Gerald Seymour

 3.5 Sterne bei 14 Bewertungen
Autor von Vagabond, Der Kronzeuge und weiteren Büchern.

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Vagabond

Vagabond

 (2)
Erschienen am 12.12.2017
Der Kronzeuge : Roman.

Der Kronzeuge : Roman.

 (1)
Erschienen am 01.01.1989
Heimkehr in den Tod

Heimkehr in den Tod

 (1)
Erschienen am 01.01.1995
Gesang im Morgengrauen

Gesang im Morgengrauen

 (2)
Erschienen am 01.08.1994
Der Kronzeuge

Der Kronzeuge

 (2)
Erschienen am 01.08.1994
Harry's Game

Harry's Game

 (1)
Erschienen am 05.06.2007

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Rezension zu "Vagabond" von Gerald Seymour

Reaktivierung.
Gulanvor einem Monat

„Ich kenne keinen Besseren als Vagabond. Er ist so erfolgreich, weil er durchs Feuer geht, um seine Zielperson zu kriegen. Der ruft nicht bei der Gesundheitsbehörde an, wenn’s mal brenzlig wird, oder beschwert sich wegen Überstunden. Dieser Mann wäre von den Toten auferstanden, um meiner Anweisung zu folgen. Hatte ich das Recht, ihn aus dem Ruhestand zu holen? Diese Bürde muss ich tragen.“ (Auszug Seite 449-450)

Nordirland, 2000er Jahre: Nach dem Friedensschluss ist verhältnismäßig Ruhe eingekehrt im zerrissenen Land. Die meisten der ehemaligen Kämpfer haben sich dem Prozess unterworfen. Doch es gibt sie noch, die Frustrierten, ewig Gestrigen. Doch sie sind weitgehend isoliert, haben nur noch wenig direkte Unterstützung und nur noch sehr begrenzte finanzielle Mittel. Mit frischen, modernen Waffen könnte man vielleicht wieder ins Spiel kommen. Und so bemüht sich eine IRA-Splittergruppe um Waffen von einem russischen Waffenhändler. Doch der Deal steht im Visier des Geheimdienstes, der Mittelsmann ist ein Informant. Die Aktion wird geleitet von Gaby Davies, doch ihr Vorgesetzter beim MI5, Matthew Broderick, hat besondere Anforderungen, so dass er einen zusätzlichen Agenten reaktiviert: Danny Curnow, ehemaliger Deckname: Vagabond.

Danny war jahrelang Agentenführer beim FRU, einer verdeckten Geheimdiensteinheit in Nordirland, die sich auf die Infiltration von republikanischen Terroristengruppen spezialisiert hatte. Vagabond war einer der erfolgreichsten Führungsoffiziere, sorgte für die Festnahme oder für den Tod von IRA-Kämpfern, aber war ebenso mitbeteiligt, wenn Informanten getötet wurden oder sogar Unbeteiligte geopfert wurden, um die Glaubwürdigkeit von wichtigen Spitzeln zu erhalten. Irgendwann wurde es Danny zu viel und er ist einfach gegangen, ohne offiziell zu kündigen. Er hat sich mit seinem engen Kollegen Dusty neu orientiert. Die beiden sind nach Nordfrankreich gezogen und haben sich dort als Touristenführer für die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs etabliert. Dort wird Danny von Broderick aufgespürt und mit leichtem Zwang rekrutiert.

Schauplatz des Deals wird Tschechien sein. Dort, in einer Villa in Karlovy Vary, residiert Timofei Simonow, ehemaliger russischer Geheimdienstler, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften etablierte. Der Mittelsmann und Informant Ralph Exton ist ein alter Freund von Simonow, ein Lügner und Opportunist. Von Seiten der IRA ist ein alter Bekannter von Danny Curnow beteiligt, Malachy Riordan. Vagabond hatte vor Jahrzehnten dessen Vater liquidieren lassen. In Prag warten die meisten der Beteiligten auf den Abschluss des Deals, belauern sich und nähren ihre Zweifel, Ängste, Nervosität oder gar Vorfreunde.

Autor Gerald Seymour arbeitete lange Jahre als politischer Journalist. 1975 veröffentlichte er seinen ersten Politthriller „Harry’s Game“ („Das tödliche Patt“ in der deutschen Übersetzung). Seitdem brachte Seymour fast jährlich ein neues Buch heraus und etablierte sich insbesondere in seiner britischen Heimat in der ersten Riege der Politthrillerautoren. Mehrere seiner Romane wurden fürs britische Fernsehen verfilmt. In Deutschland wurde Seymours Thriller bis zum Ende der 1990er regelmäßig übersetzt. Danach tat sich allerdings fast zwanzig Jahre oder vierzehn Romane lang nichts, bevor Thomas Wörtche ihn in seiner Reihe bei Suhrkamp wieder hervorholte. Übersetzt wurde „Vagabond“ übrigens von den in der deutschen Krimiszene auch nicht ganz unbekannten Zoë Beck und Andrea O´Brien.

Danny Curnow hatte vor all den Jahren, als Hanna ihn vor die Wahl stellte, geschwiegen, weil er nichts anderes gewagt hatte. Er war vergiftet. Mit den Toten zu marschieren war die Schuld, die er zu begleichen hatte. (Seite 70)

Müsste ich Gerald Seymours Stil in Vagabond mit einem Wort beschreiben, würde ich vermutlich „präzise“ wählen. Oder „minutiös“. Seymour sammelt von Beginn an ein üppiges Personal an und wechselt auch sehr häufig die Perspektive. Dadurch wird es durchaus komplex, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass der Autor alles im Griff hat. Das Buch ist durchaus ein Polit- oder Spionagethriller, es geht um die IRA und um einen Waffenhändler und um die schmutzige Arbeit der Geheimdienste. Aber keine Angst vor politischen Referaten, denn Seymour nähert sich der Thematik über seine Figuren. Diese werden intensiv beschrieben und aufs Engste durch diese Geschichte begleitet.

Fast alle haben eine Schuld auf sich geladen, sind Verräter, Opportunisten, Karrieristen, doch ihre Beschreibung bleibt nicht eindimensional. Sehr eindrucksvoll gelingt dem Autor auch die Skizzierung eines Nordirland, in dem die Grenzen zwischen Informanten, Verrätern, Terroristen und Friedensgewinnern sehr diffus sind und die Vergangenheit nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden kann. Denn dafür gab es zu viele Ungerechtigkeiten, zu viele Personen auf beiden Seiten wurden vereinnahmt, unter Druck gesetzt, gebrochen und dann wieder allein gelassen. Oder der Rache der Gegenseite überlassen.

Der Leser darf hier kein Actionfeuerwerk erwarten. Es gibt keinen wilden Ritt durch mehrere Länder mit großem Waffenarsenal. Stattdessen bietet Vagabond in bester Le-Carré’scher Tradition einen unverfälschten Blick in die deprimierende Arbeit der Geheimdienste, präzise Psychogramme der beteiligten Figuren und darüber hinaus einen manchmal etwas tempoarmen, aber dennoch spannenden Plot, bei dem der Leser irgendwann ahnt, dass hinter der ganzen Aktion noch mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Und recht behält (eigentlich unnötig, dass der Klappentext dies auch andeutet).

Kommentare: 4
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M

Rezension zu "Vagabond" von Gerald Seymour

Steigert sich von Seite zu Seite hin in düsterer, hervorragender Atmosphäre
michael_lehmann-papevor 10 Monaten

Steigert sich von Seite zu Seite hin in düsterer, hervorragender Atmosphäre

Harte Männer am Rande ihrer geistigen Kraft. Brilliante Manipulateure als Vorgesetzte. Ergebene Freunde. Junge Männer, die aus ihrer Generationentradition heraus gar nicht anders können, als sich als „Held“ zu verstehen. Ehefrauen, die dicht halten bis zum letzten Atemzug. Ehefrauen und Kinder, die gebrandmarkt werden, verachtet den Rest ihres Lebens lang, wenn ihr Mann „geplaudert“ hat, Informant wurde.

Informanten, die fallengelassen werden ohne jedes Mitgefühl, wenn im, für Irland zuständigen, Teil des britischen Geheimdienstes die „Effizienzrechnung“ zwischen „Taschengeld“ und „Information“ nicht mehr stimmt.

Gefesselt, voller Folterspuren, Socken im Mund und eine Kugel im Kopf werden solche Informanten dann meist einige Tage Später irgendwo am Straßenrand gefunden.

„Ich denke, damit können wir leben, wenn wir dafür vier von ihnen platt machen“.

So sieht es aus in Nordirland, auch als die Zeiten sich schon ein beruhigt hatten.

Und der härteste Anführer vor Ort, Anführer von Informanten, eine Menge verhinderte Attentate und verhaftete Terroristen. Bis es dann irgendwann zu viel war für „Vagabond“, eigentlicher Name Danny Curnow. Nicht nur der sympathische Immobilienhändler mit der süßen Frau und den kleinen Kindern, der den Straßengraben als Todesort ebenso erhielt, wie ein einfacher Taxifahrer mit dahinsiechender Mutter, die dieser liebevoll versorgte.

Jahre in der Normandie und in Dünkirchen als Touristenführer haben inzwischen eine gewisse äußere Ruhe hergestellt, die inneren Dämonen aber werden wohl nie weichen, was ihn in der Gegenwart noch die Chance auf ein gutes Leben mit einer großen Liebe kostet.

Da taucht sein Chef vom MI5 nach Jahren wieder auf. Und wenig später, am gleichen Abend noch, sitzt Vagabond im Flugzeug auf dem Weg nach Prag. Währen d sein enger Freund Dusty, im Dienst sein Untergebener damals, die Touristen versorgt.

Malachy Riordan, IRA Kämpfer der dritten Generation ist vor Ort, um Waffen für eine Lieferung zu prüfen, die dringend für den weiteren Kampf benötigt werden.

Ralph Fox ist der Vermittler. Bis dato Schmalspurschmuggler, aber eng befreundet seit Urzeiten mit einem der großen Fische des internationalen Waffenhandels.

Und so trifft in Prag alles aufeinander. Top-Kriminelle ultra-reich russische Oligarchen, von Staat und Polizei eher geschützt denn überwacht. Der MI 5 mit dem begnadeten Manipulateur Bentinick, der sowohl Vagabond wie auch die ehrgeizige Gaby spielend in Schach hält und in seinem Sinne positioniert. Und der junge Riordan, der das Drücken im Magen nicht unter Kontrolle bekommt, soweit weg von Irland, ohne Kontrolle und ohne echten Schutz auf feindlichem Territorium.

Nacvh eher schleppendem, unübersichtlichem Beginn steigert sich die Spannung Seite für Seite mehr und wird zudem dadurch gesteigert, dass das, was vordergründig der klare Plan zu sein scheint, so viele Falltüren und Hintertüren aufweist, dass zum Ende hin vielfache Überraschungen den Leser immer wieder aufs Neue fast „die Seiten wechseln lassen“.

Das alles versieht Seymour mit differenzierten Figuren, vielfachen eigenen Interessen jener Figuren, mit einer trostlosen, immer dunkel wirkenden Atmosphäre, mit inneren Brüchen, menschlicher Verzweiflung, roher Gewalt und fintenreichen Plänen, die das Lesen zum reinen Vergnügen gestalten. Auch wenn die Zweckentfremdung der ein oder anderen Bohrmaschine ebenso schlucken lässt, wie das halbierte Ölfass mit Beton und dem, wozu es am Ende dienen wird.

Hart ist diese Welt, wenig Licht scheint hinein, da passt es als Allgeorie gut, dass Seymour immer wieder auf die Touristengruppen in Dünkirchen zurückkommt, dem Leser dabei Geschichtslektionen nahebringt, die allesamt zeigen, wie endlos dieses brutale und mit allen Mitteln geführte „Gegeneinander“ die Geschichte bestimmt und wie relativ man ein „Held“ oder „mieser Verräter“ ist, je nach Blickrichtung.

Eine empfehlenswerte Lektüre.

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