Das Haus am Kanal

von Georges Simenon 
5,0 Sterne bei1 Bewertungen
Das Haus am Kanal
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J

Hervorragend.

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Inhaltsangabe zu "Das Haus am Kanal"

Die sechzehnjährige Edmée muss nach dem Tod des Vaters Brüssel verlassen und zu ihren Verwandten in die flämische Provinz ziehen. Schnell stellt sich heraus, dass das Mädchen aus der Stadt andere Vorstellungen vom Leben hat als die konservativen Familienangehörigen. Edmée ist dominant, verwöhnt und sich ihrer Wirkung auf Männer sehr bewusst. Gleich zwei ihrer Cousins erliegen ihren Reizen und glauben, sie gehöre ihnen allein. Das führt zu Unmut unter den Männern der Familie. Als Edmée sich für einen der Cousins entscheidet, kann sie nicht ahnen, welche brutalen Folgen diese Entscheidung nach sich zieht.

Ein Beziehungsdrama in den nebelverhangenen Ebenen Flanderns. Ein Mädchen, das zur Frau heranreift und dabei Grenzen überschreitet – mit verhängnisvollen Folgen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783455004700
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:192 Seiten
Verlag:Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum:04.10.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 01.02.2009 bei Der Audio Verlag erschienen.

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    J
    jamal_tuschickvor 12 Tagen
    Kurzmeinung: Hervorragend.
    Stillgelegte Verhältnisse

    Im März 1954 schreibt Georges Simenon in Rekordroutine den (Jahrzehnte später mit Philippe Noiret in der Hauptrolle verfilmten) Roman „Der Uhrmacher von Everton“. Nach einem Einschluss von acht Tagen ist das Werk vollbracht.

    Der Belgier zelebriert in einer Vorstadt von Salisbury im Bundesstaat Connecticut vor den Toren New Yorks den amerikanischen Traum in der Suburbia Variante. Er registriert Einprägungen der Peter Stuyvesant Ära, als New York noch Nieuw Amsterdam hieß und sich als Handelsplatz auf die königliche Kolonie Nieuw Nederland auswirkte. Simenon gefallen die Schnittmuster der skandinavisch-niederländisch-angelsächsisch getönten Mittelklasse, die aufgeräumte Weiträumigkeit ihrer Anwesen, der selbstverständliche Luxus ihrer Eisschränke und Klimaanlagen, ihre Sprit fressenden Straßenkreuzer und deren Häfen. Ihn fasziniert das unverdiente Glück von Leute, die in einem Land leben, dass seit neunzig Jahren von keinem Krieg umgepflügt wurde. Der Schriftsteller besucht die Barbecue Partys seiner Nachbarn. Allgemein geht man gerade dazu immer, Gin mit Wodka zu ersetzen, während McCarthy in der Durchsetzung des Communist Control Act den Zenit seiner Macht erreicht, Rock’n’Roll populär und die Lederjacke zum Symbol einer Jugendbewegung wird.
    Simenon mäht den Rasen vor seinem Haus, tauscht Cocktail Rezepte und betreibt Mimikry in einer Gesellschaft von Pendlern, die an jedem Werktag New York mit dem Zug erreichen und verlassen.
    Er liebt die Stimmungen des Indian Summer in den offenherzigen Habitaten. Dem sommersprossig spröden Neu-England dichtet er die Kleinstadt Everton an. Da lebt der alleinerziehende Uhrmacher Dave Clifford Galloway mit seinem Sohn Ben. Eines Abends brennt der Heranwachsende in der Gesellschaft eines Mädchens aus der Nachbarschaft namens Lillian Hawkins zunächst mit dem Lieferwagen des Vaters durch. Die halbstarke Aktion im Vorgriff auf „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ löst eine Verfolgungsjagd quer durch die Vereinigten Staaten aus.
    Auch Bens Mutter verschwand einst von jetzt auf gleich nach einer beschämend kurzen Spanne als Galloways Gattin. Das Unglück bricht in stillgelegte Verhältnisse ein. Der Uhrmacher führt sein Leben in kleinsten Radien kurz vor dem Stumpfsinn. Simenon verwendet wieder einen psychologischen Aufbau, der die Anfälligkeit des Kleinbürgers für autoritäre Lösungen und eine grundsätzliche Überforderung zeigt. Als die Polizei vor seiner Haustür aufkreuzt, ahnt Galloway, dass Ben in Schwierigkeiten steckt. Er will kooperieren und sich gefällig zeigen, ohne dem Sohn zu schaden.
    „Er musste wie ein Ehrenmann auftreten, der das Gesetz achtete.“
    Er duckt sich weg, taucht innerlich ab und ist schon am Ende seiner Kraft, bevor die Geschichte mit einem Mord Fahrt aufnimmt.
    Ein Vater erfährt, dass sein Sohn verdächtigt wird, einen Mann erschossen zu haben, nur um in dessen Oldsmobile die Flucht schnell und komfortabel fortsetzen zu können. Natural Born Killers lassen grüßen. Wieder zeigt sich Simenons Gespür für die Tendenzen einer Zeit, in der James Dean und Marlon Brando zu Ikonen einer konservativen Rebellion werden, und wieder wählt der Autor einen Schleichweg, um zum Ziel seiner Erzählung zu kommen. Galloways verlangsamter Schritt bestimmt die Handlungsgeschwindigkeit. Das FBI-Ermittlungstempo so wie alles andere Action Versprechende bleibt unerzählt. Stattdessen geht es darum, wie jemand seinen Kaffee trinkt. Zigaretten werden angeboten. Galloway erinnert sich daran, dass Ben noch mit vier Bettnässer war. Eine Nachbarin kann wegen ständig geschwollener Füße nur Pantoffeln tragen.
    Der Freiheitstrip der Jugendlichen kommt nur in den Trott unterbrechenden Nachrichten vor. Einmal heißt es, sie seien im Jefferson County von Virgina „gesichtet“ worden so als sei das eine Stelle am Horizont und überliefere etwas Phänomenales. In Wahrheit dient die Reise dem höchst konventionellen Zweck einer frühen Eheschließung. Die Kinder wollen heiraten in einem Staat, dessen Gesetze das zulassen.
    Simenon fühlt dem Beat des Jahrzehnts den Puls, aber er erzählt nicht wie Kerouac von einem (alternativen) Leben auf der Straße. Sein Fokus verlässt nicht die erschöpfte Hilflosigkeit eines vorzeitig gealterten Mannes, der bis zu den Ereignissen in der Handlungsgegenwart nichts Aufregenderes erlebt hat, als die Verachtung von Bens Mutter. Man begreift die ozeanische Tiefenströmung in Simenones Werk an solchen Stellen in dieser verknappten Psychologie. Die Frau, die sich rücksichtslos in Galloways umsah, da nichts von Interesse fand und den Armleuchter mit einem Kleinkind sitzenließ, thront wie eine Göttin im Himmel über Amerika. Galloway existiert lethargisch in der Konsequenz ihres vernichtenden Urteils. Nun ergänzt Ben das Urteil. Er rehabilitiert seine Mutter, indem er sich der Liebe gewachsen zeigen will … in der Bereitschaft, dafür über Leichen zu gehen. Oder weniger pompös gesagt: sie nicht den Notwendigkeiten eines Alltags anzupassen.
    Ben erwartet nichts von seinem Vater, der nicht nur mit der Polizei kooperiert, sondern auch mit der Presse. Er lässt sich vorführen. Schließlich werden Bonnie und Clyde in Indiana vor einer bäurischen Kulisse gestellt.
    Simenon hat noch viel zu erzählen. Es geht immer weiter um einen Mann, der noch jeden Menschen verloren hat, der sich wegbewegen konnte. Der eingesperrte Sohn bietet sich der vollendeten Nachsicht einigermaßen wehrlos an. Trotzdem bleibt Galloway der Unterlegene im Verhältnis zu Bens gescheiterter Radikalität.  

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