Intime Memoiren

von Georges Simenon 
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Intime Memoiren
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Schonungslos - Mit der Veröffentlichung seiner „Intimen Memoiren“ gab Georges Simenon 1982 seine bürgerliche Fassade auf.

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Inhaltsangabe zu "Intime Memoiren"

Eine Autobiographie wie sein Werk: gewaltig, spannend, maßlos, über 1000 Seiten lang. Und überaus menschlich. Wer das Geheimnis Simenon verstehen will, muss die Intimen Memoiren lesen.

Hunderte von Romanen, Tausende von Frauen, Schlösser, Villen, Luxuswagen … Georges Simenons Leben und Werk ist von einer Üppigkeit und einem Reichtum, von denen die allermeisten Schriftsteller heutzutage nur träumen können. Und dennoch: Trotz seines immensen literarischen Vermächtnisses, ist das Bild, das er in seinen Memoiren von sich zeichnet, nicht nur das eines Menschen, der das Leben in seiner ganzen Fülle erleben wollte, und eines manischen Schriftstellers, sondern auch das eines Familienvaters, dem seine Kinder das Wichtigste sind. Und so sind die Intimen Memoiren neben einer ergreifenden Lebensbeichte auch das schonungslose Selbstbekenntnis eines Vaters, der versucht, mit dem Selbstmord seiner Tochter ins Reine zu kommen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783455004021
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:1376 Seiten
Verlag:Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum:04.10.2018

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    J
    jamal_tuschickvor 13 Tagen
    Kurzmeinung: Schonungslos - Mit der Veröffentlichung seiner „Intimen Memoiren“ gab Georges Simenon 1982 seine bürgerliche Fassade auf.
    Großer Lebenshunger

    Jean Gabin findet er in der Rolle des Kriminalkommissars Jules Maigret zu flamboyant. Heinz Rühmann erscheint ihm zu schmächtig. George Simenon fasst seinen berühmtesten Helden unheroisch auf. Wieder und wieder zeichnet er einen Beamten, bequem, wenn die Verhältnisse es zulassen, robust, sobald es sein muss – und phantasievoll nur bei der Ergründung des Bösen. Maigret ist nichts Menschliches fremd. Doch steht er den Dumm- und Gemeinheiten seiner Kundschaft fern. Ein Maigret macht sich nicht gemein. Er dutzt und wird gesiezt. Er klopft seine Pfeife an den Rändern fremder Abgründe aus und bleibt selbst unergründlich. Das Milieu zeigt Achtung vor einem, der natürliche mit amtlicher Autorität verbindet.
    Maigret verkörpert das, was man im letzten Jahrhundert über jeden Zweifel erhaben fand – die Unangreifbarkeit eines braven Mannes, der allen Anfechtungen zum Trotz anständig bleibt. Simenon stilisiert ihn an der eigenen Triebhaftigkeit und den eigenen Abgründen vorbei. Der Schriftsteller ist zeit seines Lebens vor sich selbst nicht sicher und auf der Flucht von einem Schloss zum anderen, um einen Titel von Louis-Ferdinand Céline ins Spiel zu bringen. Geboren 1903 in Liège/Belgien, beginnt er mit sechzehn zu schreiben. Er schreibt zwanghaft, unintellektuell, unbewusst. Er interessiert sich für alles, seine Neugier ist grenzenlos.
    „Ich bin kein Bourgeois. Ich bin mit den kleinen Leuten.“
    Vierhundert Seiten später: „Auch die allergrößten Helden haben ihre jämmerlichen Seiten.“
    Simenon spitzt seine psycholgischen Interieurs raffiniert zu. Die Zuspitzung rührt aus der Krise, die den Erzählanlass liefert. Simenon schildert „die Fabrikware der Natur“ (Arthur Schopenhauer) unter Druck. Genial nebenbei zeigt er, was an ihrem Verhalten (nach seinen Begriffen) über die persönlichen und kulturellen Bindungen hinaus allgemeine Gültigkeit beweist.
    Seine rasende Produktion folgt den Entwicklungen des Kinos und nimmt sie vorweg. Simenon synchronisiert die Evolution des Kinos mit der Literatur. Regisseur lieben den Schriftsteller und adaptieren seine Stoffe manchmal so magisch präzise, dass der in Simenon wiedergeborene Émile Zola sich auf der Leinwand zeigt.
    1978 erschießt sich Simenons Tochter Marie-Jo im Alter von fünfundzwanzig Jahren. Der Vater schreibt u.a. die tote Tochter in seinen „Intimen Memoiren“ an und veröffentlicht darin ihre Briefe. Er gibt die Deckung auf und zerlegt seine bürgerliche Fassade. Jedem seiner Kinder erläutert er den Zeugungszusammenhang. Ende der Vierzigerjahre, Simenon und seine Familie leben in Amerika, lässt sich der Schriftsteller widerwillig von einer minderjährigen Angehörigen der First Nation verführen, bevor er mit seiner Sekretärin (und späteren Ehefrau) Denyse Ouimet Johnny zeugt: „Und weißt du, dass das Verhältnis eines Hengstes zu einer Stute sehr zärtlich ist?“
    Nach den Memoiren wird der Goethe der schweigenden Mehrheit bis zu seinem Tod 1989 in Lausanne/Schweiz nichts mehr veröffentlichen.
    Bahnsteig im Nebel
    Der alte Simenon weiß, was er dem Hunger seiner Kindheit und Jugend verdankt. Die Fähigkeit im Atmen und Schauen (kompensierend) Sensationen zu entdecken, kommt direkt aus dem Delirium der Armut. Der Heranwachsende saugt das Leben durch die Nasenflügel ein. Er treibt sich herum und beobachtet obsessiv. In allem erscheint er maßlos. Er geht Frauen nach und sucht Gelegenheiten für schnellen Sex. Die äußeren Umstände bilden ein besonderes Faszinosum. Simenon ist ein Liebhaber obskurer Schauplätze. Die Details werden Text. Im Text wimmeln die Strumpfbänder.
    Von allem fühlt er sich angesprochen. In der Hierarchie seiner Aufmerksamkeit rangiert der anonyme Frauenhintern jedoch an erster Stelle. Die Zufälligkeit der Ansicht steigert den Reiz. Simenons Leidenschaft dreht sich um die fremde Frau. „Das Ziel meiner unablässigen Suche war im Wesentlichen nicht eine Frau, sondern „die“ Frau, die „wahre“ Frau, die Geliebte und Mutter zugleich war, ohne Ehrgeiz … ohne „Status“. Der alternde Autor spiegelt sich in dem adoleszenten Hungerhaken, der einer Frau nachjagte, etwa „auf einem schlecht beleuchteten Bahnsteig, nachts in Lüttich. Nebel dramatisiert die Szenerie“. Das könnte in einem Drehbuch stehen: Außen/Nacht – Ein Bahnsteig im Nebel.
    Das sind Konstanten wiederkehrender Konstellationen so wie die Komponenten eines Fetisch-Arrangements: Die fremde, von einer Not ergriffene/angegriffene Frau, der freibeuterische Mann, die Verfremdung oder Dramatisierung einer Alltagssituation.
    Simenon verlässt Belgien nach dem Wehrdienst und lässt sich in Paris nieder. 1923 heiratet er eine Malerin und betrügt die eifersüchtige, mit Selbstmord drohende Tichy vor ihren Augen „erst halb … und schließlich zu neun Zehnteln“ mit der subalternen Boule. Geld verdient er als besserer Laufbursche so wie, ab 1924, mit Groschenromanen. Um das Jahr 1930 geht er mit der Erfindung Maigrets durch das Tor zum Reichtum. Zehn Jahre später erklärt ihn ein Arzt zum Sterbenskranken. Er schreibt seine erste Autobiografie. 1950 lebt er immer noch. Er lässt sich in Reno von Tigy scheiden und heiratet am nächsten Tag Johnnys Mutter Denyse. Die zweite Ehefrau erscheint als D. in den Aufzeichnungen eines Nachtragenden. Tigy bleibt in seiner Nähe so wie Boule und schließlich Teresa Sburelin, die Simenon bis zum Tod begleitet.
    Allmählich verwandelt sich der große Jongleur, der die Bälle der Hochkultur mit den Keulen einer eingängigen Volkskunst gemischt, Jahrzehnte in die Luft halten konnte, in einen seelisch Insolventen. Das Ressentiment nagt an ihm und nimmt ihm die Weisheit. Simenon beschwert sich beim Leser über D., die ihre Existenz als Gattin eines Weltberühmten als Hochamt zelebriert. Der Ehemann erlebt sich als Opfer von Anmaßung und Verschwendungslust.
    Der Autodidakt genießt immerhin sein Renommee. Er hält Vorträge und trägt seine amerikanischen Erfahrungen wie ein Bote in Europa aus. Impulsvorträge, Improvisationen im Auditorium maximum, literarischer Free Jazz vor akademischem Publikum – Simenon schildert die Stationen seines Aufstiegs schon aus der sterilen Perspektive der Rückschau auf eine verlorene Potenz. Er ignoriert sein Erfolgsprogramm der Verknappungen, harten Schnitt und psychologischen Punktlandungen. Er beschwert sich wie an einer unbesetzten Rezeption.
    Er lässt Marie-Jo sagen: „Alles, was sie (Teresa) für dich getan hat, hätte ich doch auch für dich tun können, nicht?“
    Er entgleist. 

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