Georges Perec gehört bis heute zu den unangefochtenen Königen innovativer (und zwangsorientierter) Literatur. Davon zeugen nicht nur seine große Würfe, der 1000 Seiten Roman Das Leben - Gebrauchsanweisung und sein Roman ohne den Buchstaben "e" Anton Voyls Fortgang , sondern auch seine kleineren, weniger sprachexperimentellen Werke, von denen die meisten, auf Deutsch im Dtv Verlag erschienen, leider nicht neu aufgelegt wurden - allerdings gibt es immer wieder neue Versuche, wie neuerdings Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen beweist.
Perecs Bücher sind Ausnahmeerscheinungen und deswegen nicht für jede Leseerwartung zu empfehlen, die man bei dem Titel "Roman" hegen könnte. Das Buch ist eindeutig ein Roman, aber der Inhalt ist, wenn man ihn schlicht als Handlung eines Romans betrachtet, als sehr dürftig zu bewerten. Es gibt zwar einen Spannungsbogen und eine klare Stimmungskontur, doch davon abgesehen hat der Roman scheinbar keine prägnanten Themen oder Geschichten zu bieten. Die Frage ist: Was bewertet man - das was da ist, oder das was fehlt?
"Ein Mann der schläft" beginnt mit einer Expertise über den Schlaf; über das seltsame Gefühl, kurz bevor du einschläfst, die verlorenen Sekunden zwischen Stille und Erwachen, die Formen und Farben die auftauchen, wenn du die Augen schließt, jedoch trotzdem noch schaust. Mit wunderbarer Detail- und Sprachsensibilität schafft Perec es, dass man erstmal in sich selbst schaut, tief nachempfindet, was er beschreibt, weil man es kennt, weil man es so schon erlebt hat, weil man sofort die Augen schließen und miterleben kann, was man eben gelesen hat.
Nach dieser, für uns sehr nahen Erfahrung, folgt die "Geschichte", in der ein 25jähriger Student eines Tages nicht aufsteht, obwohl er an diesem Tag Examen machen soll.
Wir alle wollten schon mal nicht aufstehen, wollten die Welt verwerfen wie einen Entwurf, den wir gemacht haben, und zurückkehren in die Welt der Zeitlosigkeit, dahin wo die Schliche der Zeit und des Raums sich zersetzen: den Traum - und nun haben wir hier die Geschichte eines Mannes, der diesen Weg wählt, er kappt die Verbindung zur Welt, er nimmt quasi das Gefühl des Traumes für die Wirklichkeit in Anspruch.
Und wir sind immer noch ganz nah dran an dieser Geschichte. Zumindest ich konnte diese Nähe auch nicht mehr völlig ablegen - durch die geschickt an den Anfang gestellte Beschreibung, die mir so vertraut war und die in derselben feinen Sprache verfasst war, wie die nun folgende Geschichte, war ich mit dem Folgenden ebenfalls verbunden.
"Du hast kaum gelebt und doch ist alles schon gesagt, schon vorbei."
"Du gehst wie ein Mensch, der unsichtbare Koffer trägt, du gehst wie ein Mensch, der seinem Schatten folgt."
Was passiert, wenn man sich auflösen will in Raum und Zeit? Wenn man die Zügel der Welt ablegt? Wenn man noch in ihr lebt, aber seinen Beitrag zu ihr einspart?
Perecs Student zieht sich in sich selbst zurück. Er will ein Baum sein, er will in Ruhe gelassen werden, er will allein sein. Will er allein sein? Nein, eigentlich will er vor allem eins: er möchte ein Teil der Welt sein und nicht ein Mensch, der nie ein Teil der Welt ist, weil er sie verstehen will, weil er wie außerhalb von ihr steht, von wo er sie immer unterschiedlich sieht, weil er sie nie gleich sehen kann, ja, weil er eine eigene Welt ist, die ständig mit einer großen, ganzen Welt konkurriert, die soviel größer ist als die seine, so groß, dass er sie nur wahlweise mit seiner Welt messen kann. Aber wie soll man wählen?
"Ein Mann der schläft" ist kein Roman, der eine Geschichte erzählt, auch wenn er es vordergründig vorgibt zu sein. Nein, es ist ein Buch, dass ein Gefühl einfasst, ein Gefühl, dass sich über 140 Seiten ausspricht, das klagt, nach Lösungen sucht und zusieht, wie alles entflieht; es ist ein Experiment mit diesem Gefühl. Das Gefühl zu nennen ist nicht möglich, denn es braucht diese 140 Seiten oder einen ganz bestimmten Abschnitt, der Teil dieser 140 Seiten sein muss, um dies zu tun.
Wer also gerne ein Leseabenteuer, wie es das Gedicht in seiner stringenten Art normalerweise bietet, in der Prosa erleben will, wer eine persönliche Erfahrung in Form eines Buches machen will, der lese "Ein Mann der schläft". Kurz und knapp zusammengefasst ist über dieses Buch zu sagen: "Sprachlich ein Genuss und tiefenwirksam."
"Vogelschwärme ziehen sehr hoch am Himmel dahin. Auf dem Yonne-Kanal gleitet ein langer Kohleschlepper mit metallblauem Rumpf, von zwei großen grauen Pferden gezogen, vorüber. Nachts kommst du über die Route Nationale zurück, aufheulende Autos kommen dir entgegen oder überholen dich, du wirst von Scheinwerfern geblendet, die, wie es einen Augenblick lang scheint, den Himmeln anleuchten wollen, bevor sie sich auf dich stürzen."
Georges Perec
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Neue Bücher
Kleine Einführung in die subtile Kunst des Go
Alle Bücher von Georges Perec
Ein Mann der schläft
Das Leben Gebrauchsanweisung
Die Dinge
Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?
Träume von Räumen
Ein Kunstkabinett
Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen
Die dunkle Kammer
Neue Rezensionen zu Georges Perec
Rezension zu "Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?" von Georges Perec
Trishen77 Literatur nach Anweisung und Rezept kann nicht gelingen, sagt man. Und was ist mit Literatur nach Einschränkung, was ist mit einer Literatur der selbstauferlegten Grenzen.
Die Mitglieder der literarischen Werkstatt(/Gruppe) Oulipo - gegründet in den 1960er Jahren (und immer noch bestehend - bereist verstorbene Mitglieder werden nicht ausgeschlossen, sind aber entschuldigt) - machten diese Idee zu ihrem Hauptaufgabengebiet und schrieben Werke, die formal einer Einschränkung oder vorgegebenen Modifizierung verpflichtet waren. Zu dieser Gruppe einflussreicher Schriftsteller gehörte, neben bspw. Italo Calvino und Oskar Pastior, auch der französische Romancier und Erzähler Georges Perec, für mich bis heute einer der innovativsten und einfallsreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur ein Buch ohne den Buchstaben "e" ( Anton Voyls Fortgang ) und einen Brief, der als Palindrom funktioniert (also von vorne und von hinten gelesen werden kann), sondern auch großartige erzählerische Werke verfasst. Seine Bücher Das Leben Gebrauchsanweisung und Ein Mann der schläft gehören zu dem größten bzw. intensivsten, was ich je gelesen habe.
Dieses kleine Büchlein gehört, ähnlich wie Ein Kunstkabinett zu den kleinen Farcen & Parodien im Werk Perecs. Die eigentliche Geschichte ist schnell zusammengefasst und dreht sich um einen Wehrdienstverweigerer, der nicht in den Algerienkrieg ziehen will und seine Freude/Spezies/Kumpels versuchen einen Plan auszuhecken, wie sie ihn als untauglich erscheinen lassen könnten.
Der eigentliche Trick hinter diesem inhaltlich simplen Text zeigt sich (wie beim Kunstkabinett, aber auf andere Weise) erst am Ende, wenn man die letzte Seite aufschlägt. Dann begreift man nämlich, dass der ganze Text, die ganze Geschichte, nur ein Vorwand war, um die unterschiedlichsten Stilmittel und Verfremdungen anzuwenden. Denn hinten im Buch wird der Großteil der verwendeten Mittel dann in einer Liste aufgeführt - allerdings ohne Beispiel. Wer aber will kann dann das Buch noch einmal lesen und versuchen die einzelnen Stilmittel zu erkennen. Durch den Ehrgeiz, im Buch so viele unterschiedliche Stilmittel und Idioms wie möglich zu verwenden, gerät das Buch natürlich sprachlich des Öfteren sehr turbulent.
Für jeden der ungewöhnliche (und abgedrehte) Bücher und Sprachspielereien liebt, ist dieses Werk genau das richtige. Wer ein durch und durch geckiges, pointenreiches Buch erwartet, dürfte dennoch enttäuscht sein. Es ist mehr ein absurd-abstruses, denn wirklich komisches Buch.
Wem das Buch gefällt, dem empfehle ich des Weiteren noch die Stilübungen von Raymond Queneau, ebenfalls ein Meisterwerk der Oulipo-Literatur.
Es ist immer etwas heikel und schwierig Bezeichnungen wie “Genie” zu verwenden. Was genau ist ein Genie? - Wer ist eines?
Im “Raum” Frankreich, ist es da ein Georges Simenon, der sich einfach morgens an den Schreibtisch setzen und einen Roman runterschreiben konnte? …oder ein Jean-Paul Sartre, der einfach so die Stränge jahrelanger Existenzphilosophie zusammenführte? … oder ein Alexandre Dumas, der, als ihn der Verleger nach Silben bezahlen wollte, einen Stotterer in seinen Roman einführte?
Man könnte den Gesamtraum beliebig auf andere Räume (sprich Nationen, Sprachen, Gegenden, Künste etc.) ausdehnen und doch würde die Frage eine äußerst komplizierte bleiben.
Unzweifelhaft ist es trotzdem aus meiner Sicht, dass Georges Perec, ein bis heute viel zu unbekannter Schriftsteller und Mitbegründer der Oulipo-Gruppe, die Ehrung Genie mehr als verdient hat. Das beweist neben seinem Opus Mangnum Das Leben Gebrauchsanweisung und seinem einzigartigen Buch Anton Voyls Fortgang, einem Roman ohne den Buchstaben “e”, auch das kleine Buch “Träume von Räumen”.
“Der Raum scheint entweder gezähmter oder harmloser zu sein als die Zeit: man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben. Man muss immer die Zeit wissen (und wer kann sie noch nach dem Stand der Sonne errechnen?), doch man fragt sich nie, wo man ist. Man glaubt es zu wissen: [...]“
Genauso wie Perec mit seinem Buch ohne das “e” die Konforme und Grenzen der Sprache ausgelotet und überquert hat (in Räume getreten ist, die unerreichbar, ja nicht mal existent schienen), so hat er hier ein Buch geschrieben, was die Frage(n) nach dem Raum aufwirft: Was sind Räume? Wie sehen wir Räume? Wie leben wir mit den Räumen? Und, again: was sind Räume?
Dabei fängt er mit dem kleinsten an: ein Stück Papier ist ein Raum, ein Bett ist ein Raum, ein Zimmer ist ein Raum. Man kann sie alle in ihrer Funktion besehen, sie ausmessen, ihre Tiefen und ihre Wichtigkeit für die Kontingenz betrachten. Dann sind da Räume wie Städte, Länder – Bezugspunkte und Einteilungen, meist ohne den Gedanken an einen “Raum”. Doch wird dem Leser so der Begriff Raum in verschiedenen Größen näher gebracht. Bei all dem geht es Perec nicht um Physik oder schlichte Philosophie. Es geht um Wahrnehmung und Idee, um das, was literarisch und bewusst in uns Bleiben kann von den Gedanken an Raum, vom Wort “Raum“.
Für wen sich diese eher philosophisch/kosmischen Überlegungen nun langweilig oder fachlich anhören, der sei unbesorgt – Perec hat kein Fach- oder Sachbuch geschrieben; ich würde es noch nicht mal eine Studie nennen. Es ist eine (An-)Sammlung von Gedanken, Zitaten (auch vielen aus der Weltliteratur), Beobachtungen und Analysen, Witzen und Anekdoten – das alles fasst sich zusammen zu einer Art Lesebuch über den Raum, das sich auch nicht nur am Abstrakten, sondern auch am Wesentlichen misst und welches vor allem dazu dient uns mit seiner Leichtigkeit und seinem spielerischen Antasten zu unterhalten und unseren Gedanken neue große Räume zu eröffnen ( – oder besser gesagt uns selbst dazu zu ermuntern, die eingefahrenen Vorstellung vom Raum wieder auf das Universelle, Vielschichtige, Kreative zu erweitern).
Kurios, Fintenreich, Perecs Sprach geizt nicht mit Qualität und Esprit und in seinen Büchern fühlt man sich von Faszination erfasst – für mich war er allein schon wegen dieser Art Form, die jedes seiner Bücher anzunehmen weiß, ein Genie.
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