Geoffrey Parker

 4,6 Sterne bei 5 Bewertungen
Autor von Der Kaiser, Emperor: A New Life of Charles V und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Geoffrey Parker

Geoffrey Parker, geb. 1943, ist einer der renommiertesten Altmeister zur Geschichte der Frühen Neuzeit. Er lehrte in Cambridge, dann in den USA an der Yale University und der Ohio State University. Für seine Forschungen wurden Parker zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen: Er ist Fellow der British Academy, Mitglied der Real Academia de la Historia, der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Ordens von Alfonso X. Er erhielt das Großkreuz des Ordens von Isabella der Katholischen und ihm wurden Ehrendoktorwürden der Vrije Universiteit Brussel, der Katholischen Universität Brüssel und der Universität Burgos verliehen. Im Jahr 2012 gewann er den A.H.-Heineken-Preis für Geschichte, der alle zwei Jahre dem Wissenschaftler verliehen wird, der als einflussreichster Vertreter seines Fachs gilt.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Geoffrey Parker

Cover des Buches Der Kaiser (ISBN: 9783806240085)

Der Kaiser

 (1)
Erschienen am 28.09.2020
Cover des Buches Grosse Illustrierte Welt Geschichte. (ISBN: B0027QR14S)

Grosse Illustrierte Welt Geschichte.

 (0)
Erschienen am 01.01.1995
Cover des Buches Emperor: A New Life of Charles V (ISBN: 9780300196528)

Emperor: A New Life of Charles V

 (1)
Erschienen am 14.05.2019
Cover des Buches Imprudent King: A New Life of Philip II (ISBN: 9780300216950)

Imprudent King: A New Life of Philip II

 (1)
Erschienen am 03.11.2015
Cover des Buches Knaurs Neuer Historischer Weltatlas (ISBN: 9783426264355)

Knaurs Neuer Historischer Weltatlas

 (1)
Erschienen am 01.06.1999
Cover des Buches Philip II (ISBN: 9780812692792)

Philip II

 (1)
Erschienen am 28.02.1995
Cover des Buches Global Crisis (ISBN: 9780300153231)

Global Crisis

 (0)
Erschienen am 08.01.2013

Neue Rezensionen zu Geoffrey Parker

Cover des Buches Emperor: A New Life of Charles V (ISBN: 9780300196528)A

Rezension zu "Emperor: A New Life of Charles V" von Geoffrey Parker

Kaiser Karl V. - Größe und Tragik
Andreas_Oberendervor einem Jahr

Geoffrey Parker ist einer der größten Historiker unserer Tage. Mit seiner Biographie Kaiser Karls V. (1500-1558) hat Parker seine jahrzehntelange wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte Europas und Spaniens im 16. Jahrhundert auf beeindruckende und wunderbare Weise gekrönt. Vor einigen Jahren legte Parker eine meisterhafte Biographie Philipps II. von Spanien vor ("Imprudent King. A New Life of Philip II", 2014). Das kaum für möglich Gehaltene hat er nun mit seinem neuen Werk geschafft: Er hat sich selbst übertroffen. Das neue Buch besitzt in noch höherem Maße die Vorzüge, die die Biographie Philipps II. auszeichnen. Es ist anschaulich und verständlich geschrieben. Trotz der Komplexität des Themas ufert die Erzählung nicht aus. Dank seiner staunenswerten Quellenkenntnis erreicht Parker einen Grad von Nähe zu den historischen Akteuren, der in biographischen Werken selten ist. Leben und Herrschaft Karls V. sind hervorragend dokumentiert. Die exzellente Quellenlage gestattet es, die Gedankenwelt des Kaisers und seine Kommunikation mit Familienangehörigen und Ratgebern detailreich zu rekonstruieren. Ein einzelner Historiker kann das einschüchternd umfangreiche Quellenmaterial (Briefe, Memoiren, diplomatische Berichte, politische Aktenstücke usw.) eigentlich kaum überschauen und durchdringen. Parker hat nicht nur edierte Quellen herangezogen; er hat auch die Mühe auf sich genommen, unveröffentlichtes Material in Dutzenden europäischen Archiven zu sichten. Es ist schwer vorstellbar, dass sich in Zukunft andere Historiker finden werden, die solche zeitintensiven und kräftezehrenden Archivrecherchen auf sich nehmen. Was die Quellennähe angeht, so wird es künftig gewiss keine weitere Biographie Karls V. geben, die sich mit Parkers Werk wird messen können. Ähnlich wie das Buch über Philipp II. verdient die Biographie Karls V. einen Ehrenplatz in der Büchersammlung eines jeden Habsburg-Enthusiasten. Auch wenn Parker sein Buch nicht in erster Linie für deutsche Leser geschrieben hat, sollte seine Biographie künftig gleichberechtigt neben den einschlägigen deutschen Standardwerken über den Kaiser stehen, der Biographie von Alfred Kohler (1999) und der Biographie von Karl Brandi (1937), einem der wenigen zeitlosen, unvergänglichen Klassiker, den die deutsche Geschichtswissenschaft hervorgebracht hat.

Karl V. herrschte über ein Großreich, das seine Entstehung dem dynastischen Erbrecht verdankte. Von seinem Großvater, Kaiser Maximilian I., erbte er Österreich, das Stammland der Habsburger, und die burgundischen Niederlande. Von seinen Großeltern mütterlicherseits, Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien, erbte er die spanischen Königreiche mitsamt ihren italienischen Nebenlanden und den Kolonien in Amerika. Nach Maximilians Tod erlangte Karl zusätzlich die Kaiserwürde. Es gab keine historischen Vorbilder, an denen sich Karl und seine Minister orientieren konnten, um dieses ausgedehnte Reich, das keinen Mittelpunkt und keine Hauptstadt besaß, zusammenzuhalten und effektiv zu regieren. Menschen und Nachrichten mussten riesige Entfernungen überwinden. Unermüdlich reiste der Kaiser kreuz und quer durch Europa, sei es, um die Angelegenheiten seiner Reiche zu regeln, sei es, um Krieg zu führen, sei es, um mit Päpsten oder anderen Monarchen wichtige politische Fragen zu klären. Mit Ausnahme Skandinaviens und Osteuropas bereiste Karl in den vierzig Jahren seiner Herrschaft alle Regionen des Kontinents. Zwei Kriegszüge führten ihn 1535 und 1541 sogar nach Nordafrika. Das politische Alltagsgeschäft brachte den Kaiser und seine Mitarbeiter permanent an den Rand der Überforderung und Überlastung, wie Parker an vielen Beispielen zeigt. Die Fülle der eingehenden Informationen war kaum zu bewältigen, und im Gewirr der politischen und militärischen Fragen, die zu erörtern waren, drohte oft der Überblick verloren zu gehen. An Disziplin und Arbeitseifer fehlte es Karl nicht. An Pflichtbewusstsein und Opferbereitschaft überragte der Kaiser alle anderen Monarchen seiner Zeit. Doch Karl wollte nicht nur regieren, sondern auch als Heerführer Ruhm erwerben. Wie seine Vorväter, die Herzöge von Burgund, war er durchdrungen von der Ritterromantik des Spätmittelalters. Darin unterschied er sich von seinem Sohn Philipp, der niemals eine Armee persönlich in den Kampf führte und sein Herrscherdasein ausschließlich am Schreibtisch verbrachte. Vor Napoleon dürfte kein europäischer Monarch so oft ins Feld gezogen sein wie Karl V. Wie Parker mehrfach betont, drehten sich Karls politische Aktivitäten hauptsächlich um die Vorbereitung und Durchführung von Kriegen. Spanien und die Niederlande wurden für die Finanzierung dieser Kriege rücksichtslos ausgebeutet.

Drei Konflikte bestimmten jahrzehntelang Karls politische Agenda: Das Ringen mit den Königen von Frankreich um die Vorherrschaft in Italien; die Auseinandersetzungen mit den Protestanten in Deutschland; schließlich der Abwehrkampf gegen die Türken auf dem Balkan und im westlichen Mittelmeerraum. Die Bündnisse und Allianzen, die der Kaiser unentwegt schmiedete, um seine politischen und militärischen Vorhaben verwirklichen zu können, lassen sich kaum zählen. Parkers Könnerschaft als Autor zeigt sich auch darin, dass der Leser ungeachtet der Vielzahl an parallelen Handlungssträngen und beim ständigen Wechsel der Schauplätze nie den Überblick verliert. Karl erzielte großartige Erfolge und Siege, musste aber auch schmachvolle Rückschläge und Niederlagen einstecken. Als seine körperlichen und mentalen Kräfte restlos aufgebraucht waren, blieb ihm nur die Abdankung (1555/56). Karl konnte die dauerhafte Glaubensspaltung in Deutschland nicht verhindern. Im Interesse einer geschlossenen Abwehrfront gegen die Osmanen musste er notgedrungen immer wieder Kompromisse mit den lutherischen Reichsfürsten eingehen. Die Konflikte mit Frankreich und den Türken vererbte Karl an seine Nachfolger. Philipp II. lernte nichts aus den Fehlern und Misserfolgen seines Vaters. Mit seiner religiös motivierten Großmachtpolitik, mit seinem Kampf gegen das protestantische Europa führte Philipp die spanische Monarchie mehrfach in den Staatsbankrott. Das habsburgische Großreich, um dessen Zusammenhalt Karl V. so entsagungsvoll kämpfte, war eine Anomalie, wie Parker klarstellt. Auch nach der Trennung in zwei Linien, eine österreichische und eine spanische, störte das Haus Habsburg das Mächtegleichgewicht in Europa. Die daraus resultierenden Konflikte verebbten erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als Spanien unter den letzten habsburgischen Herrschern seinen Großmachtstatus einbüßte. Parker verweist auf die verhängnisvolle Kontinuitätslinie, die von Maximilian I. über Karl V. zu den habsburgischen Kaisern und Königen reicht, die nach Karl in Wien und Madrid herrschten: Die zur Verfügung stehenden Ressourcen reichten niemals aus, um die hochfliegenden politischen Ambitionen zu realisieren. Die Habsburger berauschten sich an der Größe und Weitläufigkeit ihrer Herrschaftsgebiete. Nicht Pragmatismus und Nüchternheit bestimmten ihre Politik, sondern wahnwitzige Träume von einer habsburgischen Universalmonarchie über ganz Europa. Karl V. und seine Erben hatten zwei übergreifende politische Prioritäten: Zum einen sollte der Besitzstand der Dynastie um jeden Preis bewahrt und wenn möglich sogar noch vergrößert werden. Zum anderen verschrieb sich die Familie der Verteidigung des Katholizismus. Angesichts dieser Prioritäten ist es nicht verwunderlich, dass die Habsburger halb Europa gegen sich hatten.

Parker zeigt Karl V. in vielen Rollen, als Politiker und Heerführer, als genussfreudigen Renaissance-Menschen und Anführer eines Familienverbandes, der seine Geschwister, Kinder, Neffen und Nichten ohne Rücksichtnahme für die Interessen der Dynastie einspannte. Die vielen Quellenzitate verleihen der Darstellung eine Lebendigkeit und Anschaulichkeit, die jeden Leser bannt und fesselt. Wie andere Autoren vor ihm sieht auch Parker in Karl V. kein politisches Genie. Unbestreitbar ist indes, dass der Kaiser zu Lebzeiten nicht seinesgleichen hatte. Größe und Tragik stehen in seinem Leben auf faszinierende Weise nebeneinander. Karl war ein Herrscher von europäischem Format, eine singuläre, herausragende Erscheinung unter den vielen Königen und Kaisern des Abendlandes. Im Anschluss an die Biographie Karls V. sollte man unbedingt auch Parkers Buch über Philipp II. lesen, das bislang leider nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Kommentieren0
Teilen
Cover des Buches Philip II (ISBN: 9780812692792)A

Rezension zu "Philip II" von Geoffrey Parker

Ein zeitloser, unverwüstlicher Klassiker
Andreas_Oberendervor 2 Jahren

Allen, die sich für die Geschichte Spaniens unter den Habsburgern interessieren, ist der Name Geoffrey Parker wohlvertraut. Parker (geb. 1943) gehört zusammen mit John Lynch, John Elliott, Robert Stradling, Henry Kamen und Patrick Williams zu einer Gruppe angelsächsischer Historiker, die viele bedeutende Arbeiten zur spanischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts vorgelegt hat. Zu den mittlerweile "klassischen" Werken dieser Gruppe gehört Parkers biographisches Porträt Philipps II., das zuerst 1978 erschienen ist, großen Anklang beim Publikum fand und daher immer wieder neu aufgelegt wurde, zuletzt 2002. Der Text blieb bei jeder Neuauflage unverändert. Mitte der 1960er Jahre begann Parker mit seinen Archivstudien zur Regierung Philipps II. Persönlichkeit und Herrschaft des zweiten spanischen Königs aus dem Hause Habsburg wurden zu seinem Lebensthema. Vor wenigen Jahren hat Parker seine jahrzehntelangen Forschungen zusammengefasst und auf Spanisch eine völlig neue, mit rund 1.400 Seiten Umfang geradezu monumentale Biographie Philipps II. veröffentlicht ("Felipe II. La biografía definitiva", Barcelona 2010). In der neuen Biographie hat Parker die seit 1978 erschienene Forschungsliteratur sowie neu erschlossenes Quellenmaterial verarbeitet. Eine stark gekürzte englische Fassung dieses Werkes erschien 2014 bei Yale University Press ("Imprudent King. A New Life of Philip II").

Wer Parkers biographisches Porträt Philipps II. von 1978 zur Hand nimmt, der erkennt schnell, warum das Buch so erfolgreich war und zum Standardwerk avancierte. In darstellerischer Hinsicht ist das Buch ein kleines Meisterwerk. Es verbindet einen handlichen Umfang (etwas mehr als 200 Seiten Text) mit großer Anschaulichkeit, Quellennähe und einem zwanglosen, beinahe plaudernden Tonfall. Das Buch ist keine umfassende Biographie, informiert den Leser aber dennoch über alle wichtigen Aspekte des persönlichen Lebens und der Herrschaft Philipps II. Innen- und Außenpolitik des Monarchen finden angemessene Berücksichtigung. Parker nähert sich dem König, der lange zu den umstrittensten Herrschergestalten der europäischen Geschichte zählte, fair und sachlich. Parker war vor allem daran interessiert, dem Menschen Philipp nahezukommen. Die überaus günstige Quellenlage kam ihm dabei entgegen. In mühevoller Arbeit wertete Parker in den 1960er und 1970er Jahren die sogenannten Altamira-Papiere aus, tausende von Briefen und Unterlagen aus dem privaten Archiv des arbeitswütigen "Bürokratenkönigs", der einen Großteil seines Lebens am Schreibtisch verbrachte und sein riesiges Weltreich auf dem Schriftwege regierte. Die persönlichen Papiere ermöglichen einen Einblick in die Gedankenwelt, Befindlichkeit und Arbeitsweise des Königs. Immer wieder lässt Parker den Monarchen selbst zu Wort kommen. Das ist eine der wesentlichen Stärken des Buches.

Parker zeigt Philipp II. nicht nur als Herrscher, sondern auch als Privatmann und Renaissance-Menschen. Von den Klischees und bösartigen Verzerrungen der älteren Literatur, die in Philipp nur einen grausamen Despoten und religiösen Fanatiker sah, ist bei Parker nichts mehr zu spüren. In vielerlei Hinsicht war der König ein "normaler" Mensch und Herrscher seiner Zeit. Er war gebildet und kunstsinnig, ein leidenschaftlicher Bauherr und Sammler. Im Laufe seines Lebens trug der König die größte Privatbibliothek Europas zusammen. Wie Parker mit vielen Quellenzitaten belegt, schwankte Philipp II. ständig zwischen Selbstbewusstsein und einem Gefühl der Überforderung. Niederlagen und Misserfolge, aber auch die komplexen Aufgaben, die mit der Regierung eines Weltreiches verbunden waren, stürzten ihn oft in Resignation und Verzweiflung. Dennoch kam er nie auf den Gedanken, dass der Ausweg aus seinem Dilemma in der Einschränkung seiner weltumspannenden Großmachtpolitik liegen könnte. Ein Verzicht auf Ansprüche und Herrschaftsrechte kam für Philipp II. nicht in Frage. Als Politiker war er starr und unflexibel. Auf Kompromisse ließ Philipp sich erst ein, wenn die Lage ausweglos war und keine andere Option blieb. Seine innen- und außenpolitische Bilanz fiel durchwachsen aus. Wie sich unter seinen Nachfolgern zeigte, konnte Spanien die ambitionierte Großmachtpolitik auf Dauer nicht durchhalten.

Da Parker seinerzeit ganz bewusst keine umfassende Biographie geschrieben hat, wäre es ungerecht, thematische Lücken zu beanstanden. Manches kommt in der Tat zu kurz, etwa Philipps Beziehungen zum österreichischen Zweig des Hauses Habsburg oder das heikle Verhältnis zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl. Über Philipps Ehe mit Königin Maria von England geht Parker mit wenigen Worten hinweg, obwohl diese Ehe keineswegs eine unbedeutende Episode war. Was das Buch an systematischer Analyse bestimmter Sachverhalte vermissen lässt, das macht es durch seine erzählend-anekdotische Anlage allemal wett. Immer wieder überrascht Parker den Leser mit unerwarteten Szenen und Momentaufnahmen: Als er 1592 eine Reise nach Valladolid unternahm, besuchte der König zusammen mit seiner Familie die Universität der Stadt. Er mischte sich unter die Studenten und lauschte der Vorlesung eines Professors (S. 175). Überhaupt lebte der König nicht als unnahbarer Einsiedler im Escorial. Auf Reisen durch sein Königreich verzichtete er erst, als das Alter ihn dazu zwang. Bis heute hat Parkers Buch nichts von seiner ursprünglichen Frische verloren. Es bewegt sich zwar nicht auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes, kann aber immer noch mit großem Gewinn gelesen werden. Das Buch ist ideal als Einstimmung auf eine vertiefte Beschäftigung mit Philipp II. von Spanien. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Mai 2016 bei Amazon gepostet)

Kommentieren0
Teilen
Cover des Buches Imprudent King: A New Life of Philip II (ISBN: 9780300216950)A

Rezension zu "Imprudent King: A New Life of Philip II" von Geoffrey Parker

Macht und Ohnmacht. Leben und Herrschaft Philipps II. von Spanien
Andreas_Oberendervor 2 Jahren

Es geschieht nicht oft, dass ein Historiker im Abstand von mehreren Jahrzehnten zwei Bücher über ein und dasselbe Thema schreibt. Der Brite Geoffrey Parker (geb. 1943) gehört zu den besten Kennern der Geschichte Spaniens im 16. Jahrhundert. Mitte der 1960er Jahre, also noch zur Franco-Zeit, begann Parker als junger Doktorand mit seinen Archivrecherchen für eine Biographie Philipps II., des zweiten spanischen Königs aus dem Hause Habsburg. Mit bewundernswertem Fleiß arbeitete sich Parker durch Tausende von Briefen und Papieren, die der schreibwütige "Bürokratenkönig" hinterlassen hat. Nach mehr als zehnjährigem Quellenstudium veröffentlichte Parker 1978 ein biographisches Porträt Philipps II., das großen Anklang beim Lesepublikum fand und immer wieder neu aufgelegt wurde, zuletzt 2002. Der Text blieb bei jeder Neuauflage unverändert. Seit 1978 sind weitere wichtige Quellenbestände zugänglich geworden. Diese neuen Quellen und auch die seit 1978 erschienene Forschungsliteratur hat Parker in einer monumentalen Biographie Philipps II. verarbeitet, die 2010 auf Spanisch erschienen ist ("Felipe II. La biografía definitiva"). Für die vorliegende englische Ausgabe wurde das 1.400-seitige Werk drastisch gekürzt. Die englische Fassung ist mehr als eine leicht aktualisierte Neuauflage des Buches von 1978, wie man allein schon beim Vergleich der Seitenzahl feststellt: Gegenüber den 212 Textseiten des älteren Werkes bringt es die neue englische Biographie auf rund 380 Textseiten. Deshalb stellt sich die Frage: Welches neue Material präsentiert Parker, und wie hat er sein Bild Philipps II. im Vergleich zu 1978 weiterentwickelt?

Lässt sich das ältere Buch am ehesten als biographisches Porträt bezeichnen, das einen breiten Leserkreis ansprechen sollte, so handelt es sich bei dem neuen Werk um eine umfassende Biographie, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Parker geht diesmal ausführlich auf Aspekte und Themen ein, die er 1978 nur knapp oder gar nicht behandelt hat. Das gilt etwa für Philipps Ehe mit Königin Maria von England, die Beziehungen zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl oder die Religiosität des Königs. Das Bild, das Parker von Philipp II. als Mensch und Herrscher zeichnet, ist noch facettenreicher und subtiler geworden. So etwas wie eine "perfekte" Biographie gibt es nicht, aber Parker kommt diesem Ideal sehr nahe. Eine Biographie, die ein noch plastischeres Bild von Philipp II. bietet, wird es nicht geben. Ein Historiker, der sich an dieser Aufgabe versuchen wollte, müsste in puncto Quellenkenntnis mit Parker mindestens gleichziehen, was kaum möglich ist. Parker präsentiert in seinem Buch die Früchte einer fast 50-jährigen Beschäftigung mit Philipp II. und der spanischen Geschichte im 16. Jahrhundert. Er hat Berge von unveröffentlichten Archivdokumenten ausgewertet. Es wird sich wohl kaum ein zweiter Historiker finden, der diese Sisyphos-Arbeit auf sich nimmt. Ähnlich wie in seinem Buch von 1978 lässt Parker auch diesmal den König so oft wie möglich selbst zu Wort kommen. Alles, was Parker über Persönlichkeit, Selbstbild, Gedankenwelt und Arbeitsweise des Monarchen schreibt, kann er mit Dutzenden von Quellen belegen. Allein schon diese Quellennähe macht das Buch zu einer historiographischen Meisterleistung.

Geht das neue Buch schon auf der rein faktischen Ebene über das ältere Werk hinaus, so bietet es auch in interpretatorischer Hinsicht viel Neues. Der Titel deutet bereits an, wie Parkers Urteil über Philipp II. ausfällt. Der spanische Historiker Juan de Herrera verlieh dem verstorbenen König 1599 den Beinamen "el Prudente", was so viel heißt wie "der Kluge, der Umsichtige". Mit dem provokanten Buchtitel "Imprudent King" gibt Parker zu verstehen, dass er den von Herrera gewählten Beinamen für unberechtigt hält. Er begründet dies mit dem Verweis auf die immense Kluft zwischen Philipps politischen Ambitionen und den enttäuschenden, ja sogar katastrophalen Resultaten seiner Politik. Philipp betrieb eine Großmachtpolitik, die sich auf lange Sicht als ruinös für Spanien erwies. Im Weltreich Philipps II. ging die Sonne niemals unter. Dieses Reich war durch dynastische Heiraten und Erbfälle entstanden; es wurde nur durch die Person des Monarchen zusammengehalten. Es gab keinen Präzedenzfall für die effiziente Regierung eines solchen Weltreiches. Daher musste Philipp II. genauso improvisieren wie zuvor sein Vater, Kaiser Karl V. Von seinem Vater erbte Philipp II. zwei strukturelle Probleme, die "imperiale Überdehnung" (imperial overstretch) und die "Informationsüberlastung" (information overload). Der König schaffte es nie, dieser beiden strukturellen Probleme Herr zu werden. Besonders die Informationsüberlastung bekam er zeitlebens nicht in den Griff. Schuld daran war seine eigentümliche Arbeitsweise: Philipp II. war extrem detailversessen. Er konnte nicht zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden, konnte nicht delegieren, wollte alles selbst entscheiden. Er verzettelte sich, verlor den Überblick, bearbeitete Woche für Woche hunderte von Papieren, in denen es um hundert verschiedene Sachverhalte ging. Philipp II. regierte nicht, er wurstelte sich durch.

Für sich genommen wäre diese Arbeitsweise vielleicht nicht besonders schädlich gewesen. Verschlimmert wurde sie durch das, was Parker Philipps "messianischen Imperialismus" (messianic imperialism) nennt. Wie sich anhand unzähliger Quellen zeigen lässt, sah sich der König als Instrument der göttlichen Vorsehung. Er wähnte sich von Gott mit der Mission beauftragt, alle Feinde der Christenheit und der katholischen Kirche zu bekämpfen, seien es die Türken, seien es seine eigenen protestantischen Untertanen in den Niederlanden. Die wahnwitzige Idee, England zum Katholizismus zurückzuführen, verleitete ihn zur Aussendung der Armada. Philipp betrieb keine "moderne" Großmachtpolitik im Stil des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern eine religiös bzw. konfessionell grundierte Großmachtpolitik. Getrieben vom messianischen Imperialismus setzte sich Philipp II. Ziele, die er trotz seiner enormen Ressourcen nicht verwirklichen konnte. Ihm standen Machtmittel zu Gebote, von denen andere Monarchen seiner Zeit nur träumen konnte. Und dennoch gelang es Philipp nicht, seine Gegner zu bezwingen. Er hatte sich übernommen. Ihm fehlte das Bewusstsein für die Grenzen seiner Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Es war sein größter Fehler, dass er sich den komplizierten Verhältnissen, vor die er als Herrscher eines Weltreiches gestellt war, gewachsen fühlte. Bedenken und Einwände seiner Berater pflegte er mit dem Hinweis auf den Beistand, den Gott im Ernstfall gewähren werde, beiseite zu wischen. Das ständige Beschwören göttlichen Beistandes trug Züge von Autosuggestion. Philipp II. war unbelehrbar und uneinsichtig. Selbstzweifel plagten ihn seltener, als es Parker in den 1970er Jahre annahm. Parker glaubt bei seinem Protagonisten eine "obsessive Persönlichkeitsstruktur" (obsessional personality) zu erkennen. Auch das ist neu gegenüber dem Buch von 1978. In der Tat muten viele Züge Philipps II. zwanghaft an, nicht nur seine detailversessene Arbeitsweise, sondern auch seine übersteigerte Sammelleidenschaft. Im Laufe seines Lebens trug der fromme König mehr als 7.400 (!) Reliquien zusammen.

Parker lehnt die Auffassung seines Kollegen Henry Kamen ("Philip of Spain", 1997) ab, Philipp II. sei ein Gefangener seines Schicksals gewesen, habe den Gang der Ereignisse in seinem Weltreich kaum beeinflussen können. Parker beharrt darauf, dass der König ungeachtet komplexer und schwer durchschaubarer Verhältnisse immer Optionen besaß, Wahlmöglichkeiten. Er war Strukturen und Sachzwängen nicht hilflos ausgeliefert. Oft traf er Entscheidungen, die er für rational und gut begründet hielt, die sich aber in der Folge als fehlerhaft erwiesen und eine ohnehin schon schwierige Situation verschlimmerten (man denke nur an den Aufstand in den Niederlanden). Für die Rückschläge und Niederlagen, die er hinnehmen musste, war er weitgehend selbst verantwortlich. Deshalb hat Parker Recht, wenn er sein schon recht kritisches Verdikt von 1978 verschärft und Philipp II. als "unklugen" oder "unbedachten König" bezeichnet. Parker schafft das, was jeder gute Biograph leisten muss: Er beschreibt das Handeln einer historischen Person nicht nur, er erklärt es auch, macht es verständlich und nachvollziehbar. Das konnte ihm nur gelingen, weil er sich jahrzehntelang intensiv mit der schriftlichen Hinterlassenschaft Philipps II. beschäftigt hat. Auf diese Weise konnte er tief in das Wesen des Monarchen eindringen. Für jeden Leser mit einer Leidenschaft für historische Biographien ist Parkers Buch ein Genuss, ein beeindruckendes Lektüreerlebnis. In doppelter Hinsicht hat Parker ein Meisterwerk vorgelegt. Sein Buch ist nicht nur die beste verfügbare Biographie Philipps II.; es gehört auch zu den besten Werken über ein Mitglied des Hauses Habsburg, das die internationale Geschichtswissenschaft je hervorgebracht hat. Deshalb verdient es einen Ehrenplatz in der Büchersammlung eines jeden Habsburg-Enthusiasten. Leider deutet momentan nichts darauf hin, dass Parkers Buch in einer deutschen Ausgabe erscheinen wird. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Mai 2016 bei Amazon gepostet)

Kommentieren0
Teilen

Gespräche aus der Community

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 9 Bibliotheken

von 1 Lesern aktuell gelesen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks