichte, zieht sie einen in den Bann.

Großartig geschriebene Black American Literature - absolut empfehlenswert.

Gespräche aus der Community

Kentucky 1947: Jeden Abend erfüllt Ursa den Raum von Happy’s Café mit ihrem Blues. Ihr Gesang handelt vom Schmerz und vom Bösen. Er gilt dem Sklavenhalter Corregidora.

Lies jetzt Gayl Jones’ zutiefst ergreifenden Roman über die Schmach des amerikanischen Erbes und die Sehnsucht nach Selbstbehauptung. Herzlich willkommen zu unserer Leserunde zu »Corregidora«! 

96 BeiträgeVerlosung beendet
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Letzter Beitrag von  NalasBuchBlog

Ich habe das Buch beendet, auch wenn es mir zwischenzeitlich ziemlich schwer fiel.

Der Schreibstil ist nicht meins. Oftmals kam er mir stockend vor, zeitweise verwirrend und auch von vulgären Beschreibungen bin ich nicht wirklich Fan.
Dennoch ist es ein Buch, was zum Nachdenken anregt, wenn man zwischen den Zeilen liest. Da es ie Geschichte einer starken Frau wiederspiegelt, die von diesem Schicksal bestimmt nicht allein getroffen ist.

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