Georges Perec

 4.2 Sterne bei 63 Bewertungen
Autor von Ein Mann der schläft, Das Leben Gebrauchsanweisung und weiteren Büchern.

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Die Winterreise

Erscheint am 04.12.2018 als Taschenbuch bei Diaphanes.

Roussel und Venedig

Neu erschienen am 17.09.2018 als Taschenbuch bei zero sharp.

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Ein Mann der schläft

Ein Mann der schläft

 (22)
Erschienen am 01.07.2002
Die Dinge

Die Dinge

 (8)
Erschienen am 26.08.2016
Das Leben Gebrauchsanweisung

Das Leben Gebrauchsanweisung

 (9)
Erschienen am 01.06.2011
Ein Kunstkabinett

Ein Kunstkabinett

 (2)
Erschienen am 21.03.2018
W oder die Kindheitserinnerung

W oder die Kindheitserinnerung

 (1)
Erschienen am 28.02.2012
Die dunkle Kammer

Die dunkle Kammer

 (1)
Erschienen am 30.06.2017
Die Maschine

Die Maschine

 (1)
Erschienen am 01.03.1991

Neue Rezensionen zu Georges Perec

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Trishen77s avatar

Rezension zu "Die dunkle Kammer" von Georges Perec

Träume, Träume, Träume
Trishen77vor einem Jahr

“Aus Deutschland erhalte ich einen Brief, der mir mitteilt, dass Eugen Helmlé gestorben ist. Ich hatte ihm noch am Vortag geschrieben.

Nach und nach wird mir klar, dass ich träume und das Eugen Helmlé nicht tot ist.”

Gott sei Dank war es nur ein Traum – denn was für Übersetzungen und Werkzugänge wären uns entgangen, wenn Eugen Helmlé gestorben wäre. Es wäre uns wahrscheinlich nie möglich gewesen Anton Voyls Fortgang zu lesen, Helmlé geniale Übersetzung von “La Disparation”, dem Roman ohne den Buchstaben “e”. Oder Perecs Opus Magnum Das Leben: Gebrauchsanweisung, das man laut Harry Rowohlt einmal im Jahr lesen sollte. Und ich hätte vielleicht nie das Glück gehabt, dem für mich nach wie vor ungeschlagene Kleinod Träume von Räumen zu begegnen, einer vielschichtigen, epiphanischen Meditation über die Vorstellungen des Raums.

Träume, Schlaf. Die Belassenheit der Dinge, die aber gleichsam im Inneren ungeheure Kapazitäten bereithält. Themen, die in Perecs Werk immer wieder auftauchen. Das Sprachspiel, die Schule von Oulipo, war das Eine; das lieferte die Formen, die Freude, den Spaß, die Herausforderung. Auf der anderen Seite sind da die eigenen Untiefen, aus denen jeder Schreibende schöpft. Gerade bei Perec prallen an der Schnittstelle durchaus einige Gegensätze aufeinander. Denn so genial viele seiner Werke sind, es geht darin oft um Verlassenheit, um Zwingendes und Furchteinflößendes, um das Negierende. In seinem Nachwort schreibt der Übersetzer und Herausgeber Jürgen Ritte:

“Unter den vielen literarischen Wunderwerken, mit denen Georges Perec im Laufe seines viel zu kurzen Lebens die Welt beschenkte, ist die Dunkle Kammer […] gewiss das verstörendste.”

Das ist meiner Meinung nach etwas zu hoch gegriffen, ich halte W oder die Kindheitserinnerung definitiv für das verstörendste Werk Perec; es trifft einen wie einen Wucht, gerade wenn man vorher die eher spielerischen oder meditativ-philosophischen Texte von Perec kannte. Aber beiden Büchern ist die Eigenschaft gemein, gleichsam autobiographisch und doch in gewissem Sinne undurchsichtig, undurchdringlich zu sein.

Im Titel “Die dunkle Kammer” ist natürlich die Idee der Dunkelkammer enthalten, der Ort, wo man aus Negativen Fotos entwickelt. Und tatsächlich ist die Niederschrift von Träumen ein ähnlicher Vorgang. Man erlebt etwas und mit der Linse hält man es fest, wie den Traum mit dem Stift, und es kommen dabei Objekte heraus die eine Version des Traums/des Erlebnisses sind und doch wieder nicht. Es sind Rahmungen, es sind Festsetzungen von etwas, das nicht festgesetzt werden kann.

Trotzdem gelingt Perec in den 124 Traumnotaten Erstaunliches. Sehr oft fängt seine nüchterne Nacherzählung der Träume gut die additive und zugleich kontemplative Bewegung der Träume ein, den Verlauf. Vor allem das Bewusstwerden, das im Traum – noch einmal mehr als in der Wirklichkeit – meist eine geradezu erschütternde, direkt Dimension bekommt. Das ermöglicht es den Lesenden einzutauchen in die andere Seite der Nacht, in die seltsame Kreativität unserer Unterströmung, die alles Mögliche anschwemmt, das einmal in den Strudel unserer Wahrnehmung, unserer Erinnerungen, unserer Bedeutungsaneigung geriet.

“Ich bin A. in meinem Zimmer – und mit einem Zufallsbekannten, dem ich das Go-Spiel beizubringen versuche. Er scheint das Spiel zu begreifen, bis zu dem Augenblick, da mir bewusst wird, dass er glaubt, gerade die Bridge-Regeln zu lernen.”

Die Berichte der Träumen sind von unterschiedlicher Ausführlichkeit und von unterschiedlicher Schwere, je nachdem ob es um ein eher obskures, wie eine Phantasie anmutende Traum-Szenario geht, z.B.:

“Ich gehöre zu einer Gruppe Hippies. Auf einer Landstraße stoppen wir den Verkehr. Wir umzingeln eine Luxuskarosse und rücken ihr bedrohlich näher.”

oder ob Lebensthemen im Zentrum der Träume eine gewisse Gravität einbringen. Einmal träumt Perec, er und ein Freund hätten in “Anton Voyls Fortgang” lauter e’s gefunden; plötzlich tauchen sie auf, stechen hervor, dann sind sie wieder weg. Die Holocaust-Vergangenheit von Perecs Familie und seine privaten Beziehungen sind andere Themen, die oft einfließen; das Bergwerk, zu dem der Traum immer wieder zurückkehrt, um zu schürfen. Und dann sind es wieder von jeglichem Betrachter losgelöste Träume, entkörperte Filme hinterm Auge des Schlafs.

“Nach einer langen Abwesenheit kehrt der Rächer aus Mexiko zurück. Ein Verräter schickt sich an ihn von hinten zu erschießen, als eine hell behandschuhte Hand auftaucht und ihn daran hindert.”

Die dunkle Kammer ist ein reiches Buch, ein Buch mit dem man sich sehr lange beschäftigen kann und dafür muss man nicht einmal an Perec oder seinem Werk im Besonderen interessiert sein. Wobei auch der- oder diejenige auf seine/ihre Kosten kommt, zumal das Nachwort sich sehr gelungen zu Perecs Werk auslässt (und dabei vielleicht ein bisschen zu wenig zu “Die dunkle Kammer”).

Für alle, die sich für den Traum interessieren, für das Wartende, Schlummernde, das erwacht, wenn wir einschlafen, eingefasst und durchdrungen von den Symbolen unseres ganzen Lebens und doch nur in unordentliche Zustände gekleidet, denen wird dieses Buch ein Schatz sein. Jorge Luis Borges zitierte einmal Arthur Schopenhauer mit dem Satz: “Wach sein heißt, das Buch des Lebens lesen, Träumen heißt, darin zu blättern.”

lyrikpoemversgedicht.wordpress.com

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The iron butterflys avatar

Rezension zu "Die Dinge" von Georges Perec

Geld, so sagt man, ist heutzutage die Wurzel allen Übels
The iron butterflyvor 3 Jahren

Die Studenten Jérôme und Sylvia werden derart von den Dingen, die sie für erstrebenswert erachten und deren Beschaffung beherrscht, dass es ihnen unmöglich zu sein scheint, ihr Studium fortzusetzen. Wenige fundamentale Kenntnisse in Soziologie, Psychologie und der Statistik erlauben es ihnen für Werbeagenturen Meinungsumfragen und Marktanalysen anzustellen. Diese Aufgabe lässt ihnen die Freiheit, die sie sich für ihre Tage wünschen. Ungebungen, ungetaktet, gestalten sie ihre Tage relativ frei und doch sind sie nicht frei. Die kleine Zweizimmerwohnung aus Studententagen soll durch eine großzügiger geschnittene, besser ausgestattete Wohnung ersetzt werden. Es gilt Teppiche, Vorhänge, Tische, Besteck, Dinge, Dinge, Dinge zu erstehen, aber woher soll das Geld für all diese Dinge kommen? Eine Erbschaft käme genauso gelegen, wie der Fund einer Geldtasche, eines gut gefüllten Geldbeutels oder der Kauf eines wertvollen Gegenstandes weit unter Wert, um diesen gewinnbringend weiterzuverkaufen.

Georges Perec beobachtet in „Die Dinge – Eine Geschichte der sechziger Jahre“ diese beiden jungen Menschen distanziert und berichtet einer Inventur gleich über Anschaffungen und Veräußerungen. Exemplarisch für eine Generation, die kein Leben außerhalb der Verwaltung ihres Besitzes verzeichnen kann. Jérome und Sylvia sind gefangen in Wünschen, die sich lediglich auf Dinge beziehen und besitzen neben diesen unendlichen ungeschriebenen Listen, bislang nichts. Der Wunsch nach einer befreiten Ungebundenheit, die nur vermögende Menschen besitzen, lähmt die beiden jungen Menschen, wie viele ihrer befreundeten Pärchen. Nach und nach jedoch müssen sie erkennen, dass die Zeit voranschreitet und sich nicht mit Leben füllt.

Nicht nur eine Geschichte der sechziger Jahre, sondern eine Geschichte unserer Zeit. Für alle vom Konsum Getriebenen oder die, die sich bereits befreien konnten und lieber ihre Zeit mit Leben erfüllen, als ihre Schränke mit Dingen in allen Farben, Formen und Strukturen.

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Brentinis avatar

Rezension zu "Das Leben Gebrauchsanweisung" von Georges Perec

Rezension zu "Das Leben Gebrauchsanweisung" von Georges Perec
Brentinivor 6 Jahren

Dieses Buch als Gegenstand ist mehrere Kilos schwer, manche bezeichnen es auch als einen titanischen Roman, doch alle sind sich einig: Das Leben. Gebrauchsanweisung
von Georges Perec aus dem Jahr 1978 ist riesig und monumental in seiner
Größe, womit es nicht so richtig in die heutige schnelllebige Zeit
passt. In seinem mit Prix Médicis prämierten Roman versammelt Perec
verrückt zerstreute Geschichten einer Pariser Nachbarschaft, mit all
ihren vielen Gesichtern. Das Buch hat eine erstaunliche Struktur, die so
einzigartig in der Weltliteratur ist. Der Leser sucht in dieser
Struktur vergebens einen roten Faden, den er selbst am Ende des Buches
nicht finden wird, was zu Enttäuschungen bei den Lesern führen kann. In
der heutigen Zeit fehlt es vielen einfach an der Zeit, ein so riesiges
Werk bis zum Ende zu lesen. Ich habe es aber tatsächlich bis ans Ende
geschafft, aber - ich gebe es auch zu - ab der Seite 578 habe ich
angefangen, nur die Episoden mit Personen zu lesen, die mich tatsächlich
auch interessierten. Mit diesem Vorsatz müsste man vielleicht ans Buch
auch rangehen, denn ihr Aufbau ist viel zu komplex, und aus der heutigen
Sicht gar nicht zu bewältigen.

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