Inhalt:
Als sich Faith und Jude kennenlernen besteht zwischen ihnen von Beginn an ein besonderes Gefühl von Verbundenheit aus dem schon bald Liebe wird. Faith hat jedoch Schwierigkeiten sich diese Gefühle einzugestehen und sie zuzulassen, denn die Umstände sind kompliziert: Faith und Jude sind sich in einer Selbsthilfegruppe für ehemalige Suchterkrankte begegnet und Faith hat eine dramatische Vergangenheit, die auch die Gegenwart überschattet. Entsprechend groß sind daher Faith‘ Zweifel, dass es für sie und Jude eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft gibt…
Es gibt Hunderte guter Gründe, warum es keine gute Idee ist, mit Jude hier zu sein, aber ich kann den einen Grund, aus dem es das nicht ist, nicht verleugnen. Er ist in meinem Herzen verankert, und ich möchte ihn niemals freilassen. (S. 310)
Meinung:
Es ist mein erstes Buch von Geneva Lee gewesen und deshalb bin ich ohne besondere Erwartungen an das Buch herangegangen. Das Cover ließ mich ehrlicherweise eher eine 08/15-Liebesgeschichte mit mäßigem Tiefgang erwarten. Das Buch hat mich dann aber zum Glück sehr positiv überrascht.
Die Mischung aus einerseits schönen, herzerwärmenden und romantischen Momenten und andererseits sehr dramatischen und richtig traurigen Momenten fand ich sehr gelungen. Es ist insgesamt kein niederschmetterndes Buch, weil letztlich die positiven und hoffnungsvollen Momente überwiegen und in den Vordergrund treten. Dadurch, dass die Geschichte abwechselnd auf zwei Zeitebenen erzählt wird nehmen die in der Vergangenheit liegenden bedrückenden und traurigen Geschehnisse nicht überhand. Auf traurige Rückblicke folgen in der Gegenwart spielenden Handlungsteile, die die Stimmung wieder aufhellen, weil man miterlebt, dass Faith und ihr Sohn inzwischen ein erfülltes und gutes Leben führen. Außerdem ist die Liebesgeschichte zwischen Faith und Jude wirklich etwas fürs Herz.
Mit Faith und Jude hat man zwei durch und durch liebenswerte und sympathische Hauptpersonen. Es ist bewundernswert wie Faith ihr Leben trotz ihrer bewegten Vergangenheit in den Griff bekommen hat und mit wieviel Liebe und Hingabe sie alles tut um ihrem Sohn Max eine tolle Kindheit zu ermöglichen. Man kann sich sehr gut in Faith’ Gefühls- und Gedankenwelt hineinversetzen und nachvollziehen, dass ihre schwierige Vergangenheit tiefe Spuren hinterlassen hat und sie noch immer beschäftigt. Es bereitet Faith Probleme andere Menschen an sich heranzulassen und ihnen zu vertrauen.
Die Liebesgeschichte zwischen Faith und Jude ist wirklich schön und berührend. Obwohl die beiden relativ schnell eine besondere Verbundenheit verspüren und Gefühle füreinander entwickeln, dauert es einige Zeit ehe sie ein Paar werden und sie eine feste Beziehung führen. Dieses Hin und Her zwischen den beiden wird sehr mitreißend und gefühlvoll beschrieben. Jude ist ein Gentleman und beweist im Umgang mit Faith viel Empathie und auch Geduld. Er gibt ihr die Zeit, die sie braucht und ist bereit auf sie zu warten. Er drängt sie nicht zu sehr dazu sich auf eine Beziehung mit ihm einzulassen. Trotzdem ist er aber immer für Faith und ihren Sohn da und legt eine wirklich süße und charmante Beharrlichkeit an den Tag um sie für sich zu gewinnen und sie von der Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit seiner Gefühle zu überzeugen:
Jude beugt sich zu mir, seine Lippen berühren mein Ohr. „Ich werde dich erst küssen, wenn du mich darum bittest.“ Wie kann er so schnell zwischen total süß und mich in den Wahnsinn treiben hin- und herschalten? „Dann wirst du verdammt lange warten müssen.“ Dabei ignoriere ich geflissentlich, dass auch ich dann ziemlich lange warten muss. (S. 118/119)
Es hat mich sehr positiv überrascht, dass das Thema Suchterkrankungen nicht verharmlost wird. Das Buch hat zwar ein wunderschönes Happy End, aber die Botschaft der Geschichte lautet dennoch nicht bloß: „Liebe heilt alle Wunden und selbst tiefgreifende Probleme wie Suchterkrankungen lassen sich durch Liebe überwinden“. Es wird deutlich gemacht, dass viele Suchterkrankte nicht gerettet werden können, ihr Leben nicht mehr in Ordnung gebracht werden kann und für manche jede Hilfe zu spät kommt. Selbst wenn Betroffene aus eigenem Antrieb heraus Hilfe suchen und ihr Leben verändern wollen ist damit noch lange nicht gesagt, dass sie den Ausstieg aus der Sucht dann tatsächlich schaffen.
Die Folgen von Suchterkrankungen werden sehr eindringlich und schonungslos beschrieben. Neben den Folgen für die Betroffenen wird auch mit viel Einfühlungsvermögen darauf eingegangen wie schwierig die Situation für die Angehörigen der Suchterkrankten ist. Hilflos mitansehen zu müssen wie ein geliebter Mensch sich durch die Sucht in erschreckender Weise verändert und von ihr richtiggehend zerstört wird ist schrecklich und schwer zu ertragen. Besonders berührt hat mich in diesem Zusammenhang eine Szene in der Faith ihre an Demenz erkrankte Großmutter besucht. Obwohl die Großmutter inzwischen Vieles vergessen hat, erinnert sie sich dennoch daran, dass sie sämtliches Bargeld vor ihrer Enkelin verstecken muss um zu verhindern, dass diese sich damit noch mehr Drogen kauft und noch tiefer abstürzt. Wie tief diese Sorge um ihre Enkelin und das Drama rund um deren Suchterkrankungen nach all den Jahren und trotz ihrer Demenz noch im Bewusstsein der Großmutter verankert ist ging mir sehr nahe. Überhaupt wird auch das Thema Demenz sehr anschaulich, eindrücklich und einfühlsam beschrieben:
Zuerst war es nur schleichend. Sie vergaß kleine Sachen. Sie ließ ihre Schlüssel stecken oder vergaß, dass sie ihre Brille nicht trug. Sie ging in den Laden, um Milch zu holen, und kam mit Brot zurück. Grace versuchte zuerst, es zu ignorieren. Dabei kamen die großen Sachen. Ein Geburtstag. Wo sie wohnte. Ihr Name. Sie schwand wie der Sand mit der Flut – winzige Fragmente, eins nach dem anderen –, bis ihr Geist ganz glatt und neu war. Kleine Teile kamen mit den Wellen zurück, Fragmente des Lebens, das sie zuvor geführt hatte. (S. 129)
Bis zum Morgen nahm die Krankheit sie wieder mit. Oder vielleicht war es der Schmerz, den sie spürte, jedes Mal, wenn sie wieder in ihrer eigenen Haut steckte. An diesen Tagen weinte sie leise in ihrem Zimmer. Sie fragte Grace, was während der Woche passiert war, und Grace sagte ‚nicht viel‘, sie sagte ihr nicht, dass es ein Monat gewesen war. (S. 129)
Neben der schönen und berührenden Liebesgeschichte lässt einem auch ein weiterer Aspekt die Geschichte mit Spannung weiterverfolgen. Es ist zu Beginn nämlich unklar was aus Faith Schwester Grace geworden ist. Man fragt sich wie es zum vollständigen Kontaktabbruch zwischen Grace und Faith gekommen ist, denn die beiden haben sich in ihrer Kindheit einmal sehr nahegestanden. Man fragt sich auch, ob die beiden sich jemals wiedersehen werden. Außerdem bemerkt man zunehmend, dass in Faith‘ Vergangenheit noch mehr vorgefallen sein muss als zunächst bekannt ist.
Zum Ende hin überrascht einem die Geschichte mit mehreren größtenteils unerwarteten Enthüllungen. Sowohl Faith als auch Jude haben dem jeweils anderen nämlich Entscheidendes vorenthalten bzw. verheimlicht. Wie die beiden dann diesen Hindernissen zum Trotz wieder zusammenfinden ist eine bewegende und emotionale Achterbahnfahrt. Das Buch schließt mit einem wunderschönen Happy End.
Klar, die Liebesgeschichte verläuft im Wesentlichen wie erwartet und es zeichnet sich eigentlich etwas zu schnell ab, dass die beiden im jeweils anderen die Liebe ihres Lebens gefunden haben. Das verzeiht man der Geschichte aber gerne, weil es bei all dem übrigen Drama in das die beiden weitgehend unfreiwillig verstrickt wurden für mein Empfinden ein rundum perfektes Happy End fürs Herz gebraucht hat.
Zum Schluss noch ein weiterer kleiner Kritikpunkt: In Bezug auf die Gehörlosigkeit von Faith‘ Sohn Max wird der Eindruck vermittelt, dass der Einsatz eines Cochlea-Implantat nur ein kleiner Eingriff ist und man danach sofort hören kann und alles gut ist. Dabei fällt unter den Tisch, dass eine von Geburt an gehörlose Person nach dem Erhalt eines Cochlea-Implantats zunächst ein intensives und sehr forderndes Training durchlaufen muss. Die betreffende Person muss lernen die für sie neuen akustische Reize zu unterscheiden und zu interpretieren. Das alles dauert viele Monate und erfordert viel Geduld und Durchhaltevermögen.
Fazit:
Das Buch erzählt eine packende Liebesgeschichte, die sehr berührend ist und einem nahegeht. Zugleich werden aber auch ernste und traurige Themen mit viel Feingefühl und Einfühlungsvermögen in die Geschichte eingewoben, wobei die damit einhergehenden Komplikationen überraschend eindringlich und schonungslos geschildert werden.
Zum Schluss noch die schönsten Zitate aus dem Buch:
Manchmal reicht ein einziger Augenblick, um das ganze Leben zu verändern. Und die Veränderung kommt so brutal und unerwartet, dass sie dir die Luft aus der Lunge presst. Doch noch viel häufiger ändert sich das Leben schleichend – durch eine Reihe winziger Erschütterungen, die man kaum spürt. (S. 9)
„Der Ozean ist so riesig – unermesslich – wie ein Mensch. Ich könnte dich seit Jahren kennen, und du würdest doch nie all die Augenblicke kennen, die mich zu der Frau gemacht haben, die ich heute bin. Die mich zu der machen, die ich morgen sein werde, oder in fünf Jahren. Niemand kann je einen anderen Menschen wirklich kennen. Wir sind alle Mysterien, so wie das Meer.“ (S. 55)
„Aber ich persönlich habe auf die harte Tour gelernt, dass zu viel Hoffnung blind machen kann für die Tatsachen.“ Er kommt auf mich zu. „Zu wenig kann einsam sein.“ (S. 138)
„Das Leben ist chaotisch, Sonnenschein. Manches Chaos ist hässlich, aber das hier ist ein wunderschönes“, erklärt Jude mit dieser weichen Stimme. (S. 177)
Er hebt eine Hand, um mich zu unterbrechen. „Lass uns nicht über unsere traurigen Geschichten reden. Wir können unsere Vergangenheit nicht umschreiben, Sonnenschein. Wir können nur entscheiden, was als nächstes kommt.“ (S. 216)








































