Die Toten schauen zu

von Gerald Kersh 
4,4 Sterne bei5 Bewertungen
Die Toten schauen zu
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schlichtes Kammerspiel über die Dinge, die aus einem Menschen ein Tier machen. well done. sartres "im räderwerk" wird gute-laune-literatur

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Zeitgenössische Fiktionalisierung des Massakers von Lidice, erstmals in deutscher Übersetzung. Erschütternd und mahnend.

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Inhaltsangabe zu "Die Toten schauen zu"

Als in der von deutschen Truppen besetzten Tschechei der SS-Obergruppenführer und General der Polizei von Bertsch von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer niedergeschossen wird, setzt das Dritte Reich 800.000 Reichsmark Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Als in der Nähe des kleinen Dorfes Dudicka ein verlassenes Motorrad am Uferrand geborgen wird, entsendet die Gestapo den berüchtigten SS-Offizier Heinz Horner, um eine Untersuchung einzuleiten und die Dorfbewohner Horners Repressalien auszusetzen.
Vor historischem Hintergrund schuf der großartige Gerald Kersh 1943 unauslöschliche Bilder vom Hereinbrechen des Schreckens über eine unschuldige Dorfgemeinschaft, die bis heute nichts von ihrer dramatischen Wucht und Sprachkraft verloren haben.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783927734746
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:200 Seiten
Verlag:PULP MASTER
Erscheinungsdatum:28.01.2016

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor einem Jahr
    Gänsehaut

    »Heinz Horner erkannte, dass Bertsch phantasierte, und sagte: ›fettes Schwein.‹ Er rüttelte Bertsch an der Schulter. Bertsch versuchte, ihn zu beißen. Einer der drei namhaftesten Chirurgen der Welt sagte: ›Sie tun ihm furchbar weh.‹ Horner zuckte mit den Achseln und Bertschs Qual war solcher Gestalt, dass selbst eine kleine Störung in Form eines Achselzuckens ihn aufheulen ließ wie einen Hund.«

    Gerald Kersh, ein Meister des Noir, dies 1943 geschriebene Buch, neu aufgelegt vom pulp master Verlag sollte Schullektüre sein. Denn kann die Wahrheit zu brutal sein? Sie muss brutal sein, damit wir verstehen und nicht vergessen. Dieser Roman ist eine Abrechnung mit dem Kriegsverbrechen, das die Nazis im tschechischen Lidice begangen hatten, damit diese Taten nicht in Vergessenheit geraten. Die Geschichte geht zurück auf das Attentat auf Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, im besetzten Prag am 27. Mai 1942, der die Zerstörung des Dorfes Lidice als Vergeltungsmaßnahme am 9. Juni 1942 befahl: Zerstörung, Erschießung, Deportierung.

    Das Dorf nennt sich hier Dudicka. Ein verschlafenes Nest, versteckt in den idyllischen Bergen, wunderschön beschrieben. Wir lernen Anna und Max kennen, die sich zum ersten Mal küssen. Alles ist friedlich. Doch dann wird in der Nähe der SS-Obergruppenführer Bertsch von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer erschossen. Am Rand von Dudicka finden die Deutschen ein Motorrad. Der Mörder muss in diesem Dorf stecken. Ziemlich schnell ist auch klar, das Motorrad ist uralt, verrottet, funktioniert nicht mehr. Doch darum geht es schon gar nicht mehr, an den unschuldigen Dorfbewohnern wird ein Exempel zu statuiert.

    »Der Hauptmann deutete auf eine vergilbte Fotografie in einem Rahmen, die einen Mann mit Vollbart zeigte. ›Der Weihnachtsmann?‹, fragte er. ›Oder Karl Mordechai Marx?‹ ›Mein Vater, Herr Hauptmann, ein guter Mensch.‹«

    Häuser werden systematisch durchsucht, sämtliches Metall wird abmontiert, mit dem Kirchendach wird begonnen, die Männer, Kinder, Frauen werden getrennt eingesperrt.

    »›Klang wie ein Maschinengewehr, Onkel Karel“, sagte Max. ›bedeutet es, dass es Probleme geben wird, Vater?‹, wollte Anna wissen. ›Nein. Es bedeutet Untergang‹, erwiderte der Lehrer gelassen.«

    Die Dorfbewohner verstehen nicht, was vorgeht, der Wald mit den Walnussbäumen wird abgeholzt, ihr Vermögen. Max und Anna konnten in eine Höhle fliehen, halten sich an den Händen, ahnen nur in Fragmenten, was unten im Dorf vor sich geht. Kersh beherrscht es, den Leser immer wieder aus wunderschönen, idyllischen Augenblicken ins Grauen zu werfen. Selbst in dieser Situation gibt es unter den eigenen Leuten Verräter, die Glauben, auf diese Weise heil aus der Sache herauszukommen.

    »Anfangs habe ich gedacht, dass sie Menschen sind, schlechte Menschen zwar, aber Menschen. Nun, es sind keine Menschen. Und sie betrachten uns nicht als Menschen. Weißt du, was sie sagen? Ich habe sie das oft sagen hören: Slawen sind Sklaven. Sie würden einen Hund besser behandeln als jeden von uns.«

    Deutsche Gründlichkeit und Genauigkeit kommen zu Tage. Hier wird von Anfang an alles sauber getrennt: Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Messing, durchgerechnet, wie viele Kugelhüllen mit einem Kerzenständer hergestellt werden können. Skurrile, komische Szenen entstehen, denn die Dorfbewohner nehmen den Feind hin als Zerstörer, wissen nicht, was folgen wird. Doch irgendwann ist auch dem Dümmsten klar, weshalb sie eine tiefe Kuhle ausheben sollen.

    »Das wird heute Nacht unser Bett sein. Unsere Körper werden zu Blumen und Gras und unsere Seelen gehen zu Gott. Habt Mut, denn das ist nicht unser Ende. Unsere Toten schauen uns zu, meine Brüder.«

    Am Ende verbleibt keine Menschenseele zurück. Das Dorf liegt in Schutt und Asche. Insgesamt 405 Personen, denen 90 Häuser und eine Kirche, ein Fluss, ein Steinbruch, Obsthaine und Walnussbäume Heimat bedeuten, ist niedergewalzt. Erschossene Männer, deportierte Kinder, alle, die germanisierbar erscheinen, werden in Pflegefamilien gegeben, die Frauen geschunden verschleppt in Armeebordelle oder in Konzentrationslager.

    »Seine elegante, neue Uniform hing an ihm wie an einer Schneiderpuppe. Unter einer geradezu ungebührlich keck aufgesetzten Uniformmütze funkelten Brillengläser, rund wie die Augen einer Eule. Der Schirm der Mütze warf einen Schatten auf die unauffällige Nase, den ebenso unauffälligen Schnurrbart und auf einen Mund, der aussah wie von einem Messer geschlitzt.«

    Beginnt man zu lesen, ist klar, wie die Sache endet. Aber zu lesen, wie es geschieht, lässt den Leser eine Gänsehaut hochkriechen, lässt ihn erschüttert zurück. Ein Buch gegen das Vergessen, das in der heutigen Zeit hochaktuell. Sprachlich gekonnt, mit erzählerischer Kraft, ein Buch, das zur Pflichtlektüre gehört.

    Kersh, 1911 in eine Familie englischer Juden geboren, war während des Zweiten Weltkriegs ein Bestsellerautor. Er starb verarmt 1968 in den USA, ganz vergessen war er jedoch nie. Sein großartiger Noir »Nachts in der Stadt» wurde zweimal prominent verfilmt.

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    Gulans avatar
    Gulanvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Zeitgenössische Fiktionalisierung des Massakers von Lidice, erstmals in deutscher Übersetzung. Erschütternd und mahnend.
    Eine Mahnung.

    „Meine Herren, natürlich ist die Beseitigung der Ursachen das bestmögliche Gegengift gegen jedweden Terror. Das zweitbeste ist... nun, sagen wir, das Zerstampfen der Früchte, die er trägt. Man liefert den Beweis, dass die Sache sich nicht auszahlt, und so, wie man auf jede Revolution mit einer Gegenrevolution antworten kann, kann man Terror mit Gegenterror begegnen. Das hier, meine Herren, dürfen Sie als einen Entwurf zu Gegenterror betrachten – als ein überzeugendes Exempel. Sie werden, da bin ich ganz sicher, zu dem Schluss gelangen, dass Gegenterror ohne Frage wirkungsvoll sein kann, sofern man fest entschlossen ist, ihn bis zum bitteren Ende durchzuziehen und jede Drohung, die man genötigt wurde auszusprechen, in die Tat umzusetzen und mehr noch als das. Angeblich, so heißt es, könne man ein ganzes Volk nicht mal eben so auslöschen. Nun, gut. Es ist unsere Pflicht, unsere absolute Bereitschaft erkennen zu lassen, genau das zu tun, sofern es notwendig ist.“ (S.103)

    In der besetzten Tschechoslowakei wird der SS-Obergruppenführer von Bertsch von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer erschossen. Die Deutschen sinnen auf Vergeltung und wollen den tschechischen Widerstand in die Knie zwingen. Als vor dem kleinen Dorf Dudicka ein verlassenes Motorrad gefunden wird, reicht dies aus, um an den unschuldigen Dorfbewohnern ein Exempel zu statuieren.

    Schon in der Widmung dieses Romans wird klar, welches Stoffes sich Autor Gerald Kersh hier angenommen hat: Das Attentat auf Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, im besetzten Prag am 27.Mai 1942 und die Zerstörung des Dorfes Lidice als Vergeltungsmaßnahme am 09. Juni 1942. Wobei das Wort „Zerstörung“ dieser Tat nicht gerecht wird: Alle 177 Männer älter als 14 wurden erschossen, alle Frauen ins KZ verbracht, die Kinder ausgesondert, 9 als „germanisierbar“ in Pflegefamilien gebracht, der Rest ins Vernichtungslager. Das Dorf in Brand gesteckt, gesprengt und schließlich eingeebnet. Das Massaker wurde auch propagandistisch ausgeschlachtet, so dass die Welt hiervon schnell erfuhr. Gerald Kersh, bis dahin erfolgreicher Autor von Londoner Noir-Romanen, schloss seinen Roman über das Massaker bereits im November 1942 ab. 1943 wurde er im Original veröffentlicht und erst im letzten Jahr in der deutschen Übersetzung bei Pulp Master, wo bereits mehrere Büchers Kershs erschienen sind.

    Karl Marek, der Lehrer, kam hinaus in den Garten, steckte sich das Hemd in die Hose und fragte: „Habt ihr das gehört?“

    „Klang wie ein Maschinengewehr, Onkel Karel“, sagte Max.

    „Bedeutet es, dass es Probleme geben wird, Vater?“, wollte Anna wissen. „Nein. Es bedeutet Untergang“, erwiderte der Lehrer gelassen. (S.42)


    „Das Grauen. Das Grauen.“ Um dieses Buch in wenigen Worten zu beschreiben, fallen mir zuerst die berühmte Worte von Joseph Conrads Figur Kurtz ein. Dieses Buch begibt sich nämlich durchaus ins „Herz der Finsternis“. Das Unheil, das über die Dorfgemeinschaft hereinbricht, ist in seiner Radikalität und brutalen Monstrosität nur schwer zu ertragen. Das Massaker wird geleitet vom bürokratisch-peniblen, fest in seiner rassischen Ideologie verankerten Heinz Horner, den Kersh eindeutig an den Reichsführer SS Heinrich Himmler anlehnt. Überhaupt gewährt der Autor einen Einblick in die Täterpsychen, die von Überlegenheit, Boshaftigkeit, Opportunismus oder blindem Gehorsam zeugen. Einzelne Gewissensbisse gehen im perfekten Kollektiv unter. Aber mehr noch will Kersh den Opfern ein Gesicht geben, indem er einzelne Bewohner der Dorfgemeinschaft vorstellt und in ihren letzten Stunden begleitet. Dabei zeigt er eine tiefe Empathie, schießt bei einzelnen Figurenzeichnungen für meinen Geschmack aber auch ein klein wenig übers Ziel hinaus.

    „Die Toten schauen zu“ ist ein (zumindest im deutschsprachigen Raum) fast vergessenes Buch über ein hoffentlich nie zu vergessendes Verbrechen. Eine erschütternde und zugleich mahnende Lektüre.

    Kommentare: 10
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    Pashtun Valley Leader Commanders avatar
    Pashtun Valley Leader Commandervor 2 Jahren
    Kurzmeinung: schlichtes Kammerspiel über die Dinge, die aus einem Menschen ein Tier machen. well done. sartres "im räderwerk" wird gute-laune-literatur
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    heberschs avatar
    heberschvor 2 Jahren
    billîs avatar
    billîvor 2 Jahren

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