„Die Natur der Dinge“ startet mit einer Traumsequenz, was überrascht, zumal im Zentrum des Romans ein Schreibseminar steht – und eine der ersten Regeln dieser Seminare lautet: „Beginne eine Geschichte nie mit einem Traum.“ Ein solcher treibt nichts voran, weder die Handlung noch das Engagement des Lesepublikums, das sich im schlimmsten Fall sogar hinters Licht geführt fühlt.
Auffallend schräg im konkreten Fall: Der bitterböse Ton und das ebensolche überdrehte Geschehen von Traum und Realhandlung gleichen sich. Vielleicht steht also am Anfang die Wirklichkeit und alles danach ist ein Phantasma? Die auftretenden Figuren rangieren von boshaft bis erbärmlich; wir begegnen (fast) keinem einzigen guten Menschen, kündet doch schon das vorangestellte Thomas Bernhard-Zitat vom Antritt einer Reise in die Welt von Selbst- und Fremdhass. Die Sonne scheint anderswo, erst spät im Buch durchbricht sie doch noch die Wolken.
Wer sich nun auf die Figuren einlässt, die man im echten Leben eher meiden würde, folgt dem pensionierten Heinrich, der eigentlich Hans heißt, und früher hoher Angestellter eines Rüstungskonzerns war, einen hassenswerten Vater hatte und in eine Ehe hineingestolpert ist, die von der entfremdeten Frau bis zu Albtraumschwiegereltern alles bereithält, was ein Anheuern in der Fremdenlegion beinahe als attraktive Alternative erscheinen lässt.
Die Stärke des Romans ist nun, dass man nicht unbedingt weiterliest wegen der Handlung, in welcher der Kosmos Krieg dominiert sowie das Kabinett der Schreck- und Schrägfiguren, sondern trotzdem. Der distanzierte Stil von Georg Thiel verleiht dem Ganzen einen zynisch-abstoßenden Charme wie ein Lied von Georg Kreisler oder ein Film in der Regie von Danny DeVito.
Die Charaktere tun und sagen Gemeines bis Grausames bzw. widerfährt ihnen ebensolches. Mittendrin der Protagonist, der ein Leben lang keine schriftstellerischen Ambitionen hatte, zufällig in einen Kurs für autobiografisches Schreiben geraten ist, sich schlecht behandeln lässt (und andere schlecht behandelt), jedoch seine Traumata aufarbeitet und so tatsächlich auf einen Weg der Veränderung gelangt – hin zu einer späten, brüchigen Läuterung.
Die Leserschaft, die ihn begleitet, gehört zu dem Menschenschlag, die sich von Fiesheiten unterhalten lässt, aber auch von gekennzeichneten (wie nicht gekennzeichneten) Zitaten aus Literatur, Philosophie sowie Monty Python’s Flying Circus, und die sich auch an einem lustvollen Kramen in der tiefsten Wortschatzkiste erfreut. Wer auf das Motto „Das Leben ist Leiden, doch dann kommt der Tod.“ reagiert, indem er/sie die Schultern oder die Mundwinkel hebt, für den/die ist „Die Natur der Dinge“ der richtige Roman. So wie es manchmal ein kitschiges Werk mit Happy End zur Aufmunterung braucht, ist "Die Natur der Dinge" ein wohldosiertes Bad in der Trostlosigkeit, das auch gelegentlich gut tun kann.







